Leserbrief zu "Leben und Karriere des Schauspielers Corin Redgrave"

Von Dave Hyland
21. Mai 2010

Dies ist ein Leserbrief zu dem Nachruf der WSWS auf den Schauspieler Corin Redgrave

Genossen,

ich denke, der kürzlich von David North und David Walsh veröffentlichte Nachruf auf Corin Redgrave war überzeugend, aufschlussreich und tiefgründig.

Der Nachruf ist sachlich, feinfühlig und ich finde ihn sehr bewegend. Das kann auch kaum überraschen, behandelt er doch eine außergewöhnliche Zeit der Geschichte, die alle Älteren von uns miterlebt haben. In dieser Periode wurden wir politisch erwachsen und, wie der Nachruf deutlich macht, hatte sie tragische Seiten, die mit der politischen Krise verbunden waren, die die gesamte SLL/WRP und auch Redgrave in den 1970ern erfasste und aus der wichtige Lehren gezogen wurden. Oft heißt es, dass es nicht darum geht "zu lachen oder zu weinen, sondern zu verstehen". Der Nachruf leistet dies umfassend.

Wenn ich einen besonders aufschlussreichen Absatz aus dem Artikel herausgreifen sollte, so wäre es dieser: "Es ist eine falsche Vorstellung, dass sich künstlerische Arbeit und revolutionäre Politik gegenseitig ausschließen. Dieses Konzept war auch nicht Bestandteil der offiziellen SLL-Politik, und doch bestimmte es in der Praxis die Entscheidungen vieler Künstler. Besonders für jemanden wie Redgrave, dem die Schauspielerei im Blut lag, musste eine solche Entscheidung schädliche, wenn nicht lähmende Konsequenzen haben."

Wie die revolutionäre Bewegung sich auf Künstler und Intellektuelle einstellt, die sich der Bewegung zuwenden, ist eine sehr bedeutsame Frage. Es war niemals die Konzeption der SLL, dass künstlerische Arbeit und revolutionäre Politik unvereinbar seien. Die sukzessive Übernahme dieser Anschauung durch die WRP wirkte sich in verschiedener Hinsicht schlecht auf die Partei aus.

Ich wurde wie Corin zum Beginn der siebziger Jahre Mitglied der SLL. Ihn selbst kannte ich nicht besonders gut, aber einige Jahre lang hatte ich enge politische Kontakte zu zwei anderen Künstlern bzw. Intellektuellen in der Führung - dem Regisseur Roy Battersby und dem Drehbuchautor Roger Smith. Das ergab sich aus unserer Mitgliedschaft in der SLL/WRP und der Gewerkschaft ACTT.

Ich arbeitete in einer Kodak-Fabrik in Harrow und begann mit andern Genossen eine Parteiorganisation aufzubauen. Roy und Roger beteiligten sich mit großem Enthusiasmus daran. Ich erinnere mich, dass Roy eine Reihe öffentlicher Vorträge zu Dialektik der Natur hielt und Roger gab Unterricht zum Thema Sozialismus: Utopie und Wissenschaft. Beide verkauften gelegentlich unsere Zeitung an Fabriktoren. Sie konnten komplexe Gedanken gut erklären und machten sie somit verständlicher.

Die Vorträge und der Unterricht waren äußerst wichtig, weil sie die Diskussion über unmittelbare Probleme in der Fabrik und Gewerkschaft auch auf die Fragen der Theorie, Geschichte und Wissenschaft erweiterten. Dies fand, wie auch die Behandlung von Fragen internationaler Entwicklungen in Chile, Irland und Portugal den Zuspruch der Mitgliedschaft.

Die Fabrik stand unter Druck wie ein Dampfkessel. Das Management und die Gewerkschaftsbürokratie verbanden sich im gemeinsamen Bemühen, die Trotzkisten einzuschüchtern. Obwohl sie mit uns sympathisierte, sah die Mehrheit der Arbeiter keine wirkliche Notwendigkeit für eine revolutionäre Partei, da es schien, als könnten sie Regierungen einfach mit der Stärke der Gewerkschaften zu Fall bringen.

Ich mochte diese beiden Genossen sehr und bewunderte sie außerordentlich. Ich freute mich auf die Treffen der ACTT-Fraktion, die entweder in Rogers Haus in St. Johns Wood oder in Roys Wohnung in Maida Vale stattfanden. Zu den Besuchern gehörten neben vielen anderen auch Tom Scott Robson, Peter Cox, Ken Trodd und Ken Loach und ein junger Schauspieler, der heute regelmäßig Kolumnen für die WSWS schreibt.

Hin und wieder erschien Healy. Es war für einen jungen Fabrikarbeiter unglaublich fesselnd zu dieser anregenden Gesellschaft zu gehören. Nicht nur wegen der Politik, denn nach den politischen Themen entwickelte sich noch oft eine mitreißende Diskussion zu intellektuellen und kulturellen Fragen, die mir den Blick erweiterte.

Obwohl sie Akademiker mit "glanzvollen" Karrieren waren, hatten sie kein Problem damit, mit den Kodak-Arbeitern zusammenzuarbeiten. Ihr Engagement für die Arbeiterklasse und die Sache der sozialistischen Revolution war offensichtlich echt.

Sie machten der Rückständigkeit keinerlei Zugeständnisse, waren aber in keiner Weise überheblich gegenüber Arbeitern, wie man es von den kleinbürgerlich-radikalen Gruppen kennt. Neben den unmittelbaren politischen Fragen vertieften die Erkenntnisse, die sie als Regisseure und Schriftsteller gewonnen hatten und die sie nun in die Diskussion einbrachten, mein Verständnis des Lebens im Allgemeinen. All dies wirkte auf uns als angenehme Bereicherung unseres von der Produktion bei Kodak bestimmten Lebens.

Ich denke, das galt auch umgekehrt, weil es den intellektuellen, einfühlsamen Genossen durch ihre engere Zusammenarbeit mit uns Arbeitern möglich war, neue Einsichten zu gewinnen, die sie dann in ihrer künstlerischen Arbeit nutzten. Damals arbeitete Roy an Leeds United, einem an den Streik der Textilarbeiterinnen von Leeds angelehnten Fernsehdrama. Es war ein großer Tag für uns Kodak-Arbeiter, als wir auf Roys Einladung im BBC Fernsehzentrum in Shepherds Bush die ersten Szenen sehen konnten. Die Schranken der Security öffneten sich und ein halbes Dutzend unserer Leute gingen durch den Vorhof zum Bühnen- und Studiokomplex.

In England hatte die Arbeiterklasse gerade die Heath-Regierung zu Fall gebracht. Die Nationalisierung der Filmindustrie war als Ergebnis des Kampfes unserer Partei in der Gewerkschaft ACTT zu ihrer offiziellen Politik geworden. Jetzt hatten wir das Privileg, das bisher unveröffentlichte Material eines Films zu sehen, den bald Millionen sehen würden und der die Rolle der Stalinisten in diesem bedeutsamen Streik herausstellen sollte. Damals dachte ich: wie schön doch das Leben ist!

Das Fernsehspiel wurde im Oktober 1974 ausgestrahlt und war meiner Meinung nach nicht nur das Beste, was in der bekannten Reihe Wednesday Play der BBC ausgestrahlt wurde, sondern auch die beste aller Arbeiten Roy Battersbys. Das Zusammenwirken seiner künstlerischen Fähigkeiten, seiner marxistischen Ausbildung und seines Bemühens, die im Kampf stehenden Arbeiter theoretisch auszubilden, brachte seine künstlerische und dramatische Arbeit zur vollen Entfaltung.

Obwohl Roy eine Dokumentation der Partei über Trotzkis letztes Exil in Coyocan (Mexiko) produzieren sollte, wo der große Revolutionär durch den stalinistischen Agenten Ramon Mercader ermordet worden war, schien sein künstlerisches Wirken zu enden, da Healy ihn zum "Verwalter" der Parteischule in Derbyshire machte. In der Rückschau war dies eine aberwitzige Entscheidung, die den Beginn der Untergrabung der Stellung von Künstlern und Intellektuellen innerhalb der Partei markierte.

Schlimmer noch, statt das Potential der Künstler und Intellektuellen zur Erhöhung des kulturellen Niveaus der Bewegung zu nutzen, wie er es in der Vergangenheit nachdrücklich angestrebt hatte, begann Healy, Genossen wie Corin Redgrave und Bob Archer im wahren Wortsinn als parteiinterne Prügelknaben zu missbrauchen. Dies half ihm, seine zunehmende Rechtswendung zu verschleiern. Tatsächlich stärkten diese - von Banda und Slaughter geduldeten und gerechtfertigten - Verzerrungen jede rückwärtsgewandte, antiintellektuelle Einstellung der Arbeiterkader.

Damit ging ein unglaublicher Effekt der politischen Schwächung der Partei einher, da sowohl die öffentlich gedemütigten Mitglieder, als auch jene, die gezwungen wurden, daran mitzuwirken, demoralisiert wurden. Wie lange konnten Arbeiter einer Partei vertrauen, deren intellektuelle Führer scheinbar so inkompetent und feige waren?

Zur Schande Healys muss man sagen, dass er sich bewusst auf das tief sitzende Misstrauen der Arbeiter gegen Intellektuelle aus den Mittelschichten stützte. Wie jedoch im Nachruf ausgeführt wird, handelte es sich hier nicht um der Arbeiterklasse feindlich gesonnene Mitglieder der Mittelschicht, sondern um Künstler und Intellektuelle, die Opfer brachten, um der internationalen Arbeiterbewegung beizutreten und zu helfen, eine sozialistische Zukunft aufzubauen.

Healys Angriffe auf sie waren ein weiteres Anzeichen dafür, dass er von seinem jahrzehntelangen Kampf für die Ausbildung von Marxisten abließ und sich stattdessen an das nationalistische Milieu anpasste. Es gibt in England eine bösartige, starke antiintellektuelle Tradition, die bewusst und permanent von der revolutionären Führung und den Parteikadern bekämpft werden muss.

In den frühen 1980ern steckte die gesamte WRP in der Krise und Mitglieder des Londoner Zentralkomitees wurden in die Regionen des Landes geschickt, um die Feuer zu löschen. Corin wurde nach Yorkshire und in den Nordosten geschickt. Aber die Krise dieser Regionen schien seine politische Krise nur zu verstärken und umgekehrt. Zudem verließen Battersby und eine Reihe anderer zu dieser Zeit die Bewegung. Das letzte Mal sprach ich ihn 1981 auf einer Demonstration in Liverpool. Da war er bereits ein durch und durch verbitterter und zynischer Mann.

Der Weggang dieser Schicht aus der Bewegung muss für die Redgraves, besonders für Corin, das Gefühl der Isoliertheit enorm verstärkt haben. Ich hatte in dieser Zeit etwas mehr mit ihm zu tun, weil ich zu ihm nach Yorkshire geschickt wurde, wo die Parteiorganisation zusammengebrochen war.

Er war ein von Natur aus zurückhaltender Mann und wurde zunehmend verschlossener, bis er nur noch einsilbig war - unvorstellbar eigentlich, bedenkt man seinen Beruf als Schauspieler. Damals glaubte ich, dahinter stehe eine Form von Arroganz. Heute jedoch verstehe ich, dass es sich wohl eher um eine Kombination aus Zurückhaltung und Selbstbewusstsein handelte, die sich mit einem Verlust an Zuversicht verband, und Ausdruck seiner tatsächlichen Verwirrung über seine Rolle und die der Künstler und Intellektuellen in der revolutionären Bewegung war. Die beiden ersten Merkmale sind einfach nur Charakterzüge, aber für die beiden anderen trägt Healy die Verantwortung.

Deshalb, wenn es auch etwas ironisch ist, erstaunt es vielleicht gar nicht so sehr, dass Corin und seine Schwester Vanessa Healy 1985 politisch gegen die Kritik des Internationalen Komitees der Vierten Internationale verteidigten. Im Jahrzehnt vor der Spaltung hatte Healy mehr und mehr den nationalistischen Standpunkt und die Orientierung auf die Bürokratien der Stalinisten und Labours in England gestärkt.

Nach der Spaltung vom IKVI behielten Healy und die Redgraves ihre Orientierung bei und richteten die neue "Marxist Party" auf den Gorbatschow Flügel der Stalinisten mit der Perestroika im Zentrum aus, der die kapitalistische Restauration anstrebte. Seit Healys Tod haben sie sich dann für verschiedene kleinbürgerliche Projekte engagiert. Sie organisierten Kampagnen für die Häftlinge in Guantanamo und Vanessa unterstützte verschiedene UNO-Organisationen, beispielsweise UNICEF. Corin war Mitbegründer der "Peace and Progress Party", die 2005 zur Unterhauswahl drei Kandidaten aufstellte. All dies schien von dem Gedanken geprägt, dass es so etwas wie einen linksliberalen, demokratischen Flügel des britischen Imperialismus gibt. Angesichts von Vanessa Redgraves Auftritt bei der Preisverleihung bei der BAFTA [British Academy of Film and Television Arts awards ceremony] muss man wohl annehmen, dass sie inzwischen davon überzeugt ist, dass auch das britische Königshaus der Windsors, die Erben der blutigsten aristokratischen Linie der Geschichte, nun zu diesem Flügel gehört.

Ich möchte nicht übertreiben, aber ich glaube, dass der Verlust dieses außergewöhnlichen intellektuellen Talentes für die revolutionäre Bewegung zu Beginn der achtziger Jahre ein wichtiger Faktor für das heute sehr geringe kulturelle Niveau der britischen Arbeiterklasse ist. Dabei ist natürlich die verräterische Rolle Labours und der Stalinisten nicht zu vergessen. Aber darüber müssen wir uns nicht zu lange verbreiten.

Das kapitalistische Weltsystem gerät aus den Fugen und ein neuer revolutionärer Sturm steht bevor, heftiger als der, den wir zu Beginn der siebziger Jahre erlebt haben. Es ist unvorstellbar, dass in einer solchen Zeit nicht eine neue Generation von Künstlern und Intellektuellen in die internationale revolutionäre Arbeiterbewegung kommt,. Deshalb ist es so wichtig, alle Lehren aus jener früheren Periode zu ziehen.

Beste Grüße

Dave Hyland

Siehe auch:
Das Leben und die Karriere des Schauspielers Corin Redgrave
(1. Mai 2010)