Weitere Streiks in chinesischer Autoindustrie

Von John Chan
24. Juni 2010

Kurz nach den Arbeitsniederlegungen in drei Honda-Werken wurde die chinesische Autoindustrie letzte Woche von weiteren Streiks getroffen: zwei Fabriken, die Apparaturen für Toyota, die größte Autofirma der Welt, herstellen, sowie zwei Zulieferbetriebe von Honda standen still. Die Streiks weisen darauf hin, dass die Bereitschaft bei Teilen der chinesischen Arbeiterklasse wächst, den Kampf für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen aufzunehmen. Das erzeugt in Beijing und bei in- und ausländischen Firmen eine enorme Beunruhigung.

Die Arbeiter streikten in zwei Fabriken in der nordchinesischen Stadt Tianjin, die zu Toyota gehören, und Einzelteile für die Montagefabriken in China produzieren. Am Freitagnachmittag musste die größte Montagefabrik Toyotas in dem Land, Tianjin FAW Toyota Motor mit einer jährlichen Kapazität von 420.000 Fahrzeugen die Produktion einstellen.

Die Arbeiter von Tianjin Star Light Rubber and Plastics, das sich in gemeinsamem Besitz von Toyota Gosei und Toyota befindet, legten Dienstag letzter Woche die Arbeit nieder und forderten höhere Löhne. Die 800 Arbeiter, die Lenkräder, Zubehörteile aus Kautschuk und Harzen produzieren, beendeten ihren Streik am Mittwoch, nachdem das Management eine Überarbeitung der Lohnstruktur zugesagt hatte.

Angehörige des Sicherheitspersonals der Fabrik versuchten den Kontakt zwischen Arbeitern und Journalisten zu verhindern. Gleichwohl erzählten ein paar Arbeiter der China Morning Post, sie seien unzufrieden, weil in der Fabrik die früher gezahlten Löhne noch immer nicht wieder erreicht werden. Im Zuge der globalen Finanzkrise 2009 war die Bezahlung zwischen 30 und 50 Prozent gekürzt worden. So drohte ein Arbeiter: "Wir können den Streik wieder aufnehmen", sollten die Verhandlungen scheitern.

Als die Produktion bei Star Light Rubber and Plastics wieder aufgenommen wurde, stellten die Arbeiter bei Toyota Gosei in Tianjin, bei dem Toyota ebenfalls Miteigentümer ist, ihre Arbeit ein. Toyota Gosei hatte am vergangenen Dienstag durch Gewährung einer zwanzigprozentigen Lohnerhöhung versucht, den Arbeitskampf abzuwenden. Während jedoch die Vertretung des Gesamtchinesischen Gewerkschaftsverbands (ACFTU) das Angebot anstandslos annahm, wiesen es die Arbeiter zurück.

Der Streik begann am Donnerstag unter Beteiligung von nur 40 Lagerarbeitern, breitete sich dann jedoch schnell auf die Gesamtbelegschaft von 1.700 Arbeitern aus. Zur angeblichen "Aufrechterhaltung der Ordnung" wurde in großem Umfang Polizei eingesetzt. Ein 24 Jahre alter am Streik beteiligter Arbeiter aus Guangxi berichtete dem Wall Street Journal, dass die Polizei auf seine Kollegen eingeschlagen habe. Dieser Angriff habe die Streikenden jedoch nur noch kampfbereiter gemacht. "Überall sprachen die Arbeiter über die Vorgänge an diesem Freitagmorgen und alle sind wütend über die Schläge", so ein Arbeiter zur South China Morning Post.

Am Sonntag gingen die Streikenden wieder an die Arbeit, nachdem das Management versprochen hatte, eine monatliche Zulage von 200 Yuan als "Prämie für regelmäßige Anwesenheit" zu bezahlen. Ein Arbeiter sagte der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua jedoch: " Ich bin mir nicht sicher, ob diese Vereinbarung über die Wiederaufnahme der Arbeit nur eine zeitlich begrenzte Angelegenheit ist, und ob alle von uns das Angebot schon wirklich richtig akzeptiert haben."

Toyota wollte eine Wiederholung von Streiks, wie letzten Monat im Getriebewerk von Honda, vermeiden. Zwei Wochen lang hatten diese den Ablauf in den vier chinesischen Montagewerken beeinträchtigt. Toyota betreibt zehn Fabriken in China und noch beträchtlich mehr Joint Ventures, so beispielsweise Toyota Gosei. Die Verkaufszahlen von Toyota in China stiegen letztes Jahr um 21 Prozent auf 700.900 Fahrzeuge.

Zwischenzeitlich war Honda am Donnerstag in der Auto Parts Alliance in Wuhan von einer neuen Arbeitsniederlegung betroffen. An ihr beteiligten sich 240 Arbeiter, die zusätzlich 800 Yuan an Lohnzahlungen und Zuschüssen pro Monat forderten. Die Fabrik liegt in der Innenstadt von Wuhan, der Hauptstadt der Provinz Hubei. Zwar verbreitete ein Pressesprecher von Honda, die Arbeiter seien am Freitag wieder an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt, ein Angestellter berichtete den Medien jedoch, es sei noch keine Einigung erzielt worden.

Am selben Tag traten auch 500 Arbeiter von Nihon Plast in den Ausstand, das sich zu 21 Prozent im Besitz von Honda befindet. Die Fabrik in Zongshan produziert Lenkräder und Airbags für die Montagebetriebe des Joint Ventures von Dongfeng und Nissan. Obwohl die Arbeit augenscheinlich am nächsten Tag wieder aufgenommen wurde, wurden die Verhandlungen zwischen den Arbeitern und der Betriebsleitung fortgesetzt.

Ebenfalls am Donnerstag brach ein Streik in zwei Werken der Chongqing Brewery gegen die geplante Übernahme des staatlichen Betriebs durch den dänischen Bier-Giganten Carlsberg aus. Obwohl Carlsberg alles daran setzte, die Arbeitsniederlegung am Freitag zu beenden, berichtete ein Sprecher der Chongqing Beer Group in der South China Morning Post : "Keiner der Arbeiter kam heute (Samstag) an die Arbeit zurück. Ich weiß nicht, wann sie den Streik beenden." Mehr als 500 Arbeiter hatten ihre Arbeit niedergelegt, weil sie befürchteten, Carlsberg werde Stellen, Pensionszahlungen und andere Leistungen streichen.

Der vorläufige Charakter aller dieser Übereinkünfte zur Wiederaufnahme der Arbeit wurde im Werk Honda Lock in Zhongshan deutlich, wo die Arbeiter zwei Wochen lang streikten. Die Angestellten nahmen ihre Arbeit am Dienstag vergangener Woche wieder auf, drohten jedoch mit erneutem Streik, falls Honda bis Freitag kein zufrieden stellendes Angebot mache. Honda kündigte eine Verbesserung um 300 Yuan im Monat an - das ist weniger als die Hälfte dessen, was die Arbeiter fordern - in der Fabrik herrscht weiterhin eine angespannte Atmosphäre.

Ein Arbeiter von Honda Lock sagte zu Bloomberg.com : "Es ist viel weniger als wir erwartet haben. Ich hoffte, wir würden jeden Monat mindestens 450 Yuan zusätzlich bekommen. Ungefähr 80 Prozent der Arbeiter da drinnen sind sehr unzufrieden mit der Erhöhung." Er sagte, bei dieser großen Unzufriedenheit würden die Arbeiter wahrscheinlich wieder mitmachen, wenn jemand einen neuen Streik organisiert.

Die Betriebsleitung von Honda Lock hat den Arbeitern eingeschärft, nicht mit ausländischen Medien zu sprechen. Diese haben sich inzwischen jedoch die Kommunikationstechnologie angeeignet. Die New York Times berichtete letzte Woche, Arbeiter von Honda Lock befolgten das Beispiel früherer Streiks bei Honda Getriebe und schöpften die Möglichkeiten der Kommunikationssysteme aus, bauten Online-Foren und Plattformen auf, um ihre Kritik zu bündeln und ihr taktisches Vorgehen zu diskutieren. Sie stellen auch Streik-Videos ins Netz; eines davon zeigt Ausfälle von Werkschutzangehörigen gegenüber Arbeitern.

"Mit Handys und Tastaturen scheint es der erwachenden Arbeiterbewegung Chinas jetzt zu gelingen, die offiziellen Zensoren auszutricksen, und eine breite Unterstützung für ihren so genannten Krieg gegen geldgierige Firmen und deren Verbündete in den Lokalverwaltungen aufzubauen,", schrieb die New York Times. Während es letzte Woche keine erkennbare organisierte Koordination der Streiks bei Toyota und anderen Betrieben gab, benutzen die Arbeiter offenbar das Internet um zu verhindern, dass die staatlichen Medien die Streiks totschweigen.

Allgemein gibt es breite Sympathie für die streikenden Arbeiter, wie Erklärungen gegenüber dem britischen Independent unterstreichen. Ein Universitätsdozent sagte der Zeitung: "Seit langem werden die chinesischen Arbeiter sehr schlecht bezahlt. Heutzutage gibt es in China viele reiche Menschen. Sie besitzen märchenhafte Häuser und kommen leicht an Geld. Aber es gibt auch viele arme Menschen, die hart arbeiten und nur wenig verdienen." Ein Arbeiter aus einem Telekommunikationswerk sagte: "Die Arbeiter in unserem Land tun mir leid. Es sind anständige und schwer arbeitende Menschen. Wenn sie streiken, dann sehen sie sonst keinen Ausweg mehr."

Die gegenwärtigen Streiks machen das Dilemma, vor dem die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) steht, umso deutlicher. Sie begannen nur wenige Tage nach einem Besuch von Premierminister Wen Jiabao bei Wanderarbeitern in Beijing, über den breit berichtet wurde und mit dem versucht wurde, wieder Ruhe in die Betriebe zu bringen. Wen erklärte, die Regierung und die gesamte Gesellschaft hätten die Wanderarbeiter zu "respektieren" und lobte ihre Rolle beim Aufbau der chinesischen Wirtschaft. Wie es scheint, haben seine Aussagen die Arbeiter, die die Regierung und die staatlichen Gewerkschaften immer mehr als ihr hauptsächliches Hindernis betrachten, nur noch angestachelt.

Ein Honda-Arbeiter sagte der South China Morning Post : "Die Regierung will verhindern, dass die Löhne steigen. Sie befürchtet, dass weitere Fabriken von den Arbeitern unter Druck gesetzt werden, höhere Löhne zu zahlen, wenn wir zu viele Erfolge haben... Die Regierung redet immer nur schön, gearbeitet hat sie jedoch immer gegen uns. Wir fühlen uns ausgebeutet, unser Ziel ist, unsere Interessen zu verteidigen und unseren Lebensstandard abzusichern."

Am meisten wird in Beijing befürchtet, die Einzelstreiks könnten in eine politische Bewegung der Arbeiterklasse gegen die Regierung münden. Als Wen letzte Woche seine Public Relations Tour machte, versetzte das Regime die Polizei zur gleichen Zeit in Alarmbereitschaft, um auf Unruhen unmittelbar reagieren zu können. Wie das Massaker des Militärs an den Demonstranten auf dem Tienanmenplatz 1989 gezeigt hat, wird die KPCh auch in Zukunft bei jeder potentiellen Herausforderung ihrer Herrschaft auf Unterdrückungsmaßnahmen zurückgreifen.

Siehe auch:
Die chinesische Arbeiterklasse regt sich
(8. Juni 2010)