Die Fußballweltmeisterschaft und Südafrika

Von Ann Talbot
30. Juni 2010

Fußball und schmutzige Slums sind einander nicht fremd. Viele barfüßige Kinder, die das Spiel auf staubigen Plätzen spielen, sehen in ihren Fähigkeiten, mit dem Ball umzugehen, die Chance, der Armut zu entkommen. Für viele andere, die nur zuschauen, ist das Spiel eine kurze Ablenkung von den täglichen Strapazen und Enttäuschungen ihres Lebens.

Und deshalb ist auch nichts Neues an diesem krassen Nebeneinander von Reichtum und Armut, wenn die Spieler und Fans vom renovierten Flughafen von Kapstadt über die Autobahn zu ihren vornehmen Hotels rasen, vorbei an den Siedlungen der Elendsviertel, wo mehr als eine Million Menschen leben. Neu sind das Ausmaß der Gewinne, die bei der WM durch den Ticketverkauf, die Übertragungsrechte und das Sponsoring erzielt werden und das Ausmaß des Zynismus, mit dem Politiker und Geschäftsleute die Leidenschaft der Fans ausnutzen.

Die FIFA, der Weltfußballverband erwartet, bei dem Turnier einen Nettogewinn von drei Milliarden US Dollar zu machen. Nichts von diesem Geld wird seinen Weg zurück zur Bevölkerung des Gastlandes finden. Die Südafrikaner werden in Zukunft an den geschätzten vier Milliarden Dollar, die die Ausrichtung des Turniers kostet, zu zahlen haben. Wenn die Zahlen vage anmuten, dann deshalb, weil die Kosten für solche Veranstaltungen von den Unternehmensberatern, die die Vorschläge unterbreiten, immer unterschätzt werden.

Genauso routinemäßig werden die Vorteile überschätzt. FIFA-Präsident Sepp Blatter behauptet, dass die Ausrichtung der WM das Leben von Millionen von Afrikanern verändern wird. Als Hinterlassenschaft ließe sie Weltklasse-Sportstadien, neue Arbeitsplätze und bessere Verkehrsverbindungen zurück.

Udesh Pilley von der South African Human Sciences Research Council schätzt, dass nur 150.000 Arbeitsplätze im Baugewerbe geschaffen wurden. Und auch sie waren nur von kurzer Dauer. Es gibt keine neuen langfristigen Arbeitsplätze, und von den besseren Verkehrsanbindungen profitieren größtenteils die wohlhabenden Regionen anstatt die Elendsviertel, in denen es in nahezu allen Bereichen der Grundversorgung mangelt.

Selbst zu der erwarteten Stärkung der Tourismusbranche ist es nicht gekommen. Erste Schätzungen legten nahe, dass eine drei Viertel Million Besucher kommen würden. Nun sieht es so aus, dass die Zahl eher bei zweihunderttausend liegen wird.

Demgegenüber erhielt die FIFA allein für die Übertragungsrechte 3,5 Milliarden Dollar, wobei US-Unternehmen als neue Kunden in Erscheinung traten. Es wird erwartet, dass weltweit schätzungsweise 26 Milliarden Menschen zusehen werden. Die zu Walt Disney gehörenden Fernsehsender ESPN und ABC haben einhundertfünfzig Millionen Dollar für die amerikanischen Fernsehrechte an der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2010 und 2014 gezahlt und Univision zahlte dreihundertfünfundzwanzig Millionen Dollar für die spanischsprachigen Rechte in den Vereinigten Staaten.

Das Fußballgeschäft ist eine inzestuöse Angelegenheit. Phillipe Blatter, der Neffe von Sepp Blatter, ist einer der Hauptinvestoren einer Firma namens Match Hospitality. Diese Firma reservierte im Vorfeld des Turniers ein Drittel aller verfügbaren Hotelunterkünfte. Sie plante, die Zimmer für den zehnfachen Preis an die Massen der Fußballfans, die erwartet wurden, zu vermieten.

Als die Inanspruchnahme geringer als erwartet war, sagte die Gesellschaft mehr als vierhunderttausend Reservierungen ab. Aber da war es für die Hotels schon zu spät, um alternative Buchungen anzunehmen.

Globale Unternehmen wie Nike und McDonalds, die offiziell mit der Fußball WM verbunden sind, warten darauf, gigantische Gewinne zu machen. Selbst Unternehmen ohne direkte Verbindung, wie High Street, Online-Elektronik-Einzelhändler und Supermärkte, verzeichneten einen Anstieg der Gewinne.

Südafrikanischen Unternehmen brauchten nicht lange um mitzumischen. Das südafrikanische Kosmetik-Unternehmen Optiphi hat die Ehefrauen und Freundinnen der englischen Spieler zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung eingeladen. Im Gegenzug wird jede dieser Frauen, die berüchtigt sind für ihre verschwenderischen Ausgaben, jeweils eine Auswahl von Designer-Kleidung, Schuhen, Hautpflege-Produkten und eine Safari erhalten.

"Wir wollen England die Gastfreundschaft Südafrikas zeigen", sagte ein Sprecher des Unternehmens. "So wird jeder Partner eines englischen Spielers an unserem Cocktail-Abend eine Tasche mit Geschenken im Wert von einhunderttausend Rand (dreizehntausend Dollar) erhalten."

Im Zusammenhang mit dem Bau der WM-Einrichtungen gibt es Korruptionsvorwürfe. Jimmy Mohlala, ein ehemaliger Vizepräsident der South African Football Association, wurde in seinem Haus erschossen, nachdem er Fragen bezüglich des Baus des Mbombela Stadions aufgeworfen hatte.

Was die Kosten betrifft, werden sich die fünf neuen Stadien größtenteils als Fass ohne Boden erweisen. Das Green Point Stadium, das der Veranstaltungsort für das Halbfinale sein wird, hat eine Kapazität von 60.000 Sitzplätzen. Aber ein normales Südafrika League Spiel zieht nicht mehr als 10.000 Besucher an. Es kostet sechshundert Millionen Dollar und die Menschen vor Ort werden noch an der Rechnung zahlen, lange nachdem die FIFA die Stadt verlassen hat.

Eine billigerer Plan, der die Sanierung eines Stadions im schwarzen Township in der Nähe von Athlone vorsah, wurde fallengelassen, nachdem die FIFA auf dem Veranstaltungsort Green Point bestand, weil der als Kulisse für die Fernsehübertragung den Tafelberg böte. Athlone war als Trainingsstätte genutzt worden, aber es gibt keine neue Verkehrsverbindung.

Nur 0,5 Prozent der Tickets sind an Afrikaner verkauft worden. Nur wenige Afrikaner haben eine Internet-Verbindung oder eine Kreditkarte, um auf das offizielle FIFA-Ticket-System zuzugreifen.

Nigeria, wo Fußball eine nationale Leidenschaft ist, hat nur 700 Tickets gekauft. Die billigsten Tickets kosten zwanzig Dollar. Eine Statistik, die im März vom Bureau of Market Research veröffentlicht wurde, ergab, dass 75 Prozent der Südafrikaner weniger als zwanzig Dollar pro Tag verdienen. Die Einkommen derjenigen, die in der Schattenwirtschaft arbeiten oder die arbeitslos sind, sind noch niedriger. Eine Gallup-Umfrage ergab, dass 35 Prozent der Südafrikaner an mindestens einmal im Jahr 2009 nicht genug zu essen hatten.

Weit davon entfernt, Arbeitsplätze zu schaffen, bedroht die Fußballweltmeisterschaft die Lebensgrundlage von vielen, die im informellen Sektor arbeiten. Der informelle Sektor ist der größte Teilbereich der südafrikanischen Wirtschaft. Taxifahrer, die normalerweise fast den ganzen innerstädtischen Verkehr in Südafrika abwickeln, wurden von speziellen Rapid-Transit-Busse verdrängt. Märkte wurden abgerissen, um Platz für Einkaufszentren zu machen. Straßenhändlern wurde untersagt, in der Nähe der Austragungsorte aktiv zu sein. Nur offizielle FIFA Ware kann verkauft werden. Eine verdeckt operierende FIFA Polizei stellt sicher, dass das Diktat befolgt wird.

Die FIFA-Zone hat den Charakter eines Landes innerhalb des Landes angenommen. Für die Dauer des Turniers hat sie sogar Anspruch auf die südafrikanische Nationalflagge erhoben.

Ihre Aktivitäten und die der mit ihr verbundenen Unternehmen sind weitgehend von den südafrikanischen Gesetzen befreit. Rund um die WM-Spielstätten ist eine "Steuer-Blase" geschaffen worden, die die offiziellen Anbieter von der Umsatz- und Einkommensteuer, Devisenbestimmungen und Zollgebühren befreit.

Die FIFA ist nicht haftbar für irgendwelche Rechtsansprüche, wie z.B. im Falle von Verletzungen, die Fans erleiden, wenn in einem der Stadien eine Massenpanik ausbricht. Die Ressourcen des Staates wurden in ein großes, Geld machendes Unternehmen verwandelt. Rund 40.000 zusätzliche Polizisten sind eingestellt und die Polizei ist mit neuen Waffen und Kampfwagen ausgerüstet worden.

Krankenhäuser wurden geräumt, um sicherzustellen, dass im Falle eines Terroranschlags oder einer anderen Katastrophe Betten zur Verfügung stehen. Die BBC hat ein eine Million Dollar teures Studio auf dem Dach der Entbindungsstation des Somerset Krankenhauses in Kapstadt errichtet.

Teile des Gebäudes brechen buchstäblich zusammen. Der Kontrast zwischen den neuen Stadien, des supermodernen Studios und dem bröckelnden Krankenhaus ist unübersehbar.

Elendsviertel und Herbergen in der direkten Umgebung der Austragungsorte wurden geräumt und ihre Bewohner in Übergangslager wie Blikkiesdorp, auch bekannt als Tin Can Town (Blechdosenstadt), gepfercht. Dort sind ganze Familien in Blechhütten mit nur einem Zimmer untergebracht.

Das Grundstück auf Cape Flats ist ein sandiges, windgepeitschtes Ödland, und die Hütten bieten wenig Schutz vor Hitze- und Kälteeinbrüchen. Die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung müssen sich Gruppen aus je vier Haushalten teilen.

Es gibt keine Arbeit, und nur wenige können sich die 30 Kilometer lange Reise nach Kapstadt leisten. Die Polizei kommt nachts in die Siedlung und terrorisiert Einwohner, die sie im Freien antrifft.

Blikkiesdorp ist als Abladeplatz für unerwünschte Personen beschrieben worden und wurde sogar mit dem fiktiven District 9 verglichen. Es ist das Negativ zum Bild von der eingezäunten luxuriösen Welt, in der die WM stattfindet.

Das ganze Spektakel der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika zeigt, dass der Kapitalismus unfähig ist, selbst elementare Grundbedürfnisse menschlicher Existenz zu erfüllen und Sport sowie andere kulturelle Aktivitäten nur für Profitinteressen ausnutzen kann.