Der Geist von Thomas Hobbes

Von Ann Talbot
19. Juni 2010
New Hardwick aus einem Fenster des Hauses Old Hardwick gesehen New Hardwick aus einem Fenster des Hauses Old Hardwick gesehen

Im Alter von einundneunzig Jahren starb 1679 in der Grafschaft Derbyshire auf dem Landsitz Hardwick Hall Thomas Hobbes. Die Leute sagen, sein Geist sei zuweilen zu vernehmen, wenn er vor sich hin murrend und falsch singend in Hardwick Hall herumwandere. Es ist natürlich ein hartes Schicksal für einen überzeugten Materialisten, dem die Existenz von Kobolden, Gespenstern und Elfen als reiner Unsinn galt, posthum in einen Geist verwandelt zu werden. Seinem Ruf wurden durch die Nachwelt allerdings weit schwerere Schäden zugefügt. Ein von Corey Robin im vergangenen Jahr in der Nation veröffentlichter Artikel stellte Hobbes, der "kulturellen Modernismus und politische Reaktion" vermischt habe, auf eine Stufe mit Friedrich Nietzsche und den italienischen Futuristen. [1]

Thomas Hobbes Thomas Hobbes

Robin lehrt Politikwissenschaft am Brooklyn College und am Graduate Center der Universität New York (CUNY). Er ist Autor des Buches Fear. The History of a Political Idea. [2] Es behandelt so ungleiche Themen wie die Kommunistenangst im Kalten Krieg, die Angst der Schwarzen vor der Polizei, die von Weißen vor einer Revolte der Schwarzen während der Rassentrennung, die Angst von Frauen vor ihren gewalttätigen Ehemännern, oder die eines Lohnabhängigen vor seinem Unternehmer. Robin identifiziert sich mit dem Gefühl von Panik, das Teile der Intellektuellen in den USA nach dem 11. September erfasste.

Hardwick Hall Hardwick Hall

Robins Nation -Artikel soll eine Rezension des Buches Hobbes and Republican Liberty [3] von Quentin Skinner sein, aber Bezugnahmen darauf bietet der Artikel kaum. Das Buch dient ihm nur als Aufhänger für sein "Angst"-Thema. Robin sieht in Hobbes einen der großen Wegbereiter für die Angst in der Neuzeit. Hobbes sagte oft, er und die Angst seien als Zwillinge geboren worden und so schien er Robin wohl als ideale Figur für seine Zwecke.

Tatsächlich hatte Hobbes allen Anlass für seine Angst, da ein großer Teil seines Erwachsenenlebens vom Dreißigjährigen Krieg bestimmt war, dem blutigsten Krieg in Europa vor dem 20. Jahrhundert. Auf dem Territorium des heutigen Deutschland wurden etwa 30 Prozent der Bevölkerung vernichtet. Das benachbarte Frankreich wurde durch die Fronde zerrissen und England, Schottland und Irland wurden in den vierziger Jahren des 17. Jahrhunderts durch zwei Bürgerkriege ausgezehrt. Aber als wäre dies alles noch nicht genug für ein Leben, wurde er ausgerechnet 1588 geboren, dem Jahr als die spanische Armada gegen England zog. Seine Mutter sagte, Thomas sei als Frühgeburt zur Welt gekommen, als sie von der Ankunft der Armada erfuhr. Darauf bezog sich Hobbes Bemerkung, er und die Angst seien als Zwillinge zur Welt gekommen.

Der europäische Krieg war die Grundlage für Hobbes bekannte Betrachtungen über den Naturzustand im Kapitel 13 seines Leviathan, in dem er das Leben der Menschen im Naturzustand als "verlassen, armselig, unangenehm, brutal und kurz" bezeichnet. In diesen Naturzustand gerate die Menschheit, wenn die Gesellschaft zusammenbreche. Für Hobbes war der Naturzustand nicht ein abstraktes theoretisches Konstrukt, sondern er existierte für ihn ganz real in weiten Teilen Europas und konnte ihn sogar dazu zwingen, seine Reisepläne zu ändern.

Hobbes Antwort auf die sehr reale Angst war sein Bemühen, eine wissenschaftliche, materialistische Theorie der Politik zu entwickeln, die in der ganzen Aufklärung nachwirkte und revolutionäre Konsequenzen in sich trug. Robins Antwort auf diese Ängste ist dagegen der Angriff auf die Aufklärung und einen ihrer frühen Repräsentanten - Thomas Hobbes.

Hobbes habe erkannt, so Robin, dass sich die Theorie, nach der der Monarch mit absoluter, von Gott verliehener Macht regiere, überlebt habe, und habe begonnen, eine gegenrevolutionäre Theorie zu entwickeln, die das Volk mit einbezog. Er wollte die Menschen zu "Schauspielern ohne Rollen, zu einem Publikum, das sich wie auf der Bühne fühlt," machen. Der Schlüssel zu Hobbes Strategie, so Robin, sei sein Materialismus, seine Ablehnung des freien Willens und sein Beharren auf dem Determinismus.

Das Ergebnis davon sei, behauptet er, dass jedermann sich an Hobbes anlehne, von Pinochet über Margret Thatcher bis zur Demokratischen Partei in den USA. Hobbes sei es, der uns vom "Erreichen einer umfassenderen Freiheit" zurückhalte, schreibt Robin, und "obwohl es vermutlich die biedere linke Mitte schockieren mag, enthält ihr Liberalismus einen guten Teil mehr von Hobbes gegenrevolutionären Ideen, als sie selbst wissen."

Kurz gesagt, die Amerikaner sollten anklagend auf Thomas Hobbes zeigen, wenn sie heute noch keine öffentliche Gesundheitsversorgung haben. Robins Artikel passt zum Bestreben der Nation, Obamas Kotau vor der Finanzelite zu verschleiern, und zu ihrer Bereitschaft, ihm auf seinem rechtslastigen Weg zu folgen. Das Problem besteht gemäß Robin nicht etwa darin, dass Obama den Wall-Street-Interessen dient, sondern dass er zu viel den konterrevolutionären Hobbes las. Ganz sicher wird Obama auf dem College oder der High-School ein wenig Hobbes gelesen haben - wie die meisten Studenten Amerikas. Aber seine rechte Politik kann man nicht ernstlich darauf zurückführen.

Wenn der Geist von Thomas Hobbes über den Atlantik fliegen könnte, würde er Robin sicher darauf hinweisen, dass die Politik der Menschen durch ihre Klasseninteressen bestimmt ist, denn diese Lektion hatte er durch harte Erfahrung bis zum Schreiben des Leviathan gelernt. Hobbes würde in Obama einen Mann sehen, dessen politisches Handeln ganz offensichtlich durch die Interessen der Finanzoligarchie bestimmt ist.

Und wie würde Robin sich verhalten, klopfte der Geist Thomas Hobbes’ an seine Tür? Er würde ihn sicherlich in den inneren Kreis der Hölle schicken, weil Hobbes, der Determinist und Materialist, für Akademiker wie Robin, deren Argumentation der Frankfurter Schule entlehnt ist, am ehesten in die Verbrecherkartei der üblen Figuren der Aufklärung gehört. Die verschiedenartigen und oft widersprüchlichen, der Frankfurter Schule entstammenden Denkrichtungen des 20. Jahrhunderts, werden oft als Spielarten des Marxismus angesehen. Sie entstammen aber eher dem deutschen Irrationalismus des 19. Jahrhunderts. Sie wurden von der kleinbürgerlichen-radikalen Linken in der Nachkriegsperiode aufgegriffen und beeinflussten die dann folgenden Strömungen des postmodernistischen, poststrukturalistischen und dekonstruktivistischen Denkens. Gemeinsam ist ihnen allen das Bemühen, sämtliche Gebrechen des heutigen Kapitalismus auf die Aufklärung, die wissenschaftliche Revolution, das rationale Denken, den Materialismus und vor allem auf den Determinismus zurückzuführen.

Diese irrationalen, gegen die Aufklärung gerichteten Traditionen des Denkens sind den Theorien von Marx und Engels gänzlich fremd. Engels bezeichnete die Renaissance und die wissenschaftliche Revolution als "eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit. [4] Zweifellos würde Hobbes zu diesen zählen.

Hobbes wurde 1588 bei Malmesbury in Wiltshire geboren. In Magdalen Hall, Oxford, einer stark calvinistisch geprägte Einrichtung, erhielt er seine Ausbildung. Er lehnte den traditionellen Lehrplan dieser Universität ab und beschäftigte sich lieber mit Reiseberichten, Atlanten und Astronomie - viele andere werden es ähnlich wie er gehalten haben. 1608 schloss er die Ausbildung mit dem Bachelor ab und wurde Privatlehrer von William Cavendish, dem Erben des Baron Cavendish von Hardwick. Diese Stellung bot Hobbes die Möglichkeit den Kontinent zu bereisen und bot ihm Zugang zu einer umfangreichen und wachsenden Bibliothek, was entscheidend für seine Weiterbildung war. Er besuchte Rom und Venedig, wo er Paolo Sarpi kennenlernte, den Freund und Förderer Galileos. Sarpi war 1607 einem Anschlag der päpstlichen Kirche auf sein Leben entgangen, war protestantischer Sympathien verdächtig und sogar des Hangs zum Materialismus und Atheismus. Hobbes und Cavendish hielten in den folgenden dreizehn Jahren einen Briefwechsel mit Sarpis Assistenten Fulgenzio Micanzio aufrecht. [5] Es war Sarpi, der Galileo über die Entdeckung des Teleskops in den Niederlanden informierte. Die beiden korrespondierten zu vielen wissenschaftlichen Fragen. [6]

Hobbes war ein sehr internationaler Gelehrter. 1629 bereiste er als Privatlehrer Gervase Cliftons den Kontinent ein zweites Mal und lebte in Genf und Paris. Er selbst sagte, er sei in Genf erstmalig auf Euklids Elemente aufmerksam geworden und von seiner deduktiven Methode begeistert gewesen. Während seiner dritten Reise nach Europa, die er mit dem dritten Grafen von Devonshire 1635-1636 unternahm, lernte er möglicherweise Galileo persönlich kennen. Unabhängig davon, ob er ihn wirklich persönlich traf, kannte Hobbes Galileos Dialogo zu dieser Zeit schon und dieses Werk enthielt dieselben philosophischen Betrachtungen, auf die er auch durch seinen Kontakt zu Marin Mersenne gestoßen wäre.

Mersenne machte Galileos Arbeit durch sein Korrespondenz-Netzwerk und durch jene bekannt, die er in seiner Zelle im Kloster Place Royal bei Paris traf. Unter den Besuchern und Korrespondenten waren Galileo, Gassendi, Descartes, Huygens, Fermat und Pascal. Seitdem Hobbes Umgang mit Mersenne hatte, wurde er als Philosoph wahrgenommen. Er und Descartes behandelten sich mit vorsichtigem Respekt. Hobbes gehörte nun zur internationalen Gelehrtenrepublik, dem Herz der wissenschaftlichen Revolution und intellektuellen Antrieb der Aufklärung.

Durch die Cavendishs kam Hobbes in Kontakt mit einem weiteren großen Intellektuellen jener Zeit - Francis Bacon. Man geht davon aus, dass er Bacon einige Zeit als Sekretär diente, vermutlich nach dessen Verbannung vom Hof des Königs 1621. Aber Hobbes und Bacon waren einander spätestens seit 1616 bekannt. Die Familien Hobbes, Bacon und die des Philosophen John Locke sind Beispiele für die soziale Mobilität im England des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts. [7]

Bacons Großvater war Bauer und Schafzüchter in Suffolk, ermöglichte seinem Sohn Nicholas das Studium und dadurch eine Karriere als Rechtsanwalt. Lockes Großvater war Tuchhändler, Hobbes Vater war Geistlicher, offenbar ohne Universitätsausbildung. Viele Familienmitglieder waren einfache Tuchhändler, Handschuhmacher und Wirte in und um Malmesbury. Edmund, der ältere Bruder Thomas Hobbes’, wurde Wollhändler. Die soziale Mobilität war keine Einbahnstraße. Der Aufstieg in der Gesellschaft war genauso möglich, wie der desaströse Sturz. Bacon hatte eines der höchsten Ämter des Landes und fiel tief. Hobbes Vater musste nach einer heftigen Auseinandersetzung mit einem anderen Pfarrer aus seinem Distrikt fliehen. Seine Karriere fand damit ihr Ende. Er war als Trinker und Spieler bekannt und hatte anscheinend mehr Zeit beim Bier als in seiner Kirche verbracht.

Die drei Familien waren bürgerlich. Aber es liegt eine Welt zwischen der aufstrebenden, unkonventionellen Bourgeoisie, der Hobbes entstammt, und der Finanzoligarchie, die kapitalistische Welt heute lenkt. Nur wenn man von der materiellen Grundlage des Denkens der Menschen absieht, kann man behaupten, Hobbes Philosophie sei die ideologische Grundlage des heutigen Kapitalismus. Der Kapitalismus seiner Zeit unterschied sich sehr von dem Kapitalismus zur Zeit der Industriellen Revolution und liegt außerhalb der Vorstellungswelt, in der ein Wall-Street-Finanzier lebt. Der Markt des vorindustriellen Malmesbury hat keine Ähnlichkeit mit der heutigen Wall Street, nicht einmal mit dem alten Industriekapitalismus Manchesters.

Die protestantische Reformation gab einigen Bürgerlichen die Chance, vom Verkauf klösterlichen Grundbesitzes zu profitieren. In dieser Zeit wurden die Cotswold-Schafe mit ihrer langen Wolle zur Grundlage des englischen Tuchhandels, statt wie bisher, des bloßen Exports von Rohwolle. Vermögende Tuchhändler kamen auf, aber kleine und mittlere, unabhängige Weber und Tuchmacher konnten sich weiterhin halten. Häufig gab es Klagen über Wollhändler, die den Webern Garn auf Kredit gaben und allmählich eine monopolistische Kontrolle errichteten. Manchmal wurden Webstühle in sogenannten Workshops zusammengefasst, aber das ging nicht weit und blieb häufig auf Familienarbeit begrenzt.

Es gab keine große Fortentwicklung zum Fabriksystem, da die Weberei und das Spinnen Handarbeit blieben. Wenn Maschinen erwähnt werden, dann waren es nur Walkmühlen und Raumaschinen. Erst im späten 18. Jahrhundert kam mit der Kardiermaschine und der Spinnmaschine, der "Jenny", die industrielle Fertigung auf. In Malmesbury wurde 1790 eine kleine Fabrik mit Webmaschinen errichtet, aber die Heimarbeit hielt sich weiterhin, breitete sich während der Französischen Revolution sogar noch weiter aus.

Das Cotswold-Tuch wurde überwiegend nach London gebracht und ging von dort in den Export. Während des Dreißigjährigen Krieges kamen die Märkte auf dem Kontinent zum Erliegen, der Handel geriet in die Krise und viele Tuchhändler gaben ihr Geschäft auf. Der englische Bürgerkrieg von 1642 bis 1649 verschärfte die Situation weiter, denn Malmesbury lag ungünstig, direkt zwischen den streitenden Kräften, den Royalisten Oxfords und den Parlamentariern Bristols. Was Hobsbawm als die allgemeine Krise des siebzehnten Jahrhunderts bezeichnete, traf Hobbes Heimatstadt besonders schwer. [8] Hobbes Auffassung vom Staat lässt deutlich werden, wie sehr er selbst verunsichert war. Der Staat solle die Bürger vor Invasion von außen schützen und im Land die soziale Harmonie sichern, damit jeder Bürger in Frieden seinem Gewerbe nachgehen könne.

In Hobbes Sicht auf den Staat widerspiegelt sich bis zu einem gewissen Grade die historische Situation, in der die Bourgeoisie noch den Schutz der Monarchie benötigte, weil die kapitalistischen Verhältnisse noch nicht die gesamte Gesellschaft dominierten. Marx und Engels schrieben im Manifest der Kommunistischen Partei, die Bourgeoisie der Manufakturperiode sei eine Klasse gewesen, die ein "Gegengewicht" bildet " gegen den Adel in der ständischen oder in der absoluten Monarchie und Hauptgrundlage der großen Monarchien überhaupt,". Männer wie Thomas Wolsey, Thomas Cromwell und Thomas Morus spielten diese Rolle für Henry VIII, Nicholas Bacon für Königin Elisabeth und Francis Bacon für James I.

Hobbes war schon 52 Jahre alt, als er 1640 sein erstes Werk über politische Theorie schrieb, The Elements of Law, Natural and Politic [ Die Elemente des Rechts der Natur und der Politik ]. Als sein Leviathan veröffentlicht wurde, war er bereits 63. Wenige seiner Zeitgenossen wurden überhaupt so alt. Hobbes, der mit über 1,80 Meter Körpergröße seine Zeitgenossen überragte, war von robuster Natur. Er spielte mit 75 noch Tennis und schrieb mit neunzig Jahren noch Liebesgedichte. Seine Vitalität ist so charakteristisch für ihn wie seine Philosophie. Locke, Leibniz, Hume und Hegel - sie alle achteten Hobbes. Hegel schrieb über den Leviathan und über De Cive (Der Bürger): "Beide Arbeiten enthalten tiefgehendere Reflektionen über die Natur, die Gesellschaft und die Regierung, als viele der heute in Umlauf befindlichen." [10]

Die Karrieren Bacons, Hobbes und Lockes zeigen uns, welche Bedeutung Patronage und die Nähe ihres Förderers zum Monarchen hatte. Hobbes hing von den Cavendishs in Devonshire und Newcastle ab. Er erhielt zwar Gehalt, aber die Beziehung zu den Cavendishs hatte eine weit größere Bedeutung für ihn, als regelmäßige Geldzahlungen. Die Verbindung zwischen dem Förderer und seinem Schützling brachte Ergebenheit auf beiden Seiten mit sich. Die Verbindung Hobbes mit den Cavendishs währte mehr als 70 Jahre und bis zum Ende seines Lebens. Seine Haltung zur Sache der Stuarts während des Bürgerkrieges war Ausdruck der Loyalität in einer Welt, die solchen Fragen große Bedeutung beimaß. Trotz seiner Loyalität gegenüber den Cavendishs enthält Hobbes Werk jedoch keine Äußerung zugunsten Dynastie der Stuarts oder des Gottesgnadentums der Könige. [11] Als Fürsprecher des Königtums taugte er nicht, war durch seinen Materialismus, Determinismus und Atheismus eher eine Belastung.

Sein royalistischer Gegenspieler John Bramhall, Erzbischof von Armagh, äußerte schon vor 1645, dass er wegen Hobbes politischer und religiöser Ansichten an dessen Vernunft zweifle. Hobbes war der Meinung, Oliver Cromwell könne den Staat ebenso erfolgreich repräsentieren wie Karl I und bekundete seine Loyalität gegenüber dem neuen Staat, als er 1651 nach England zurückkehrte. Seine Staatsauffassung war so gesehen eher neuzeitlich als feudalistisch oder gar dem Ancien Regimes verbunden, das im späten siebzehnten Jahrhundert auf dem Kontinent entstand. Sein Staatsverständnis war, wie das vieler anderer, nicht demokratisch. Sogar die Leveller wiesen den Gedanken zurück, Dienern, Eigentumslosen oder Frauen das Wahlrecht zu geben.

Hobbes wollte mit De Cive und Leviathan, gestützt auf sinnliche und experimentelle Erfahrung, eine Politikwissenschaft begründen. [12] Hierbei war er, mehr als später Locke, ein Verfechter des Empirismus. Aber für Hobbes waren Beobachtung und Experiment für das Schaffen einer Wissenschaft noch nicht ausreichend. Man müsse mit anerkannten Begriffsbestimmungen der offensichtlichsten Prinzipien beginnen und von dort zu durchdachteren Argumenten voranschreiten. Hierin gleicht er Descartes und Spinoza, die ebenfalls die rationalistische oder geometrische Methode des Schlussfolgerns aus Euklids Elemente der Geometrie ableiteten .

John Aubrey sagte, Hobbes stieß in der Bibliothek eines vornehmen Herrn auf eine Euklid-Ausgabe und begeisterte sich für die geometrische Methode. [13] Mit dem Titel seines ersten Buches, The Elements of Law, Natural and Political, deutete er diese geistige Verbundenheit an. "Ich berechne, ich argumentiere nicht nur" schrieb Hobbes im Vorwort von De Cive.

Als Hobbes 1651 den Leviathan schrieb, wollte er zwar immer noch eine Wissenschaft der Politik entwickeln, zweifelte aber, ob er die Leser allein durch seine wissenschaftliche Beweisführung überzeugen könne. Die Bürgerkriege hatten seine diesbezügliche frühere Sicherheit erschüttert. Ihm war bewusst geworden, dass das politische Handeln der Menschen von ihren Interessen geleitet wird und diese gegebenenfalls alle Gewissheiten der Geometrie umstoßen würden.

"Weil sich wenige um das, was darin Wahrheit ist, bekümmern, indem dadurch dem Ehrgeiz, dem Vorteil, oder den Wünschen keines Menschen Einbuße geschieht. Gewiss, wäre der Lehrsatz des Euklid: ?Die drei Winkel eines Dreieckes sind gleich zwei rechten Winkelng dem Vorteil derer, die am Ruder sitzen, zuwider, so würde er schon längst entweder bestritten oder unterdrückt worden sein."[14]

Was er als unbestreitbare Tatsachen der geometrischen Methode gesehen hatte, versagte bezogen auf die widerstreitenden Klasseninteressen. Ein Hauch von Bitterkeit, sogar Verzweiflung, schwingt bei Hobbes in diesem Erkennen mit. Hatte er doch gehofft mit logischem Denken aller staatsbürgerlichen Zwietracht ein Ende bereiten zu können.

Nicht nur auf die Politik, sondern auf alle Wissenschaften versuchte Hobbes die geometrische Methode anzuwenden. Aus diesem Grunde bezeichneten Marx und Engels, die 1844 in Die Heilige Familie die Entwicklung der englischen Philosophie zusammenfassten, Hobbes Materialismus als "misanthropisch", weil ihm die poetische Strahlkraft" fehle, die den Materialismus in Bacons Werk noch auszeichne.

In seiner Fortentwicklung wird der Materialismus einseitig. Hobbes ist der Systematiker des baconischen Materialismus. Die Sinnlichkeit verliert ihre Blume und wird zur abstrakten Sinnlichkeit des Geometers. Die physische Bewegung wird der mechanischen oder mathematischen geopfert; die Geometrie wird als die Hauptwissenschaft proklamiert. Der Materialismus wird menschenfeindlich. Um den menschenfeindlichen, fleischlosen Geist auf seinem eignen Gebiet überwinden zu können, muss der Materialismus selbst sein Fleisch abtöten und zum Asketen werden. Er tritt auf als ein Verstandeswesen, aber er entwickelt auch die rücksichtslose Konsequenz des Verstandes. [15]

Engels zitiert dieselbe Passage 1892 in seiner Einführung zur englischen Ausgabe von Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft und seinem Aufsatz über historischen Materialismus: "So sprach Karl Marx sich aus über den britischen Ursprung des modernen Materialismus. Und wenn heutzutage die Engländer sich nicht besonders erbaut fühlen durch die Anerkennung, die er ihren Vorfahren zollte, so kann uns das nur leid tun. Es bleibt trotzdem unleugbar, dass Baco, Hobbes und Locke die Väter waren jener glänzenden Schule französischer Materialisten, die, trotz aller von Deutschen und Engländern zu Land und zur See über Franzosen erfochtnen Siege, das achtzehnte Jahrhundert zu einem vorwiegend französischen Jahrhundert machten; und das lange vor jener den Jahrhundertschluss krönenden französischen Revolution, deren Resultate wir andern, in England wie in Deutschland, noch immer zu akklimatisieren bestrebt sind. [16]

Hobbes spielte eine wichtige Rolle bei der Herausbildung des modernen Materialismus und schuf ein Verbindungsglied in der Kette, die von Großbritannien auf Frankreich überging und selbst zu einem organischen Teil der politischen Entwicklungen wurde, die in der Französischen Revolution von 1789 zur Blüte kamen. Dialektischer und Historischer Materialismus wären ohne diese früheren Entwicklungen unmöglich gewesen. Sein Kampf gegen die Macht der Kirche, sein couragiertes Eintreten für den Materialismus in einer Zeit des Aberglaubens, das Bemühen um eine Wissenschaft der Politik und sein Beharren darauf, dass es kein Gebiet der Erfahrung gebe, das der wissenschaftlichen Analyse unzugänglich sei, macht ihn zu einem seine Zeit überragenden Menschen. Dennoch war er ein Mann seiner Zeit und brachte die sozialen Interessen seiner Klasse zum Ausdruck und die Erfahrungen der sozialen Schicht, der er angehörte.

"Dennoch wäre es", wie David North schrieb, [17] "vereinfachend und oberflächlich, im Werk der Aufklärung nichts weiter zu sehen, als den engen Ausdruck der Klasseninteressen der Bourgeoisie im Kampf gegen die verfaulende Feudalordnung. Die fortschrittlichen Denker, die die bürgerlichen Revolutionen des 18. Jahrhunderts vorbereiteten, sprachen und schrieben im Namen der gesamten leidenden Menschheit, und sie riefen die universalen Themen der menschlichen Solidarität und Emanzipation wach, die über die eher begrenzten und prosaischen Ziele der Kapitalistenklasse hinausreichten."

Anmerkungen:

[1] Corey Robin, "The First Counter-Revolutionary", Nation, October 19, 2009.

[2] Corey Robin, Fear: the History of a Political Idea (Oxford: Oxford University Press, 2004).

[3] Quentin Skinner, Hobbes and Republican Liberty (Cambridge: Cambridge University Press, 2009).

[4] Friedrich Engels, Dialektik der Natur, Marx/Engels, Werke, Berlin, 1971, Bd. 20, S. 312.

[5] Noel Malcolm, "Hobbes, Thomas (1588-1679)", Oxford Dictionary of National Biography, Oxford University Press, Sept 2004; online edition, May 2009 [http://www.oxforddnb.com/view/article/13400, accessed April 4, 2010].

[6] The Galileo Project [http://galileo.rice.edu/gal/sarpi.html].

[7] Noel Malcolm, "A Summary Biography of Hobbes", Cambridge Companion to Thomas Hobbes, Tom Sorrell (ed.) (Cambridge: Cambridge University Press, 1996), pp. 13-44.

[8] Eric Hobsbawm, "The General Crisis of the European Economy in the Seventeenth Century", Past & Present 1954 5(1):33-53.

http://past.oxfordjournals.org/cgi/reprint/5/1/33

[9] Marx/Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Werke, Berlin, 1972. Bd. 4, S. 459-493

http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/communist-manifesto/ch01.htm#007

[10] G.W.F. Hegel, Lectures on the History of Philosophy, vol. 3, E.S. Haldane and Frances H. Simson, trans. (Lincoln: University of Nebraska Press, 1995).

http://www.class.uidaho.edu/mickelsen/texts/Hegel%20-%20Hist%20Phil/hobbes.htm

[11] Nicholas D. Jackson, Hobbes, Bramhall and the Politics of Liberty and Necessity (Cambridge: Cambridge University Press, 2007), p. 17.

[12] Quentin Skinner, Reason and Rhetoric in the Philosophy of Thomas Hobbes (Cambridge: Cambridge University Press, 1996), p. 294.

[13] John Aubrey, Brief Lives (1898), I, p. 332.

[14] Thomas Hobbes, Leviathan, Kapitel 11, online-Ausgabe: http://www.welcker-online.de/Texte/Hobbes/leviathan_01.pdf

[15] Marx/Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, S. 257. Digitale Bibliothek Band 11:Marx/Engels, S. 1088 (vgl. MEW Bd. 2, S. 136)

[16] Engels: Über historischen Materialismus, S. 12f. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 8927 (vgl. MEW Bd. 22, S. 294).

[17] David North, Equality, the Rights of Man and the Birth of Socialism, a lecture given at Ann Arbor on October 26, 1996.

http://www.wsws.org/articles/1996/oct1996/lect-o24.shtml

Siehe auch:
Spinoza - neu betrachtet
(31. August 2001)