Ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der Theorie

Zeugen der Permanenten Revolution - Dokumente zur Entwicklungsgeschichte

Von David North
26. Juni 2010

Witnesses to Permanent Revolution: The Documentary Record Herausgegeben und übersetzt von Richard B. Day und Daniel Gaido. Leiden, 2009. € 186,00; ISBN 978 90 04 16770 4

Zeugen der Permanenten Revolution

Der neu erschienene Dokumentationsband Witnesses to Permanent Revolution: The Documentary Record ist ein bedeutender Beitrag zum Studium der theoretischen Grundlagen der Oktoberrevolution von 1917. Die Dokumente, die hier auf 677 Seiten zusammengestellt wurden, bieten eine umfassende Übersicht über die Kontroversen und Polemiken, aus denen die Theorie der Permanenten Revolution hervorging. Mit ihrer Zusammenstellung, Übersetzung und Einleitung haben die Historiker Richard B. Day und Daniel Gaido jedem, der die Entwicklung der marxistischen Theorie und der revolutionären Strategie im 20. Jahrhundert verstehen will, ein unentbehrliches Werkzeug an die Hand gegeben.

Richard Day, der viele Jahre an der Universität Toronto in Mississauga gelehrt hat, ist eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der sowjetischen Geschichte, Wirtschaft und Politik. Sein bestes Werk, Leon Trotsky and the Politics of Economic Isolation [Leo Trotzki und die Politik der wirtschaftlichen Isolation] von 1973, ist bis heute eine maßgebliche Darstellung der theoretischen Auseinandersetzungen über die Wirtschaftspolitik der Sowjetunion in den 1920er Jahren. Durch seine Arbeit über Leben und Ideen von E. A. Preobraschenski, in deren Verlauf er auch dessen Werk über den Niedergang des Kapitalismus Decline of Capitalism (1985) ins Englische übersetzte, bewahrte Day diese bedeutende Persönlichkeit der trotzkistischen Linken Opposition vor der historischen Vergessenheit. Preobraschenski wurde 1937 von Stalin ermordet. Professor Day hat wissenschaftliche Aufsätze über eine Vielzahl von Themen verfasst, darunter auch über marxistische Philosophie. Im Augenblick arbeitet er an der Herausgabe eines neuen Bandes bisher unbekannter Schriften Preobraschenskis.

Daniel Gaido, gebürtiger Argentinier, lebte und forschte mehr als zehn Jahre lang in Israel. Er engagierte sich aktiv für die demokratischen Rechte der Palästinenser. Vor Kurzem kehrte er nach Argentinien zurück. Zu seinen Veröffentlichungen zählt unter anderem ein Buch mit dem Titel: The Formative Period of American Capitalism: A Materialist Explanation [Die Entstehungszeit des amerikanischen Kapitalismus. Eine materialistische Erklärung] von 2006. Wie der hier besprochene Band zeigt, beschränkt sich das wissenschaftliche Interesse Gaidos nicht auf die amerikanische Geschichte. Er hat auch ausführlich über die deutsche sozialistische Bewegung geschrieben und bereitet zurzeit eine Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands während der Periode der Zweiten Internationale vor.

Das Hauptanliegen von Witnesses to Permanent Revolution ist die Rekonstruktion der eindrucksvollen intellektuellen Bandbreite der Diskussion, aus der die Theorie der Permanenten Revolution hervorging. Die entscheidende Rolle Trotzkis bei ihrer Ausarbeitung und vor allem ihre strategische und praktische Anwendung in den Kämpfen der russischen Arbeiterklasse werden vollauf gewürdigt, doch darüber hinaus bringen Day und Gaido dem Leser die Beiträge anderer wichtiger sozialistischer Theoretiker nahe: Franz Mehring, Rosa Luxemburg, Alexander Helphand (Parvus), Karl Kautsky und der weniger bekannte David Rjasanow. Gegen eine so eingehende Darstellung der Ursprünge der Theorie, die schließlich eng mit seiner Rolle und Persönlichkeit identifiziert wurde, hätte Trotzki nichts einzuwenden gehabt.

Im Jahr 1923 wuchsen sich die fraktionellen Angriffe, mit denen die Troika des Politbüros - Sinowjew, Kamenew und Stalin - gegen Trotzki vorging, rasch zu einer Kampagne gegen die Theorie der permanenten Revolution aus. Alle angeblichen persönlichen Fehler und politischen Irrtümer Trotzkis, seine sogenannte "Unterschätzung der Bauernschaft" und sein unverbesserlicher "Antibolschewismus" hätten ihre Wurzel, so wurde immer wieder behauptet, in dieser verderblichen Lehre. Von April bis Oktober 1917 hatte die Theorie der Permanenten Revolution als strategische Grundlage des Kampfs gedient, den die bolschewistische Partei gegen die bürgerliche provisorische Regierung und ihre menschewistischen Verbündeten führte. Nur sechs Jahre später wurde sie als ketzerische Abweichung von marxistischen Prinzipien verleumdet. Da er darin nicht nur eine Verzerrung seiner eigenen Ideen, sondern auch eine Verfälschung der Geschichte der sozialistischen Theorie sah, schrieb Trotzki offensichtlich erbittert:

Der Terminus permanente Revolution stammt von Marx, der ihn in Bezug auf die Revolution von 1848 gebrauchte. In der marxistischen Literatur, natürlich nicht in der revisionistischen, sondern in der revolutionären, besaß dieser Terminus stets Bürgerrecht. Franz Mehring benutzte diese Formulierung in Bezug auf die Revolution von 1905-7. Permanente Revolution bedeutet, exakt übersetzt, ständige oder ununterbrochene Revolution.(1)

Day und Gaido bestätigen, dass Trotzki zu Recht auf der marxistischen Herkunft der Theorie der permanenten Revolution beharrt. Bereits 1843 hatte Marx in seinem Aufsatz Die jüdische Frage geschrieben, dass der Staat die Abschaffung der Religion erreichen könne "nur durch gewaltsamen Widerspruch gegen seine eigenen Lebensbedingungen, nur indem er die Revolution für permanent erklärt".(2) Noch wichtiger ist, was Marx und Engels in ihrer Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850 gegen das demokratische Kleinbürgertum schrieben, nämlich

dass es unser Interesse und unsere Aufgabe [ist], die Revolution permanent zu machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit vorgeschritten ist, dass die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat und dass wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind. Es kann sich für uns nicht um Veränderung des Privateigentums handeln, sondern nur um seine Vernichtung, nicht um Vertuschung der Klassengegensätze, sondern um Aufhebung der Klassen, nicht um Verbesserung der bestehenden Gesellschaft, sondern um Gründung einer neuen.(3)

Die Auffassung von der Revolution in Permanenz leitete sich aus der Erfahrung der Klassenkämpfe ab, die 1848 ganz Europa erfassten. Ungefähr ein halbes Jahrhundert war vergangen, seit die Jakobiner, die den radikalsten Flügel des demokratischen Kleinbürgertums darstellten, mithilfe des revolutionären Terrors das feudale Ancien Régime erschüttert und die Grundlage für die Errichtung eines bürgerlichen Staates in Frankreich gelegt hatten. Seither war die soziale Struktur Europas viel komplexer geworden. Der Charakter und die politischen Implikationen des anhaltenden politischen Konflikts zwischen den bürgerlichen und den alten aristokratischen Eliten hatten sich durch das Auftauchen einer neuen gesellschaftlichen Kraft, des Proletariats, verändert - einer Klasse ohne Eigentum. Die Bourgeoisie begann zu fürchten, dass ein Volksaufstand gegen die alte Aristokratie, in den die neuen proletarischen Massen hineingezogen würden, Dimensionen annehmen könnte, durch die nicht nur die Überreste der feudalen Privilegien, sondern auch das kapitalistische Eigentum bedroht würden.

Marx Marx

Daher versuchte die Bourgeoisie in den Kämpfen von 1848 und unmittelbar danach - den revolutionären Kampf auf Kosten der Arbeiterklasse zu drosseln. In Frankreich, dem alten Zentrum der Revolution und dem politisch am weitesten fortgeschrittenen europäischen Staat, fanden die neuen Klassenverhältnisse einen brutalen Ausdruck in dem Massaker am Pariser Proletariat durch das Militär unter dem Kommando von General Cavaignac im Juni 1848. Außerhalb der Grenzen Frankreichs war die Bourgeoisie bereit, einen Kompromiss mit der alten Aristokratie zu schließen, selbst wenn dies bedeutete, auf die Errichtung einer demokratischen Republik zu verzichten und das Weiterbestehen der aristokratischen Herrschaft über den Staat zu akzeptieren. Eben darin bestand das Schicksal der deutschen Revolution, in der die Bourgeoisie - aus Furcht vor Volksaufständen und dem "Gespenst des Kommunismus" - vor der preußischen Aristokratie kapitulierte.

Der Verrat der Bourgeoisie an ihrer "eigenen" Revolution wurde erleichtert durch die "linken" Kleinbürger, die sich bei jeder entscheidenden Wendung als völlig unzuverlässiger Bündnispartner der Arbeiterklasse erwiesen. Wie Marx und Engels in der Ansprache der Zentralbehörde erklärten:

Die demokratischen Kleinbürger, weit entfernt, für die revolutionären Proletarier die ganze Gesellschaft umwälzen zu wollen, erstreben eine Änderung der gesellschaftlichen Zustände, wodurch ihnen die bestehende Gesellschaft möglichst erträglich und bequem gemacht wird.(4)

Die Arbeiterklasse, so schlossen Marx und Engels, dürfe nicht zulassen, dass ihre Kämpfe und Interessen beschränkt und verraten werden. Vielmehr müssten die Arbeiter selbst

das meiste zu ihrem endlichen Siege dadurch tun, dass sie sich über ihre Klasseninteressen aufklären, ihre selbständige Parteistellung sobald wie möglich einnehmen, sich durch die heuchlerischen Phrasen der demokratischen Kleinbürger keinen Augenblick an der unabhängigen Organisation der Partei des Proletariats irremachen lassen. Ihr Schlachtruf muss sein: Die Revolution in Permanenz.(5)

Fünfzig Jahre später, an der Wende zum 20. Jahrhundert, wurden die politische Bedeutung und die Implikationen dieses Schlachtrufs zum Thema einer intensiven Debatte innerhalb der rasch wachsenden russischen sozialistischen Bewegung. Es stand außer Frage, dass das Land unaufhaltsam auf eine demokratische Revolution zusteuerte, die das 300 Jahre alte autokratische Regime hinwegfegen würde. Aber die Einschätzungen über die Klassendynamik, die politischen Ziele und schließlich auch die sozioökonomischen Folgen der revolutionären Bewegung gingen jenseits dieser gemeinsamen Grundüberzeugung immer weiter auseinander. Würde die russische Revolution dem "klassischen" Muster der Französischen Revolution von 1789-1794 folgen, in deren Verlauf der Sturz der Feudalherrschaft schließlich auf der Grundlage kapitalistischer Wirtschaftsverhältnisse zur politischen Herrschaft des Bürgertums führte? Oder würde die demokratische Revolution in Russland, die sich mehr als ein Jahrhundert später und unter erheblich veränderten sozioökonomischen Bedingungen abspielte, notwendigerweise eine grundlegend andere Form annehmen? Gab es in Russland um 1900 eine revolutionäre Bourgeoisie wie im Frankreich von 1790? War die russische Bourgeoisie wirklich bereit, einen revolutionären Kampf gegen die Autokratie zu führen oder auch nur zu unterstützen?

Engels Engels

Vor allem stellte sich die Frage, wie es sich auf den Verlauf der demokratischen Revolution auswirken würde, dass die Klasse der Industriearbeiter in Russland an der Schwelle zum 20. Jahrhundert die aktivste und dynamischste gesellschaftliche Kraft war? Die Streiks der 1890er Jahre hatten bereits die ungeheure Macht der Arbeiterklasse gezeigt, die infolge der groß angelegten Industrialisierung durch hereinströmendes Kapital rasch herangewachsen war. Welche Rolle würde das Proletariat in der demokratischen Revolution spielen? Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass seine Stärke entscheidend zum Sturz der Autokratie beitragen würde. Aber würde die Arbeiterklasse dann hinnehmen, dass die Macht an ihren Klassenfeind, die russische Bourgeoisie überging? Oder würden die Arbeiter über die Grenzen der "klassischen" demokratischen Revolution hinausgehen und versuchen, selbst die Macht zu übernehmen und eine weitreichende wirtschaftliche Umorganisation der Gesellschaft in Angriff zu nehmen, die gegen die Unantastbarkeit des kapitalistischen Eigentums verstoßen würde?

Diese Fragen mussten geradezu zwangsläufig dazu führen, dass Marx' und Engels' Theorie von der permanenten Revolution wieder aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Die in diesem Band zusammengestellten Dokumente belegen die theoretische Gründlichkeit der Diskussion in der russischen und der deutschen sozialistischen Bewegung von 1903 bis 1907. Vor dem Hintergrund der immer tieferen Krise der Autokratie trat die Unzulänglichkeit der politischen Perspektive, die die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands seit ihrer Gründung angeleitet hatte, immer klarer hervor. Es erhoben sich theoretische und politische Einwände gegen die Konzeption der demokratischen Revolution, derzufolge die politische Macht nach dem Sturz des Zaren geradezu selbstverständlich und unausweichlich auf die russische Bourgeoisie übergehen müsse.

Kautsky Kautsky

Diese Perspektive wurde vor allem mit den Arbeiten von G. W. Plechanow, dem "Vater des russischen Marxismus" identifiziert. Plechanow hielt daran fest, dass die Arbeiterklasse sich im Kampf gegen den Zarismus mit der liberalen Bourgeoisie verbünden müsse. Nach dem Sturz der Autokratie würde eine parlamentarische Demokratie errichtet werden. Die Partei der Arbeiterklasse würde als sozialistische Opposition in das russische Parlament eintreten und versuchen, das liberale demokratische Regime so weit wie möglich nach links zu treiben. Aber das Land würde sich auf unbestimmte Zeit auf einer kapitalistischen Grundlage weiterentwickeln. Irgendwann, niemand wusste, wann genau, würde Russland politisch und ökonomisch reif sein für den Sozialismus. An diesem Punkt würde die Arbeiterklasse vorwärts gehen und das bürgerliche Regime stürzen.

Das Hauptproblem dieser Perspektive war, dass sie den Charakter und die Aufgaben der demokratischen Revolution in Übereinstimmung mit einer Formel zu bringen versuchte, die historisch bereits überholt war. Plechanow hatte in der Tat seit 1889 darauf bestanden, dass die demokratische Revolution in Russland nur als Arbeiterrevolution siegreich sein könne. Aber wenn die Arbeiterklasse, wie Plechanow fortwährend betonte, die entscheidende Kraft beim Sturz der Autokratie sein würde, warum musste dann notwendigerweise die politische Macht in die Hände der liberalen Bourgeoisie übergehen? Die einzige Antwort, die Plechanow diesen Fragen entgegenhalten konnte, lautete, dass Russlands wirtschaftliche Entwicklung nicht reif sei für die Machtergreifung der Arbeiterklasse und die Einführung sozialistischer Maßnahmen.

Der erste bedeutende Theoretiker, der den Gedanken äußerte, dass die russische Entwicklung nicht dem traditionellen Vorbild bürgerlich-demokratischer Revolutionen folgen, sondern einen anderen Weg nehmen könnte, war bezeichnenderweise Karl Kautsky. Seine von 1902 bis 1907 entstandenen Abhandlungen, die in diesem Band abgedruckt sind, stellten die Autorität von Plechanows doktrinärer Perspektive ernsthaft in Frage, förderten eine kritische Haltung gegenüber veralteten Vorstellungen ermutigten eine jüngere Generation russischer und polnischer sozialdemokratischer Theoretiker, darunter Leo Trotzki und Rosa Luxemburg, zu bahnbrechenden Arbeiten.

In einem Artikel mit dem Titel Die Slawen und die Revolution stellte Kautsky die Annahme in Frage, dass die russische Bourgeoisie im Kampf gegen den Zarismus eine revolutionäre Rolle spielen würde. Die Dynamik der Klassenbeziehungen hatte sich seit der Ära der frühen bürgerlichen Revolutionen grundlegend geändert. Nach 1870, schrieb Kautsky, habe die Bourgeoisie in allen Ländern begonnen, "ihre letzten Reste revolutionärer Ambitionen" zu verlieren. Von diesem Zeitpunkt an hieß Revolutionär zu sein, Sozialist zu sein.(6)

In einem weiteren einflussreichen Artikel mit dem Titel Wie weit ist das Kommunistische Manifest veraltet?, den er 1903 verfasste und 1906 überarbeitete, schrieb Kautsky:

...soweit von einem "Irrtum" des Kommunistischen Manifests gesprochen werden kann und eine Kritik erforderlich ist, sie gerade bei diesem "Dogma" von der politisch revolutionären Bourgeoisie einzusetzen hat. Die Ersetzung der Revolution durch die Evolution im letzten halben Jahrhundert ist gerade eine Folge dessen, dass es eine revolutionäre Bourgeoisie nicht mehr gibt.(7)

Zu den wichtigsten Errungenschaften der Anthologie von Day und Gaido gehört ihre Zusammenstellung der Schriften Kautskys und die Einschätzung des großen Beitrags, den dieser vor dem Ersten Weltkrieg zur Herausarbeitung der Perspektive der permanenten Revolution leistete. Day und Gaido äußern die Hoffnung, dass die Veröffentlichung von Kautskys Schriften zur Russischen Revolution dazu beitragen könnte, "die stereotype und falsche Einschätzung Kautskys als Apostel des Quietismus und des Reformisten im Gewand des revolutionären Phraseologen zu überwinden".(8) Sie fügen hinzu:

Diese Einschätzung - eine unangemessene Verallgemeinerung, die aus Kautskys antibolschewistischer Polemik nach 1917 abgeleitet wurde - wurde zunächst von dem ultralinken Philosophen Karl Korsch in seiner Antwort auf Kautskys Werk Die materialistische Geschichtsauffassung (1927) entwickelt und in akademischen Kreisen gängig, nachdem Erich Matthias sein Buch Kautsky und der Kautskyanismus veröffentlicht hatte. Der wichtigste Biograph Kautskys, Marek Waldenberg, liefert ausführliches Material zur Widerlegung dieser These, die weder Lenin noch Trotzki teilten. Beide empfahlen kommunistischen Arbeitern stets die Schriften aus Kautskys revolutionärer Periode.(9)

Lenin und Trotzki betonten, dass Kautskys späterer Verrat am Sozialismus eine Zurückweisung seines eigenen Werkes gewesen sei. Wie Lenin sich einmal ausdrückte: "Wie gut Kautsky doch... [einst] schrieb!" Damit drückte er seine tief empfundene Bestürzung und Wut über den politischen und intellektuellen Zusammenbruch des Mannes aus, der sein Lehrer gewesen war. Dieser Band macht klar, warum Kautskys Verrat im August 1914 für eine ganze Generation von Revolutionären so schockierend war. In der Anthologie befinden sich so viele wirklich großartige Passagen aus Kautskys revolutionären Schriften, dass es schwer fällt der Versuchung zu widerstehen, diese Besprechung nicht mit Zitaten zu überfrachten, die belegen, dass der "Papst des Marxismus" der Zweiten Internationale ein bemerkenswert scharfsinniger, weitblickender, kompromissloser Polemiker war. Im Nachhinein kann man (wie wir später sehen werden) in bestimmten Anschauungen, die Kautsky vertrat, politische Schwächen aufspüren, besonders dort, wo er über die Implikationen eines unmittelbaren Zusammenstoßes zwischen der Arbeiterklasse und dem Staat schreibt. Aber der Kontrast zwischen dem üblichen Bild von Kautsky als eine Art geistesabwesendem, professoralem Trottel, der selbstzufrieden auf die Revolution als ein Geschenk der historischen Notwendigkeit wartet, und dem wirklichen Menschen drängt sich mit Macht auf. In einem Dokument von 1904 mit dem Titel Allerhand Revolutionäres wendet sich Kautsky gegen den politischen Fatalismus, der wenn man den vielen akademischen Kritikern glaubt, sein Markenzeichen war.

Die Welt ist nicht so zweckmäßig eingerichtet, dass die Revolution immer dort siegt, wo es im Interesse der Gesellschaft erforderlich ist. Wenn wir von der Notwendigkeit des Sieges des Proletariats und des daraus folgenden Sozialismus sprechen, so meinen wir nicht damit, dass dieser Sieg unvermeidlich sei oder gar, wie mancher unserer Kritiker es auffasst, mit fatalistischer Sicherheit von selbst kommen müsste, auch wenn die revolutionäre Klasse die Hände in den Schoß legte. Die Notwendigkeit ist hier aufzufassen in dem Sinne der einzigen Möglichkeit der Weiterentwicklung. Wo es dem Proletariat nicht gelingt, seiner Gegner Herr zu werden, da kann die Gesellschaft sich nicht fortentwickeln, da muss sie stagnieren und verfaulen.(10)

Ein weiterer Aufsatz, Die Sansculotten der französischen Revolution, der ursprünglich 1889 verfasst und 1905 in dem Buch Die Klassengegensätze im Zeitalter der Französischen Revolution wieder veröffentlicht wurde, enthält einen wahren Lobgesang auf den revolutionären Terrorismus. Nach Kautsky war der Terrorismus des Jakobinerregimes "nicht allein eine Kriegswaffe, den schleichenden Feind im Innern zu entnerven und einzuschüchtern, [sondern auch] den Verteidigern der Revolution Zuversicht einzuflößen für den Kampf gegen den äußern Feind".(11)

Wie steht es mit der Behauptung, dass Kautsky ein unverbesserlicher "Vulgär"-Materialist gewesen sei, der von der Rolle des subjektiven Elements in der Politik keine Ahnung hatte? Dass er die Triebkräfte für das Handeln der Massen nur in trockenen und unpersönlichen ökonomischen Impulsen sah und nicht wahrhaben wollte, dass Emotionen und Ideale in der politischen Aktivität der Arbeiterklasse eine bedeutende Rolle spielten? Diejenigen, die dieses stereotype Porträt Kautskys im Kopf haben, werden mit Erstaunen erfahren, dass er die Schwäche der sozialistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten in nicht geringem Maße auf die fehlende "Revolutionsromantik" unter amerikanischen Arbeitern und das Vorherrschen von "skrupellosestem Kapitalismus" unter den Intellektuellen zurückführte.(12)

Wie aus der Anthologie hervorgeht, war Kautskys aktive Einmischung in die russischen Angelegenheiten nicht nur Ausdruck der Besorgnis eines wohlmeinenden guten Onkels für seine jungen Genossen, die sich in einem Kampf auf Leben und Tod gegen den grausamen reaktionären Polizeistaat des Zaren befanden. Die Ereignisse in Russland, besonders nach dem Ausbruch der Revolution von 1905, wurden von Kautsky und seiner damaligen engen Verbündeten Rosa Luxemburg als sehr wichtig für die sozialistische Bewegung in Deutschland angesehen.

Kautsky war wie Luxemburg höchst besorgt über den Einfluss der Gewerkschaften, die in zunehmendem Maße die politische Linie der SPD bestimmten. Zwar hatten auf dem Dresdener Parteitag im September 1903 die orthodoxen Marxisten formal den Sieg über den Revisionismus Eduard Bernsteins davon getragen. Doch der Druck, den die Gewerkschaften ausübten, bedrohte die SPD als revolutionäre Bewegung umso stärker. Mit dem Ausbrechen der Revolution von 1905 verschärfte sich der politische Konflikt innerhalb der Partei.

Die Massenstreiks in Russland wurden von den Führern der linksgerichteten Kräfte innerhalb der SPD als Vorboten eines neuen revolutionären Kampfgeistes und der Opferbereitschaft in Deutschland angesehen. Sogar der spätere Erzreformist Rudolf Hilferding war begeistert über den Aufstand in Russland. Am 14. November 1905 schrieb er an Kautsky, der Zusammenbruch des Zarismus sei der Beginn "unserer Revolution, unseres Sieges", der jetzt herannahe. Die Hoffnung, die Marx fälschlicherweise in die historische Bewegung von 1848 gesetzt habe, werde sich nun erfüllen, so sei zu hoffen.(13)

Kautsky äußerte sich noch euphorischer über die Massenkämpfe. Er schrieb im Juli 1905. "Die Revolution in Permanenz ist also gerade dasjenige, was das Proletariat in Russland braucht."(14) Kautsky erklärte, "eine Ära revolutionärer Entwicklung hat begonnen; das Zeitalter langsamen, mühsamen und fast unmerklichen Fortschreitens wird weichen einer Epoche der Revolution, sprunghaften Vorwärtsschnellens - freilich vielleicht auch zeitweiliger großer Niederlagen, aber soviel Zutrauen müssen wir zur Sache des Proletariats haben - auch schließlicher großer Siege."(15)

Dieselbe Revolution, die den kämpferischen Tendenzen innerhalb der SPD Auftrieb gab, erfüllte die Gewerkschaftsführung jedoch mit Furcht und Abscheu. Voll Angst vor den Auswirkungen des russischen Beispiels lehnte der Fünfte Gewerkschaftstag der sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften, der im Mai 1905 in Köln stattfand, den Massenstreik ab und untersagte jede Agitation dafür. August Bebel, der Vorsitzende der SPD, griff die "Nurgewerkschaftlerei" an und unterstützte eine Resolution, die der SPD-Parteitag im September 1905 in Jena verabschiedete. Darin wurde der Massenstreik als Mittel im Kampf für demokratische Rechte gerechtfertigt.

Das Machtgleichgewicht zwischen SPD und Gewerkschaften hatte sich in den vorangegangenen zehn Jahren zum Nachteil der Partei drastisch verändert. Obwohl sie unter der Führung der Partei gegründet worden waren, griffen in den Gewerkschaften in dem Maße, wie ihre Mitgliedschaft wuchs und ihre Bankkonten anschwollen, zunehmend ausdrücklich und entschieden antirevolutionäre Interessen um sich. Wie Theodor Bömelburg, ein Vertreter der Gewerkschaften offen erklärte: Alles was sie wollten, sei Frieden und "Ruhe". (16) Um 1905 war das Einkommen der Gewerkschaften ungefähr fünfmal so hoch wie das der SPD. In dem Maße, wie die SPD zunehmend von Subventionen der Gewerkschaften abhängig wurde, musste sie sich auch deren Forderungen beugen. Darüber hinaus müssen erfahrene SPD-Führer wie Bebel erkannt haben, dass die Gewerkschaften mit der SPD brechen und im Bündnis mit Teilen der Revisionisten eine erklärt antirevolutionäre "Arbeiter"-Partei aufbauen könnten. Das hätte Bedingungen für einen gewaltsamen Angriff von Seiten des Staates auf die SPD schaffen können. Der Druck auf die SPD-Führer, die Gewerkschaften zu besänftigen, war enorm. Deshalb traf sich der SPD-Vorstand trotz der Massenstreikresolution auf dem Jenaer Parteitag insgeheim mit der Generalkommission Deutscher Gewerkschaften. Bebel kapitulierte vor der Forderung der Gewerkschaften, die SPD solle sich verpflichten, "den Massenstreik ... soweit als möglich zu verhindern...." (17) Die Generalkommission warnte die SPD, dass sie im Falle eines politischen Streiks keine Unterstützung von den Gewerkschaften erhalten würde. Das einzige Zugeständnis, das die Gewerkschaften machten, war, dass sie den Streik nicht offen sabotieren würden. Wenn man aber die erbitterte Feindschaft der Gewerkschaftsführung gegen alles berücksichtigt, was eine Radikalisierung in den Klassenbeziehungen auslösen könnte, dann ist es zweifelhaft, dass die SPD viel Vertrauen in dieses Zugeständnis haben konnte.

Diese Periode war der Höhepunkt in Kautskys langer revolutionärer Laufbahn. Da er Rosa Luxemburg gegen die scharfen Angriffe der Gewerkschaftsführer verteidigte, sprach sie von ihm voll Zuneigung und Bewunderung als "Karolus Magnus" (Karl der Große). Die furchtbare Enttäuschung und Erbitterung, die Luxemburg wegen Kautskys späterer Rechtswendung empfand (die dieser in einem privaten Brief als einen Versuch, die Gewerkschaften zu besänftigen, gerechtfertigt hatte), ist nur auf dem Hintergrund ihrer langjährigen engen politischen Beziehung zu verstehen.

Die Anthologie enthält natürlich wichtige Dokumente, die in der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (RSDAP) entstanden. Zu diesen gehören die beiden Dokumente, die von David Borissowitsch Goldendach geschrieben wurden, dessen Parteiname Rjasanow war. Er wurde 1870 in Odessa geboren und machte sich später vor allem als unermüdlicher Historiker und Archivar des literarischen Vermächtnisses von Marx und Engels einen Namen. Nach der bolschewistischen Revolution wurde er Leiter der Vereinigten Staatsarchive und half beim Aufbau der Sozialistischen Akademie und des Marx-Engels-Instituts. Er reiste nach Westeuropa, verhandelte mit etlichen Vertretern der Sozialdemokratie und sammelte so eine große Menge an Dokumenten mit Bezug auf Marx und Engels.

Dieser glänzende marxistische Gelehrte hatte auch eine bedeutende Karriere als revolutionärer Theoretiker vorzuweisen. Wie Trotzki stand er außerhalb der bolschewistischen und menschewistischen Fraktion. 1917 war er ebenfalls wie Trotzki zunächst Mitglied der Organisation der Interrayonisten (Meschraionka), bevor er im Sommer des Jahres in die Bolschewistische Partei eintrat. Rjasanows Rolle nach der Machteroberung der Bolschewiki, in der er versuchte, Gemeinsamkeiten mit einer Gruppe Menschewiki zu finden, wurde ausführlich wissenschaftlich von Alexander Rabinowitch in seinem Buch The Bolsheviks in Power behandelt (Die deutsche Ausgabe erscheint in Kürze im Mehring Verlag unter dem Titel Die Bolschewiki an der Macht). Rjasanows lange revolutionäre Laufbahn, seine gründlichen Kenntnisse der marxistischen Theorie und der Geschichte der sozialistischen Bewegung sowie seine breit gefächerten kulturellen Interessen machten ihn früh und unvermeidlich zu einer Zielscheibe der Kampagne Stalins zur Zerstörung der revolutionären marxistischen Intelligenz der UdSSR. Bereits im Februar 1931 wurde Rjasanow verhaftet und angeklagt, Mitglied eines "menschewistischen Zentrums" zu sein und "zerstörerische Aktivitäten an der historischen Front" zu verüben. Rjasanow, so schrieb Trotzki, sei als "Opfer seiner persönlichen Integrität" gefallen.(18) Rjasanow wurde aus der Partei ausgeschlossen und ins Exil nach Saratow geschickt. 1937 wurde er erneut verhaftet. Am 21. Oktober 1938 wurde er von einem sogenannten Militärkollegium zum Tode verurteilt und am selben Tag hingerichtet.

Das erste Dokument Rjasanows in dieser Anthologie datiert von 1902-1903 und hat den Titel Die Iskra und die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten. Das Originaldokument umfasst 320 Seiten. Daher ist es verständlich, dass Day und Gaido sich entschieden, nur repräsentative Auszüge aufzunehmen. Es ist ein interessantes Dokument, das die Intensität des fraktionellen Konflikts widerspiegelt, der im Nachhinein betrachtet die Spaltung vorwegnahm, die auf dem Zweiten Kongress der RSDAP im September stattfand. Darüber hinaus kommt in dem Dokument deutlich die Unzufriedenheit mit der Auffassung Plechanows zum Ausdruck, der vom notwendig bürgerlichen Charakter der kommenden russischen Revolution ausging. Dieser Rezensent glaubt jedoch, dass Day und Gaido dies überbewerten, wenn sie behaupten, dass "Rjasanows Kritik des Iskra-Programms bemerkenswert ist, weil es in fast allen Einzelheiten die Theorie der permanenten Revolution vorwegnimmt..."(19)

In der Tat verwendet Rjasanow bestimmte Formulierungen, um die Aufgaben der Arbeiterklasse auf eine Weise zu definieren, die über die Unterordnung unter die bürgerliche Herrschaft hinausgeht, wie sie Plechanow für die Zeit nach der Revolution voraussah. Rjasanow äußert eine gewisse Skepsis gegenüber der Vermutung - die später in den Schriften von Parvus und Trotzki sehr viel stärker ausgeprägt ist - dass die Bauernschaft im revolutionären Kampf eine bedeutende eigenständige Rolle spielen könnte. Rjasanows Formulierungen über den Charakter der kommenden revolutionären Regierung bleiben etwas vorsichtig: Er schreibt, dass die Revolution "zweifellos auf der Grundlage bürgerlicher Produktionsverhältnisse stattfinden und insofern sicher,bürgerlich' sein wird". Aber sie "wird auch von Anfang bis Ende proletarisch in dem Sinne, dass das Proletariat ihr führendes Element sein und der ganzen Bewegung seinen Klassenstempel aufdrücken wird".(20) An einer anderen Stelle versichert er: "Eine demokratische Republik ist die Form, in der der Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie sich frei entwickeln wird."(21) Diese Formulierungen bleiben jedoch hinter denen zurück, die später Trotzki wählte, um die Auffassung zu vertreten, dass die Arbeiterklasse der Revolution nicht nur ihren Stempel aufdrücken, sondern auch die Staatsmacht ergreifen würde.

Ein großer Teil von Rjasanows Aufsatz - der schwächste Teil - ist einem Angriff auf Lenins Was tun? gewidmet. Darin greift er vor allem Lenins Standpunkt an, dass sich sozialistisches Bewusstsein nicht spontan in der Arbeiterklasse entwickelt, sondern dass es von außen in die Arbeiterklasse hineingetragen werden muss. "Genosse Lenin geht zu weit", schreibt Rjasanow und beginnt eine heftige Polemik gegen diesen Gedanken. Der Kommentar von Day und Gaido lässt durchblicken, dass sie in einem gewissen Ausmaß mit Rjasanows Auffassung sympathisieren. Jedoch ist es genau diese Frage - dass der Sozialismus von außerhalb der spontanen ökonomischen Auseinandersetzungen und praktischen Aktivitäten in die Arbeiterklasse hineingetragen werden muss -, in der Kautskys Einfluss auf Lenin am stärksten zum Ausdruck kommt. In Was tun? zitiert Lenin eine lange Passage Kautskys, in der dieser erklärt: "Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes."(22) Obwohl er sich gegen den Opportunismus wendet, vertritt Rjasanow in seinem Dokument Positionen, die in einigen wichtigen Aspekten denen der Ökonomisten ähneln, die Lenin in Was tun? vor allem angreift. Day und Gaido bemerken, dass ein Historiker in einem Aufsatz von 1970 Rjasanows Kritik an der Iskra als "revolutionären Ökonomismus" beschreibt.(23)

Der zweite Aufsatz Rjasanows, der etwa drei Jahre später - mitten in der Revolution von 1905 -entstand, enthält Formulierungen, die den von Trotzki und Parvus entwickelten schon viel näher kommen. Rjasanow betont die Bedeutung der "Frage des Eigentums" und führt aus:

Wenn sie [die Arbeiterklasse] all ihre Anstrengungen auf die Vollendung ihrer eigenen Aufgabe konzentriert, erreicht sie gleichzeitig den Moment, in dem nicht mehr die Beteiligung an einer provisorischen Regierung die Frage ist, sondern die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse und die Umwandlung der,bürgerlichen’ Revolution in ein unmittelbares Vorspiel zur sozialen Revolution.(24)

In der Herausbildung der Theorie und Strategie der Russischen Revolution wurde Lenins Auffassung von der "demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" 1905 zur wichtigsten Alternative zu Plechanows orthodoxer Auffassung. Lenins Perspektive unterschied sich von der Plechanows grundlegend in zwei wesentlichen Punkten, die beide weitreichende politische und praktische Bedeutung hatten. Erstens, obwohl Lenin die kommende Revolution als bürgerlich charakterisierte, schloss er jedoch kategorisch jedes politische Bündnis mit den bürgerlichen Liberalen aus. Darüber hinaus lag für Lenin die entscheidende historische Bedeutung der "bürgerlichen" Revolution nicht in der Errichtung demokratisch parlamentarischer Institutionen, sondern vielmehr in der Zerstörung aller Überreste feudaler Verhältnisse auf dem Land. Das ist der Grund, weshalb Lenin die sogenannte "Agrarfrage" ins Zentrum der demokratischen Revolution stellte. Wie Trotzki in seinem letzten wichtigen Artikel zur Theorie der permanenten Revolution betonte: "Mit unvergleichlich größerer Kraft und Konsequenz als Plechanow stellte Lenin die Agrarfrage als das Zentralproblem der demokratischen Revolution in Russland in den Vordergrund."(25)

Lenin Lenin

Aus dieser Analyse folgte eine politische Strategie, die sich grundlegend von derjenigen Plechanows unterschied. Der Erfolg der demokratischen Revolution, der auf dem Land die Enteignung der riesigen Latifundien der alten Klasse der Grundbesitzer erforderte, konnte nur durch die massive Mobilisierung der viele Millionen zählenden armen Landbevölkerung erreicht werden. Die russische Bourgeoisie, die jeder Art von Massenaktion gegen den Privatbesitz feindlich gesonnen war, konnte einen revolutionären Umsturz der bestehenden Eigentumsverhältnisse auf dem Land weder gutheißen noch anführen. Aber nur durch eine derartige Mobilisierung der armen Bauern, die den weitaus größten Teil der russischen Bevölkerung ausmachten, konnte das zaristische Regime gestürzt werden.

Daraus schloss Lenin, dass Plechanows Orientierung auf die liberale Bourgeoisie die Revolution zum Scheitern verurteilen würde. Der wichtigste Verbündete der Arbeiterklasse im revolutionären Kampf gegen das Zarenregime würde die Bauernschaft sein. Aus dieser Einschätzung der revolutionären Dynamik leitete Lenin eine neue Form revolutionärer Staatsmacht ab, durch die die Selbstherrschaft des Zaren ersetzt werden sollte: die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft.

Lenins Auffassung der demokratischen Revolution brachte die bolschewistische Fraktion der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (erst 1912 erklärten die Bolschewiki sich zu einer unabhängigen Partei) in unversöhnliche Feindschaft zur Bourgeoisie und allen menschewistischen Tendenzen, die in der einen oder anderen Form darauf bestanden, dass eine liberale parlamentarische Republik das einzig legitime politische Ergebnis nach dem Sturz des Zaren sein müsse. Lenin unterschied jedoch zwischen der demokratischen und der sozialistischen Revolution. Die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, so wie Lenin sie im Auge hatte, würde auf der Grundlage kapitalistischer Verhältnisse beruhen. Lenin schrieb 1905:

Doch selbstverständlich wird das keine sozialistische, sondern eine demokratische Diktatur sein. Sie wird (ohne eine ganze Reihe Zwischenstufen der revolutionären Entwicklung) nicht imstande sein, die Grundlagen des Kapitalismus anzutasten. Sie wird im besten Fall imstande sein, eine Neuverteilung des Grundeigentums zugunsten der Bauernschaft vorzunehmen, einen konsequenten und vollen Demokratismus bis zur Errichtung der Republik durchzuführen, alle asiatischen Wesenszüge und Knechtschaftsverhältnisse im Leben nicht nur des Dorfes, sondern auch der Fabrik auszumerzen, für eine ernsthafte Verbesserung der Lage der Arbeiter, für die Hebung ihrer Lebenshaltung den Grund zu legen und schließlich last but not least, den revolutionären Brand nach Europa zu tragen. Ein solcher Sieg wird aus unserer bürgerlichen Revolution noch keineswegs eine sozialistische machen, die demokratische Umwälzung wird über den Rahmen der bürgerlichen gesellschaftlich ökonomischen Verhältnisse nicht unmittelbar hinausgehen; aber nichtsdestoweniger wird die Bedeutung eines solchen Sieges für die künftige Entwicklung sowohl Russlands als auch der ganzen Welt gigantisch sein.(26)

Lenins Programm, so schrieb Trotzki später, "stellte... einen gewaltigen Schritt nach vorn dar" gegenüber Plechanows Auffassung der bürgerlichen Revolution.(27) Dennoch warf sie eine ganze Reihe theoretischer und politischer Fragen auf, die auf Unklarheiten und Beschränkungen von Lenins Formulierungen hinweisen. Insbesondere ging Lenins Konzeption von der Schaffung einer neuen, bisher nie dagewesenen Staatsform aus, in der die Macht zwischen zwei Klassen geteilt würde, dem Proletariat und der Bauernschaft. Wie konnte die Macht zwischen diesen beiden Klassen geteilt werden? Darüber hinaus erkannte Lenin klar, dass die Zerschlagung des alten Großgrundbesitzes und die Neuverteilung des Lands das Privateigentum an Boden nicht beseitigen würde. Die Bauernschaft strebte nach Privateigentum, wenn auch auf der Basis größerer Gleichheit. Die Bauernschaft würde die Bestrebungen des Proletariats zur Aufhebung des Privateigentums und seine sozialistischen Zielsetzungen ablehnen. Dieser grundlegende Widerspruch in der sozialen Ausrichtung der beiden Klassen stellte die Durchführbarkeit von Lenins demokratischer Diktatur in Frage.

Auch wenn Lenins Programm gewisse Schwächen hatte, bezeichnete es doch objektiv einen historischen Meilenstein in der Entwicklung der revolutionären Ideen in Russland. Dieser Rezensent ist daher etwas irritiert von der ablehnenden und fast herablassenden Haltung, die Day und Gaido Lenins Position gegenüber einnehmen. In diesem Fall hört man geradezu das Schleifen einer politischen Axt und es schwächt ihre im Allgemeinen großartige Besprechung der Debatte der Theorie der permanenten Revolution. Sie stellen fest:

Das Problem mit Lenins Begriff von einer ‘demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft' lag auf der Hand: In Russland gab es keine revolutionäre kleinbürgerliche Partei, mit der kooperiert werden konnte. Lenin dachte, solch eine Partei müsse irgendwann entstehen, aber auf diese Erwartung ließ sich schwerlich eine politische Praxis stützen.(28)

Trotzki 1902 Trotzki 1902

Dieses Urteil überrascht. Welche Mängel Lenins Theorie auch gehabt haben mag, sie lagen gewiss nicht "auf der Hand". Wenn sie so offenkundig gewesen wären, dann hätte Trotzkis Kritik der Perspektive der "demokratischen Diktatur" keine derart eindrucksvolle intellektuelle Leistung dargestellt. Auch konnte man Lenin kaum vorwerfen, dass er die Möglichkeit einer Massenpartei der russischen Bauernschaft offen ließ. Die weitere Entwicklung der Sozialrevolutionären Partei, die eine, wenn auch instabile, Massenbasis in der Bauernschaft hatte, bewies, dass Lenin recht hatte. Schließlich muss man berücksichtigen, dass Lenin zu einer Generation gehörte, die nach der Katastrophe der Pariser Kommune politisch heranreifte. Die Unfähigkeit der Arbeiter in Paris, die französischen Bauern auf ihre Seite zu ziehen, war der entscheidende Faktor, der das bürgerliche Regime von Versailles in die Lage versetzte, die Kommune im Mai 1871 zu zerschlagen. Eine solche politische Niederlage blieb im Gedächtnis haften. Für Lenin hing das Schicksal der Arbeiterklasse in Russland (und daher in jedem Land mit einer großen ländlichen Bevölkerung) von ihrer Fähigkeit ab, die Unterstützung der Bauernschaft zu gewinnen. Es lohnt sich immer, sich die historischen Zeitspannen zu vergegenwärtigen. Die Pariser Kommune und die Revolution von 1905 liegen nur 34 Jahre auseinander. Die Zerstörung der Kommune war für Lenins Generation ein weniger weit zurückliegendes Ereignis als es der Fall Saigons im Mai 1975 für den heutigen Tag ist!

Lenins "demokratische Diktatur" hat einen weiteren Aspekt von bleibender Bedeutung. Sein Verständnis des widersprüchlichen Charakters der revolutionären Bewegung der Bauern - vor allem seine Betonung, dass Bauernaufstände und massenhafte Landbesetzungen nicht notwendigerweise zur Zerstörung kapitalistischer Verhältnisse führen - war sowohl scharfsinnig als auch vorausschauend. Indem er ein Thema aufgreift, das innerhalb der Linken immer wieder zu Verwirrung führen sollte (so z. B. bei den Bewunderern Castros, Maos, den Naxaliten und sogar dem "Subcommandante" Marcos in Mexiko), argumentiert Lenin gegen die weitverbreitete falsche Auffassung, dass der Radikalismus der Bauern - sogar, wenn sie für die Verteilung des Landes unter den ländlichen Armen kämpfen -, sozialistisch sei. Lenin bestand darauf, dass die Verstaatlichung des Bodens ein Schlüsselelement der demokratischen Revolution und unter bestimmten Bedingungen entscheidend für die Entwicklung des Kapitalismus sei. Zur Erläuterung, weshalb die Verstaatlichung des Bodens eher eine demokratische als eine sozialistische Maßnahme sei, schrieb er:

Weil die Sozialrevolutionäre diese Wahrheit nicht begreifen, werden sie zu unbewussten Ideologen des Kleinbürgertums. Das Festhalten an dieser Wahrheit ist für die Sozialdemokratie von größter, nicht nur theoretischer, sondern auch praktisch-politischer Bedeutung, denn hieraus ergibt sich für die Partei des Proletariats die Pflicht, in der gegenwärtigen "allgemein-demokratischen" Bewegung ihre volle Selbständigkeit als Klassenpartei zu bewahren.(29)

Die katastrophale militärische Niederlage Russlands im Krieg gegen Japan führte zum Ausbruch einer Revolution. Ihr Vorbote war das Massaker an St. Petersburger Arbeitern, die am 9. Januar 1905 in einem Protestmarsch vor das Winterpalais zogen. Die soziale Explosion im russischen Reich verlieh der Entwicklung der revolutionären Theorie einen mächtigen Impuls. Die beiden Persönlichkeiten, die bei der Formulierung der Theorie der Permanenten Revolution eine entscheidende Rolle spielten, waren Parvus und Trotzki.

Winterpalast, Revolution von 1905 Winterpalast, Revolution von 1905

Auch 85 Jahre nach seinem Tod in Deutschland bleibt Parvus (1867-1924) noch immer eine rätselhafte, ja sogar irgendwie mysteriöse Figur. Man erinnert sich viel mehr an seine schändlichen Handelsgeschäfte während des Ersten Weltkriegs, nachdem er der revolutionären Bewegung den Rücken gekehrt hatte, als an seine bemerkenswerte Arbeit als marxistischer Theoretiker während der letzten Jahre des 19. und der ersten des 20. Jahrhunderts. Aber es ist unbestreitbar, dass Parvus (sein Geburtsname ist Alexander Helphand) eine wichtige Rolle im Leben der revolutionären Bewegungen in Russland und Deutschland gespielt hat. Die europäischen Sozialisten wurden erstmals durch seine Angriffe auf den Revisionismus Eduard Bernsteins auf ihn aufmerksam. Seine ersten Artikel gegen Bernstein erschienen in der deutschen sozialistischen Presse im Januar 1898, noch bevor Rosa Luxemburg, geschweige denn Kautsky, sich in den Kampf stürzten. Nicht nur der frühe Zeitpunkt machte Parvus´ Artikel so bedeutend; vielmehr offenbaren sie ein wirklich bemerkenswertes Verständnis der Wirtschaft Deutschlands und des Weltkapitalismus, das den Eindruck hinterlässt, dass Bernstein in Wirklichkeit nicht wusste, wovon er redete.

Wie Trotzki später anerkannte, waren seine eigenen Ideen über die Entwicklung der revolutionären Bewegung in Russland stark von Parvus beeinflusst. Es war Parvus, schrieb Trotzki, "der die Machteroberung des Proletariats aus einem astronomischen,Endziel’ in eine praktische Aufgabe unserer Zeit verwandelt"(30) hat. Parvus und Trotzki erkannten beide, dass die Entstehung des Petersburger Sowjets im Oktober 1905 der Arbeiterklasse große Möglichkeiten eröffnete. Nach Parvus' Argumentation war es völlig unangemessen, die anstehenden "Aufgaben" der Revolution von abstrakten Überlegungen über die angeblich "objektive" Entwicklung der nationalen Produktivkräfte abzuleiten und dabei die nicht weniger objektive Dynamik der sich entfaltenden Klassenkräfte zu übersehen. Die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse, so Parvus, sei möglich geworden. Er widersprach dem auf einer fatalistischen Berechnung der verfügbaren wirtschaftlichen Ressourcen beruhenden Argument der Menschewiki, dass die Arbeiterklasse verpflichtet sei, beiseite zu stehen und respektvoll zuzuschauen, wie die Bourgeoisie die Macht in die Hand nimmt. In einem brillanten Entwurf der Wechselbeziehung zwischen Politik und Wirtschaft bereitete Parvus den Weg für eine weit aggressivere Formulierung der proletarischen Strategie.

Wenn die Klassenbeziehungen durch den Lauf der historischen Ereignisse in einfacher und direkter Weise bestimmt wären, dann würde es unnötig sein uns den Kopf zu zerbrechen: Alles, was wir dann tun müssten, wäre den Moment der sozialen Revolution in gleicher Weise zu berechnen, wie Astronomen die Bewegung eines Planeten aufzeichnen und dann könnten wir uns zurücklehnen und zuschauen. In Wirklichkeit erzeugen die Beziehungen zwischen den Klassen vor allem politische Auseinandersetzungen. Und darüber hinaus ist der Ausgang des Kampfes bestimmt durch die Entwicklung der Klassenkräfte. Der gesamte historische Prozess, der Jahrhunderte umfasst, hängt von einer Vielzahl sekundärer wirtschaftlicher, politischer und nationaler kultureller Bedingungen ab, aber vor allem hängt er von der revolutionären Energie und dem politischen Bewusstsein der kämpfenden Kombattanten ab - von ihrer Taktik und ihrer Fähigkeit den politischen Moment zu ergreifen.(31)

Parvus behauptete nicht, dass Russland reif für die Errichtung des Sozialismus sei. Er stellte kategorisch fest: "Ohne soziale Revolution in Westeuropa ist es gegenwärtig unmöglich in Russland den Sozialismus zu verwirklichen."(32) Aber er glaubte, dass die Eigendynamik des Klassenkampfs Bedingungen schaffen würde, in denen die Arbeiterklasse die Macht ergreifen könnte. Sie könne dann diese Macht in einer Weise nutzen, um die Interessen der Arbeiterklasse so weit wie möglich voranzubringen.

Parvus versuchte nicht, den genauen Verlauf der revolutionären Entwicklung vorauszusagen. Seiner Ansicht nach umfasste Politik ein komplexes Zusammenwirken von Kräften, Einflüssen und Faktoren, die unzählige Varianten der Entwicklung erlaubten. Er sah einen sich lang hinziehenden Prozess voraus, in dem der Sturz der zaristischen Autokratie nur den Ausgangspunkt für die Revolution bilden würde. Parvus argumentierte so:

Das Proletariat wird in den Mittelpunkt und an die Spitze der revolutionären Bewegung des ganzen Volkes und der gesamten Gesellschaft gestellt; die Sozialdemokratie muss sich gleichzeitig auf den Bürgerkrieg vorbereiten, der auf den Sturz der Autokratie folgen wird - gerade dann, wenn sie von dem agrarischen und dem bürgerlichen Liberalismus und von den politischen Radikalen und den Demokraten angegriffen wird.

Die Arbeiterklasse muss verstehen, dass die Revolution und der Zusammenbruch der Autokratie nicht das Gleiche sind und dass es notwendig ist, zuerst gegen die Autokratie und dann gegen die Bourgeoisie zu kämpfen, um die politische Revolution durchzuführen.(33)

Parvus´ bemerkenswerter Essay "Was wurde am 9. November erreicht?" enthält einen Schatz an politischen Einsichten, in dem sich die Weisheit eines politischen Zeitalters spiegelt, das wenigstens, was das Verständnis der Realität des Klassenkampfs angeht, auf einem unvergleichlich höheren Niveau stand als unsere Zeit. Parvus diskutiert die Probleme, die im Laufe des Kampfs an der Seite zeitweiliger und unsicherer Verbündeter auftauchen und schlägt vor:

1) Verwischt die organisatorischen Linien nicht. Marschiert getrennt, aber schlagt gemeinsam.

2) Schwankt nicht in Euren politischen Forderungen.

3) Verdeckt keine wichtigen Interessengegensätze.

4) Beobachtet unsere Verbündeten genauso wie unsere Feinde.

5) Achtet stärker darauf, Vorteile wahrzunehmen, die die Situation des Kampfes bietet, als darauf Verbündete zu halten.(34)

Ende 1905 schrieb Trotzki Vor dem 9. Januar. Eine vollständige englische Übersetzung dieses Werks erscheint in dieser Anthologie zum ersten Mal. Diese Arbeit ist eine scharfe und schonungslose Bloßstellung der politischen Fäulnis der liberalen Repräsentanten der russischen Bourgeoisie. Trotzki führt eine Chronik ihrer Rückgratlosigkeit und kriecherische Haltung gegenüber dem Zarenregime in einer Zeit sich verschärfender Krise, deren Ursache in den verheerenden Niederlagen der russischen Armee im Krieg mit Japan lag. Er schreibt voll Verachtung über die Weise, in der liberale Politiker sich mit dem Krieg abfanden:

Es war nicht genug, dass sich die [Liberalen] auf die schmutzige Arbeit eines verachtenswerten Massakers einließen und sie teilweise selbst auf sich nahmen - d.h. sie luden sie dem Volk auf. Sie waren nicht zufrieden damit, sie politisch stillschweigend geschehen zu lassen und fügsam das Werk des Zarismus zu decken - nein, sie erklärten öffentlich jedermann ihre moralische Solidarität mit denjenigen, die die größten Verbrechen begangen hatten ... Einer nach dem anderen antworteten sie auf die Kriegserklärung mit Loyalitätserklärungen und benutzten dabei die formale Rhetorik von Seminaristen, um ihren politischen Schwachsinn auszudrücken.

Und was ist mit der liberalen Presse? Diese erbärmliche, stammelnde, kriecherische, lügenhafte, furchtsame, verkommene und korrupte liberale Presse!(35)

Es wäre verzeihlich, wenn man glaubte, der junge Trotzki hätte hier die Demokratische Partei der Vereinigten Staaten und die heutige New York Times beschrieben. Aber vor mehr als einem Jahrhundert haben Sozialisten sehr gut verstanden, wie verrottet der bürgerliche Liberalismus ist.

Selbst in einer Anthologie, die Werke anderer glänzender Autoren enthält, fallen Trotzkis frühe Artikel dadurch auf, dass sie auf originelle und eindrückliche Weise eine neue Perspektive vorstellen. Bemerkenswert an diesen frühen Schriften ist ihre lebendige Sichtweise, die Artikulation einer entstehenden revolutionären Massenbewegung der Arbeiterklasse und die elementare Kraft ihres Kampfs um die Macht. In diesem Sinne fällt der Kontrast zu Kautskys Schriften auf. Sogar in dessen besten Arbeiten, in denen er eine revolutionäre Perspektive formuliert und verteidigt, und in seiner Darstellung gegensätzlicher Klassenkräfte scheinen sich seine inneren Zweifel widerzuspiegeln. Er ließ - in nicht gerade überzeugender Weise - die Möglichkeit offen, dass die Arbeiterklasse in der Lage sein könnte, ohne zum Mittel der Gewalt zu greifen, ihren Klassenfeind so einzuschüchtern, dass er die Macht abgibt. Er schreibt:

Eine aufsteigende Klasse muss über die notwendigen Gewaltmittel verfügen, soll sie die alte herrschende Klasse depossedieren können, aber es ist nicht unbedingt geboten, dass diese Gewaltmittel auch zur Anwendung kommen. Das Bewusstsein der Existenz solcher Mittel kann unter Umständen genügen, eine niedergehende Klasse zu friedlichem Paktieren mit dem übermächtig gewordenen Gegner zu veranlassen.(36)

Man sollte natürlich im Kopf behalten, dass Kautsky sich der Feindschaft wohl bewusst war, mit der Teile der Sozialdemokratie, insbesondere die Gewerkschaften der Vorstellung begegneten, dass die Partei an die Unvermeidlichkeit eines bewaffneten Kampfs glaube oder gar einen solchen befürworte. Er musste auch berücksichtigen, dass unvorsichtige Formulierungen in einem theoretischen Organ dem preußischen Staat zum Vorwand dienen könnten, die SPD anzugreifen. Bekanntlich machten sich in den höheren Befehlsebenen des Staates einflussreiche Kräfte fortwährend für eine blutige Unterdrückung der Sozialdemokratie stark. Aber dennoch ist offensichtlich, dass Kautsky keine klare Antwort auf ein unvermeidbares Problem hatte, vor dem die Arbeiterklasse in einem modernen kapitalistischen Staat stand: Wie sollte sie die militärischen Kräfte überwinden, die der Regierung zur Verfügung stehen? Kautsky ging so weit zu vermuten, dass eine Regierung, die bereit sei, sich mithilfe des Militärs zu verteidigen, unmöglich eine Niederlage erleiden könne. "Das Bewusstsein der kriegstechnischen Überlegenheit lässt heute jede Regierung, welche die erforderliche Rücksichtslosigkeit besitzt, einem bewaffneten Volksaufstand ruhig entgegensehen..."(37)

Trotzki, so betonen Day und Gaido, "argumentiert genau gegenteilig: ein Massenstreik wird notwendigerweise zu einem bewaffneten Konflikt führen, wenn die Regierung auf ihn mit Schießbefehlen gegen die Streikenden reagiert."(38) Während für Kautsky der Befehl an Soldaten, dass sie auf Arbeiter schießen sollen, durchaus das Ende der Revolution bedeuten konnte, erblickte Trotzki darin die Möglichkeit, dass er zum Ende des Staates der Unterdrücker führt. Trotzki bemerkt lakonisch:

Großherzog Wladimir, der seine Zeit in Paris verbrachte, indem er nicht nur die Bordelle, sondern auch die administrative Militärgeschichte der Großen Revolution studierte, zog die Schlussfolgerung, dass die alte Ordnung in Frankreich hätte aufrecht erhalten werden können, wenn die Regierung Ludwigs jede revolutionäre Regung ohne Zögern und Schwanken zermalmt hätte und das Volk von Paris durch einen kühnen und breit angelegten Aderlass kuriert worden wäre. Am 9. Januar zeigte unser höchst illustrer Alkoholiker genau, wie dies bewerkstelligt werden sollte... Kanonen, Gewehre und Munition sind exzellente Mittel der Ordnung, aber sie müssen eingesetzt werden. Zu diesem Zweck braucht man Leute. Und sogar, wenn diese Leute Soldaten genannt werden, dann unterscheiden sie sich von Gewehren dadurch, dass sie fühlen und denken, was heißt, dass sie nicht verlässlich sind. Sie zögern, sie werden angesteckt von der Unentschlossenheit ihrer Kommandeure und das Ergebnis ist Verwirrung und Panik in den höchsten Rängen der Bürokratie.(39)

Diese Sammlung enthält nicht Trotzkis erste genaue Ausarbeitung der Theorie der permanenten Revolution, den bekannten Aufsatz Ergebnisse und Perspektiven, der 1906 veröffentlicht wurde. Aber Day und Gaido liefern eine Reihe höchst wichtiger Dokumente, in denen die Entwicklung der politischen Ideen Trotzkis - von seiner Verachtung des reaktionären Charakters des russischen Liberalismus bis zu seiner Schlussfolgerung, dass die Logik des Klassenkampfs die Arbeiterklasse zwingen wird, die Macht zu übernehmen - verfolgt werden kann. Zu diesen wichtigen vorbereitenden Arbeiten gehört Trotzkis Einleitung zu Ferdinand Lassalles Rede vor den Geschworenen, Sozialdemokratie und Revolution und das Vorwort zu Karl Marx Parizhskaya Kommuna [Pariser Kommune]. All diese Aufsätze datieren von 1905, dem Jahr, in dem Trotzki Vorsitzender des St. Petersburger Sowjets war und als größter Redner und Führer der Massen in der ersten russischen Revolution auftrat.

Trotzkis Einführung in Ferdinand Lassalles Rede vor den Geschworenen ist eines seiner frühen Meisterwerke. Lassalle spielte in der deutschen Revolution von 1848 eine führende Rolle als Vertreter des extrem linken Flügels der demokratischen Kräfte. Nach seiner Verhaftung wegen Aufstachelung zum Aufstand gegen Preußen schrieb Lassalle eine Rede zu seiner Verteidigung. Diese Rede wurde nie im Gericht gehalten, aber Tausende von Kopien des geschriebenen Texts wurden in Deutschland verteilt und hinterließen einen nachhaltigen Eindruck. Trotzki, so bemerken Day und Gaido, "bewunderte offensichtlich die großartige Rhetorik von Lassalles Rede vor den Geschworenen und zweifellos beeinflusste sie die Form von Trotzkis nicht weniger bemerkenswerter Rede, als er 1907 nach der Niederlage der Revolution von 1905 vor Gericht gestellt wurde."(40)

In seiner "Einleitung" zog Trotzki die Lehren aus den Erfahrungen der Revolution von 1848, um den entscheidenden politischen Punkt herauszuarbeiten, dass die russische Bourgeoisie im aktuellen Kampf gegen die zaristische Selbstherrschaft ein erbitterter Feind der Arbeiterklasse sei. Die Bourgeoisie hatte aus den Ereignissen von 1789-1795 gelernt, dass eine Revolution, so wichtig sie auch immer für ihre eigenen Interessen sein mag, die Gefahr unbeabsichtigter Folgen barg. Wenn sie erfolgreich ihre eigenen sozialen und wirtschaftlichen Interessen konsolidiert hatte, war sie umso mehr entschlossen, den Forderungen der Massen entgegenzutreten. Im darauffolgenden Konflikt kommt der bis dahin verborgene Charakter der Gesellschaft an die Oberfläche. In einer denkwürdigen Passage bezeichnet Trotzki eine revolutionäre Epoche als "eine Schule des politischen Materialismus."

Sie übersetzt alle sozialen Normen in die Sprache der Gewalt. Sie verschafft denen Einfluss, die auf die Gewalt vertrauen, vereint und diszipliniert sind und bereit zu handeln. Ihre mächtige Erschütterung treibt die Massen auf das Schlachtfeld und enthüllt ihnen die herrschenden Klassen - sowohl die, die abtreten als auch die, die hochkommen. Aus genau diesem Grund jagt es der Klasse, die die Macht verliert, ebenso wie der, die sie erringt, Furcht ein. Wenn sie diesen Weg einmal eingeschlagen haben, entwickeln die Massen ihre eigene Logik und gehen viel weiter, als es vom Standpunkt der neu aufgestiegenen Bourgeoisie nötig ist. Jeder Tag bringt neue Losungen, jede noch radikaler als die vorige, und sie verbreiten sich so rasch wie das Blut im menschlichen Körper zirkuliert. Wenn die Bourgeoisie die Revolution als Beginn eines neuen Systems akzeptiert, beraubt sie sich jeder Möglichkeit, nach Recht und Ordnung zu rufen, um den revolutionären Ansprüchen der Massen entgegenzutreten. Das ist der Grund, weshalb ein Abkommen mit der Reaktion auf Kosten der Rechte des Volkes für die liberale Bourgeoisie ein Klassengebot ist.

Das trifft gleichermaßen für ihre Haltung vor, während und nach der Revolution zu.(41)

Am Ende dieser sorgfältigen Betrachtung des Verrats der deutschen Bourgeoisie an der demokratischen Revolution von 1848 zieht Trotzki ein halbes Jahrhundert später die wichtige politische Schlussfolgerung, dass die Bourgeoisie nunmehr noch weniger irgendeine progressive Rolle spielen könne. Vielmehr habe die globale Entwicklung des Kapitalismus während des vergangenen halben Jahrhunderts die russische Bourgeoisie in das Weltsystem der politischen Vorherrschaft ökonomischer Ausbeutung einbezogen. An dieser Stelle macht Trotzki auf einen neuen und entscheidenden Faktor in der Entwicklung der russischen Revolution aufmerksam:

Indem er seinen eigenen Typus der Ökonomie und seine eigenen Verhältnisse allen Ländern aufzwingt, hat der Kapitalismus die Welt in einen einzigen wirtschaftlichen und politischen Organismus verwandelt. Und geradeso wie der moderne Kredit Tausende von Unternehmen durch einen unsichtbaren Faden miteinander verbindet und dem Kapital erstaunliche Mobilität verleiht, unzählige kleine und partielle Krisen eliminiert und gleichzeitig die allgemeinen Wirtschaftskrisen unvergleichlich ernster werden lässt, so hat das gesamte wirtschaftliche und politische Funktionieren des Kapitalismus mit seinem Welthandel, seinem System monströser Staatsverschuldung und internationaler politischer Bündnisse, das alle reaktionären Kräfte in einer weltweiten Börsengesellschaft vereint, nicht nur allen politischen Teilkrisen standgehalten, sondern auch die Bedingungen geschaffen für eine soziale Krise von nie dagewesenen Dimensionen. Die Bourgeoisie hat alle pathologischen Prozesse verinnerlicht, den Schwierigkeiten ausweichend, die grundlegenden Fragen der Innen- und Außenpolitik beseiteschiebend und alle Widersprüche verdeckend, die Lösung aufgeschoben und gleichzeitig damit eine radikale weltweite Liquidation ihrer Vorherrschaft vorbereitet. Eifrig hat sie sich an jede reaktionäre Macht geklammert ohne ihren eigenen Ursprung in Frage zu stellen....

Von Anfang an verleiht diese Tatsache allen sich gegenwärtig entwickelnden Ereignissen einen internationalen Charakter und eröffnet großartige Aussichten. Die politische Emanzipation unter Führung der russischen Arbeiterklasse erhebt diese auf eine Höhe, die historisch beispiellos ist, versorgt sie mit kolossalen Mitteln und Ressourcen und macht sie so zum Initiator der weltweiten Vernichtung des Kapitalismus, wofür die Geschichte alle objektiven Voraussetzungen geschaffen hat.(42)

Diese Absätze weisen Trotzki als kommenden Strategen der sozialistischen Weltrevolution aus.

Abgesehen von der Bedeutung des monumentalen Streiks vom Oktober 1905 und der Gründung des St. Petersburger Sowjets bemühten sich die fortschrittlichsten sozialistischen Denker darum, die politischen Formeln zu entdecken, durch die der immer größere Widerspruch zwischen der wirtschaftlichen Rückständigkeit Russlands - das nach der konventionellen Interpretation des Marxismus nicht bereit für eine sozialistische Revolution war - und der unabweisbaren Realität in Übereinstimmung zu bringen, dass die Arbeiterklasse in der sich entfaltenden revolutionären Situation die entscheidende Kraft sein würde. Wohin würde die Revolution führen? Was würde die Arbeiterklasse erreichen können?

Parvus vertrat im November 1905 die Auffassung:

Das unmittelbare Ziel des russischen Proletariats ist es, eine Art Staatssystem zu erreichen, in dem die Forderungen nach Arbeiterdemokratie verwirklicht sind. Arbeiterdemokratie schließt alle extremsten Forderungen der bürgerlichen Demokratie ein, aber sie verleiht einigen von ihnen einen speziellen Charakter und schließt auch neue Forderungen ein, die streng proletarisch sind.(43)

Die russische Revolution, so erklärte er, "schafft eine besondere Verbindung zwischen dem Minimalprogramm der Sozialdemokratie und ihrem Endziel", und fuhr fort:

Das bedeutet nicht die Diktatur des Proletariats, deren Aufgabe die grundlegende Umwandlung der Produktionsverhältnisse im Lande ist, dennoch geht sie bereits über die bürgerliche Demokratie hinaus. Wir sind in Russland noch nicht bereit für die Aufgabe, die bürgerliche Revolution in eine sozialistische Revolution zu verwandeln, aber wir sind ebensowenig bereit, uns einer bürgerlichen Revolution unterzuordnen. Dies würde nicht nur den ersten Voraussetzungen unseres Programms widersprechen, sondern der Klassenkampf des Proletariats treibt uns ebenfalls vorwärts. Unsere Aufgabe ist es, die Grenzen der bürgerlichen Revolution zu erweitern, indem wir die Interessen des Proletariats in sie einschließen und innerhalb der bürgerlichen Verfassung selbst die größtmöglichen Gelegenheiten für einen sozialrevolutionären Aufstand schaffen."(44)

Selbst Parvus schien vor dem Problem der Rückständigkeit der russischen Wirtschaft und der politischen Dynamik der Arbeiterklasse zurückzuweichen.

Einen Monat später, in seinem Vorwort zu Marx` Rede über die Pariser Kommune, erklärte Trotzki, dass es eine Lösung für dieses Problem gebe. Ihre Voraussetzung liege darin, zu begreifen, dass die Beziehung zwischen dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte eines Landes und der Fähigkeit seiner Arbeiterklasse zur Machteroberung nicht mechanischer Art sei. Die revolutionäre Partei müsse darüber hinaus andere Faktoren berücksichtigen, wie "die Verhältnisse des Klassenkampfs, der internationalen Lage und schließlich eine Reihe subjektiver Faktoren, zu denen Tradition, Initiative und die Bereitschaft zu kämpfen gehören".(45) Welcher Schluss war aus dieser Einsicht zu ziehen? Trotzki erklärte: "In einem rückständigen Land kann das Proletariat rascher an die Macht kommen als in einem Land mit höchst entwickeltem Kapitalismus."(46) Ein halbes Jahrhundert sozioökonomischer Entwicklung, Jahrzehnte theoretischer Arbeit und die Erfahrung einer Revolution waren nötig, um zu dieser Schlussfolgerung zu kommen.

Trotzki hatte zu diesem Zeitpunkt die grundlegenden Züge seiner Theorie der Permanenten Revolution bereits ausgearbeitet. In der Tat finden sich Passagen aus seiner Einleitung zu Lassalles Verteidigungsrede und aus seinem "Vorwort" zu Marx´ Rede über die Pariser Kommune in Ergebnisse und Perspektiven wieder. Als er dieses wichtige Werk vorbereitete, fand Trotzki jedoch weiterhin Ermutigung und Inspiration in den Schriften Kautskys.

Zu den wichtigsten Dokumenten, die sich in Day und Gaidos Anthologie finden, gehört ein recht unbekanntes Werk Kautskys vom Februar 1906, Der amerikanische Arbeiter. Es entstand als Antwort auf eine Studie des deutschen Soziologen Werner Sombart (1863-1941) über die amerikanische Gesellschaft mit dem Titel Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus? Das war eine wichtige Frage. Ihre politische Bedeutung war unverkennbar: Welche Zukunft hat der Sozialismus, wenn er unfähig ist, in der Arbeiterklasse des fortschrittlichsten kapitalistischen Landes Masseneinfluss zu gewinnen? Eine weitere wichtige theoretische Frage durfte nicht übergangen werden. Wie war im Rahmen der marxistischen Theorie das Paradox zu erklären, dass der Sozialismus in den Vereinigten Staaten, dem am weitesten entwickelten kapitalistischen Land, nur schwer Fuß fasste, während er in Russland, wo der Kapitalismus am geringsten entwickelt war, in großem Tempo Unterstützung gewann? Wie war dieses Paradox zu erklären? Und noch eine andere Frage wurde aufgeworfen. Wenn, wie Marx gezeigt hatte, die fortgeschrittenen Länder den weniger entwickelten das Muster ihrer zukünftigen Entwicklung zeigten, was hatte es dann mit dem "nicht-sozialistischen" Entwicklungsmuster des am weitesten fortgeschrittenen und mächtigsten Landes der Welt auf sich? Sombart zog einen höchst konservativen Schluss, indem er argumentierte, dass die Vereinigten Staaten Europa seine Zukunft zeigten.

Kautsky wandte sich dagegen. Sombarts Behauptung, schrieb er, könne nur "mit Einschränkung" akzeptiert werden. Der Irrtum des Soziologen bestand darin, die amerikanischen Verhältnisse einseitig aus einer komplexen Gesamtheit wirtschaftlicher, sozialer und politischer Verhältnisse zu abstrahieren, die sich auf der Grundlage der globalen Entwicklung des Kapitalismus herausgebildet hatten. Sombart hatte nicht erkannt, dass das Muster der Entwicklung, mit dem Marx sehr vertraut war, nämlich dasjenige Englands, sich in anderen Ländern nicht einfach wiederholt hatte. England hatte zu Marx´ Zeiten die am höchsten entwickelte Industrie besessen. Aber der Fortschritt des Industriekapitalismus erzeugte Gegentendenzen in Form des proletarischen Widerstands und proletarischer Organisationen. So bildeten sich in England der Chartismus und später die Gewerkschaften und die Sozialgesetzgebung heraus. Aber dieser Prozess, der vom Wechselspiel kapitalistischer Entwicklung und Widerstandsaktionen der Arbeiterklasse geprägt war, erzeugte kein allgemeingültiges "Muster":

Kautsky erklärte:

Heute gibt es eine ganze Reihe von Ländern, in denen das Kapital das ganze ökonomische Leben beherrscht; aber keines hat alle Seiten der kapitalistischen Produktionsweise in gleichem Maße entwickelt. Namentlich sind es zwei Staaten, die als Extreme einander gegenüberstehen, von denen jeder ein anderes der beiden Elemente dieser Produktionsweise unverhältnismäßig stark, das heißt mehr als der Höhe seiner Entwicklung entspricht, zur Geltung kommen sieht: Amerika die Klasse der Kapitalisten, Russland die der Proletarier.(47)

Welches Land würde dann Deutschland seine Zukunft zeigen? Auf diese Frage antwortet Kautsky:

Deutschlands Ökonomie steht am nächsten der amerikanischen. Deutschlands Politik am nächsten der russischen. So zeigen uns auch beide Länder unsere Zukunft; sie wird halb amerikanischen, halb russischen Charakters sein. Je mehr wir Russland und Amerika studieren, je besser wir beide begreifen, desto klarer werden wir auch unsere eigene Zukunft verstehen. Das amerikanische Beispiel allein wäre ebenso irreführend wie das russische.

Es ist allerdings eine eigentümliche Erscheinung, dass gerade das Proletariat Russlands uns unsere Zukunft zeigen sollte. Soweit sie nicht in der Organisation des Kapitals, sondern in der Empörung der Arbeiterklasse ihren Ausdruck findet; ist doch Russland unter allen großen Staaten der kapitalistischen Welt der rückständigste. Es scheint das in Widerspruch zu der materialistischen Geschichtsauffassung zu stehen, wonach die ökonomische Entwicklung die Grundlage der politischen bildet. Aber es steht bloß im Widerspruch zu jener Art materialistischer Geschichtsauffassung, die unsere Gegner und Kritiker vorführen, die unter ihr eine fertige Schablone verstehen, nicht eine Methode der Forschung. Sie lehnen die materialistische Geschichtsauffassung ab, weil sie unfähig sind, sie zu begreifen und fruchtbringend zu handhaben.(48)

Es ist nicht möglich, ohne diese Besprechung erheblich zu verlängern, Kautskys Erklärung der Besonderheit der politischen Entwicklung Amerikas zu untersuchen. Es mag genügen, dass Kautsky eine höchst aufschlussreiche Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Umstände liefert, die es dem Sozialismus außerordentlich erschwerten, in Amerika ebensolche Fortschritte zu machen wie in Europa. Zu den Faktoren, auf die er hinweist, gehört die Weise, wie der amerikanische Kapitalismus durch seinen Reichtum einen großen Teil der Intellektuellen korrumpierte, wodurch sie den politischen und sozialen Bedürfnissen der Arbeiterklasse gegenüber gleichgültig wurden. Dennoch, so schloss Kautsky, würde der Sozialismus trotz vieler Hindernisse schließlich in den Vereinigten Staaten große Fortschritte erzielen.

Kautskys Der amerikanische Arbeiter übte großen Einfluss auf Trotzki aus, wie er in Ergebnisse und Perspektiven ausdrücklich anerkannte. Er nahm in seinen Artikel Passagen aus dem oben zitierten Absatz auf. Niemals leugnete Trotzki, wieviel er und andere seiner Generation Kautsky verdankten. Trotzki vergab Kautsky seinen späteren Verrat nicht, aber er sah keine Notwendigkeit, dessen Verdienste herabzuwürdigen oder gar zu leugnen. Trotzki gedachte Kautskys anlässlich dessen Todes 1938 "als unseres alten Lehrers, dem wir seinerzeit viel zu verdanken hatten, der sich aber von der proletarischen Revolution lossagte und von dem wir uns folglich lossagen mussten".(49)

Kautskys wichtiger Beitrag zu Trotzkis Ausarbeitung der Theorie der Permanenten Revolution muss deshalb so stark hervorgehoben werden, weil die kleinbürgerliche antimarxistische Linke viel Tinte vergossen hat, um das theoretische Erbe des Sozialismus, zu dessen Ausarbeitung Kautsky einen großen Beitrag leistete, vollständig zu diskreditieren. Die Verleumdung der Gesamtheit von Kautskys Werk durch die Frankfurter Schule, verstärkt und verbreitet von ihren Ausläufern in Form diverser Spielarten des kleinbürgerlichen Radikalismus, diente nicht dazu, den Charakter und die objektiven Quellen der Schwächen der Sozialdemokratie vor 1914 zu erklären, sondern richtete sich gegen deren größte Stärke - dass sie sich auf die Arbeiterklasse stützte und sich um deren politische und kulturelle Bildung bemühte. Das Studium der Schriften Kautskys, die entstanden, bevor er dem politischen Druck nachgab, der in der Zeit vor 1914 auf die Sozialdemokratie einwirkte, ermöglicht ein tieferes Verständnis der Entwicklung des marxistischen Denkens - das von Lenin und Trotzki eingeschlossen. Dieser Rezensent unterstützt vorbehaltlos die Worte, mit denen Day und Gaido ihre Einführung in diesen großartigen Band abschließen:

Die Theorie der permanenten Revolution stand jahrzehntelang im Brennpunkt der Auseinandersetzungen nicht nur zwischen Trotzkis Anhängern und seinen Kritikern, sondern auch unter akademischen Historikern. Aber vor dem Gericht der Geschichte, das verstand Trotzki in seinem Urteil über Kautsky sehr gut, erfordern Fairness und Anstand, dass die Mitwirkenden uneingeschränkt Gelegenheit erhalten, für sich selbst zu sprechen.(50)

Von 1903 bis 1907 erlebten die Ideen des Marxismus über Politik und Gesellschaft eine außerordentliche Weiterentwicklung. Diese Dokumente führen uns zurück in eine Zeit, in der das politische Denken unvergleichlich höher stand als heute. Diese Rezension konnte trotz ihres Umfangs nur einen flüchtigen Eindruck der Schätze vermitteln, die in Witnesses to Permanent Revolution enthalten sind. Es ist unvermeidlich, dass so komplexe und umfassende Dokumente, wie sie in dieser Anthologie vorgestellt werden, verschieden interpretiert werden. Ich habe gezeigt, an welchen Stellen ich mit dem Urteil von Richard Day und Daniel Gaido nicht übereinstimme. Aber dies verringert nicht im Geringsten meine große Wertschätzung, die von vielen Sozialisten geteilt werden wird, für ihren wichtigen Beitrag zur Wiederbelebung des Interesses an der Entwicklung der revolutionären Theorie im zwanzigsten Jahrhundert.

Anmerkungen:

(1) Leo Trotzki, Der neue Kurs, Berlin 1972, S. 69

(2) Marx: Zur Judenfrage, S. 23. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 448 (vgl. MEW Bd. 1, S. 357)

(3) Marx/Engels: Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, S. 9. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 11385 (vgl. MEW Bd. 7, S. 247-248) Hervorhebung hinzugefügt

(4) Marx/Engels: Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, S. 8. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 11384 (vgl. MEW Bd. 7, S. 247)]

(5) Marx/Engels: Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, S. 21. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 11397 (vgl. MEW Bd. 7, S. 254)

(6) Day und Gaido, S. 63 [Der Artikel erschien ursprünglich russisch in der Zeitschrift Iskra Nr. 8, 10. März 1902, deutsche Übersetzung: siehe: Märzfeier 1902, Festschrift der Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand zum Gedenktag der Revolution von 1848].

(7) ebd., S. 181, [Karl Kautsky: Wie weit ist das Kommunistische Manifest veraltet? In: Leipziger Volkszeitung, 23.,25., 27. Juli 1904, Nr. 166, 170, 172, das Zitat stammt aus Teil III, 27. Juli 1904. Kautskys Aufsatz sollte zum Vorwort der geplanten neuen polnischen Ausgabe des Kommunistischen Manifests dienen.]

(8) Day and Gaido, S. 569

(9) ebd, [Marek Waldenberg, Kautsky, Warschau 1976; Erich Matthias, Kautsky und der Kautskyaniamus, Tübingen 1957]

(10) ebd.,S. 223 [vergl. Kautsky, Karl, Allerhand Revolutionäres: (Fortsetzung) /. - [Electronic ed.]. In: Die neue Zeit: Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. - Jg. 22.1903-1904, 1. Bd.(1904), H. 21, S. 652 - 657

(11) ebd. S. 541[vergl. Karl Kautsky, Die Klassengegensätze im Zeitalter der Französischen Revolution : neue Ausgabe der Klassengegensätze von 1789/ von - [2. Aufl., Electronic ed.] - Stuttgart, 1908 - 80 S. = 4,7 MB PDF-Files. - (Kleine Bibliothek Stuttgart; 3) Früher u.d.T.: Die Klassengegensätze von 1789. - Electronic ed.: Bonn : FES Library, 2007, S. 53]

(12) Kautsky, Karl, Der amerikanische Arbeiter : (Fortsetzung) [Electronic ed.]. In: Die neue Zeit : Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. - Jg. 24.1905-1906, 1. Bd.(1906), H. 23, S. 740 - 752

(13) Day und Gaido, S. 36 [Rudolf Hilferding an Karl Kautsky, 14. November 1905]

(14) Day und Gaido. S. 376 [vergl. Kautsky, Karl, Die Folgen des japanischen Sieges und die Sozialdemokratie / von K. Kautsky. - [Electronic ed.]. In: Die neue Zeit : -Jg. 23.1904-1905, 2. Bd.(1905), H. 41, S. 462

(15) Day und Gaido, 407 [Kautsky, a.a. O. H. 43, S. 537]

(16) Day und Gaido, S. 374 Theodor Bömelburg, Rede auf dem Fünften Kongress der Gewerkschaften Deutschlands, abgehalten zu Köln am Rhein vom 22. Bis 27. Mai 1905, Berlin 1905, S. 215ff, in: Die Massenstreikdebatte, hrsg. von Antonia Grunenberg, Frankfurt 1970, S. 353)

(17) ebd. S. 375 (Rede von Karl Legien auf dem SPD Parteitag Mannheim 1906, in: Die Massenstreikdebatte, hrsg. von Antonia Grunenberg, Frankfurt 1970, S. 396)

(18) ebd. S. 70 [vergl. Hrsg. Külow, Volker, David Rjasanow - Marx-Engels-Forscher. Humanist Dissident, Berlin 1993, S. 241]

(19) ebd. S. 70

(20) ebd. S. 133-34, aus dem Englischen [Ryazanov, N,, Materialydlya vyrabotkipartiinoi programmi, vyp. Januar Novaya programma Vypusk II: Proekt programmy ‘Ískry’ i zadachi Russkihk Sotsial-Demokratov, Genf, 1903, S. 295-298]

(21) ebd. S. 121-22.[Ryazanov, a.a. O., S. 230-232]

(22) Lenin, W. I, Was tun?, Berlin 1970, S. 72,

(23) Day und Gaido, S. 70 [Larsson, Reidar, Theories of Revolution; From Marx to the first Russian Revolution, Stockholm 1970]

(24) ebd, S. 473, aus dem Englischen, [Ryazanov, N., Ocherednye voprosy nashevo dvizheniya, Genf, 1905, S. 3-7]

(25) Trotzki, Leo, Drei Konzeptionen der russischen Revolution (1939)

(26) Lenin, W. I .: Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, in: Ausgewählte Werke, Band I, Berlin, 1970, S. 566f

(27) Trotzki, Leo, Drei Konzeptionen...,

(28) Day und Gaido, S. 257

(29) Lenin, Zwei Taktiken..., a.a.o., S. 558

(30) Trotzki, Mein Leben, Frankfurt 1974, S. 150

(31) Day und Gaido, S. 261 [aus dem Englischen übersetzt Parvus, Rossiyai revolyutsia, St. Petersburg 1907]

(32) ebd.

(33) ebd., S. 267, [aus dem Englischen]

(34) ebd. S. 267-269 [aus dem Englischen]

(35) ebd., S. 282-284 [Aus dem Englischen, der Aufsatz erschien in: Nasha revolyutsiya, St. Petersburg 1906]

(36) ebd.. S. 247, [Kautsky, Allerhand Revolutionäres, in: Die neue Zeit, (Electronic ed.) Jg. 22, 1903-1904, 1. Bd. (1904], H. 23, S. 789]

(37) Day und Gaido., S. 236 [Kautsky ebd., S. 694]

(38) ebd., S. 334

(39) ebd., S. 347 [Aus dem Englischen, Trotzkis Einleitung erschien in: Ferdinand Lassalle , Rech´ pered sudom prisyazhnyhk´, St. Petersburg 1905 ]

(40) Day und Gaido, S. 411

(41) ebd., S. 416 [aus dem Englischen]

(42) ebd., S. 444-45 [aus dem Englischen]

(43) ebd. S. 493 [aus dem Englischen, Parvus, V chem myi raskhodimsya?, Genf 1905]

(44) ebd., Hervorhebung hinzugefügt [aus dem Englischen]

(45) ebd., S. 502 [aus dem Englischen, Trotzkis Vorwort zu Marx´ Parizhkaya Kommuna, geschrieben im Dezember 1905, erschien 1906 in St. Petersburg]

(46) ebd. [aus dem Englischen]

(47) ebd. S. 620-621 [Kautsky, Karl, Der amerikanische Arbeiter, [Electronic ed.]. In: Die neue Zeit : Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Jg. 24.1905-1906, 1. Bd.(1906), H. 21, S. 677

(48) ebd. S. 621 [Kautsky, ebd.]

(49) ebd., S. 58 [Trotzki, Leo, Schriften über Deutschland, Frankfurt/M, 1971, Bd. II, S. 751]

(50) ebd.

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