BP-Öl-Katastrophe dauert schon 75 Tage

Von David Walsh
9. Juli 2010

Mehr als 75 Tagen ergießt sich jetzt schon Rohöl aus der zerstörten Ölbohrinsel Deepwater-Horizon in den Golf von Mexiko. Obwohl BP und die US-Regierung alles nur Mögliche getan haben, um die Menge an austretendem Öl herunterzuspielen und zu verheimlichen, gehen Schätzungen von 580 Millionen bis 760 Millionen Liter aus. Die Folgen sind unabsehbar.

Die BP-Ölkatastrophe ist eine der schlimmsten ökologischen Katastrophen in der Geschichte, und dennoch erscheint nur noch selten auf den ersten Seiten der Zeitungen in den USA und bekommt kaum noch einen Platz auf den ersten Plätzen der Berichterstattung in den Fernsehnachrichten. Bei den Medien und im politischen Establishment herrscht naturgemäß Nervosität, da die anhaltende Horrorgeschichte eine Anklage gegen einen riesigen Konzern und die politischen Interessen in Washington, die ihn verteidigen, darstellt.

Die Verlautbarung vom 16. Juni, BP werde einen 20-Milliarden-Dollar-Fonds bereitstellen, auf die der Auftritt des BP-Geschäftsführers Tony Hayward vor dem Kongress folgte, war als Signal gedacht, die offizielle Schelte des Unternehmens einzustellen. Die US-Medien haben dann auch entsprechend reagiert. Wie Reuters am 1. Juli kommentierte: "Der britische Energieriese hat zu Beginn der Krise harte Kritik auf sich gezogen, aber die politische Hitze hat sich wieder abgekühlt, seit Präsident Barack Obama das Unternehmen dazu gezwungen hat, einen 20-Milliarden-Dollar-Fonds für die Schäden einzurichten und seit die Gesetzgeber die leitenden BP-Angestellten bei Anhörungen im Kongress in die Zange genommen haben."

Aber der Fonds wird in Wirklichkeit nur einen Bruchteil der letztendlichen Kosten der Katastrophe abdecken, und Kenneth Feinberg, der von Obama-Regierung ernannt wurde, um die 20 Milliarden zu verwalten, hat seine Absicht deutlich gemacht, die Anspruchsberechtigung massiv zu beschränken. Der Miami Herald berichtet, wenn es um Entschädigungen gehe, so beschwerten sich Geschäftsinhaber und andere, dass BP nur "Pfennigbeträge" bezahle.

Was die Auswirkungen der Katastrophe auf die Bevölkerung und die Tier- und Pflanzenwelt der Region angeht, so werden die Nachrichten darüber schlichtweg immer schlimmer.

• Das Herannahen des Wirbelsturms Alex hat die Aufräumarbeiten im Golf von Mexiko gedrosselt oder ganz gestoppt. Hunderte von Schiffen für die Ölabschöpfung haben in den Häfen angelegt und sollten am Freitag letzter Woche dort bleiben. Der Admiral der Küstenwache, Thad Allen, erklärte: Die über 1,50 Meter hohen Wellen haben die meisten Boote, die Öl abgeschöpft haben, stark behindert. Fast alle außer den größten Booten mussten bis zum Wochenende still gelegt werden."

Der Sturm hat außerdem den Einsatz eines weiteren Schiffs verzögert, das in der Lage sein soll, 20.000 bis 25.000 Barrel Öl pro Tag aufzufangen.

In Folge des Winds und der Wellen und weil die Abschöpfaktivitäten eingestellt wurden, wurde das Öl in den letzten Tagen ungehindert auf den Strand und in die Marschlandschaft am Golf gespült. Craig Taffaro, der Präsident des Landkreises St. Bernard, Louisiana, erklärte gegenüber der Presse: "Wegen des Sturms mussten wir aufhören. Jetzt ist das Öl über die gesamte Insel Chandelier verbreitet, wir werden wieder rausgehen, um es wegzuräumen. Wir müssen wieder rausgehen und im Grunde wieder von vorn anfangen,"

Der Sturm "hat im Augenblick bedauerlicherweise Öl in größerem Ausmaß als in den letzten paar Tagen von der Spitze Floridas nach Louisiana transportiert", erklärte Robert Dudley, der Chef von BPs Instandsetzungsmaßnahmen an der Golf-Küste, in einem Interview gegenüber PBS.

Am vorigen Mittwoch haben Beamte des Staats Mississippi weitere Gewässer des Staats für den kommerziellen und Freizeit-Fischfang gesperrt; darunter für alle Flossenfische, Krebse, Krabben und Austern. Zirka 240 Pfund an Teerklumpen und -Stückchen waren an den Stränden am Tag zuvor eingesammelt worden.

• Letzte Woche wurde Öl an sieben der meist besuchten Strände von Mississippi gefunden, was die Touristen dazu zwang, den Strand zu verlassen. Das Wochenende des 4. Juli ist eines der besucherreichsten Wochenenden für den Tourismus der Golf-Küste im ganzen Jahr.

Das National Public Radio stellte fest: "Die Ölpest hat beinahe die gesamte Fremdenverkehrswirtschaft von Louisiana bis zur Spitze Floridas zerstört. Der Manager von 2100 Ferienwohnungen in Gulf Shores, Alabama, erklärte gegenüber NPA, dass es für das Ferienwochenende düster aussieht. Seine Wohnungen hatten eine Belegungsrate von 40 Prozent, "und wir hatten großes Glück damit". Normalerweise sind die Ferienwohnungen der Firma um diese Jahreszeit zu 98 Prozent ausgebucht.

Der Wirbelsturm Alex brachte den Stränden an Floridas Spitze starken Regen und stürmische Winde, wodurch Öl und Teer an Land gespült wurde. Der Pensacola-Strand war "verölt", als der Sturm Teerklumpen in der Größe von Tellern anschwemmte. Laut den Behörden von Escambia County wurde vom Pensacola-Strand "in einigen Strecken eine bis zu 30-prozentige Verschmutzung mit Teerklumpen und -Stückchen berichtet".

Beamte von Pensacol haben am 23. Juni eine Gesundheitswarnung herausgegeben und den Strand gesperrt, aber sie zwei Tage später widerrufen. In der Folge mussten sich zirka 400 Menschen nach einem Besuch der Strände des Bezirks medizinisch behandeln lassen, wegen Problemen der oberen und unteren Atemwege, Kopfschmerzen, Übelkeit und Augenreizungen, erklärte der Direktor des Gesundheitsamts Dr. John Lanza.

Das Gesundheitsamt von Louisiana berichtet, dass 108 Arbeiter durch ihre Arbeit am Ölteppich krank geworden sind. Der Christian Science Monitor berichtete: "Die Auswirkungen auf die Gesundheit durch das Öl und die chemischen Dispergenzien, die bei der Reinigung benutzt werden, sind ein Hauptproblem der Ölpest im Golf geworden. Viele der Arbeiter, die bei der Säuberungsaktion eingesetzt werden, hat man in Bussen aus einkommensschwachen städtischen Gebieten hergebracht, darunter auch aus Anniston, Ala. Ein Vertragsarbeiter von BP erklärte einem Monitor -Reporter am 25 Juni an einem Kai in Bon Secour, Alabama, ‘Stell den Arbeitern keine Fragen.’"

Die Zeitung brachte am 26. Juni einen Bericht mit der Überschrift: "Ölpest am Golf: Kann der,toxische Sturm’ die Städte am Strand unbewohnbar machen?" Der Bericht stellt in Aussicht: "Für den Fall, dass ein Wirbelsturm den 250 Meilen breiten Ölteppich über die Dünen und in die Städte am Strand treibt, befürchten die Bewohner, dass es nicht nur Massenevakuierungen geben wird, sondern womöglich eine dauerhafte Umsiedlung."

Ein annähernd 700 Kilometer breiter Küstenstreifen der Golf-Küste ist "derzeit ölverschmutzt". Dazu gehören 114 Kilmeter in Florida, 417 Kilometer in Louisiana, 84 Kilometer in Mississippi und 78 Kilometer in Alabama.

• Zahlreiche Wissenschaftler warnen mittlerweile vor den Auswirkungen des Methangases, das in den Ozean abgegeben wird. Laut John Kessler, einem Meereskundler an der Texas A&M Universität, enthält das Öl, das aus dem Deepwater Horizon-Bohrloch austritt, zirka 40 Prozent Methan. "Das ist die stärkste Methan-Eruption in der modernen menschlichen Geschichte", erklärte Kessler letzte Woche gegenüber den Medien.

Als er von einer 10-tägigen Forschungsreise an den Golf zurückkehrte, merkte Kessler an: "Da gibt es eine unvorstellbare Menge an Methan." In manchen Gebieten "haben wir [Methan-Anteile] gefunden, die millionenfach über den Hintergrundwerten lagen".

Die enormen Mengen an Methan laufen Gefahr, die Meeresflora und -fauna zu ersticken und "Todeszonen" zu schaffen, wo der Sauerstoff so dezimiert ist, dass Leben unmöglich wird.

Larry Crowder, ein Meeresbiologe an der Duke-Universität erklärte gegenüber Reportern, es gebe schon Anzeichen dafür, dass Fische aus ihrem Lebensraum vertrieben werden. "Die Tiere stimmen schon mit ihren Flossen ab, um aus den ölverschmutzten Gebieten wegzukommen und von da, wo es möglicherweise einen Schwund an Sauerstoff gibt", bekräftigt er. "Wenn man sieht, wie Tiere ihre Ausbreitung ändern, dann sagt das etwas über die Qualität des Wassers weiter draußen vor der Küste. Im Wesentlichen kommen die Fische näher an die Küste, um in besseres Wasser zu gelangen.

Eine Parallele wäre: Warum laufen die wilden Tiere an den Rand eines Waldbrandes? Es wird eine Menge Fische, Haie und Schildkröten geben, die versuchen werden, aus diesem Wasser wegzukommen, das sie für ungeeignet halten", erklärte Crowder.

Und Samantha Joye von der Abteilung für Meereswissenschaft an der Universität von Georgia, erklärte laut Guardian bei einer Telefonkonferenz, dass "ihre bisherigen Forschungsergebnisse darauf hinweisen, dass die große Menge an Methan, die aus dem Bohrloch austritt, die Nahrungskette des Meeres aus dem Gleichgewicht bringen könne. Man befürchtet, dass solch hohe Konzentrationen das Wachstum von Mikroben fördern kann, die das Methan aufbrechen, aber auch den Sauerstoff verbrauchen, den die Meeresfauna und -flora zum Leben braucht, wodurch andere Lebewesen vertrieben werden."

Sie erklärte gegenüber den Medien: "Dieses Wasser kann völlig anoxisch [ein Zustand von extrem niedriger Sauerstoffkonzentration] werden, und das ist eine ziemlich bedenkliche Situation für alle Organismen, die Sauerstoff brauchen. Wir haben bisher kein Wasser ohne Sauerstoff gehabt, aber es gibt mit Sicherheit genügend Gas im Wasser, um den Sauerstoff auf Null zu reduzieren."

Eine Gruppe von Wissenschaftlern von der kalifornischen Universität Irvine hat eine schwerwiegende Luftverschmutzung über dem Golf von Mexiko entdeckt. Die Los Angeles Times berichtet, dass die Gruppe, "zu der auch der Nobelpreisträger F. Sherwood Rowland und der Vorsitzende des Fachbereichs Chemie, Donald Blake, gehört, eine Konzentration von giftigen Chemikalien wie Alkylnitrate, Methan, Hexan und Butan-Verbindungen entdeckt haben, die laut Studien Haut- und Augen-Reizungen und -verbrennungen hervorrufen oder zu Schwindel führen können... Die Konzentrationen sind höher, als diejenigen, die man in hoch belasteten städtischen Gebieten wie Los Angeles, Mexico City oder auf dem Gelände von Öltanklagern in Oklahoma gefunden hat."

• Die Empörung in der Öffentlichkeit über die Ölpest ist ständig gewachsen, obwohl sie kaum oder gar keinen Niederschlag in den Medien oder in Washington findet, dessen führende Persönlichkeiten aber selbstverständlich Mitleid mit der "misslichen Lage" von BP haben. Eine kürzlich durchgeführte Meinungsumfrage ergab, dass weniger als einer von vier Befragten glaubt, dass die Bundesregierung (24 Prozent) und BP (23 Prozent) alles ihnen Mögliche tun, um die Ölpest zu bekämpfen. Nur 19 Prozent finden das Verhalten von BP während der Ölkatastrophe angemessen.

Die Wut und die Frustration fordern ihren Tribut in der Region, da die Einwohner der Golf-Küste mit ansehen müssen, wie ihre Arbeitsplätze, ihre Strände und ihre Tierwelt systematisch zerstört werden. Die Associated Press berichtet: "Psychiater, die die Menschen nach Katrina behandelt haben und die Gruppensitzungen in Gegenden mit Ölverschmutzung abgehalten haben, erklären, die auftretenden Symptome seien mehr oder weniger dieselben: Wut, Angstzustände, Alkoholsucht, Depression, Selbstmordgedanken...

Das ist die zweite massive Traumatisierung von Kindern und Familien, die immer noch dabei sind, sich von Katrina zu erholen. Das ist unbekanntes Neuland", erklärte Dr. Irwin Redlener, Direktor des nationalen Zentrums für Katastrophenbewältigung an der Columbia Universität, der mit Überlebenden des Wirbelsturms Katrina gearbeitet hat.

"Alan Levine, der Sekretär für das Ressort Gesundheit und Krankenhäuser in Louisiana, hat am 28. Juni einen zweiten Brief geschrieben, in dem er von BP die Zahlung von 10 Millionen Dollar fordert, "um die psychologischen Folgen der Ölverschmutzung auf Einzelne und Familien lindern zu helfen". Levine wies darauf hin, dass die Therapeutenteams seines Ressorts "bereits tätig geworden sind und in den betroffenen Gebieten fast 2000 Menschen psychologisch behandelt haben; sie berichten von einer spürbaren Zunahme von Angstzuständen, Depression, Stress, exzessivem Alkoholkonsum, frühem Alkoholkonsum und Selbstmordgedanken."

Er fügte hinzu: "Das sind frühe Warnsignale von sich entwickelndem Drogenmissbrauch und Drogenabhängigkeit, psychischer Erkrankung, Selbstmord und Auseinanderbrechen der Familien, unter anderem Missbrauch des Ehepartners, Kindesmissbrauch, Drogenmissbrauch und Verwahrlosung der Kinder. Die Auswirkungen von elterlichem Stress, Wut, Angst, Drogenmissbrauch und psychischen Erkrankungen sind besonders tückisch für Kinder."

Siehe auch:
Das Profitsystem und die Ölkatastrophe
(26. Mai 2010)