US-Regierung lässt BP gewähren

Aussickerung und "ungeklärte Auffälligkeiten" nahe dem Macondo-Bohrloch

Von Tom Eley
23. Juli 2010

Der Sonderbeauftragte der US-Regierung für die Ölpest, der pensionierte Admiral der amerikanischen Küstenwache, Thad Allen, ließ am Montag Forderungen fallen, dass BP die Abdichtungskappe entfernt, die das Ausströmen von Öl aus der zerstörten Macondo-Quelle zum Stillstand gebracht hat. Allen äußerte, die Kappe, die seit dem 15. Juli angebracht ist, könne noch einen weiteren Tag an Ort und Stelle verbleiben, und er würde von Tag zu Tag entscheiden, ob sie weiterhin das Bohrloch vollständig verschließen sollte.

Allen traf diese Entscheidung, obwohl in der weiteren Umgebung des Bohrlochs ein Leck im Meeresboden entdeckt wurde, aus dem vermutlich Öl und Methangas ausströmen. Außerdem seien "ungeklärte Auffälligkeiten am Kopf des Bohrschachts" zutage getreten, wie es in einem Brief Allens an BP vom 18. Juli hieß. BP-Sprecher Mark Salt sagte am Sonntagabend, ihm lägen keine Informationen über das von Allen erwähnte Leck vor.

Am Nachmittag des 19. Juli bestätigte Allen, dass trotz der neuen Abdeckkappe Öl ausströme, es aber keinen Grund zur Besorgnis gebe.

Die Abdichtung des Bohrlochs wurde von der Küstenwache und BP anfangs als 48-Stunden-Test bezeichnet, um in dieser Zeit Druckmessungen im Bohrloch vorzunehmen. BP hatte zu einem früheren Zeitpunkt erklärt, dass der Druck bei 630 bar liegen sollte, und hatte später diese Angaben auf 550 und dann 520 bar korrigiert. Sollte die Messung einen geringeren Wert ergeben, so wurde mehrfach erklärt, könnte das darauf hindeuten, dass die Verrohrung des Bohrloches, die bis ca. 4.300 Meter unter den Meeresboden ragt, beschädigt ist. In diesem Fall müssten die Abdichtung beendet und die Druckmessungen abgebrochen werden, weil sich die Lage sonst verschlimmern könne.

Nach fünf Tagen liegt der gemessene Druck immer noch unter 480 bar und damit weit unter dem erwarteten Wert. Dennoch hat sich die Obama-Regierung der Forderung von BP gebeugt, die Abdichtung verschlossen zu halten.

Allen hatte wiederholt geäußert, dass die Ventile der Abdeckkappe nach dem 48-Stunden-Test unabhängig von den gemessenen Druckwerten geöffnet würden, damit Wissenschaftler die Daten auswerten könnten. Damit wäre für weitere drei Tage Öl ausgeströmt, um den Druck im Inneren des Bohrlochs zu mindern, ehe eine Reihe von Abpumpvorrichtungen an der neuen Abdichtvorrichtung angebracht werden könnten, erklärte Allen am 18. Juli.

BP hatte andere Vorstellungen und weigerte sich schlicht, die Abdichtungskappe wie anfangs vorgesehen zu öffnen. BP-Manager Doug Suttles setzte sich mit seiner Aussage am 18. Juli, dass die Ventile und die Abdichtungskappe verschlossen blieben, offen über Allens Vorgaben hinweg. BP hat sich außerdem geweigert, Daten aus den Tests bekanntzugeben.

"BP hat das annähernd eine Meile tiefe Bohrloch am Donnerstag abgedichtet und möchte es auch dabei belassen", meldete AP. "Die Regierung dagegen beabsichtigt, Öl an die Oberfläche zu pumpen, was den Druck auf das empfindliche Bohrloch mindern würde, um den Preis, dass das Öl drei weitere Tage in den Golf ausströmt... Die Regierung befürchtet, dass die Abdichtung des Bohrloches zum Austritt von Öl und Gas an anderen Stellen führt, wodurch der Meeresboden rissig und das Bohrloch zerstört würde".

Mehrere Kommentatoren haben auf einen naheliegenden Grund aufmerksam gemacht, aus dem BP unabhängig von Vorgängen unter dem Meeresboden die Abdichtung geschlossen halten will: Es geht darum, finanziellen Schaden abzuwenden, der nach der Menge des ausgeströmten Öls berechnet wird. Bei abgedichtetem Bohrloch könnte die Menge an Öl, die an anderer Stelle der Macondo-Quelle ausströmt, nicht gemessen werden.

"Sollte das Bohrloch abgedichtet bleiben, bis ein Ersatzbohrloch fertig gestellt ist, werden wir wohl nie genau bestimmen können, wie viel Öl an diesem Bohrloch ausgeströmt ist", sagte der Demokratische Abgeordnete Ed Markey aus Massachusetts. "Dann könnte BP die ausströmende Menge immer zu niedrig ansetzen und Milliarden an Strafzahlungen einsparen."

Allen ließ in seinem Brief auch durchblicken, dass BP keinen ungehinderten Zugang zur Überwachung des Bohrloches und der engeren Umgebung gewährt. "Der Test bleibt an die Bedingung gebunden, dass Sie den Zugang zu und die Koordination der Überwachungssysteme, zu denen auch Schiffe mit seismischen und Sonarmessgeräten, Unterwasserroboter und akustische Systeme gehören, uneingeschränkt sicherstellen", schrieb Allen. "Wenn Leckagen festgestellt werden, sind Sie angewiesen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, sofort Untersuchungen zu veranlassen und die Ergebnisse der Regierung binnen nicht mehr als vier Stunden mitzuteilen."

Experten in der Ölindustrie sehen es als sehr wahrscheinlich an, dass die Verrohrung des Bohrlochs im Meeresboden beschädigt wurde, vielleicht schon bei der eigentlichen Explosion.

"Die größten Sorgen machen wir uns um die Verrohrung des Bohrlochs", sagte John Hofmeister, ehemaliger Vorstand von Shell Oil, in einer online-Fragestunde der Washington Post. "Das Bohrloch ist nicht auf dem neuesten Stand. Der Druck und die Wucht der Explosion könnten die Verrohrung an einer oder mehreren Stellen beschädigt haben, insbesondere am Kopf der Quelle. Wenn an der Außenseite der Verrohrung eine geringe oder größere Menge Öl austritt, kann der Abdichtzylinder das nicht auffangen; das könnte die Ursache für die gegenwärtige Aussickerung sein."

Hofmeister sagte, die "kurzfristige Aufgabe ist es, den Abdichtzylinder zu öffnen und das ausströmende Öl in bereitstehende Schiffe abzupumpen." Sollte die Verrohrung beschädigt sein, fügte er hinzu, könnten die Ersatzbohrlöcher dem ausströmenden Öl vielleicht nicht standhalten. "Die Erfolgsaussichten sind ungewiss, doch im Moment ist das die beste Entscheidung".

In einem Interview mit dem Nachrichtendienst Bloomberg äußerte sich Carl Larry von Oil Outlooks and Opinions, ein Insider der Ölindustrie , über den ungewöhnlichen Gang der Ereignisse, die BP veranlassten, den Druck im Bohrloch zu messen, zeitweilig Ersatzbohrungen einzustellen, obwohl die Firma dies wochenlang als einzige verbleibende Möglichkeit bezeichnet hatte, und die Abdichtung trotz niedriger Druckwerte und Anzeichen für Leckagen geschlossen zu halten..

"Es gibt hier viele offene Fragen", meinte Larry. "Zunächst einmal, wusste BP eigentlich von einer zweiten Leckage in größerer Tiefe (unterhalb des Meeresbodens), und wie wollen Sie mit dieser zweiten Leckage umgehen? Wir sprechen jetzt also von zwei Leckagen, womit sich das Problem, was wir bereits haben, verschärft."

"Die Menge des ausgeströmten Öls, und wohl auch das Tempo, mit dem es nach Angaben von BP austrat, waren für diese Pipeline offensichtlich zu viel... Wir haben nie wirklich erfahren, welche Menge Öl ausgeströmt ist. Da stellt sich natürlich die Frage: wie wussten sie, oder warum wussten sie nicht, wie viel Öl ausströmte, und vielleicht haben sie auch gewusst, dass noch an anderer Stelle Öl austrat. Das sind wichtige Fragen, die unbedingt beantwortet werden müssen."

Hinter den Erfolgsaussichten einer funktionsfähigen Ersatzbohrung, sagte Larry, stehe jetzt "ein dickes Fragezeichen."

Niedrige Druckwerte könnten auch von dem Versiegen der Ölquelle herrühren, von der man angenommen hatte, dass sie viele Milliarden Liter Öl berge. Laut AP würde dies heißen, dass mehr als die von der Regierung geschätzten 380-720 Millionen Liter Öl in den Golf geströmt sind.

Dass dem so ist, dafür spricht auch die Auffangkapazität der Schiffe, die BP nach und nach über der Macondo-Quelle positioniert hat. Wenn die Abdichtung aufgegeben wird, würde ein weiteres Containerschiff die mögliche Tagesaufnahme auf 80.000 Barrels anheben. Sollte dies der täglichen Menge des ausgeströmten Öls entsprechen, dann wären ca. sechs Mio. Barrel Öl in den Golf geströmt, ehe BP am 15. Juli den neuen Abdichtzylinder anbrachte.

Siehe auch:
Die Ölkatastrophe im Golf: Das Billionen-Verbrechen eines Großkonzerns
(17. Juni 2010)