Wirtschaftlicher Rückgang in China befürchtet

Von John Chan
9. Juli 2010

Zunehmende Unsicherheiten bezüglich der Wirtschaft Chinas haben weltweit zu einer enormen Baisse an den Aktienmärkten beigetragen. Unter der Bedingung einer Serie von Streiks in der noch im Aufbau befindlichen Autoindustrie des Landes nimmt die allgemeine Verunsicherung wegen der ungezügelten Immobilienspekulation und der Wirksamkeit der Konjunkturprogramme der Regierung ständig zu.

Unmittelbarer Auslöser war die Veröffentlichung des Leitindexes für Chinas Wirtschaft, den das in New York ansässige amerikanische Conference Board am Montag vergangener Woche ermittelt hatte. Der Anstieg des Index, der für April ursprünglich mit 1,7 Prozent notiert wurde, wurde extrem nach unten auf 0,3 Prozent korrigiert und löste damit Befürchtungen über einen Wirtschaftsrückgang in China für die zweite Jahreshälfte aus. Nach einer Wachstumsrate von 12 Prozent im ersten Quartal prognostiziert das Conference Board nun nur noch eine jährliche Rate von 9 Prozent.

Bill Adams, Ökonom bei der chinesischen Zentrale des Conference Board in Beijing teilte den Medien mit: "Der tendenzielle Anstieg (des Index) gab seit Mitte letzten Jahres nach, was nahelegt, dass keine gesunde Ausgangsbasis für zunehmendes Wachstum mehr vorhanden ist. Die meisten Komponenten (des Index) stiegen zwar an, im April jedoch fielen die Konsumprognosen, und in den vergangenen Monaten gab es einen Rückgang neuer Exportaufträge.

Nachrichten über Wachstumskorrekturen wurden wegen der Sorgen über das europäische Bankensystem und die Verschlechterung amerikanischer Verbraucher- und Beschäftigungskennzahlen zum Topthema, was in der Konsequenz die Gewinne weltweit fallen ließ. Jedes Stocken in Europa und den USA hat Auswirkungen auf die Nachfrage chinesischer Waren und addiert sich zu den Befürchtungen über einen Wachstumsrückgang in China. Auch die Weltbank rechnet mit einem Rückgang in China und sagt für dieses Jahr eine Wachstumsrate von 9,5 und für 2011 von 8,5 voraus

Der Kombinierte Index (Schanghai) fiel am 29, Juni um 108,23 Punkte oder 4,3 Prozent. Dies war die größte Senkung seit dem 17. Mai und der niedrigste Tagesabschluss seit 14 Monaten. der Schanghaier Wert fiel in diesem Quartal um insgesamt 22 Prozent.

Die hohen Wachstumsraten in China während der vergangenen zwei Jahre konnten durch das massive Konjunkturprogramm der Regierung mit einer enormen Steigerung an Bankkrediten ab Ende 2008 aufrechterhalten werden. Im Jahr 2009 verliehen die Banken 9,6 Billionen Yuan (1,11 Billionen Euro), obwohl die Regierung begann, Kreditvergaben einzuschränken. Zielvorgabe sind immer noch 7,5 Billionen. Bei rückläufigen Exporten und mangelnden Möglichkeiten, im Produktionsbereich zu investieren, wurde ein großer Teil der leicht zugänglichen Kredite von Immobilienspekulanten zum Hochtreiben der Wohnungspreise eingesetzt.

Es wird befürchtet, dass die Immobilienblase in China platzt, was gefährliche Implikationen für das Finanzsystem des Landes haben könnte. Sun Mingchun, Ökonom bei der Holding Nomura, warnte am 16. Juni auf Bloomberg Television, die Immobilienpreise in China könnten in den nächsten 12-18 Monaten um 20 Prozent fallen, nachdem sie letztes Jahr um 22 Prozent angestiegen sind.

Ein Einbrechen der Immobilienpreise birgt die Gefahr einer umfassenden Schuldenkrise in sich. Vor kurzem veröffentlichte der Nationale Rechnungshof einen Bericht über die Verschuldung lokaler Verwaltungen, die schon zwischen 100 und 365 Prozent ihrer Gesamteinnahmen liegt. Die Verschuldung von 18 überprüften Provinzen, 16 Städten und 36 Verwaltungsbezirken beträgt 2,79 Billionen Yuan (1,5 Billionen Euro); wovon 40 Prozent davon Ergebnis der gelockerten Kreditvergaben von 2009 sind. Schätzungen zu Folge liegt Gesamtverschuldung aller Verwaltungseinrichtungen zwischen 6 und 11 Billionen Yuan.

Nach in der Financial Times veröffentlichten Untersuchungen von China Confidental könnten sich um die 234 Milliarden Euro offener Darlehen an Investitionsprojekte regionaler Verwaltungen als faule Kredite erweisen. Das Risiko einer umfassenden Finanzkrise wird durch die chaotische Schattenwirtschaft chinesischer Banken noch erhöht. Dieses System boomt derzeit offenbar, da die Investoren nach höheren Gewinnmargen, als dem offiziellen Zinssatz von 2,25 Prozent trachten. Der Markt in diesen trüben Finanzgewässern wird auf 515 bis 1.026 Milliarden Euro oder 10 bis 20 Prozent des offiziellen Schuldenstands Ende Mai geschätzt, so die Financial Times.

Gleichzeitig heizen billige Kredite und steigende Immobilienpreise die Inflation, die Hauptursache für die vor kurzem im Mai bei den Autofirmen von Honda beginnenden Streiks, an. Eine vorletzte Woche veröffentlichte Konsumenten-Analyse der chinesischen Zentralbank ergab, dass 58,9 Prozent der Befragten der Meinung sind, die Preise seien zu hoch - der höchste Wert der letzten 10 Jahre und 7,9 Prozent mehr als im vorherigen Quartal. Der Prozentsatz derjenigen, die sagten, die Immobilienpreise seien "untragbar" war mit 72,5 Prozent auf Rekordhöhe.

In den herrschenden Kreisen Chinas und auch international wird diskutiert, wie auf die Forderung nach höheren Löhnen zu reagieren sei. In den meisten Fällen wurden durch die Streiks bedeutende Lohnerhöhungen erreicht. Viele Lokalverwaltungen kündigen die Anhebung des offiziellen Mindestlohns an. Während einige Kommentatoren für begrenzte Lohnerhöhungen eintreten, geben andere zu bedenken, dass jedes Entgegenkommen eine bedrohliche Unterminierung von Chinas Rolle als Billiglohnland nach sich ziehen könne. Einig sind sie sich alle dabei, dass das Regime soziale Unruhen eindämmen und jede Infragestellung der kapitalistischen Ordnung unterbinden muss.

Vorletzten Sonntag rief Ministerpräsident Wen Jiabao regionale Verwaltungen und Betriebe auf, durch eine Erhöhung der Entlohnung der Arbeiter "harmonische Beschäftigungsverhältnisse" zu etablieren. Gleichzeitig bestand er darauf, dass es Lohnerhöhungen nur "in Kongruenz zu Produktivitätszuwächsen" geben sollte. Das heißt, die Arbeiter müssen mehr produzieren, um begrenzte Lohnerhöhungen zu erreichen.

Schon jetzt bewegen höhere Löhne Firmen aus südlichen und östlichen Küstenregionen in Gebiete mit niedrigeren Löhnen im Landesinnern überzusiedeln. Vergangene Woche kündigte Foxconn an, 300.000 Arbeitsplätze von Shenzhen in eine neue Fabrik in der Provinz Henan zu verlegen. Die Firma musste in Shenzhen die Löhne erhöhen, nachdem die Medien einer Selbstmordwelle in dem Riesenkomplex mit breiter Aufmerksamkeit begegneten. Einige bedeutende Westfirmen, darunter Apple, gestanden Foxconn nur widerstrebend zu, dass es auf die höheren Löhne mit höheren Preisen reagierte.

Vorletztes Wochenende erklärte der Goldman Sachs Manager Fred Hu in einer Rede auf einem Forum in Shanghai, höhere Löhne seien für Chinas Exportindustrie eine viel größere Gefahr als eine Aufwertung des Yuan. Er warnte, transnationale Gesellschaften könnten die Verlagerung ihrer Produktion in billigere Länder, wie nach Indien oder Vietnam, ins Auge fassen.

Hu forderte Beijing auf, den Streiks und Hoffnungen auf soziale Verbesserungen ein Ende zu bereiten. Seine Argumentation markierte er mit einer geringschätzigen Bemerkung über die griechischen Arbeiter: "Die griechische Schuldenkrise resultiert letztendlich aus einer ungesunden Sozialpsychologie, die entsprechende Erwartungshaltungen mit sich bringt, eine spendablere Regierung, Genuss sozialer Wohltaten, mehr konsumieren als sparen und nicht schwer arbeiten wollen. So kam das Land in die Schuldenkrise.

Die Bemerkungen Hus provozierten verärgerte Kommentare an die Web-Site Caijin, auf der über seine Rede berichtet worden war. Einer prangerte Hu als "Komprador" westlicher Kapitalisten an. Ein Weiterer verglich ihn mit dem Trottel von chinesischem Kaiser der hungernden Bauern den Rat gab, Fleischsuppe zu essen - mit anderen Worten, mit jemandem, der jeglichen Bezug zur Realität verloren hat. Ein Dritter schrieb, die derzeitigen Streiks widerspiegelten "das extreme soziale Ungleichgewicht in der Verteilung" und warnte, dass "historisch politische Unruhen auf Streikwellen folgen und zum Niedergang von Regierungen führen." Dieser Blogger ermahnte die Regierung, sie solle eher ausgleichend eingreifen, als die Streiks zu unterdrücken, sie solle die Verteilung des Besitzes wieder ausbalancieren.

Hus Ausführungen waren ein kaum verhüllter Appell an die chinesische Regierung, die Streiks niederzuschlagen. Bis jetzt schreckte Beijing zwar aus Angst, noch größeren Aufruhr auszulösen, vor dem Rückgriff auf umfangreiche Polizeieinsätze gegen die Streikenden zurück. Es hat jedoch die Polizei schon in Alarmbereitschaft versetzt und wird nicht zögern, sie auch einzusetzen, sollte sich eine sich breitere politische Bewegung der Arbeiterklasse entwickeln.