Schein-Lohnerhöhungen erzürnen chinesische Arbeiter

Von John Chan
15. Juli 2010

Eine Serie von Streiks chinesischer Arbeiter, vor allem in Autofabriken, führte in den vergangenen Monaten zu scheinbar kräftigen Lohnerhöhungen. Gleichzeitig konzentrierte sich das Interesse der Medien nach einer Flut von Selbstmorden in der riesigen Elektronikfabrik Foxconn auf die ausbeuterischen Bedingungen, denen junge Arbeiter dort ausgesetzt sind. Um sein angekratztes öffentliches Image zu verbessern, kündigte Foxconn großzügige Lohnerhöhungen und verbesserte Arbeitsbedingungen an.

Nun sind in der Hongkonger und der chinesischen Presse Artikel erschienen, die diese schlagzeilenwirksamen Lohnerhöhungen als Betrug entlarven. Die Wirtschaftszeitung China Times, wies am 4. Juli darauf hin, dass die Angestellten bei Foxconn trotz einer Erhöhung der Grundlöhne schlechter dran seien als zuvor. Die angekündigten Lohnaufschläge beliefen sich auf 122 Prozent, aber eine drastische Kürzung bei den Überstunden, begleitet von einer Aufstockung der Arbeitslast, bedeutet eine tatsächliche Einkommenssenkung um fast ein Drittel.

Ein Fließbandarbeiter sagte der China Times : "Nachdem ich von den Lohnerhöhungen gehört hatte, war ich sehr aufgeregt, denn ich rechnete mit 2500 bis 2600 Yuan, aber das Ergebnis heißt: Streichung der Überstunden und dadurch scharfe Einkommenseinbußen." Er erklärte, dass er bisher einschließlich Überstunden 1900 Yuan verdient hätte, im Juni aber gerade einmal 1300 Yuan. Gleichzeitig nahm seine Arbeitsbelastung zu. Während er bisher 15 Teile pro Stunde zusammensetzen musste, sind es nun sechzehn bis siebzehn.

Andere Firmen in der südchinesischen Provinz Guangdong bedienen sich des gleichen Tricks wie Foxconn. Ein Arbeiter in einer Fabrik für Autoteile in Foshan, wo die Streiks in den Hondafabriken stattfanden, erzählte der China Times, dass ihm "eine Lohnerhöhung aufgezwungen worden sei". Der Arbeiter: "Vor der Lohnerhöhung betrug unser Grundlohn 850 Yuan pro Monat, plus einer 80-Yuan-Anwesenheitszahlung, aber nachdem unser Lohn auf 920 Yuan angehoben wurde, gab es keine Sonderzahlungen mehr." In anderen Worten: Die Lohnerhöhung war in Wahrheit eine Lohnsenkung.

Arbeiter einer Spielzeugfabrik in der Gemeinde Houjiee in der Provinz Dongguan beschwerten sich über ähnliche Täuschungsmanöver. Ihr Chef versprach ihnen 200 Yuan mehr pro Monat, verlangte fortan aber 150 Yuan pro Monat für Verpflegung, die vorher umsonst zur Verfügung gestellt worden war. Somit betrug die Lohnerhöhung gerade einmal 50 Yuan pro Monat, oder 7,40 US-Dollar.

Die Lohnerhöhungen bei Foxconn waren Teil einer sorgfältig orchestrierten PR-Maßnahme, die nicht nur darauf abzielte, die Arbeiter zu beschwichtigen. Sie sollte auch internationalen Großkonzernen wie Apple, Nokia und Sony zeigen, dass ihr Konzernimage nicht durch die Enthüllung unmenschlicher Ausbeutungsbedingungen leiden werde.

Das South China Morning Post Magazine wies in seiner Juniausgabe auf den weitverbreiteten Unmut unter Arbeitern der gigantischen Foxconn-Anlage in Shenzhen hin, in der 420.000 Menschen arbeiten. Die Lohnerhöhung um 33 Prozent für die Foxconn-Arbeiter in Shenzhen auf 1200 Yuan pro Monat lag nur geringfügig über der örtlichen Lohnuntergrenze. Ein Arbeiter erklärte: "Die Leute von Foxconn sind sehr schlau; sie sagen, dass es sich um eine Lohnerhöhung handelt, aber in Wahrheit verdienen wir weniger. Es ist bedeutungslos. Sie erhöhen die Tagesquoten, um verlorene Zeit wieder reinzuholen. Es ist immer dasselbe."

Ein anderer Arbeiter erzählte der Zeitung: "Ich muss immer noch elf Stunden pro Tag arbeiten, sieben Tage die Woche... Obwohl die Firma nach dreizehn Selbstmordversuchen wenigstens einen freien Tag pro Woche garantiert hat, ist die Maßnahme nicht umgesetzt worden. Eine der wenigen Verbesserungen war, dass unser Vorarbeiter Popsongs spielte, nachdem wir uns beschwerten, dass Arbeit ohne jegliche Unterhaltung zermürbt. Aber selbst das wurde nach einigen Tagen wieder eingestellt."

Produktionsmanager vor Ort setzen auch weiterhin auf ein Strafpunktesystem, das zu Lohnabzügen führt. Der 22 Jahre alte Arbeiter Lu Bingdong, arbeitet an einem Fließband, das täglich 21.000 Apple-iPhones fertigt. Er erklärte: "Sie ziehen dir Punkte ab, wenn du zu lange Fingernägel hast, wenn du zu spät kommst, wenn du gähnst, isst, auf dem Boden sitzt oder schnell gehst. Es gibt zahllose Gründe. Ein einzelner Punkt bedeutet, dass ich meine monatliche Sonderzahlung verliere."

Wie viele kleinere Firmen arbeitet auch Foxconn mit schmalen Gewinnspannen. Größere westliche Konzerne weigern sich, höhere Preise für ihre Produkte zu bezahlen. Professor Lin Jiang von der Sun-Yat-Sen-Universität sagte gegenüber China Times, dass eine Lohnerhöhung um 5 Prozent für die meisten Unternehmen in Dongguan nicht tragbar wäre. Die in den Schlagzeilen angekündigten kräftigen Lohnerhöhungen erschienen den Arbeitern daher als "illusorisch".

Foxconn, in der Rangliste der US-Zeitschrift "Fortune" unter den 500 größten Konzernen der Welt, meldete am 30. Juni einen um sieben Prozentpunkte gesunkenen Aktienwert, nachdem man für die erste Hälfte von 2010 Nettoverluste in Höhe von 18,7 Millionen US-Dollar einstecken musste. Investoren-Sorgen wegen Arbeitsunruhen und Verlusten haben Focxconns Aktienkurs in diesem Jahr um mehr als 50 Prozent einbrechen lassen. Morgan Stanley hat Foxconns Aktienvermögen als "untergewichtet" eingestuft, während JPMorgan davor warnte, dass 2010 für das Unternehmen "ein schlechtes Jahr" werden würde, da einer seiner größten Abnehmer, Nokia, unter anderem wegen der Wirtschaftskrise in Europa Absatzprobleme bei seinen Smartphones hat.

Foxconn treibt langgehegte Pläne voran, die Produktionsstätten von Shenzhen weiter ins Inland zu verlegen, wo offizielle Mindestlöhne erheblich niedriger sind. Ein riesiges neues Fabrikgelände, auf dem 300.000 Menschen untergebracht werden, ist in der Provinz Henan geplant, wo der offizielle Mindestlohn selbst nach einer Lohnerhöhung in diesem Jahr bei 600 Yuan liegt. Unterdessen sollen die beiden Fabriken in Shenzhen zusammengelegt werden, wobei ein Teil der Produktion nach Chengdu oder Tianjin verlegt werden soll, wo die Löhne niedriger sind. Entgegen allen Behauptungen der Foxconn, ihren Arbeitern durch höhere Entlohnung ihre Würde zurückzugeben, strebt man einzig und allein nach noch billigerer Arbeitskraft.

Andere Arbeitgeber beuten die billige Arbeitskraft tausender illegaler Einwanderer aus Vietnam, Kambodscha oder Burma aus. Sie verdienen weniger als 5 Dollar oder 34 Yuan pro Tag und erhalten keine Sonderzahlungen. Die Zeitschrift Forbes zitierte am 1. Juli den Besitzer einer Schuhfabrik in Dongguan, bei dem 200 kambodschanische und laotische Arbeiter ein Viertel der Belegschaft ausmachen: "Sie arbeiten hart und gehorchen aufs Wort. Sie könnten einen ganzen Monat lang ohne Pause 15 bis 16 Stunden täglich arbeiten."

Jeff Joerres, Vorstandsvorsitzender von Manpower, einer der weltgrößten Zeitarbeitsfirmen, sagte der Financial Times vergangene Woche, dass große kapitalintensive amerikanische Firmen es sich inzwischen zweimal überlegen, ob sie in China investieren sollen. Ihre Sorge betrifft nicht nur die Forderung der Arbeiter nach höheren Löhnen, sondern die Gefahr politischer Instabilität im Gefolge von Arbeiterunruhen. Joerres verwies auf die größere Attraktivität von Vietnam und anderen Niedriglohnländern - mit dem stillschweigenden Hinweis an Beijing, dass es Streiks zu unterbinden habe, wenn es konkurrenzfähig bleiben wolle.

Peter Morici, ehemaliger Chefökonom der Internationalen Handelskommission der USA, sagte am 2. Juli gegenüber Investor’s Business Daily, dass die wachsende Unruhe unter chinesischen Arbeitern für die Geschäftsaktivitäten amerikanische Konzerne ein zunehmend feindseliges Umfeld schaffe. Die Zeitung fügte an, dass Investoren bisher davon ausgegangen seien, dass Chinas autoritäre Regierung "die Arbeiter in Schach halten" werde. Aber Charles Wolf, Wirtschaftsberater der Rand Corporation, warnte, die Macht der Regierung zu überschätzen. "Sie kämpft derzeit an allen Fronten und die Kontrolle der Arbeiterunruhen ist nur eine davon."

Auch auf dem Lande nimmt die Unzufriedenheit zu. Am 24. Juni begannen Bauern, gegen unzureichende Ausgleichszahlungen für Land zu protestieren, das für Industrieprojekte in Deyang in der Provinz Szechuan enteignet wurde. Mehr als 300 Demonstranten wurden verletzt und 200 verhaftet, als 1.000 bewaffnete Polizisten am 3. Juli eine Demonstration von 5.000 Dorfbewohnern gewaltsam auflösten.

Der viertägige Streik von Arbeitern der in japanischem Besitz befindlichen Mitsumi Electric Company in Tianjin endete am vergangenen Samstag, nachdem das Management offensichtlich begrenzte Zugeständnisse an die Forderungen der Arbeiter nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen gemacht hatte. Ein zweitägiger Streik, der die Produktion in einem Honda-Montagewerk in Guangzhou lahmlegte, endete gestern. In der Fabrik wird der Honda Jazz für den Export nach Europa montiert. Wie bei früheren Streiks, ist keines der grundlegenden Probleme gelöst worden. Die Versuche der Foxconn und anderer Firmen, ihre Beschäftigten hinters Licht zu führen, indem man ihnen mit der linken Hand erhebliche Lohnerhöhungen anbietet und sie mit der rechten wieder zurücknimmt, werden auch weiterhin zu Ärger und Zwietracht und in Zukunft zu noch entschlosseneren Streikmaßnahmen und Protesten führen.

Siehe auch:
Chinesische Arbeiter revoltieren gegen Gewerkschaften
(19. Juni 2010)