Fortgesetzte Entlassungen in der Druckmaschinenindustrie

Von Gustav Kemper
3. Juli 2010

Im Oktober 2009 hatten die Gewerkschaft IG Metall und der Betriebsrat bei der Heidelberger Druckmaschinen AG (HDM) umfangreichen Entlassungen zugestimmt. Weltweit sollten bis März 2010 4.000 Arbeitsplätze abgebaut werden, 1.500 davon in Deutschland.

Kaum waren die letzten dieser 4.000 Arbeitsstellen vernichtet, kündigte die Geschäftsleitung am 30. März 2010 weitere 850 Entlassungen im Zuge von Restrukturierungsmaßnahmen an. Sie verhöhnte damit die Behauptung der Gewerkschaftsführung, mit den bisherigen Entlassungen werde ein weiterer Stellenabbau verhindert. Auf einer Betriebsversammlung, die Mitte April im Werk Heidelberg stattfand, fiel es Betriebsrat und Gewerkschaft offensichtlich schwer, zu den weiteren Entlassungen Stellung zu nehmen.

Die Unternehmen der Druckmaschinenindustrie tragen seit Jahren einen heftigen Konkurrenzkampf untereinander aus, der wegen des schrumpfenden Absatzmarktes in Folge von neuen Technologieentwicklungen und der Krise des Finanzsystems in einen offenen Vernichtungswettkampf umgeschlagen ist.

Um die Zahlungsfähigkeit sicherzustellen, wurde HDM im vergangenen Jahr durch Bankkredite gestützt, die durch Staatsbürgschaften gedeckt waren. Für die Banken war dies ein phantastisches Geschäft: Sie konnten die angeschlagene Position des Unternehmens ausnutzen und Kredite zum Zinssatz von bis zu 10 Prozent vergeben, mit staatlichen Garantien.

So stieg die Kreditsumme bei HDM im vergangenen Geschäftsjahr auf etwa 800 Mio. Euro und die Zinszahlungen auf 85 Mio. Euro, wie der Finanzvorstand auf der Bilanzpressekonferenz am 15. Juni 2010 verkündete. Wie in anderen Industriezweigen sollen auch hier die 850 weiteren Entlassungen helfen, die Kosten der Bankprofite zu kompensieren.

Das Heidelberger Management plant schon die nächsten Angriffe: Den Ausbau der Produktionsstätten in China auf der Grundlage von Billiglöhnen, weitere Entlassungen im Werk Wiesloch sowie eine Kapitalaufstockung. Diese wird von der Deutschen Bank und der Commerzbank abgewickelt und lässt die Ambitionen der Allianz Capital Partners auf eine Zusammenlegung von HDM und dem Konkurrenten Manroland wieder aufleben - mit allen Konsequenzen, die von solch einem Zusammenschluss für die Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen zu erwarten sind.

Nicht besser läuft es bei Goss International, dem Hersteller von Rollenoffsetmaschinen: Das Unternehmen mit Produktionsstätten in den USA, Europa, China und Japan befindet sich im Mehrheitsbesitz des amerikanischen Investitionsfonds Matlin Patterson bei einer 40-prozentigen Beteiligung des chinesischen Energiekonzerns Shanghai Electrics.

Kaum hatte der Vorstandsvorsitzende von Shanghai Electrics, Herr Xu Jianguo, auf der IPEX Messe in Birmingham am 23. Mai 2010 die Entscheidung verkündet, bis Ende Juni 2010 die restlichen Aktienanteile von Matlin Patterson aufzukaufen und somit Alleineigentümer von Goss zu werden, wurde auf einer Betriebsversammlung im Werk Montataire bei Paris am 16. Juni die Entlassung von fast 40 Prozent der Belegschaft (240 von 630 Arbeitern) angekündigt. Hatte Herr Xu noch auf der Messe erklärt: "We value people" ("Wir schätzen Menschen"), so wurde drei Wochen später klar, welcher Wert gemeint war: der Kostenfaktor.

Der chinesische Staatsbetrieb wird über verschiedene Zwischenstufen von einer Wirtschaftsabteilung der chinesischen Regierung gelenkt, deren stalinistischer Apparat sich im Verein mit der wieder erstarkten chinesischen Bourgeoisie am Konkurrenzkampf des weltweiten Kapitals beteiligt und sich nicht um die Belange der Arbeiter schert, sondern um die Sicherung von Kapitalerträgen und den Zugang zu internationalen Märkten und Rohstoffen.

Erst im März 2009 war die Schließung des Goss-Werkes in Nantes/Frankreich beschlossen worden, was etwa 120 Arbeiter betraf. Die von der Entlassung hauptsächlich betroffenen Arbeiter der Kleinteilefertigung in Montataire legten darauf am 16. Juni ohne Rücksprache mit der Gewerkschaft CGT die Arbeit nieder und riegelten das Werk ab. Das Management befürchtet, dass die CGT den Streik nicht mehr kontrollieren kann. Parallelen zu den Auseinandersetzungen in China, wo Arbeiter bei Honda und anderen Werken gegen die staatlich kontrollierte Gewerkschaftsführung rebellierten und streikten, sind offensichtlich.