Globale Märkte brechen aus Furcht vor neuer Krise ein

Von Patrick O’Connor
13. August 2010

Die Aktienmärkte in den USA und international gingen am Mittwoch deutlich schwächer aus dem Markt. Ursache war die Furcht vor einer „double dip“ Rezession. Weitere Faktoren für die Zurückhaltung der Finanzmärkte waren ein größer als erwartetes amerikanisches Handelsdefizit, ein geringeres Wachstum des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP), ein geringeres Wachstum in China und Anzeichen, dass die amerikanische Notenbank Federal Reserve eine Deflation befürchtet.

An der Wall Street fiel der Dow Jones Index um 265 Punkte und schloss um 2,5 Prozent niedriger als am Vortag. Der Standard & Poors 500 Index verlor 2,8 Prozent und der Technologie Index Nasdaq drei Prozent.

Im Dow Jones verloren Finanz- und Industrietitel am meisten, besonders solche, die am unmittelbarsten Entwicklungen auf dem Weltmarkt ausgesetzt sind. Alcoa verloren 6,1 Prozent, Boeing 4,4 Prozent und Caterpillar 3,8 Prozent. Alle drei führenden amerikanischen Indices stehen jetzt niedriger als zu Jahresbeginn.

Andere Märkte brachen im gleichen Umfang ein. Der FTSE 100 in Großbritannien verlor 2,4 Prozent. Der deutsche DAX fiel um 2,1 Prozent ab und der französische CAC 40 um 2,7 Prozent.

Die asiatischen Indices verloren überwiegend. Der Euro gab um 2,3 Prozent gegenüber dem Dollar nach, weil Investoren in scheinbar sicherere Werte gingen, z.B. amerikanische Schatzbriefe. Der Chicago Board Options Exchange Volatility Index, der oftmals als “Gradmesser der Furcht” bezeichnet wird, sprang um siebzehn Prozent nach oben.

Den Marktverlusten ging die Entscheidung der amerikanischen Notenbank vom Dienstag voraus, die Einnahmen aus fällig werdenden Hypothekenpapieren, hypothekenbesicherten Wertpapieren und Schatzbriefen in neue Schatzanleihen zu investieren, anstatt das Engagement der Fed von 2,3 Billionen Dollar in diesem Bereich zu verringern. Diese Maßnahme sollte eigentlich den Finanzmärkten versichern, dass die Fast-Null Prozent-Zinspolitik der Fed auf absehbare Zeit in Kraft bleiben werde, und dass die Politik der „quantitativen Erleichterung“ – d.h. praktisch das Drucken von Geld, um Staatsanleihen und Hypothekenpapiere aufzukaufen – erneut eine Option sei, falls die Wirtschaftsaktivität noch einmal stark einbrechen sollte.

Bei vielen Investoren und Spekulanten hatte die Ankündigung der Notenbank allerdings den genau gegenteiligen Effekt. Statt Vertrauen wurde Unsicherheit verbreitet.

“Die Schritte der Fed gestern haben das Universum neu geordnet und die Stimmung verändert: weg von relativem Zutrauen, dass der Aufschwung auf einem guten Weg sei und kaum politisches Eingreifen erfordere”, sagte der Währungsanalyst David Gilmore dem Wall Street Journal. Jetzt fragten Investoren, fuhr Gilmore fort: „Was weiß die Fed, das wir nicht wissen?“

Der Marktstratege bei Stifel Nicolaus, Joe Battipaglia, sagte der New York Times: „Das untergräbt in Wirklichkeit das Vertrauen und wirft Fragen über die Zukunft auf. ’Was ist mit der Wirtschaft los, wenn sie mehr quantitative Erleichterung benötigt?’“

Mehrere Kommentatoren sagen, die Initiative der Fed male das Gespenst einer längeren deflationären Periode an die Wand. „Das lädt zu Vergleichen mit Japan ein“, sagte David Owen, Cheffinanzwirtschaftler für Europa bei Jeffries in London, zum Wall Street Journal. Wenn die Fed versucht, die Gewinnkurve zu dämpfen, ist das eine Parallele zu Japan. In Europa ist die Inflation niedrig und vielen Ländern droht eine Deflation.“

Das Handelsministerium berichtete gestern, dass das amerikanische Handelsdefizit im Juni um fast neunzehn Prozent auf nahezu 50 Milliarden Dollar gesprungen ist. Das ist das höchste Defizit seit dem Finanzkrach vom September-Oktober 2008 und mehr als Experten erwartet hatten. Importe stiegen um drei Prozent, während Exporte um 1,3 Prozent zurückgingen.

Die Handelszahlen in Kombination mit einem Rückgang der Vorratshaltung in Betrieben, der letzte Woche berichtet wurde, führte zu der Erwartung, dass das geschätzte BIP-Wachstum der USA für das zweite Quartal nach unten revidiert werden müsse. Die Regierung war bisher von einem Wachstum von 2,4 Prozent ausgegangen.

Nigel Gault von HIS Global Insight sagte der New York Times, dass das Handelsdefizit in Kombination mit anderen schwachen Daten erwarten lasse, dass das Wachstum im zweiten Quartal in Wirklichkeit nur 1,2 Prozent betragen habe, das heißt nur halb so viel, wie ursprünglich angenommen. „Das lässt die Basis für die Wirtschaftsentwicklung deutlich schwächer erscheinen, als es aussah, und erklärt, warum die Fed weitere Erleichterungen in Betracht zieht.“

Einige Ökonomen sind der Meinung, dass das Wachstum sogar noch geringer ist. Das Wall Street Journal zitiert Peter Newland von Barclays Capital mit den Worten, dass die Zahlen seiner Firma für das BIP-Wachstum für das zweite Quartal nur 0,3 Prozent hergeben. Die größte Volkswirtschaft der Welt tritt womöglich trotz Präsident Obamas Maßnahmen zur Konjunkturankurbelung und trotz seiner Beschwörungen, der Aufschwung sei unterwegs, praktisch auf der Stelle.

Es gibt zunehmende Anzeichen für erneute Probleme in der Weltwirtschaft. Neue Daten aus China deuten auf eine Abkühlung der Wirtschaft hin, darunter ein geringeres Wachstum des Einzelhandels und bei den Kapitalinvestitionen. Auch geringere Importzahlen wurden diese Woche berichtet und weisen darauf hin, dass die chinesische Wirtschaft nach wie vor von ausländischen Exportmärkten abhängig ist.

Die Bank von England senkte ihre Voraussage für das jährliche Wachstum in Großbritannien gestern von 3,6 auf drei Prozent ab. Der Grund ist, dass die Banken das inländische Kreditgeschäft nicht in Gang bringen konnten und dass die Entwicklung der amerikanischen und europäischen Volkswirtschaften ungewiss ist.

Trotz Zeichen erneuten wirtschaftlichen Schrumpfens halten die Regierungen weltweit an ihrer koordinierten Abwendung von Konjunkturmaßnahmen zugunsten von Sparmaßnahmen fest. Weiterhin steht das Bestreben im Vordergrund, die Arbeiterklasse für die Defizite und Schulden bezahlen zu lassen, die durch die Bankenrettungspakete und die Konjunkturprogramme im Interesse von Teilen der Wirtschaft aufgehäuft wurden. Staatsausgaben werden in Schlüsselbereichen wie der Gesundheitsversorgung, der Bildung, sozialer Infrastruktur und Arbeitsplätzen und Löhnen im öffentlichen Dienst gesenkt. Die USA, Europa und andere entwickelte kapitalistische Länder wollen den Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung auf Dauer senken

Gleichzeitig wird den Banken und Finanzinstituten, die für die Krise verantwortlich sind, versichert, dass sie vor den Folgen einer Doppelrezession in den USA und der Weltwirtschaft geschützt werden. Die Entscheidung der Federal Reserve, ihr Geld im Markt für Schatzbriefe zu lassen, hat den Investoren einen Schrecken versetzt. Aber gleichzeitig fördert sie Erwartungen der Märkte auf eine massive Intervention des Staates, wenn das notwendig werden sollte, um die Profite der Wall Street zu sichern.

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