Griechenland versinkt in Rezession, europäische Wirtschaft stockt

Von Stefan Steinberg
17. August 2010

Im zweiten Quartal diesen Jahres versank die griechische Wirtschaft noch tiefer in der Rezession. Nach den jüngsten Zahlen des griechischen Amtes für Statistik schrumpfte die Wirtschaft von April bis Juni im Vergleich zum ersten Quartal um 1,5 Prozent. Auch von Januar bis März war das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) schon gefallen.

Im Vergleich zur Vorjahresperiode schrumpfte die griechische Wirtschaft im zweiten Quartal um 3,5 Prozent.

Das Amt für Statistik bestätigte, dass der Rückgang des BIP hauptsächlich durch die Sparpolitik verursacht worden sei. Sie wird vom IWF und der Europäischen Union diktiert und von der sozialdemokratischen PASOK-Regierung durchgesetzt. Ministerpräsident Giorgos Papandreou hat die Löhne im öffentlichen Dienst gesenkt und die Mehrwertsteuer auf Rekordniveau geschraubt. Das Ergebnis war ein Einbruch der privaten Nachfrage, und gleichzeitig kollabierte die Bauindustrie. Auch die Tourismusindustrie ging stark zurück.

Die Krise führt auch zu neuen Rekordmarken bei der Arbeitslosigkeit. Die offizielle Arbeitslosigkeit beträgt jetzt zwölf Prozent, eine Zunahme um 43 Prozent gegenüber dem letzten Jahr.

Am stärksten sind junge Arbeiter betroffen. 32,5 Prozent der fünfzehn bis 24-jährigen Arbeiter waren im Mai arbeitslos. Selbst diese Zahlen verschleiern das wirkliche Ausmaß der Arbeitsplatzkrise, weil sie weder die Teilzeitarbeiter berücksichtigen, die volle Stellen suchen, noch jene Arbeiter, die schon aufgegeben haben, nach Arbeit zu suchen.

Während die Rezession in Griechenland an Geschwindigkeit zunimmt, ging die Produktion im Juni in ganz Europa zurück. Der Ausstoß fiel um 0,1 Prozent, obwohl Ökonomen einen Anstieg erwartet hatten.

Nach den Zahlen der Europäischen Kommission verlangsamte sich nicht nur in den kleineren und schwächeren Volkswirtschaften, wie der griechischen, das Wachstum der Industrieproduktion, sondern auch in größeren europäischen Ländern.

Die Industrieproduktion in Frankreich geriet im zweiten Quartal ins Stocken und stieg nur um 0,8 Prozent. Die Produktion in der Autoindustrie ging nach dem Ende der „Abwrackprämie“ der Regierung im Juni sogar um 7,4 Prozent zurück. Ein Geschäftsklimaindex der Bank von Frankreich von Anfang der Woche zeigte eine Abschwächung der Erholung der französischen Industrie und des Dienstleistungssektors für die zweite Jahreshälfte 2010.

Der Ökonom Olivier Gasnier von SocGen erklärte, die französischen Zahlen seien eine „unangenehme Überraschung“. Er sagte, sie seien besonders enttäuschend, „weil wir den Eindruck haben, dass der Aufschwung schon jetzt an Kraft verliert, bevor die Auswirkungen der Haushaltsanpassungen spürbar werden.“

Auch Spanien und Portugal berichten über eine Verlangsamung ihrer Wirtschaften im zweiten Quartal.

Die Finanzmärkte reagierten sofort und schlugen die Zinsen von Staatsanleihen mehrerer europäischer Länder auf, die am meisten gefährdet sind. Im vergangenen Monat haben sich die Zinsen, die Irland zahlen muss, fast verdoppelt. Die Zinsen auf griechische, portugiesische, spanische und italienische Staatsanleihen sind deutlich gestiegen.

Die Anzeichen für eine verhaltenere Entwicklung der europäischen Wirtschaft treffen mit schwächeren Wirtschaftsdaten aus den USA und China zusammen. Infolgedessen ziehen europäische Investoren ihr Kapital aus Hochrisikoländern ab und gehen in so genannte sichere Investments wie deutsche Staatsanleihen, deren Zinsen letzte Woche stark zurückgingen.

Als Reaktion auf dieses zunehmende Unbehagen stieg die Euribor-Eonia-Spreizung, ein üblicher Indikator für Risiken im europäischen Bankensektor, letzte Woche auf den höchsten Stand seit September letzten Jahres. Die Märkte nehmen damit erwartete wirtschaftliche Unbilden der kommenden Monate vorweg.

Der einzige positive Trend in Europa waren die Produktionszahlen in Deutschland. Daten der letzten Woche zeigten ein Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent im zweiten Quartal, die höchste Steigerungsrate seit der Wiedervereinigung vor zwanzig Jahren. Die Zahlen des deutschen BIP zogen die Wachstumsrate für die sechzehn Länder der Eurozone im zweiten Quartal auf ein Prozent hoch; das war mehr als erwartet.

Die deutschen Zahlen wurden von Bankern, Regierungsvertretern und Teilen der deutschen Medien mit eitler Euphorie begrüßt. Aber Wolfgang Münchau von der Financial Times wies kürzlich darauf hin, dass der deutsche Wirtschaftsaufschwung mehr „Trugbild“ als „Wunder“ sei.

Münchau schrieb, die Erholung in Deutschland müsse auf dem Hintergrund eines Rekordeinbruchs der deutschen Produktion um fünf Prozent in 2009 gesehen werden. Das war ein deutlich stärkerer Rückgang als in den meisten anderen europäischen Volkswirtschaften. Er schrieb, Deutschland könne sein Produktionsniveau von 2007 nur dann wieder erreichen, wenn es für ganz 2010 eine Wachstumsrate von 2,5 Prozent und eine ähnliche Zahl für 2011 erreiche. Es gebe aber viele Faktoren, die es unwahrscheinlich erscheinen ließen, ein solches Wachstumstempo durchzuhalten.

Die deutsche Wirtschaft konnte Anfang des Jahres einigen Boden gut machen, weil die Konjunkturmaßnahmen der Regierung ihre Wirkung entfalteten. Aber wie in Frankreich und vielen anderen europäischen Ländern laufen diese Subventionen, wie verlängerte Kurzarbeit, weitgehend aus.

Die deutsche Exportindustrie war in den letzten Monaten durch den niedrigen Euro begünstigt, der bis zu 1,20 Euro gegenüber dem Dollar gefallen war. In den letzten Wochen ist der Euro aber wieder Richtung 1,30 Dollar gestiegen, weil die Aussichten für die amerikanische Wirtschaft immer düsterer eingeschätzt werden. Der stärkere Euro macht die deutschen Exporte auf dem Weltmarkt wieder weniger attraktiv.

David Owen von Jeffries International warnte, dass Deutschlands Aufschwung nicht in ganz Europa repliziert werde. Er wies darauf hin, das „Deutschland nur für dreißig Prozent des Systems steht. Die anderen siebzig Prozent haben noch zu kämpfen. Der Gegenwind im System ist noch beträchtlich.“

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, sagte letzte Woche voraus, die Wirtschaft der Eurozone werde sich in der zweiten Jahreshälfte „deutlich schwächer“ darstellen.

Die Stärke der deutschen Wirtschaft ist auch ihre Achillesferse. Deutschlands relativ teure Exporte finden nur unter Bedingungen expandierender Märkte Abnehmer. Aber auf Drängen der deutschen Regierung hat ein europäisches Land nach dem anderen drastische Sparprogramme aufgelegt, die unweigerlich die Wirtschaft dämpfen und die Verbrauchernachfrage abwürgen. Längerfristig wird das negative Auswirkungen auf die deutschen Exporte haben.

Die jüngsten Zahlen, die ein Nachlassen des Wachstums in der Eurozone belegen, bedeuten geringere Staatseinnahmen. Diese erhöhen wiederum den Druck der Finanzmärkte auf die Regierungen, noch schärfere Ausgabenkürzungen durchzuführen.

Die deutsche Regierung betont, dass die jüngsten Wirtschaftsdaten eine Bestätigung ihrer Politik seien, Konjunkturmaßnahmen zu beenden und die Stabilisierungspolitik zu verschärfen. Entsprechend kritisieren deutsche Ökonomen die leicht expansiven Maßnahmen der amerikanischen Notenbank von vergangener Woche.

Das Handelsblatt, Deutschlands wichtigste Wirtschaftszeitung, zitierte einen Ökonomen von Barclays, der die Maßnahmen der Federal Reserve als “Akt der Verzweiflung” bezeichnete und warnend auf einen möglichen Abschwung in den USA hinwies, der schwere Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft hätte.

In einem Kommentar in der Mittwochsausgabe des Handelsblatts unterstützte der New Yorker Korrespondent vorbehaltlos harte Sparmaßnahmen in den USA.

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