Heine in der „marmornen Schädelstätte“

Von Sybille Fuchs
20. August 2010

In der letzten Juliwoche kam der Dichter Heinrich Heine zu sehr zweifelhaften nationalen Ehren. Am 28. Juli wurde seine Büste in der Walhalla aufgestellt, der „teutschen“ Ruhmeshalle, die der Bayernkönig Ludwig I. zu Lebzeiten des Dichters hoch über der Donau errichtet und die Heine samt ihrem Gründer als „marmorne Schädelstätte“ verspottet hatte.

So heißt es in seinen „Lobgesängen auf König Ludwig“: 

Das ist Herr Ludwig von Bayerland,
Desgleichen gibt es wenig;
Das Volk der Bavaren verehrt in ihm
Den angestammelten König.

Er liebt die Kunst, und die schönsten Fraun,
Die lässt er porträtieren;
Er geht in diesem gemalten Serail
Als Kunsteunuch spazieren.

Bei Regensburg läßt er erbaun
Eine marmorne Schädelstätte,
Und er hat höchstselbst für jeden Kopf
Verfertigt die Etikette.

»Walhallagenossen«, ein Meisterwerk,
Worin er jedweden Mannes
Verdienste, Charakter und Taten gerühmt,
Von Teut bis Schinderhannes.

Dass Heinrich Heine über diese Ehre wirklich schmunzeln würde, wie der Vorsitzende des Düsseldorfer Freundeskreises Heinrich Heine, Heinrich Theisen, anlässlich der Enthüllung der Heine-Büste in der Walhalla sagte, muss ernsthaft bezweifelt werden. Er hätte wohl eher mit beißendem Spott reagiert. Gab es doch seinerzeit keinen schärferen Kritiker der aufgesetzten, reaktionären Deutschtümelei, mit der viele deutsche Bürger, Kleinbürger, Intellektuelle und König Ludwig auf die Schmach der französischen Besetzung Deutschlands durch die napoleonischen Truppen reagierten.

Heine selbst war ein großer Verehrer Napoleons, weil dieser mit dem Code Civil demokratische Rechte im rückständigen, in unzählige Fürstentümer zerstückelten Deutschland verbreitet hatte, weniger, weil seine Truppen Deutschland besetzten. Seine Verehrung für Frankreich, das ihm Exil gewährte, galt vor allem den Errungenschaften der französischen Revolution.

Nicht dass Heine Deutschland und vor allem die deutsche Sprache nicht geliebt hätte, obwohl seine Dichtungen und Schriften zeit seines Lebens in vielen deutschen Ländern von Zensur und Verbot belegt waren. Bis zum Schluss sah er sich vor allem als deutschen Dichter und wollte dies auf seinem Grabstein vermerkt haben. Aber mit dem engstirnigen Chauvinismus und dem Franzosenhass, die sich bereits zu seiner Zeit bei vielen deutschen Patrioten mit dem deutschen Nationalismus verbanden, wollte er absolut nichts zu schaffen haben. Der preußische Militarismus und die aufdringliche Heldenverehrung der deutschen Nationalisten bedrohte in seinen Augen die deutsche Sprache und Kultur.

So diente denn auch die Walhalla, ein klassizistischer Tempel von Ludwigs Baumeister Leo von Klenze, den Nationalisten des 19. und 20. Jahrhunderts dazu, die nationalen Helden und ihre Mythen zu verherrlichen, die dem welschen Geist (ein Synonym für die Errungenschaften der französischen Revolution) einen „deutschen Geist“ entgegensetzen sollten. Benannt ist sie nach Walhall, der Wohnstatt der tapfersten gefallenen Krieger in der germanischen Mythologie. Sie reiht sich ein in zahlreiche im 19. Jahrhundert errichtete Ehrendenkmäler wie das Herrmannsdenkmal bei Detmold, das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig oder das Deutsche Eck bei Koblenz am Rhein.

König Ludwig hatte es nicht so genau genommen mit der deutschen Nationalität seiner Helden. Für ihn gehörten außer deutschen Kaisern und Königen auch flämische Maler, Schweizer Unabhängigkeitskämpfer, russische Generäle, schwedische Könige und obskure Heilige dazu. Gewissermaßen rechnete er den gesamten germanischen Sprachraum Deutschland zu.

Heine, der sich als Kosmopoliten und Europäer sah, nahm diese deutschen Mythen und vor allem ihre Verkünder immer wieder aufs Korn. So verspottet er in Deutschland ein Wintermärchen Hermann den Cherusker und die Schlacht im Teutoburger Wald, in der dieser den römischen Feldherrn Varus besiegt hatte:

Hier schlug ihn der Cheruskerfürst,
Der Hermann, der edle Recke;
Die deutsche Nationalität,
Die siegte in diesem Drecke.

Auch über Barbarossa, eine andere deutsche Ikone, die König Ludwig in der Walhalla aufstellen ließ, machte Heine sich im selben Werk lustig:

Die Republikaner lachen uns aus,
Sehn sie an unserer Spitze
So ein Gespenst mit Zepter und Kron';
Sie rissen schlechte Witze.

Die offiziellen Festredner am 28. Juni vollführten einen wahren Eiertanz, um die Aufstellung der Heinebüste an diesem Ort zu rechtfertigen.

„Heine braucht nicht die Walhalla, aber die Walhalla braucht ihn“, rief der Präsident der Bayerischen Akademie der Künste, Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer, den Festgästen in der Ruhmeshalle zu. Borchmeyer räumte ein, eigentlich sei diese Art der Ehrung ja nicht mehr zeitgemäß, eine Haltung, die Heine schon vor 150 Jahren eingenommen habe. Das Leben dieses Menschen und auch die aufgestellte Büste selbst stellten den monumentalen Anspruch dieses Ortes ja geradezu infrage, meinte Borchmeyer, aber wenn Heine sähe, wie man sein Andenken feiere, würde sein Spott verstummen.

Das machte er vor allem an der Gestaltung der Heine-Büste von Bert Gerresheimer fest. Dargestellt ist der alternde, ein wenig verzweifelnd in den Himmel blickende Heine. Gerresheimer hat sich an der Totenmaske des Dichters und an Darstellungen aus der Zeit seiner Krankheit in der Matratzengruft orientiert.

Die Büste ist zwar wie die anderen Walhallabüsten aus reinem Lasa-Marmor gefertigt und wirkt auf den ersten Blick nicht unbedingt als Fremdkörper unter den anderen „Marmorschädeln“. Aber der Künstler hat mit einem Riss, der sie durchzieht, zu zeigen versucht, dass nicht alles so stimmig ist mit diesem Dichter und seinem „teutschen“ Vaterland.

Der Riss, so wird kolportiert, soll der bayerischen Regierung ursprünglich zu stark sichtbar gewesen und daher etwas dezenter ausgefallen sein, als eigentlich vom Künstler beabsichtigt. Oliver Jungen meinte in der Frankfurt Allgemeinen Zeitung, es handele sich eher um die „Andeutung eines Spalts, wie sich nach der feierlichen Enthüllung herausstellte, beinahe ein Schmiss“.

Auch Ministerpräsident Seehofer vermutete anlässlich der Enthüllung der Marmorbüste des Dichters, der den größten Teil seines Lebens im französischen Exil verbrachte, ganz richtig, dass dieser „nicht viel übrig gehabt“ hätte für diesen Ehrenplatz. Aber dank der Findigkeit seiner Redenschreiber konnte Seehofer ein Zitat des in Deutschland zu seinen Lebzeiten ebenfalls nicht besonders geschätzten und ins Exil geschickten Heinrich Mann hinzufügen: „Mag er kein äußeres Denkmal brauchen, wir schulden dies Denkmal uns selbst.“

Ob sich Heinrich Mann gerade die Walhalla als geeigneten Platz für Heines Denkmal vorgestellt hätte, muss ebenfalls heftig in Zweifel gezogen werden.

Mag die Aufstellung der Heinebüste gegenüber dem Dichter, einem Freund von Karl Marx und Spötter über den reaktionären deutschen Philister, auch von den Befürwortern gut gemeint gewesen sein, diese Ehrung hat mehr von einer Geschichtsklitterung als der Rehabilitation eines in Deutschland immer wieder Verfemten, dem sein Vaterland übel mitgespielt hat.

Deutschland tat sich von jeher schwer mit Heine-Ehrungen. Als die österreichische Kaiserin Elisabeth, wie König Ludwig eine Wittelsbacherin, seiner Vaterstadt Düsseldorf ein Heine-Denkmal stiften wollte, lehnte diese ab. Deshalb musste es die lange Reise nach New York antreten und steht seitdem in Bronx.

Seit 1887 gab es Bemühungen, dem Dichter zur Feier seines bevorstehenden 100. Geburtstags ein Denkmal in seiner Geburtsstadt Düsseldorf zu setzen. Aber sein Bild in Deutschland wurde durch nationalistisch und antisemitisch argumentierende Literaturwissenschaftler geprägt. Nach der Machtübernahme der Nazis stand sein romantisches Lorelei-Gedicht zwar nach noch in den Lesebüchern, allerdings mit der Unterschrift „Dichter unbekannt“.

Aber Heine war nicht nur während des Nationalsozialismus sowohl als Jude wie als politisch rebellischer Kopf verfemt. Auch in der Nachkriegszeit waren die Versuche, den großen Lyriker aber ebenso scharfzüngigen Kritiker in den deutschen Literaturkanon zu integrieren, nicht immer erfolgreich. Die Umbenennung der Düsseldorfer Universität nach Heine ließ bis 1989 auf sich warten. Auch über die Finanzierung der Heinebüste kam es in Düsseldorf wieder zum Streit. Der Stadtrat lehnte dies ab, und am 28. Juli erschien kein offizieller Vertreter der Stadt in der Walhalla.

Beliebt war Heine dagegen in der aufmüpfigen Jugend der 1960er Jahre. Nicht nur sein Buch der Lieder sondern auch seine politischen Gedichte und Texte wurden gern zitiert. Groß gefeiert wurde der Dichter 1997 zu seinem 200. Geburtstag. Aber schon damals ging es in Politik und Medien vielfach darum, ihn für den angeblich inzwischen so ganz anders gewordenen bundesdeutschen Patriotismus zu vereinnahmen. Genau diese Bestrebungen wurden mit der Aufstellung seiner Büste in der Walhalla gekrönt.

Doch auch wenn Heine inzwischen in Marmor in die Walhalla einrücken musste, wird es nicht gelingen, seinem Werk den lebendigen rebellischen Geist zu rauben. Diesen zu vereinnahmen dürfte in einer Zeit, in der der deutsche Nationalismus und Militarismus wieder ihr Haupt recken, immer schwerer fallen.

Dass in der Feier sich auch ein Hauch von Subversion verbreitete, war dem Schauspieler Rainer Goernemann zu verdanken, der die feierliche musikalische Untermalung des Festaktes mit vertonten Heineliedern durch die Rezitation des Gedichts mit dem Titel „Wartet nur“ konterkarierte, in dem es heißt:

Wenn einst erscheint der rechte Tag;
Dann sollt ihr meine Stimme hören,
Das Donnerwort, den Wetterschlag.

Gar manche Eiche wird zersplittern
An jenem Tag der wilde Sturm,
Gar mancher Palast wird erzittern
Und stürzen mancher Kirchenturm !

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