Kambodschanische Textilarbeiterinnen kämpfen gegen niedrige Löhne

Von John Braddock
19. August 2010

Tausende kambodschanischer Textilarbeiterinnen begannen in den letzten Wochen eine Reihe von Streiks gegen niedrige Bezahlung, Arbeitsplatzabbau und schlechte Arbeitsbedingungen. Es sind in der Hauptsache junge Frauen. Sie sind wie ihre Kollegen in den Ausbeuterbetrieben in anderen asiatischen Ländern wie Bangladesch, Myanmar und Nepal von der Weltwirtschaftskrise stark betroffen.

Am 27. Juli setzte Bereitschaftspolizei elektrische Schlagstöcke gegen Arbeiterinnen ein, nachdem Streikposten von einem Betrieb von PCCS Garment im Sen Sok Viertel der Hauptstadt Phnom Penh vertrieben worden waren. Die malaysische Firma stellt Kleidung und Sportartikel für internationale Designermarken her, auch für Gap und Benetton sowie die führenden Sportartikelmarken Adidas und Puma. Die Behörden versuchten einen einwöchigen Streik zu brechen, der nach der Kündigung eines Gewerkschaftsvertreters über die Frage von bezahlten Krankentagen ausgebrochen war.

Über 100 Polizisten mit Tränengaswerfern und Sturmgewehren versuchten an die 3.000 Arbeiterinnen in die Fabrik zurückzutreiben, wobei mehrere zu Boden gestoßen und mit Schlagstöcken traktiert wurden. Als Antwort warfen Demonstranten während des dreißigminütigen Zusammenstoßes mit Wasserflaschen und Plastikstühlen. Neun Textilarbeiterinnen wurden verletzt. Nachdem die Polizei die Demonstration aufgelöst hatte, bemühten sich Gewerkschaftsführer umgehend, die Arbeiter zu überzeugen, den Streik abzubrechen.

Die Polizeiaktion erfolgte nach einer gerichtlichen Verfügung, die Straßen zu räumen und die Arbeiter zurück an die Arbeit zu treiben. Der Distriktgouverneur behauptete, dass die Demonstration den Verkehr zum Erliegen gebracht und damit die Terminpläne von Regierungsbehörden und internationalen Würdenträgern behindert hätte. Ein Textilarbeiter, der an den Protesten teilnahm, bezeichnete das Eingreifen der Polizei als "bösartig". Ein Sprecher des Managements stellte der Belegschaft ein Ultimatum: Wer nicht bis zum Ende der Woche an die Arbeit zurückkehre, der werde "dem Gesetz entsprechend" behandelt.

Der Streik folgte auf ein landesweites Abkommen über Mindestlöhne, das von der Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden getroffen wurde. Am 25. Juli versammelten sich 3.500 bis 4.500 Textilarbeiter vor der Nationalversammlung, um gegen die miserable Lohnerhöhung zu protestieren, die von der Arbeitskammer bewilligt wurde.

Das Gremium stimmte dafür, den monatlichen Mindestlohn um fünf US-Dollar zu erhöhen und befürwortete den Vorschlag der Regierung, den bestehenden Lebenshaltungszuschlag von sechs US-Dollar auf den Grundlohn zu schlagen, um so den Mindestlohn von 50 Dollar auf 61 Dollar monatlich zu erhöhen. Nach der Erhöhung von elf Dollar, die erst ab Oktober eingeführt wird, bleiben die Löhne bis 2014 eingefroren. Alle fünf Gewerkschaftsdelegierten, darunter Tep Kim Vannary, der Präsident der Kambodschanischen Föderation Unabhängiger Gewerkschaften, stimmten für den Vorschlag.

Der Ausgang entsprach exakt dem, den die Kambodschanische Volkspartei (CPP) unter Premierminister Hun Sen vor den Gesprächen verlangt hatte. Arbeitsminister Vong Soth behauptete, dass eine weitere Anhebung der Mindestlöhne Kambodscha für ausländische Investoren unattraktiv machen würde. Die Bedenken wurden vom Sprecher des Verbandes der Textilindustrie, Van Sou Ieng bekräftigt. "Wenn wir mehr bezahlen, werden Arbeitgeber weniger in unser Land investieren".

Die Gewerkschaften gingen mit Forderungen von 70 bis 93 Dollar monatlich in die Verhandlungen. Chea Mony, Chef der Freien Gewerkschaften der Arbeiter des Königreichs Kambodscha mit 80.000 Mitgliedern, drohte mit einem dreitägigen Streik falls die Forderungen nicht erfüllt würden. Chuon Mumthol, Präsident der Kambodschanischen Gewerkschaftsföderation, die mit der regierenden CPP verbündet ist, erklärte jedoch, dass er mit den Forderungen der Regierung übereinstimme.

Sofort nach Ende der Verhandlungen sagte Mony, dass die Erhöhung die Situation der Arbeiter nicht verbessere und der Streikplan in Kraft bleibe. Dennoch wurde der Streik am Tag vor dem Termin seines Beginns abgesagt, weil Mony plötzlich doch mit der Regierung übereinstimmte. "Meine Arbeiter können diese Löhne ebenso akzeptieren," erklärte Mony.

Andere Gewerkschaftsführer kritisierten die Absage des Streiks, um ihre Glaubwürdigkeit zu retten. Ath Thun, Präsident der Koalition Demokratischer Gewerkschaften der Kambodschanischen Bekleidungsarbeiter, sagte, dass er sich für Mony "schäme", da er ihn vorher unterstützt habe. Mom Nhim, Präsident der Nationalen Unabhängigen Förderation der Textilgewerkschaften (National Independent Federation Textile Union) sagte, dass ihre Mitglieder mit den Lohnerhöhungen nicht zufrieden seien und versprach, Streiks zu unterstützen, falls die Mehrheit der Mitglieder die Erhöhung nicht akzeptabel finde.

Einige Gewerkschaften stellen sich immer noch als Gegner des Ausverkaufs der Verhandlungen über den Mindestlohn dar. Am 13. August schickten dreizehn Gewerkschaftsführer einen Brief an das Arbeitsministerium und den Verband der Textilindustrie und drohten, Streiks zu organisieren, wenn keine Gespräche für den 15. August einberufen würden, um den Abschluss neu zu verhandeln. Allerdings schlägt keine der 273 Gewerkschaften im Textilsektor vor, eine längere politische und wirtschaftliche Offensive gegen Arbeitgeber und Regierung zu eröffnen.

Unzufriedenheit mit Löhnen, Arbeitsbedingungen und Unterdrückung von Seiten der Regierung haben sich mit Beginn dieses Jahres drastisch verstärkt. Im Mai begannen achtzig Angestellte der Tack Fat Textilfabrik im Meanchey Distrikt einen Protest vor dem Arbeitsministerium. Sie klagten das Management an, sie an der Arbeit gehindert zu haben und Löhne für den April großenteils nicht ausgezahlt zu haben. Im Juni demonstrierten 3.000 Arbeiter vor der Ocean Garment Fabrik im Viertel Dangkor der Hauptstadt und verlangten die Wiedereinstellung von sieben Arbeitern, die nach einem Protest gegen die Einführung von Überstunden suspendiert wurden. Im letzten Monat streikten 2.000 Arbeiter von Berry Apparel für sofortige Lohnerhöhungen.

Trotz einiger Lohnerhöhungen in den Jahren 2007 und 2008, hat die zweistellige Inflation die monatlichen Mindestlöhne vollständig entwertet, speziell da die meisten Arbeiter bis fünfzig Prozent ihres Gehalts an ihre Familien in den ländlichen Gebieten schicken. Das Community Legal Education Centre (CLEC) empfahl im Anschluss an Forschungen, mit denen es letztes Jahr beauftragt worden war, den Mindestlohn auf 71,99 Dollar im Monat zu erhöhen, was Berechnungen zufolge nur die Grundversorgung an Nahrung und Unterkunft sowie Geldsendungen an die Familien decken würde. Moeun Tola, Chef des Arbeitsprogramms der Organisation sagte: "Dies ist das Minimum, mit weniger können die Arbeiter kaum überleben."

Die Oppositionelle Sam Rainsy Party (SRP) benutzte die Zusammenstöße vom 27. Juli zwischen der Polizei und den Textilarbeiterinnen als Spitze gegen die Hun Sen Regierung und kritisierte die bewaffnete Niederschlagung der Proteste. "Die Anwendung von Gewalt gegen Arbeiter ist eine schwere Verletzung der persönlichen Rechte und der Meinungsfreiheit der Arbeiter, die von der kambodschanischen Verfassung und dem Gesetz über das Recht auf friedliche Demonstrationen geschützt ist", erklärte die SRP. Sie fügte hinzu, dass die Auseinandersetzung "friedlich" beigelegt werden sollte.

In Wirklichkeit ist die SRP, wie alle Parteien der herrschende Klasse, zuerst dem "Freien Markt verpflichtet". Die jüngste industrielle Entwicklung des Landes hängt vom Zustrom ausländischer Firmen ab. Die Regierung versucht, die Bedingungen für Investitionen durch eine Reihe von pro-kapitalistischen Maßnahmen wie Steuererleichterungen, Sonderwirtschaftszonen und bilaterale Abkommen zum Schutz von Investoren zu liberalisieren. Nach einem Studienpapier von 2009, das vom Ritsumeikan Centre for Asia Pacific Studies unter dem Titel „Risiken für die kambodschanische Textilindustrie in der globalen Wertschöpfungskette“ veröffentlicht wurde, bewerten verschiedene internationale Firmen Kambodscha unter allen textilexportierenden asiatischen Ländern als das mit den größten "ökonomischen Freiheiten".

Geschätzte 330.000 Menschen arbeiten in der kambodschanischen Textilindustrie, weitere 250.000 sind indirekt über diesen Sektor beschäftigt. Es ist die drittgrößte Industrie des Landes nach Tourismus und Landwirtschaft. Im Jahr 2007 erzeugte sie neunzig Prozent des Außenhandels des Landes und beschäftigte über 27 Prozent aller Industriearbeiter. Dem Wirtschaftsministerium zufolge exportierte der Sektor 2008 nach einem beispiellosen vierjährigen Boom Textilwaren für 1,95 Milliarden Dollar auf seinen wichtigsten Markt, die Vereinigten Staaten. Die Europäische Union ist der zweitgrößte Markt.

Weltweit wurde die Textilindustrie mit ihren 30 Millionen Beschäftigten durch die Wirtschaftskrise schwer getroffen. Die Aufträge gingen zurück und zehntausende Arbeitsplätze wurden abgebaut. Hohe Arbeitslosigkeit in Europa und den USA bedeuten eine stark sinkende Nachfrage. Mindestens 40.000 kambodschanische Textilarbeiter verloren ihre Arbeit wobei Untersuchungen von NGOs zeigen, dass viele Frauen dadurch in die Prostitution gezwungen wurden. Zwanzig Prozent aller Frauen in Kambodscha zwischen 18 und 24 Jahren hängen von ihrem Arbeitsplatz in der Textilindustrie ab. Die Rezession erzwang in Kambodscha in den ersten neun Monaten von 2009 die Schließung von 77 Textilfabriken, während weitere 53 Fabriken vorübergehend den Betrieb einstellten.

Harter Wettbewerb und die bestimmende Rolle einiger weniger großer Einkäufer in den USA und der EU üben einen beständigen Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen aus, was Millionen Arbeiter in Verhältnisse zwingt, wie sie Charles Dickens beschrieben hatte. In Kambodscha sind neunzig Prozent der Industrie in ausländischer Hand. Die Textilbetriebe ausländischer Produzenten, werden so schnell eröffnet und geschlossen wie es die Jagd nach der höchsten Profitrate gebietet.

Die Streiks der kambodschanischen Textilarbeiter sind Teil des Aufschwungs von Arbeiterkämpfen in der gesamten Region. In der ersten Woche des August protestierten Tausende von Textilarbeitern in Bangladesch trotz beständiger Repression durch die Polizei fünf Tage lang für höhere Löhne. Sie kümmerten sich nicht um einen Deal zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und der Regierung. Im Februar mobilisierte die Militärjunta von Myanmar Polizei und schwerbewaffnete Sicherheitskräfte gegen einen Streik in der Textilindustrie. Die Arbeiter verlangten eine Erhöhung des Grundlohns, bessere Bezahlung von Überstunden und arbeitsfrei an staatlichen Feiertagen.

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