Die Trauerfeier für die Opfer der Loveparade

Von Elisabeth Zimmermann und Francoise Thull
3. August 2010

Bei der offiziellen Trauerfeier für die Opfer der Loveparade, die am vergangenen Samstag in Duisburg stattfand, blieben die Vertreter von Staat und Politik weitgehend unter sich. Am Ort des Geschehens, dem Tunnel, wo 21 junge Menschen zu Tode gequetscht und über 500 verletzt wurden, sammelten sich dagegen wiederum Tausende, um der Opfer zu gedenken.

Zur offiziellen Feier waren Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Christian Wulf, Bundestagspräsident Norbert Lammert (alle CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in die Salvatorkirche hinter dem Duisburger Rathaus gekommen. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hielt nach einem ökumenischen Gottesdienst die Trauerrede.

Kirche und Rathaus waren durch eine starke Polizeipräsenz und durch Gitter weiträumig von der normalen Bevölkerung abgeschirmt. Es herrschte Sicherheitsstufe 1. Der ursprüngliche Plan, die Trauerfeier auf Großleinwänden direkt vor die Kirche auf den vor dem Rathaus gelegenen Burgplatz und die umliegenden Bereiche der Innenstadt zu übertragen, wurde kurzfristig fallengelassen. Stattdessen gab es eine Übertragung in die einige Kilometer entfernte MSV-Arena (Wedaustadion).

Doch statt der erwarteten mehreren Zehntausend Besucher kamen nur einige Tausend. In die Salvatorkirche durften außer den politischen Vertretern von Bund, Land und Stadt nur Angehörige der Opfer, Helfer und Rettungssanitäter, Polizisten und Medienvertreter. Und im 30.000 Besucher fassenden Wedaustadion verfolgten nur 1.500 bis 2.000 Menschen die Trauerfeier über Großbildleinwände. Im Stadion und am Duisburger Hauptbahnhof waren Tausende Polizisten im Einsatz.

Wer sich an den Absperrungen zum Rathaus und zur Salvatorkirche aufhielt, gewann den Eindruck, die dort versammelten Politiker wollten nicht mit der Bevölkerung trauern und hätten regelrecht Angst vor ihr. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller, die maßgeblich für die Katastrophe verantwortlich gemacht werden, nahmen überhaupt nicht an der Feier teil, weil sie die Angehörigen der Opfer „nicht durch ihre Anwesenheit provozieren wollten“.

Teilnehmer der Loveparade und Freunde von Opfern organisierten am Nachmittag einen eigenen Trauermarsch, der vom Duisburger Hauptbahnhof am Unglückstunnel vorbei zu einem nahe gelegenen Park zog.

Der Tunnel an der Karl-Lehrstrasse hat sich zur wichtigsten Trauerstelle für Betroffene und breite Teile der Bevölkerung entwickelt. Tausende sind im Verlauf der vergangenen Woche zum Tunnel gekommen, um sich ein Bild von der Stelle zu machen, wo die meisten Opfer ums Leben kamen und Tausende Todesangst ausstanden.

Trauernde am Tunnel Trauernde am Tunnel

Der Tunnel hat sich zum Ort des Trauerns und des Protests und der Anklage gegen die Verantwortlichen für die Loveparade-Katastrophe entwickelt. Tausende von Kerzen, Blumen, Fotos wechseln sich ab mit selbst gemalten Plakaten, die vor allem nach dem Warum, nach den Ursachen und nach den Verantwortlichen der Katastrophe fragen und verlangen, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden.

Dass es sich bei der Loveparade-Katastrophe in Duisburg nicht um ein tragisches Unglück handelt, wird mit dem Bekanntwerden neuer Einzelheiten über die Vorbereitungen und Planungen dieser Massenveranstaltung immer deutlicher. Im Vordergrund standen Profitgier und Prestigesucht, aber nicht die Sicherheit und das Wohlergehen von Hunderttausenden, vorwiegend jungen Menschen, die gemeinsam Feiern und Musik hören wollten.

Sie reiht sich ein in vermeidbare Katastrophen, die sich als Folge von Profitstreben, mangelnder öffentlicher Investitionen und der Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit von Politikern gegenüber dem Schicksal von Menschen ereigneten - den Einsturz des Kölner Stadtarchivs Anfang vergangenen Jahres als Folge des U-Bahnbaus, der zwei Menschenleben forderte und unersetzliche historische Dokumente zerstörte, und den Einsturz des Dachs der Eissporthalle in Bad Reichenhall vor einigen Jahren, der das Leben von 15 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zur Folge hatte - um nur zwei Beispiele herauszugreifen.

Am Freitag veröffentlichte die WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) Auszüge aus einem Dokument der Einsatzleitung der Feuerwehr, das auch die Polizei schwer belastet. Danach sperrte die Polizei den Haupteingang zur Loveparade zwischen Tunnel und Veranstaltungsgelände trotz Bedenken der Feuerwehr. Sie trug damit zur Entstehung des Staus bei, in dem dann die Massenpanik ausbrach.

Da aufgrund von Kommunikations- und anderen Problemen der weitere Zustrom von Menschen in den Tunnel nicht gestoppt wurde und der Ausgang zum Festgelände versperrt war, tappten die Besucher in eine Falle, aus der es kein Entrinnen gab. Die Feuerwehr hatte dies kommen sehen und die Sperrung dieses Eingangs aus „einsatztaktischer Sicht“ für „sehr problematisch“ erklärt.

Bisher war die Rolle der Polizei kaum kritisch hinterfragt worden. Dafür hatten führende Vertreter der Polizeigewerkschaft, die in den Medien vorpreschten und praktisch die Rolle von Polizeisprechern übernahmen, sowie der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) gesorgt, der sich schützend vor die Polizei stellte.

Interviews mit Betroffenen

Reporter der World Socialist Web Site sprachen mit Betroffenen, die zur Trauerfeier in der Stadt gekommen waren und an den Absperrungen der Polizei gestoppt wurden. Die in Form eines Flugblatts verteilte Erklärung der WSWS „Loveparade-Katastrophe: Kein Unglück, sondern ein Verbrechen“ fand bei ihnen, wie auch unter den Teilnehmern der Trauerveranstaltung im Wedaustadion sowie des Trauermarsches am Tunnel großes Interesse.

Mike Danielzik, links am Transparent Mike Danielzik, links am Transparent

Mike Danielzik aus Lüdenscheid hatte selbst an der Loveparade teilgenommen. Er war noch rechtzeitig auf das Veranstaltungsgelände gelangt und so der Katastrophe entkommen. Er zeigte sich empört darüber, dass die Verantwortlichen wochenlang alle Warnungen ignoriert hatten.

„Von allen Seiten kamen schon Wochen vorher Warnungen: Von der Feuerwehr Dortmund, von der Berliner Polizei, die auch hier vor Ort war. Es kamen Warnungen von der Essener Polizei, vom Essener Rettungsdienst. Diese ganz einfach zu ignorieren und am Tag der Veranstaltung einfach zu entscheiden, die Loveparade findet trotzdem in Duisburg statt, das ist grauenvoll.“

„Jeder Tote, jeder Verletzte ist ein Toter, ist ein Verletzter zu viel“, meinte Danielzik. „Man kann nicht 800.000 Menschen einsperren wie ein Stück Vieh. Selbst auf dem Gelände waren überall Zäune aufgestellt worden. Das hätte nicht sein dürfen. Und nur dieser eine Weg als Zu- und Abgang, das ist eine unfassbare Sache. Das hätte so überhaupt nicht zugelassen werden dürfen.“

In Dortmund sei es vor zwei Jahren super gelaufen, fügte er hinzu. Dort sei die ganze Innenstadt für die Loveparade genutzt und die B1, die zentrale Autobahn, gesperrt worden. Ein ähnliches Konzept hätte auch in Duisburg funktioniert. „Meiner Meinung nach hätte man das Ganze ganz anders planen müssen. So wie es gelaufen ist, war die Katastrophe vorprogrammiert.“

Auch Marinella, die mit ihrer Tochter, ihrem Mann und mit ihrer Freundin Marlène aus Frankreich bei der Loveparade war, kritisierte die Absperrung des Zugangs durch die Polizei. „Es hätte gar nicht zur Katastrophe kommen dürfen, wenn die Polizei die Sperre nicht gemacht hätte“, sagte sie und berichtete:

„Unser einziges Glück war, dass meine Tochter dabei war. Sie ist sieben Jahre alt. Ich wollte gar nicht in die Parade rein, aber wir wurden rein gedrängt, ob wir wollten oder nicht. Wir konnten nicht mehr rechts oder links ausweichen. Die Menschen neben mir sagten: ,Sie müssen mit dem Kind raus’. Die Kleine war auch meine größte Sorge. Ich sagte einer Polizistin: ‚Ich muss mit meinem Kind hier raus.’ Sie ließ uns schließlich raus, aber dann wurde sofort wieder gesperrt. Diese Blockade hat zu dem Unglück beigetragen. Das hätten sie nicht machen dürfen.“

Fabiano Pereira da Silva Fabiano Pereira da Silva

Der 25-jährige Fabiano Pereira da Silva aus Dortmund war ebenfalls rechtzeitig auf das Veranstaltungsgelände der Loveparade gelangt. Der aus Brasilien stammende, in Duisburg aufgewachsene Arbeiter hatte dann ohnmächtig zusehen müssen, wie es im Tunnelausgang zur Katastrophe kam.

„Ich konnte nicht helfen, weil ich nicht runter konnte, ohne mich dabei selbst umzubringen“, berichtete er. „Ich musste alles mit ansehen. Es war einfach furchtbar, mit anzusehen, wie sich Menschen gegenseitig erdrücken. Ich kann das kaum in Worte fassen. Das war eine Katastrophe.“

Nach den Ursachen befragt sagte Fabiano: „Ganz einfach: Geld! Ich bin nicht der einzige, der das sagt. Wenn jemand eine solche Veranstaltung organisiert, dann soll er sie vernünftig machen. Meiner Meinung nach sind die Leute gestorben wegen der Verantwortungslosigkeit der Leute, die die Party organisiert haben. Sie sind gestorben wegen Geld, nur wegen Geld. Wenn sie Geld gehabt hätten, hätten sie den anderen Eingang benutzt, den Eingang, den nur die VIPs benutzen durften. Eigentlich gibt es in Duisburg genug Platz. Warum muss man die Leute, die zur Loveparade wollten, ausgerechnet durch einen Tunnel laufen lassen?“

Die Opfer seien junge Leute, die feiern und den Frust raus lassen wollten, sagte Fabiano. „Es hätte genauso gut mich selbst treffen können. Ich könnte jetzt auch tot sein. Die jungen Leute, die gestorben sind, haben eine Ausbildung gemacht; das waren keine Dummköpfe. Sie hatten ihr Leben noch vor sich.“

Markus vor dem Hauptbahnhof Duisburg Markus vor dem Hauptbahnhof Duisburg

Markus war aus der Nähe von Kaiserslautern angereist und beteiligte sich am inoffiziellen Trauerzug. „Das, was hier passiert ist, darf nicht ungesühnt bleiben“, sagte er. „Die Stadtverwaltung und die Organisatoren müssen dafür zur Verantwortung gezogen werden und dafür bezahlen. Die Organisatoren haben das Ganze unterschätzt. Wenn ich ein Lokal habe mit 15 Sitzplätzen, da kann ich auch keine Feier mit 50 Leuten annehmen. Das geht nicht. Das, was hier passiert ist, ist ein Verbrechen. Man sperrt kleine Leute schon wegen geringerer Vergehen ein. Für mich ist die große Frage, warum man die Organisatoren nicht in U-Haft genommen hat. Hier sind viele gestorben und schwer verletzt worden, und es passiert irgendwie nichts. Jetzt zählt jeder, der darauf dringt, dass nichts vertuscht wird. Das ist auch ein Grund, warum ich hier bin, und aus Solidarität.“

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen