Trotz Jahrhundertflut in Pakistan - Washington interessiert nur Sicherheitsfrage

Von Patrick Martin
20. August 2010

Immer noch bringen die beispiellosen Überschwemmungen Tod und Zerstörung über Pakistan. Derweil kreisen die Sorgen amerikanischer Politiker und Journalisten nicht etwa um diese kolossale menschliche Tragödie, sondern nur darum, ob sie eine Bedrohung für die politische Stabilität und amerikanischen Sicherheitsinteressen in der Region darstellt. Seit fast neun Jahren konzentrieren die USA ihre Militäraktionen schon darauf.

Flutopfer besetzten am Montag und Dienstag große Straßen, forderten Hilfe und demonstrierten gegen Präsident Asif Ali Zardari. Zehntausende Dörfer sind überflutet, und es gibt wenige Anzeichen für Hilfe in größerem Ausmaß, weder von der Regierung, noch von dem riesigen, bis an die Zähne bewaffneten Militärapparat.

Reuters berichtet: “Dutzende Männer mit erhobenen Stöcken und einige Frauen versuchten, eine fünfspurige Straße außerhalb von Sukkur, einer wichtigen Stadt in der Südprovinz Sindh, abzuriegeln. Die Bauern zündeten Stroh an und drohten, Autos mit ihren Stöcken zu verbeulen.“

Gul Hasan, ein hungriger Dorfbewohner, sagte der Nachrichtenagentur: “Wir haben unsere Häuser verlassen und konnten nichts mitnehmen. Jetzt haben wir keine Kleidung, keine Nahrung, und unsere Kinder leben am Straßenrand.“

Im Pandschab zündeten Hunderte Dorfbewohner nahe Kot Addu Reifen an und riefen: “Nieder mit der Regierung.”

In einer Analyse auf der ersten Seite schrieb die Washington Post am Mittwoch: „Erschüttert vom Ausmaß der Zerstörungen durch die katastrophalen Fluten dieses Sommers sagen pakistanische Sprecher, die Sicherheit des Landes könnte ernsthaft in Gefahr geraten, wenn nicht bald mehr internationale Hilfe eintreffe.“

“Diese Bedingungen haben das Potential, ein Land weiter zu destabilisieren, das schon vor der Krise unter einer schwachen Regierung und einem brutalen Aufstand litt”, schrieb die Zeitung.

Ein pakistanischer Militärsprecher, Generalmajor Athar Abbas, sagte der Post: „Es gibt schon Zeichen der Unruhe in der Bevölkerung. Wenn man sich nicht darum kümmert, könnte sich das verschärfen und in jenen Gebieten, wo die Regierung die Interessen der Bevölkerung vernachlässigt hat, zu einer kritischen Sicherheitslage führen.“

US-Senator John Kerry, Vorsitzender des Außenpolitischen Senatsausschuss, traf am Mittwoch in Pakistan ein, nachdem er der afghanischen Hauptstadt Kabul einen seit längerem geplanten Besuch abgestattet hatte. Er äußerte sich besorgt, das Hochwasser könnte das pakistanische Regime destabilisieren und dem wachsenden Einfluss von islamisch-fundamentalistischen Verbündeten der Taliban Vorschub leisten.

Das pakistanische Militär hat bisher keine aktiven Truppen für die Flutnothilfe eingesetzt, sondern nur Reserven und Ausbildungseinheiten. Daran zeigen sich die Prioritäten von Washington und Islamabad.

Die amerikanische Regierung, die mit lächerlichen 90 Millionen Dollar bisher am meisten gespendet hat, - nämlich genau ein Tausendstel der Summe, die sie dieses Jahr schon für den Krieg im benachbarten Afghanistan ausgegeben hat -, sorgt sich in erster Linie um die Auswirkungen auf die Grenzregion. Diese ist das Zielobjekt gnadenloser Raketenangriffe, selbst während der schlimmsten Überschwemmungen.

Der Kommandant des US-Marine Corps, General James T. Conway, rief am Mittwoch den pakistanischen Generalstabschef im Hauptquartier in Rawalpindi an. Nach oberflächlichen Beileidsbekundungen ging es bei dem Gespräch, wie der pakistanischen Presse zu entnehmen war, „um Fragen der nationalen Sicherheit, des Kriegs gegen den Terror und Verteidigungsfragen, etc.“.

US-Außenministerin Hillary Clinton machte am Donnerstag weiter Hilfsversprechen, als die Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Sondersitzung zur Überschwemmungskatastrophe in Pakistan abhielt. Ein Sprecher des Außenministeriums sagte, die Versammlung sei „eine Gelegenheit, Solidarität zu bekunden und noch mehr Hilfe der Mitgliedsstaaten und der internationalen Gemeinschaft für Pakistan zu mobilisieren“.

Die Flutwelle strömt auf ihrem Weg nach Süden durch einige der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde. Der Indus und seine Zuflüsse sind in allen Tälern von Rekordmonsunregen angeschwollen. Alle vier pakistanischen Provinzen - Khyber Pakhtunwa (die ehemalige Nordwestgrenzprovinz), der Pandschab, Belutschistan und Sindh - haben schwere Schäden erlitten.

Allein im Pandschab, der bevölkerungsreichsten Provinz, sind schätzungsweise 8,5 Millionen Menschen obdachlos. Die Gesamtzahl der Menschen, die ihr Obdach verloren haben, beträgt mindestens zwanzig Millionen. Zehntausende Dörfer stehen unter Wasser. Die Fluten haben inzwischen Sindh erreicht, die südlichste Provinz, wo der Indus in den Indischen Ozean mündet. In den Städten im nordwestlichen Teil der Provinz, nahe der Grenze zu Belutschistan, herrscht höchste Alarmstufe.

Die Kommissarin der Europäischen Union für internationale Hilfsmaßnahmen, Kristalina Georgiewa, kündigte 39 Millionen Dollar Hilfsgelder an und sagte, dass Pakistan jetzt mit zwei Katastrophen auf einmal konfrontiert sei. „In den Hochebenen des Nordens“, erklärte sie, „sind die Inlandsflüchtlinge schon von Bürgerkriegskonflikten hart getroffen, und jetzt noch von den Springfluten. Hier sind die meisten Menschenleben zu beklagen.“

Georgiewa fuhr fort: “In den Tiefebenen des Südens, wo sich die Fluten in den letzten Tagen in die Breite ausgedehnt haben, und wo wichtige Ackerflächen für die Versorgung der Bevölkerung liegen, wird die arme ländliche Bevölkerung von langsam aber ständig steigendem Wasser geplagt.“

Im Norden geht man von 1.600 Toten aus. Die pakistanische Regierung hat keine neuen Zahlen herausgegeben, seit zahllose Dörfer in der Mitte und im Süden überschwemmt wurden. Es wird daher befürchtet, dass die Zahl der Toten stark nach oben korrigiert werden muss, wenn sich das Wasser zurückzieht.

Außerdem wird die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten wie Cholera in Folge der Katastrophe befürchtet, weil Dutzende Millionen Menschen gezwungen sind, mangels Alternative verschmutztes Wasser zu trinken.

Insgesamt 160.000 Quadratkilometer Land, d.h. ein Fünftel der Gesamtfläche Pakistans, ist inzwischen überflutet. Der wirtschaftliche Schaden ist ungeheuer. Einer Quelle zufolge haben Niederschläge 500.000 Tonnen Weizen zerstört, 300.000 ha Viefutter ruiniert und 100.000 Stück Vieh getötet. 1,5 Millionen ha bepflanztes Land ist geschädigt. Betroffen sind Weizen, Mais, Baumwolle und Zuckerrohr.

Pakistan ist der drittgrößte Weizenproduzent in Asien, doch das Land verbraucht fast alles, was es produziert. Die Baumwollproduktion versorgt die einheimische Textilindustrie, die jetzt Baumwolle einführen muss, was die Kosten nach oben treibt. Neunzig Prozent der Reisvorräte und der Reisernte sind in Mitleidenschaft gezogen.

Die Weltmächte kümmern sich um ihre eigenen ökonomischen, politischen und strategischen Interessen und kümmern sich nicht um die Folgen für die pakistanische Bevölkerung. Die Vereinigten Staaten, Russland, China, die Europäische Union und Indien stellen ihr nationales Interesse weit über die Hilfe für ca. zwanzig Millionen Menschen.

Die gesamte internationale Hilfe für Pakistan beträgt nur einen winzigen Teil der Gelder, die Haiti nach dem Erdbeben vom 12. Januar diesen Jahres, oder Indonesien und Sri Lanka nach dem Tsunami an Weihnachten 2004 zur Verfügung gestellt wurden, obwohl die Anzahl der Betroffenen weit größer ist als bei allen anderen Katastrophen der letzten zehn Jahre zusammengenommen.

Wie die Hilfsorganisation Oxfam berichtet, hatten ihre Geber nach dem Erdbeben in Haiti innerhalb von zehn Tagen 742 Millionen Dollar gespendet und weitere 920 Millionen Verpflichtungen abgegeben. Für Pakistan betrugen die Zahlen im gleichen Zehntageszeitraum 45 Millionen und 91 Millionen, obwohl fünfmal so viele Menschen betroffen sind. Pakistans Hochkommissar in Großbritannien, Wajid Shamsul Hasan, sagte, die Kosten des Wiederaufbaus könnten bis zu fünfzehn Milliarden Dollar betragen.

Ein Bericht des Außenministeriums, der den Beitrag amerikanischer Hubschrauber zur Katastrophenhilfe auflistet, bestätigt praktisch den symbolischen Charakter der Aktion. Insgesamt 21 militärische und zivile amerikanische Fluggeräte waren im Einsatz, von denen achtzehn schon in Pakistan stationiert waren, als die Überschwemmungen begannen. „Amerikanische Hubschrauber haben 5.912 Menschen evakuiert und 717.713 Pfund Notrationen abgeworfen“, informiert der Bericht. Das bedeutet, dass eins von viertausend Flutopfern von der amerikanischen Hilfe profitierte.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew traf sich in seinem Urlaubsort Sotschi an der Schwarzmeerküste mit dem pakistanischen Präsidenten Zardari, dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai und dem Präsidenten von Tadschikistan. Das schon länger geplante Treffen befasste sich mit Terrorismus und Drogenhandel infolge der Kämpfe in Afghanistan. Medwedew bot dabei auch einen symbolischen Beitrag zur Fluthilfe an.

Es war schon das zweite Mal seit Beginn der Flut, dass Zardari sich in einem mondänen europäischen Zentrum aufhält. Diese Reise wird die Feindseligkeit gegen den Präsidenten im eigenen Land zweifellos verstärken. Anfang des Monats hatte Zardari abgelehnt, seinen Besuch in Großbritannien und Frankreich abzubrechen, während dessen er auch in seinem luxuriösen Familienschloss in der Normandie Station machte.

Großbritannien war das einzige große europäische Land, das in der ersten Woche der Katastrophe einen nennenswerten Betrag zur Katastrophenhilfe beisteuerte. Die Europäische Kommission, die die gesamte EU vertritt, gab weniger als ein Prozent der gesamten Hilfsgelder für Pakistan, wie Oxfam berichtet.

China, ein wichtiger strategischer Partner Pakistans, vor allem wenn es gegen Indien geht, bot nur eine bescheidene Summe, und Indien gab von allen am wenigsten - insgesamt fünf Millionen Dollar, hauptsächlich in Form von Reis.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen