Flutkatastrophe in Pakistan

Zwanzig Millionen Menschen bisher betroffen

Von Vilani Peiris
18. August 2010

Die Flutkatastrophe in Pakistan wird immer schlimmer. Nach letzten Regierungsangaben sind bisher zwanzig Millionen Menschen oder zwölf Prozent der Bevölkerung betroffen. Das Schlimmste, war er je gesehen habe – so beschrieb UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Zerstörungen, als er am Sonntag das Land besuchte. „Ich habe in aller Welt schon viele Naturkatastrophen gesehen, aber keine wie diese“, sagte er.

„Tausende Städte und Dörfer – einfach fortgespült“, fuhr Ban fort. „Straßen, Gebäude, Brücken, Ernten und die Lebensgrundlage von Millionen sind zerstört. Menschen sind auf winzigen Inseln gestrandet, kilometerweit um sie herum nur Wassermassen. Sie trinken schmutziges Wasser. Sie leben im Schlamm und den Ruinen ihres Lebens. Viele haben Familie und Freunde verloren. Andere bangen, dass ihre Kinder und andere Angehörige diese Bedingungen nicht überleben“, erklärte Ban.

Im Vergleich dazu ist die internationale Hilfe, die Pakistan erreicht, hoffnungslos unzureichend. Die UN haben erst ein Viertel der 460 Millionen Dollar für Nothilfe erhalten, um die sie gebeten haben. Der stellvertretende britische Premierminister Nick Clegg brandmarkte die internationale Reaktion als „absolut beschämend“, verteidigte aber die magere Hilfe seiner eigenen Regierung. Bis letztes Wochenende haben die USA und Großbritannien 22 bzw. 27 Millionen Dollar Hilfszahlungen geleistet. Andere G-20 Länder hinken sogar noch weit hinterher: Australien mit neun Millionen Dollar, Kanada mit zwei Millionen, China mit 1,5 Millionen, Frankreich mit 1,4 Millionen, Deutschland mit 2,4 Millionen, Italien mit 1,8 Millionen und Japan mit 230.000 Dollar.

Ban sagte zu Reportern: “Die Katastrophe ist noch längst nicht vorbei. Es regnet immer noch, und das könnte noch wochenlang so weitergehen.“ Das staatliche Amt für die Vorhersage von Fluten warnte am Wochenende vor „außergewöhnlich hohen Wasserständen“ im Indus, die in der Provinz Sindh zwei Dämme bedrohen. Die Fluten werden wahrscheinlich die tiefer gelegenen Teile der Städte Jacobadad, Sukkur, Larkana und Hyderabad überfluten.

Dreiviertel der 300.000-köpfigen Bevölkerung Jacobabads sind schon in höher gelegene Gebiete geflohen. Gebiete im Nachbardistrikt Jaffrabad in Belutschistan stehen ebenfalls schon unter Wasser, nachdem der Sim-Kanal gebrochen ist. Die pakistanische Zeitung News berichtet: „Hunderttausende Menschen, darunter Kinder, Frauen und Alte, sind auf den Dächern ihrer Häuser eingeschlossen. Ganze Distrikte liegen kilometerweit unter 1,50 Meter hohen Wassermassen.

Die geschätzte Zahl der Todesopfer der Flut liegt bisher bei ungefähr 1.600, aber viele Gebiete des Landes sind immer noch unzugänglich, sodass die tatsächliche Zahl vielleicht nie bekannt wird. Die UN warnen vor einer weiteren Welle von Toten infolge von Hunger und Krankheit.

„Bis zu 3,5 Millionen Kinder schweben in Gefahr, an tödlichen Krankheiten wie wässriger Durchfall und Ruhr zu sterben, die durch schmutziges Wasser übertragen werden“, sagte UN-Sprecher Maurizio Giuliano Reportern. Er gehe davon aus, dass sechs Millionen Menschen gefährdet seien. Giuliano sagte, es seien schon 36.000 Fälle von Durchfall aufgetreten. „Wir brauchen dringend sauberes Trinkwasser, andernfalls werden wir eine zweite Welle von Todesfällen erleben“, warnte Guiliano.

Mediziner fürchten einen Ausbruch der Cholera, die ähnliche Symptome wie wässriger Durchfall aufweist, aber hoch ansteckend ist. Cholera kann zu schwerer Dehydrierung und zum Tod führen, wenn sie nicht schnell behandelt wird. Ein Cholerafall ist schon in Mingora, der größten Stadt im nördlichen Swat-Tal, bestätigt worden. Wie Guiliano berichtete, behandeln die Ärzte alle Fälle akuten wässrigen Durchfalls, als ob es Cholera sei, um die Gefahr einer tödlichen Epidemie möglichst klein zu halten.

Pakistans Rettungsdienste, die mit dem Militär zusammen Lebensmittel und andere wichtige Güter in abgeschnittene Gebiete bringen, sind schon an ihre Grenzen geraten. Die Verteilung verläuft bestenfalls chaotisch. Lebensmittel werden aus Hubschraubern und Flugzeugen abgeworden, und kein Mensch weiß, ob sie ausreichen und ob alle, die in Not sind, erreicht werden. Die pakistanische Daily News berichtete gestern, dass im überschwemmten Kohistangebiet in der Nordprovinz Khyber Pakhtunkhwa fünf Kinder verhungert seien.

Die Fluten haben auch verheerende Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Weltbankpräsident Robert Zoellick erklärte am Freitag vor Reportern, dass die Ernteschäden eine Milliarde Dollar betrügen. Die Welternährungsagentur der UNO berichtete, dass ungefähr 700.000 ha Landwirtschaftsfläche zerstört seien, auf denen hauptsächlich Reis, Mais, Baumwolle und Zuckerrohr angebaut waren. In einigen Gegenden sind achtzig Prozent der Nutztiere tot. Das Hochwasser verknappt aber nicht nur die Lebensmittel und verteuert sie, die Flut könnte nach Angaben des Finanzministeriums auch Wirtschaftswachstum Pakistans halbieren, das bisher mit 4,5 Prozent veranschlagt wurde.

Die fehlende Hilfe der Regierung und der internationalen Gemeinschaft lässt die Flutopfer die Geduld verlieren. Hunderte Menschen blockierten gestern eine Hauptstraße in Sukkur mit Steinen und Abfall, um gegen die langsame Hilfe zu protestieren. Kalu Mangiani sagte an einer Barrikade zu Associated Press, nur wenn die Medien da seien, kämen Regierungsvertreter, um Hilfe abzuliefern. “Sie werfen uns Essenspakete hin, als ob wir Hunde wären“, sagte er.

Ein anderer Demonstrant sagte der BBC: “Seit Beginn der Überschwemmungen scheint es hier keine Regierung zu geben. Wir haben unsere Kinder verloren, wir haben unser Vieh verloren und konnten uns selbst kaum retten. Obwohl wir es bis hierhin geschafft haben, bekommen wir nichts. Wo ist die Regierung? Was sollen wir tun? Wohin sollen wir gehen?”

Das Schicksal von Millionen Menschen berührt die pakistanische Regierung offenbar so wenig, dass Präsident Asif Ali Zardari Anfang des Monats seine Europareise erst einmal wie geplant zu Ende führte. Nach seiner Rückkehr besuchte er die überfluteten Gebiete am 12. August zum ersten Mal. Aus Angst vor Protesten fand sein Besuch in Sukkur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt, und nur staatliche Medien durften darüber berichten.

Zardari stand schon vorher unter Druck, weil er den Krieg der USA gegen die islamischen Aufständischen in der Grenzregion zu Afghanistan unterstützt. Hunderttausende Menschen mussten seit April letzten Jahres aus ihren Häusern fliehen, weil schwer bewaffnete Truppen in das Swat-Tal, Südwasiristan und andere Gebiete vorrückten. Auch die Sparpolitik der Regierung, die im Auftrag des IWF durchgeführt wird, sorgt für Unzufriedenheit.

Mehrere Kommentatoren haben sich besorgt über die Zukunft der Regierung geäußert. Die Analystin Marie Lall von britischen Chatham House sagte dem Guardian: „Unmittelbar drohen Hungeraufstände. Es herrscht große Verbitterung im Swat und in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa, wo die Menschen schon während der Regierungsoffensive ihre Häuser verlassen mussten. Jetzt drohen soziale Unruhen, weil mehrere Fraktionen, Familien und ethnische Gruppen um die Kontrolle streiten, falls die Regierung zusammenbricht.“

Der Herausgeber der Friday Times, Najam Sethi, äußerte sich gegenüber McClatchy Newspapers: “Die Machthaber, d.h. das Militär und die Staatsbürokratie, diskutieren die Bildung einer nationalen Regierung, mit oder ohne die PPP [Zardaris Pakistanische Volkspartei]… Ich weiß genau, dass das diskutiert wird. In der Armee ist man der Meinung, dass es eine gute Regierungsführung brauche, um aus der Wirtschaftskrise zu kommen, und gegenwärtig gebe es keine gute Regierungsführung.“

Auch die Nation berichtet: “Die Befürchtungen, dass Präsident Asif Ali Zardari gestürzt werden könnte, möglicherweise durch eine Intervention der Armee, nehmen zu, weil die Unfähigkeit der Regierung angesichts der Krise vorhandene Misshelligkeiten weiter verstärkt.“

Sorge um die Zardari-Regierung bestimmte sicherlich zu einem guten Teil die Reaktion der USA auf die Überschwemmungskatastrophe. Sie sagten nicht nur 76 Millionen Dollar an Hilfszahlungen zu, sondern das Pentagon schickte auch drei Schiffe mit 2.000 Marines, Transporthubschraubern und Hilfslieferungen. Amerikanische Truppen und Hubschrauber sind auch bisher schon an Hilfsaktionen beteiligt, auch im kritischen Swat-Tal.

Die amerikanische Militärpräsenz schafft einen Präzedenzfall, um in Zukunft die Operationen auf Pakistan auszuweiten. Die Regierung und das Militär hatten das bisher aus Furcht vor Protesten immer abgelehnt. Die überwältigende Mehrheit der pakistanischen Bevölkerung lehnt die Besetzung Afghanistans und die amerikanischen Forderungen ab, den Krieg nach Pakistan hinein auszuweiten. Trotz der amerikanischen Hilfsaktionen haben die Raketenangriffe auf pakistanisches Territorium nicht aufgehört. Am Sonntag tötete eine Drohne in Südwasiristan dreizehn Menschen.

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