Pakistans Flutkatastrophe, die Teilung Indiens und imperialistische Unterdrückung

31. August 2010

Im letzten Monat sind mehr als zwanzig Prozent von Pakistan und fast ein Viertel seiner landwirtschaftlichen Flächen in den Fluten versunken. Es entwickelt sich dort laut Sprechern der UN die schlimmste humanitäre Katastrophe, die diese Organisation in ihrer 65-jährigen Geschichte je erlebt hat.

Zwanzig Millionen Menschen sind inzwischen betroffen; ihre Häuser und Arbeitsstätten sind überflutet, die Ernte ist vernichtet, das Vieh ertrunken. Acht Millionen Pakistaner sind dringend auf Hilfe angewiesen. Allein in den letzten Tagen wurden in der Provinz Sindh im Süden mehr als eine Million Obdachlose und Hilfsbedürftige gezählt.

Die offizielle Zahl der Todesopfer steht nach wie vor bei 1.600, aber jeder weiß, dass es viel mehr sein werden, wenn sich die Fluten zurückziehen und das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar wird.

Die UN und internationale Hilfsorganisationen warnen, dass buchstäblich Millionen akut von Cholera und anderen Krankheiten, die durch verschmutztes Wasser hervorgerufen werden, und von Hunger bedroht sind. Die Hilfsaktionen der Regierung schaffen es nicht, mehr als einem kleinen Teil der Betroffenen sauberes Wasser, Lebensmittel und Zelte zukommen zu lassen.

Dies ist ein Unglück von unvorstellbaren Ausmaßen. Aber für die rivalisierenden nationalen Bourgeoisien Pakistans und Indiens nimmt alles weiter seinen normalen Verlauf. Seit der Gründung ihrer Staaten nach der Teilung des Subkontinents im Jahre 1947 belauern sie sich gegenseitig in militärischer und geopolitischer Rivalität.

Es dauerte zwei Wochen, bis sich Indien dazu herbeiließ, Islamabad jämmerliche fünf Millionen Dollar Hilfe anzubieten: als „Geste der Solidarität mit dem pakistanischen Volk“. Da hatten die Fluten Pakistan schon weitgehend verwüstet.

Pakistan brauchte dann eine Woche, um sich über seine Haltung zu dem Angebot klar zu werden. Es führte dafür die „damit verbundenen Sensibilitäten“ an. Schließlich erforderte es einen Telefonanruf des indischen Premierministers bei seinem pakistanischen Amtskollegen, sowie öffentliche Ermahnungen Washingtons, damit der pakistanische Außenminister bekanntgab, seine Regierung nehme das Angebot aus Neu-Delhi an.

Das diplomatische Gerangel über ein jämmerliches Almosen für die pakistanischen Flutopfer provozierte weder in der indischen noch in der pakistanischen Presse größere Schlagzeilen. Die Medien in beiden Ländern schließen sich gewöhnlich der nationalistisch und kommunalistisch gefärbten Propaganda der Politiker ihres jeweiligen Landes an und verstärken sie noch. Sie machen für alle möglichen sozialen und politischen Probleme die „geheime Wühlarbeit“ des Erzrivalen verantwortlich.

Die Rivalität und Teilung Indiens und Pakistans ist aber ein zentrales Element der akuten Tragödie.

Entgegen aller sozialökonomischen, historischen und kulturellen Logik wurde Indien 1947 von den abziehenden britischen Kolonialherren und den bürgerlichen Politikern des Indischen Nationalkongresses und der Muslimliga in ein muslimisches Pakistan und ein überwiegend hinduistisches Indien geteilt.

Die künstlichen Grenzen der Teilung haben es unmöglich gemacht, die Wasserwege Südasiens vernünftig zu verwalten, um Bewässerung, Elektrifizierung und Schutz vor Überflutungen für alle zu gewährleisten. Tatsächlich ist die Wasserfrage einer wichtiger Streitpunkt zwischen Neu-Dehli und Islamabad, trotz des von der Weltbank vermittelten Indus-Wasser-Vertrags von 1960.

In Indien und in Pakistan haben die herrschenden Eliten es nicht geschafft, für eine grundlegende öffentliche Infrastruktur zu sorgen, sondern haben stattdessen wichtige Mittel für Rüstung, Kriege und die Entwicklung von Atomwaffen verschleudert. Indien und Pakistan haben drei Kriege gegeneinander geführt und standen vor zehn Jahren kurz vor einem vierten.

Die Teilung wird von den herrschenden Eliten Indiens und Pakistans als die Geburtsstunde eines “demokratischen Indiens” bzw. „einer nationalen Heimat für die Muslime Asiens“ gefeiert. Das unterstreicht nur ihre abgebrühte Gleichgültigkeit gegenüber den Massen Südasiens, unabhängig von ihrer Volkszugehörigkeit, Religion oder Kaste.

Das unmittelbare Ergebnis der Teilung war ein massives kommunalistisches Blutbad. Es forderte das Leben von ca. zwei Millionen Hindus, Sikhs und Moslems, und vierzehn Millionen Menschen wurden zwangsweise umgesiedelt. Dies war die größte Massenwanderung der Menschheitsgeschichte.

Die Teilung prägt bis heute die so genannte “Freiheit” und “Unabhängigkeit” in den bürgerlichen Staaten Indien und Pakistan. Sie war nicht einfach eine Fehlentwicklung, sondern nur die blutigste und offensichtlichste Folge der politischen Unterdrückung der antiimperialistischen Massenbewegung, die Südasien in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Unruhe versetzte.

Der indische Nationalkongress unter der Führung von Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru stellte sich als unschuldiges Opfer der Teilung hin. Diesen Politikern zufolge hatten die Briten und die Muslimliga allein die Teilung durchgesetzt. Aber die bürgerlichen Führer der Kongresspartei verrieten ihre eigenen Ideale eines demokratischen und nicht-religiösen Indiens, das alle Völker des Subkontinents vereinen sollte, weil sie zu einem einigen Kampf von unten für die Vereinigung Südasiens organisch unfähig waren. Sie lehnten es strikt ab, an die gemeinsamen Klasseninteressen der Arbeiter und Bauern des Subkontinents zu appellieren.

Im Gegenteil, die Welle von Arbeiter- und Bauernkämpfen in Indien nach dem Zweiten Weltkrieg und die offensichtliche Uneinigkeit in den Reihen der britischen Indienarmee überzeugte die Kongressführer von der Notwendigkeit, alsbald die Kontrolle in dem kolonialen Staat zu übernehmen, um eine soziale Revolution zu verhindern.

Nach der Unabhängigkeit konsolidierten die rivalisierenden Regimes die bürgerliche Herrschaft auf Kosten der Massen, verhinderten eine Landrevolution, schützten den Reichtum der Prinzen und unterdrückten Arbeiterunruhen.

Sechs Jahrzehnte später haben die rivalisierenden Bourgeoisien Indiens und Pakistans ihre völlige Unfähigkeit bewiesen, auch nur eine der brennenden demokratischen und sozialen Fragen zu lösen, vor denen die arbeitende Bevölkerung Südasiens steht. Die Hälfte der Armen weltweit leben in Südasien. Nirgendwo auf der Welt ist ein größerer Teil der Bevölkerung unterernährt. Weder Indien noch Pakistan geben mehr als fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Gesundheit aus.

Und entsprechend der Logik der Teilung und der Rivalität zwischen Indien und Pakistan ist keine Region der Welt ökonomisch weniger integriert.

Unfähig zu einer progressiven Lösung der Krise der kapitalistischen Herrschaft in Südasien greifen die Bourgeoisien Indiens und Pakistans immer mehr auf Kommunalismus, ethnischen Nationalismus und religiösen Fundamentalismus zurück, um die Massen zu spalten.

Die Teilung war und ist ein Mechanismus zur Aufrechterhaltung der imperialistischen Vorherrschaft in der Region. Die pakistanische Bourgeoisie nahm bereitwillig Washingtons Angebot an, im Kalten Krieg mit der Sowjetunion die Rolle eines „Frontstaates“ zu spielen. Immer wieder haben die USA Militärdiktaturen in Pakistan unterstützt, zuletzt die von General Pervez Musharraf. In den 1980er Jahren taten sich der pakistanische Diktator General Zia-ul Haq und die USA zusammen, um die islamistisch-fundamentalistische Opposition gegen das pro-sowjetische Regime in Afghanistan zu organisieren und zu bewaffnen. Das hatte für die Völker Afghanistans und Pakistans verheerende Konsequenzen.

Heute unterstützt die pakistanische Regierung entgegen der Meinung ihrer eigenen Bevölkerung die Besetzung Afghanistans durch die Truppen von USA und Nato.

Die indische Bourgeoisie versuchte im Kalten Krieg den Anschein einer Unabhängigkeit von Washington zu wahren. Aber dieser Konflikt drehte sich nur darum, größeren Spielraum zu erlangen und bessere Bedingungen für ihre Unterordnung unter den Weltimperialismus auszuhandeln. In den letzten zehn Jahren hat die indische Bourgeoise eine „globale strategische Partnerschaft“ mit Washington geschlossen, während die USA gleichzeitig Aggressionskriege gegen Afghanistan und den Irak geführt haben.

Im Kalten Krieg haben die USA das Ihre getan, um den indisch-pakistanischen Konflikt am Kochen zu halten, damit sie ihre eigenen räuberischen Interessen besser wahren können. In letzter Zeit bemühen sie sich, die Lage zwischen Neu-Dehli und Islamabad zu entspannen. Deswegen haben sie Druck auf Islamabad ausgeübt, die lächerliche Fluthilfe Indiens anzunehmen.

Aber dahinter stehen ausschließlich aktuelle strategische Überlegungen der USA. Sie brauchen Pakistans Unterstützung in Afghanistan und wollen, dass Islamabad Truppen von seiner Ostgrenze mit Indien abzieht und im Kampf gegen Anti-Besatzungskräfte in Pakistan einsetzt.

Washington hat keine Mühe gescheut, das “Friedens-Pipeline-Projekt” zu torpedieren, das Erdgas aus dem Iran nach Pakistan und dann weiter nach Indien transportieren sollte, weil dies seine Bemühungen untergraben würde, den Iran wirtschaftlich zu isolieren. So haben die USA auch die pakistanischen Warnungen in den Wind geschlagen, das zivile indisch-amerikanische Atomabkommen könnte zu einem Atomwettrüsten in Südasien führen könnte. Washington geht es aber darum, Indien als strategischen Partner und Gegengewicht zu China zu gewinnen.

In sechs Jahrzehnten Unabhängigkeit hat sich die Unfähigkeit der indischen und pakistanischen Bourgeoisie erwiesen, die grundlegenden Aufgaben der demokratischen Revolution zu realisieren: Die Abschaffung des Großgrundbesitzes, die Abschaffung der Kastenunterdrückung, die Trennung von Kirche und Staat, nationale Einheit und Unabhängigkeit, – diese brennenden Aufgaben können nur auf der Grundlage der Perspektive der Permanenten Revolution gelöst werden. Das heißt, dass sie Teil eines antikapitalistischen Kampfes unter der Führung der Arbeiterklasse sind, an dem sich alle Unterdrückten beteiligen.

Ein Schlüsselelement der Perspektive der Permanenten Revolution in dieser Region ist der Kampf für die Überwindung der Teilung von 1947 und für die Schaffung der Vereinigten Sozialistischen Staaten Südasiens.

Keith Jones

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