US-Soldaten töteten afghanische Zivilisten und behielten Finger und Totenschädel als Trophäen

Von Patrick Martin
17. September 2010

US-Soldaten machten sich einen Sport daraus, afghanische Zivilisten zu ermorden. Dabei behielten sie Fingerknochen und Schienbeine, einen Zahn und einen Schädel als grausige Trophäen. Das geht aus Dokumenten hervor, die das Pentagon am Mittwoch freigegeben hat. Der Fall ist die schlimmste Gräueltat von vielen, die bisher aus Afghanistan bekannt wurden. Er unterstreicht, dass die US-Militärintervention, wie schon im Irak, ein brutaler Kolonialkrieg ist, der sich gegen die gesamte Bevölkerung richtet.

Die offiziellen Anklageschriften der US-Armee schildern den Fall, der im Juni gegen ursprünglich fünf Soldaten eröffnet wurde, ausführlich. Ihnen wird vorsätzlicher Mord zur Last gelegt. Außerdem werden sie beschuldigt, einen Kameraden misshandelt zu haben, der gedroht hatte, Meldung über sie zu erstatten. Mittlerweile sind insgesamt zwölf Soldaten in 76 Punkten angeklagt. Darunter sind mehrere Fälle von Drogenmissbrauch, Leichenschändung, das Abfassen falscher Berichte, Falschaussagen gegenüber militärischen Ermittlern und Gewalttaten gegen Kameraden.

Alle zwölf Soldaten gehören derselben Kompanie an, dem 5. Stryker Brigade Combat Team, das in Fort Lewis in der Nähe von Tacoma, Washington, seinen Basisstützpunkt hat. Die Brigade kehrte vor kurzem von einem einjährigen Einsatz in der Nähe von Kandahar im Süden Afghanistans zurück.

Der Vorwurf gegen sechs der Soldaten lautet, sie hätten Körperteile afghanischer Leichen an sich genommen. Drei sind angeklagt, Aufnahmen gemacht zu haben, auf denen US-Soldaten mit den Leichen ihrer Opfer posierten, oder solche Fotos zu besitzen. Einem wird vorgeworfen, er habe auf einen Leichnam eingestochen.

Der ranghöchste Soldat der Gruppe, Stabsunteroffizier Calvin R. Gibbs, ist angeblich der Anstifter der Gräueltaten. Ihm werden insgesamt sechzehn Vergehen vorgeworfen. Als die Brigade im letzten Jahr nach Afghanistan verlegt wurde, brüstete sich Gibbs den Dokumenten zufolge mit Gräueltaten, die im Irak bei früheren Einsätzen ungestraft begangen worden waren. Er stachelte Kameraden an, mitzumachen, und erzählte ihnen, dass es ganz einfach sei, “eine Granate auf jemanden zu werfen und ihn zu töten”.

Gibbs half bei der Organisation eines "Killerteams", das wahllos gegen afghanische Zivilisten vorging und dann die Finger ihrer Opfer als Trophäen abtrennte. Solche grausigen Orgien des Mordens wurden während des Vietnam-Krieges praktiziert, und diese Tradition wurde offenbar an die heutige Generation amerikanischen “Krieger” weitergegeben.

Gibbs wird der Besitz von “Fingerknochen, Beinknochen und einem Zahn von afghanischen Leichen” vorgeworfen. Ihm wird außerdem zur Last gelegt, einem anderen Soldaten den abgetrennten Finger eines afghanischen Opfers gezeigt zu haben, um ihn auf diese Weise einzuschüchtern und die Verbrechen geheim zu halten. Der Anklageschrift zufolge beteiligte Gibbs sich am 5. Mai an der Misshandlung eines Kameraden und drohte, “ihn zu töten, falls er über den Haschischkonsum in der Truppe spreche”.

Drei Morde wurden în diesem Jahr innerhalb von vier Monaten begangen.

• Am 15. Januar wurde Gul Mudin getötet, “indem eine Splittergranate auf ihn geworfen und mit einem Gewehr auf ihn geschossen wurde”. Die Aktion wurde von Spc. Jeremy Morlock und Pfc. Andrew Holmes unter der Anführerschaft von Gibbs durchgeführt. Angeblich erzählte Morlock Holmes (ein 19-Jähriger auf seinem ersten Einsatz) Mudin sei zum Spaß getötet worden.

• Am 22. Februar sollen Gibbs und Spc. Michael S. Wagnon das zweite Opfer, Marach Agha, erschossen und eine Kalaschnikow neben den Körper gelegt haben, um den Mord zu rechtfertigen.

• Am 2. Mai wurde Mullah Adadhdad umgebracht, nachdem auf ihn geschossen und er mit einer Granate angegriffen worden war. Spc. Adam C. Winfield und Gibbs werden dieser Tat beschuldigt.

Aber nicht diese Morde an Afghanen waren der Anlass, der die militärische Untersuchung auslöste. Es war ein Vorfall am 5. Mai, als sieben der angeklagten Soldaten einen Kameraden misshandelt haben sollen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Dieser Soldat hatte sich ursprünglich bei den Befehlshabern über den extensiven illegalen Drogenkonsum beschwert, in erster Linie über das Rauchen von Haschisch. Nach den Misshandlungen begann er auch über die Morde zu sprechen, die in der Kompanie ein offenes Geheimnis waren.

Die sieben Soldaten, deren Namen gestern zum ersten Mal veröffentlich wurden, sind wegen der Teilnahme an den Misshandlungen und anderen Übergriffen angeklagt, mit denen der Drogenmissbrauch und andere Delikte vertuscht werden sollten. Gerüchten zufolge untersucht die Armee allerdings noch andere, möglicherweise kriminelle Handlungen, die sich gegen afghanische Zivilisten richteten, darunter eine Schießerei im März, an der sechs von ihnen beteiligt gewesen sein sollen.

Stabsunteroffizier Robert Stevens ist angeklagt, bezüglich der Schießerei den Ermittlern gegenüber gelogen zu haben. Er hatte angegeben, die Afghanen hätten die Truppe bedroht, und einer von ihnen habe eine Panzerfaust besessen. Dabei wusste er genau, dass diese Behauptungen falsch waren.

Es ist abzusehen, dass das Strafverfahren gegen die zwölf Soldaten eine langwierige Angelegenheit mit ungewissem Ausgang werden wird. Armeesprecher gaben der Presse gegenüber an, der Fall beruhe im Wesentlichen auf den umfangreichen Aussagen von Spc. Jeremy Morlock, einem der fünf Mordverdächtigen. Sein Anwalt sagt, Jeremy Morlock leide an einem Schädel-Hirn-Trauma, dass er durch USBV [Unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtung] in Afghanistan erlitten habe. Er sei mit Anti-Depressiva, Muskelentspannungs- und Schlafmitteln behandelt worden und habe Haschisch und Opium konsumiert. Solche Kommentare laden geradezu dazu ein, die rechtliche Verwendbarkeit und Glaubwürdigkeit von Morlocks Zeugenaussage in Frage zu stellen.

Wie auch bei früheren Untersuchungen von militärischen Gräueltaten im Irak und in Afghanistan richten sich die Ermittlungen ausnahmslos gegen die rangniedrigen Täter der Kriegsverbrechen. Die Kommandeure im Feld oder ihre zivilen Vorgesetzten in Washington, deren Politik letztlich für die Gewalt verantwortlich ist, stehen nicht im Mittelpunkt der offiziellen Ermittlungen.

Diese jüngsten Gräueltaten zeigen, dass die Behauptung der Obama-Regierung, der Krieg in Afghanistan diene der “Terrorismusbekämpfung“, ein reiner Vorwand ist, wie auch die Behauptung, der Krieg werde die afghanische Bevölkerung von der Terrorherrschaft der Taliban befreien.

Alle Kolonialkriege, die von imperialistischen Mächten aus räuberischen Motiven gegen arme und zurückgebliebene Länder geführt werden, zeichnen sich dadurch aus, dass die Soldaten durch die ihnen zugewiesen Rolle systematisch brutalisiert werden.

Die Bewohner des angegriffenen Landes reagieren selbstverständlich wütend und aggressiv gegen die Invasion, und die Aufständischen, die aktiv gegen die Besatzung kämpfen, sind kaum von der einheimischen Bevölkerung zu unterscheiden. Vor diesem Hintergrund ist es unvermeidlich, dass die Soldaten der Besatzungsmacht nach und nach die Bevölkerung insgesamt als Feind betrachten.

Dieses Muster hat sich immer und immer wieder herauskristallisiert, sei es bei den französischen Truppen in Algerien, den britische Truppen in Nordirland oder den amerikanischen Truppen in Vietnam, Irak und Afghanistan.

Diejenigen Soldaten, die an kriminellen Gewalttaten gegen unschuldige Zivilisten beteiligt waren, müssen vor Gericht gestellt und bestraft werden. Aber noch viel wichtiger ist die strafrechtliche Verfolgung derjenigen, deren politische und militärische Entscheidungen solche Grausamkeiten zwangsläufig herbeigeführt haben.

Alle Spitzenbeamten der Obama- und der Bush-Regierung und ihre Partner in den führenden NATO-Mächten, die sich an der Besetzung Afghanistans beteiligen, gehören vor ein internationales Tribunal.

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