Währungskriege und die Widersprüche des Kapitalismus

Von Nick Beams
24. September 2010

Die Währungskonflikte, die letzte Woche zwischen den USA, China und Japan ausgebrochen sind, weisen auf tief sitzende Widersprüche im Herzen der kapitalistischen Weltwirtschaft hin.

Schon seit geraumer Zeit schürt der Streit zwischen den USA und China über den Wechselkurs von Dollar und Yen die Spannungen im internationalen Wechselkursregime. Aber letzten Mittwoch nahm der Konflikt mit der Intervention der japanischen Regierung auf den Währungsmärkten eine neue Dimension an. Durch den Verkauf von Yen im Wert von 23 Milliarden Dollar drückten die japanischen Währungsbehörden den Wert des Yen gegenüber dem Dollar um drei Prozent.

Die Bedeutung der Intervention lag nicht nur in ihrem Umfang, sondern in der Tatsache, dass die japanische Regierung einseitig handelte. Die europäischen Behörden kritisierten, dass „einseitige Maßnahmen nicht der richtige Weg sind, um gegen globale Ungleichgewichte vorzugehen“. Der Vorsitzende des Bankenausschusses des US-Senats verurteilte die Intervention als „Bruch internationaler Abkommen“. Allerdings hielt sich die Obama-Regierung bedeckt, da Japan für sie ein Verbündeter im Konflikt mit China ist.

Die amerikanisch-chinesischen Spannungen wurden letzte Woche erneut akut, als US-Finanzminister Tomothy Geithner in einer Anhörung vor dem Kongress forderte, China müsse seine Währung gegenüber dem Dollar schneller aufwerten. Die amerikanische Regierung, sagte er, „befasst sich mit der wichtigen Frage, welche amerikanischen oder internationalen Instrumente den chinesischen Behörden schneller Beine machen können“. Robert Reich, Arbeitsminister der Clinton-Regierung, erklärte, diese Äußerung bedeute im Klartext: „Wir stehen kurz davor, Handelssanktionen zu verhängen.“ Andere Beobachter schrieben, der Währungskonflikt sei ein Zeichen dafür, dass die Welt sich einem Handelskrieg wie in den 1930er Jahren nähere.

Der Grund für die Konflikte liegt darin, dass die kapitalistischen Großmächte versuchen, den Auswirkungen der Stagnation der Weltwirtschaft dadurch entgegenzuwirken, dass sie ihre eigenen Exporte erhöhen. Die Obama-Regierung strebt einen schwächeren Dollar an, um die amerikanische Industrie wettbewerbsfähiger zu machen. Die chinesischen Behörden fürchten ihrerseits, dass ein zu schneller Anstieg des Yuan Unternehmen mit geringer Profitrate strafen und zu Arbeitslosigkeit und steigenden Spannungen führen könnte. Japanische Exporteure erklären, sie könnten nicht profitabel arbeiten, solange das Yen-Dollar Verhältnis bei achtzig zu eins liege, und betonen, der Wechselkurs müsse auf ca. 95 zu eins fallen. Die europäischen Mächte, besonders Deutschland, dessen Exporte vierzig Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes ausmachen, würden den Euro gerne bei 1,30 Dollar halten, anstatt ihn wieder, wie im letzten Jahr, auf 1,50 Dollar steigen zu lassen.

Auch wenn diese Konflikte unmittelbar von der globalen Wirtschaftslage angeheizt werden, haben sie doch eine tiefere historische Bedeutung. Sie sind eine Form der unlösbaren Widersprüche im Herzen des kapitalistischen Systems: des Konflikts zwischen der Weltwirtschaft und der Aufteilung der Welt in rivalisierende Nationalstaaten.

Jedes kapitalistische Land hat seine eigene Währung, die von der Wirtschaftskraft des Staates innerhalb seiner Grenzen gestützt wird. Aber keine Währung ist an und für sich Weltgeld. Damit jedoch das kapitalistische System funktionieren kann, braucht es ein international akzeptiertes Zahlungsmittel.

Ursprünglich spielten das Gold und andere wertvolle Metalle diese Rolle. Aber mit der Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaft, besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde die Metallbasis des Geldsystems zu einem Hindernis für die weitere Ausdehnung des Welthandels und musste überwunden werden. Der Aufstieg Großbritanniens zur beherrschenden Wirtschaftsmacht lieferte das Mittel dazu.

Obwohl Gold die offizielle Grundlage des Weltwährungssystems blieb, arbeitete die Weltwirtschaft praktisch auf einem Sterling-Standard . Das Pfund Sterling diente praktisch als Weltgeld. Es konnte das auf der Grundlage der Macht des britischen Wirtschafts- und Finanzsystems tun, das in nicht geringem Maße auf den Reichtümern beruhte, die es aus Indien und andere Teilen des britischen Imperiums saugte.

Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich die Situation dramatisch. Großbritannien gehörte zwar zu den Siegermächten, musste aber einen starken wirtschaftlichen Niedergang im Verhältnis zu seinen Rivalen hinnehmen. Um den Krieg zu finanzieren, hatte es den Goldstandard aufgegeben, was bedeutete, dass das Pfund Sterling nicht mehr so gut wie Gold war.

Der Versuch der britischen Regierung, 1925 den Goldstandard wieder herzustellen, brach 1931 zusammen, als das Pfund abgewertet wurde. Fortan steckte die Weltwirtschaft bis zum Ende des Jahrzehnts in der Großen Depression, und die Weltmärkte blieben in rivalisierende Handelsblöcke gespalten. Das führte 1939 schließlich zum Zweiten Weltkrieg.

Das Bretton-Woods-Abkommen von 1944, das ein Austauschverhältnis von 35 Dollar für eine Feinunze Gold festlegte, sollte ein tragfähiges Weltwährungssystem schaffen, ohne das die Weltwirtschaft schnell in die Bedingungen der 1930er Jahre zurückgefallen wäre.

Das Abkommen, das den amerikanischen Dollar aufgrund der überwältigenden Vorherrschaft des amerikanischen Kapitalismus praktisch zum Weltgeld machte, spielte bei der Wiederherstellung des Welthandels und der Investitionsströme eine entscheidende Rolle. Aber das Bretton-Woods-System beruhte auf einem Widerspruch. Die Gewährleistung der internationalen Liquidität erforderte, dass Dollars aus den USA in die übrige Welt transferiert wurden. Aber dieser Geldfluss veränderte das Verhältnis zwischen Dollar und Gold. Die international in der Weltwirtschaft zirkulierenden Dollars übertrafen bald bei Weitem den Wert des Goldes in der amerikanischen Zentralbank.

Die Lücke zwischen Dollar und Gold wuchs während der ganzen 1960er Jahre, bis Präsident Nixon am 15. August 1971 die Golddeckung des Dollars aufhob und erklärte, fortan könnten Dollars nicht mehr in Gold eingetauscht werden. Mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems konnte der US-Dollar nur deswegen weiter als Weltgeld fungieren, weil er sich auf die Stärke der amerikanischen Wirtschaft und der Finanzmärkte stützen konnte. Aber diese Stärke wurde beständig unterhöhlt.

Ende der 1980er Jahre waren die USA nicht länger das größte Gläubigerland der Welt. Sie waren zum Hauptschuldner geworden, der vom Zufluss von Kapital aus aller Welt abhängig war. Dieser Zufluss verschleierte bis zu einem bestimmten Punkt die innere Fäulnis des amerikanischen Finanzsystems. Aber diese Fäulnis kam periodisch doch immer wieder in der Form von Krisen an die Oberfläche, angefangen mit dem Börsenkrach von 1987 und gefolgt von mehreren Ereignissen in den 1990ern: der Anleihekrise von 1994, der Kernschmelze des Hedge Fonds Long Term Capital Management 1998 und der Krise im Jahre 2000, als die so genannte Dot.Com-Blase platzte. Der Höhepunkt war der Zusammenbruch von Lehman Brothers am 15. September 2008 und die darauf folgende Finanzkrise.

Die einsetzende globale Finanzkrise und die Währungskonflikte zeigen, dass sich der Widerspruch zwischen der Weltwirtschaft und dem Nationalstaatensystem verschärft. Die globale kapitalistische Wirtschaft verlangt eine stabile Reservewährung, ein Weltgeld, um richtig funktionieren zu können; aber der US-Dollar ist zunehmend unfähig, diese Rolle zu spielen. Auch ist keine andere Währung in der Lage, an seine Stelle zu treten, weder der Euro, noch der Yen oder der Yuan.

Das fehlende Vertrauen in alle Papierwährungen spiegelt sich darin wider, dass der Goldpreis ansteigt und ständig neue Höhen erreicht. Aber auch eine Rückkehr zum Goldstandard wäre keine tragfähige Lösung, weil sie zu einer gigantischen Kreditklemme führen und die Weltwirtwirtschaft in eine Depression stürzen würde, die die 1930er Jahre in den Schatten stellen würde.

Inmitten all der Krisenerscheinungen wurde die Möglichkeit geprüft, ob die Großmächte noch einmal ein ähnliches Abkommen wie das Plaza Agreement von 1985 schließen könnten. Mit diesem Abkommen wurde eine international koordinierte Abwertung des Dollars organisiert. Aber man muss sich nur die Unterschiede zu der damaligen Lage vor Augen führen, um zu erkennen, warum ein solches Projekt nicht realisiert werden kann. Vor 25 Jahren waren die USA noch die beherrschende Wirtschaftsmacht, und die atlantischen Volkswirtschaften waren das Zentrum des weltweiten Wachstums. Das ist heute nicht mehr der Fall: Die amerikanische Wirtschaft befindet sich im Niedergang, und das ökonomische Gravitationszentrum verschiebt sich zügig nach Osten.

Die Währungskrise wird in der nächsten Zeit sicher noch manche Wende vollziehen. Aber die Gesamtlogik des Prozesses ist klar. Die Weltwirtschaft wird zunehmend in rivalisierende Währungs- und Regionalblöcke zerfallen, und das Gespenst militärischer Konflikte steigt erneut empor.

Diese Katastrophe kann nur durch den Kampf für den sozialistischen Internationalismus verhindert werden, durch den Sturz des Profitsystems und des Nationalstaatensystems, auf dem es beruht. An seine Stelle muss eine rational geplante Weltwirtschaft treten.

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