Europäische Wirtschaft: Deutlicher Rückgang und wachsende Gegensätze

Von Stefan Steinberg
29. September 2010

Jüngste Daten führender Wirtschaftsinstitute weisen auf einen deutlichen Rückgang der Wirtschaftstätigkeit in den sechzehn Ländern der Eurozone hin.

Ein Schlüsselindikator der wirtschaftlichen Entwicklung, der Einkaufsmanagerindex (pmi), gibt Aufschluss über das Produktionsgewerbe und die Dienstleistungen in der Eurozone. Er fiel von 56,2 Punkten im August auf 53,8 im September, den niedrigsten Stand seit Februar.

Gleichzeitig sind die Aufträge für die Industrie in Europa im Juli im Vergleich zum Vormonat um 2,4 Prozent zurückgegangen, wie das Amt für Statistik der Europäischen Union in Luxemburg bekanntgab.

Der pmi-Rückgang im September wird von Analysten als Hinweis genommen, dass die europäische Wirtschaft in den letzten Monaten des Jahres wenig robust bleiben wird.

Die Daten des zweiten Quartals 2010 hatten eine gewisse Erholung der europäischen Wirtschaft erkennen lassen. Der unerwartete Wachstumsschub im zweiten Quartal ging fast ausschließlich auf Deutschland zurück. Die dynamische deutsche Exportindustrie sorgte für einen Aufschwung der Wirtschaftsaktivität.

Die Wachstumszahlen waren von führenden europäischen Politikern und vielen Medien als Beweis herangezogen worden, dass Europa sich zwei Jahren nach der Finanzkrise von 2008 wieder berappele.

Nach dem Jubel im letzten Monat werden die Zahlen des zweiten Quartals jetzt zu einer “technischen Korrektur” zurückgestuft.

Der Wirtschaftsfachmann Chris Scicluna erklärte zu den jüngsten Zahlen: “Einige große Industrienationen hatten Anfang des Jahres einen gewissen Aufschwung, aber jetzt stellt sich heraus, dass er nicht nachhaltig war. Es ist keine Wachstumslokomotive in Sicht… Die Krise hinterlässt ihre Spuren.“

Vor allem der Rückgang des pmi und der Aufträge für die Industrie in Europa belegen die Abhängigkeit der stärksten europäischen Volkswirtschaften von der Weltwirtschaft. Furcht vor einer lang anhaltenden Stagnation der amerikanischen Wirtschaft und eine Verlangsamung des Wachstums in China und den asiatischen Tigerstaaten haben negative Auswirkungen auf die führenden europäischen Länder.

Der Wirtschaftsfachmann der Deutschen Bank für Europa, Gilles Moec erklärte: “Deutschland reagiert sehr empfindlich auf Auftragsschwankungen aus den USA, China usw. Frankreich leidet indirekt unter den Folgen.“

Besonders im Hinblick auf Deutschland bemerkte Moec, dass kein Land alleine aus der Krise kommen könne: „Die Lehre lautet, dass es so etwas wie ’Entkopplung’ nicht gibt.“

Führende Länder außerhalb der Eurozone weisen ebenfalls negative Zahlen aus. Der britische Bankenverband gab bekannt, dass Konsumentenkredite, neue Hypotheken und Bankkredite an Firmen im August zurückgegangen sind und die Inflation in Großbritannien steigt.

Die schwächeren Zahlen für die Wirtschaft der Eurozone gehen mit neuen Befürchtungen einher, dass einige europäische Randländer ihre Schulden doch nicht mehr bezahlen könnten, und es ihnen nicht gelinge, strenge Sparprogramme durchzusetzen.

Neue Zahlen aus Dublin zeigten am Donnerstag, dass das Bruttoinlandsprodukt Irlands im zweiten Quartal gegenüber dem ersten um 1,2 Prozent gesunken ist, und Befürchtungen wurden geäußert, dass das Land vor einer erneuten Rezession stehen könnte.

Daraufhin stießen Investoren irische Staatspapiere ab, sodass irische Staatsanleihen auf über fünf Prozent anstiegen. Die steigenden Zinsen verschlimmern die Verschuldung Irlands noch.

Irland wird gerühmt, weil es das drakonischste Sparprogramm in Westeuropa durchsetzt. Aber angesichts des erneuten Drucks auf die irischen Banken und Finanzmärkte erklärte der Gouverneur der Zentralbank vergangene Woche, die Regierung müsse wohl noch tiefere Einschnitte vornehmen.

Die irischen Daten wiederum sandten Schockwellen durch die schwächeren europäischen Länder. Die Zinsen für zehnjährige portugiesische Staatsanleihen schossen darauf in die Höhe.

Die spanische Finanzministerin Elena Salgado gab neue Sparmaßnahmen bekannt, um das drittgrößte Haushaltsdefizit der Eurozone zu reduzieren. Salgado erklärte, die Regierung sei fest entschlossen, die Staatsausgaben um acht Prozent zu senken.

Alle Renten sollen eingefroren werden, und die Ministerien wurden angewiesen, ihre Budgets um sechzehn Prozent zu kürzen. Der neuen Haushalt hat das Ziel, die Neuverschuldung des Landes auf sechs Prozent des BIP zu begrenzen. Das wäre immer noch doppelt so viel wie nach den Kriterien der EU zulässig.

Die Finanzelite ist will verhindern, dass bei den Kürzungsmaßnahmen Konzessionen gemacht werden. Ein führender Finanzanalyst erklärte: „Die Märkte erwarten von den Ländern der Peripherie entschlossenes Handeln…. Wir können den Kürzungseifer von vor ein paar Monaten nicht mehr erkennen.“

Salgado erklärte, sie halte an der Erwartung fest, dass die spanische Wirtschaft nächstes Jahr um 1,3 Prozent wachsen werde. Experten halten diese Zahl für völlig unrealistisch. Sie ist doppelt so hoch wie die Vorhersage des Internationalen Währungsfonds. Der Abstand zwischen den Zinsen für deutsche zehnjährige Staatsanleihen und spanische ist doppelt so hoch wie vor einem Jahr.

Investoren zweifeln an der Fähigkeit der europäischen Peripherie-Länder, ihre Schulden zurückzahlen zu können. Hinzu kommt, dass die europäischen Banken selbst ungeheure Summen aufbringen müssen, um Defizite auszugleichen, die sich in der Folge der Finanzkrise von 2008 aufgehäuft haben. 2010 und 2011 werden im Eurogebiet schätzungsweise Bankschulden in Höhe von 1,7 Billionen Dollar fällig. Das ist wesentlich mehr als bei amerikanischen, britischen oder anderen Banken.

Der einzige Lichtblick für die europäische Wirtschaft waren positivere Wirtschaftdaten aus Deutschland. Eine Umfrage bei deutschen Managern ergab eine verbesserte Geschäftserwartung, und der IWF hat die Wachstumserwartung für dieses Jahr für Deutschland auf über drei Prozent heraufgesetzt.

Aber Deutschland bleibt die Ausnahme von der Regel. Mehrere Kommentatoren weisen auf die Gefahren für das europäische Projekt insgesamt hin, wenn die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede auf dem Kontinent immer größer werden.

In den kommenden Wochen und Monaten werden Kürzungen bei Sozialausgaben, Renten und Löhnen sowie höhere Steuern in großen Teilen Europas wirksam werden, und die Binnennachfrage – und damit das Wirtschaftswachstum – weiter einschränken.

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