Junge Menschen besonders stark von Krise betroffen

Von Elisabeth Zimmermann
21. September 2010

Im August veröffentlichte die Internationale Arbeitsorganisation ILO eine Studie zu den Auswirkungen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise auf die junge Generation. Ihr Ergebnis: Weltweit waren noch nie so viele junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos wie Ende letzten Jahres. Insgesamt waren 81 Millionen junge Menschen betroffen. Dies entsprach einer Zunahme von 7,8 Millionen oder fast zehn Prozent seit Ende 2007.

Prozentual ausgedrückt, stieg die weltweite Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen von 11,9 Prozent Ende 2007 auf 13 Prozent Ende 2009. Niemals zuvor hatte es in so kurzer Zeit einen derart steilen Anstieg gegeben.

Besonders stark betroffen sind junge Leute in Süd- und Osteuropa, wo die Arbeitslosenrate jüngerer Menschen in der Krise besonders dramatisch angestiegen ist. Fast die Hälfte der acht Millionen jungen Menschen, die seit Ausbruch der Wirtschaftskrise 2007 zu den Arbeitslosen hinzukamen, stammen aus diesen beiden Regionen.

In Spanien stieg die Jugendarbeitslosigkeit auf 38 Prozent, in Estland auf 30, in Frankreich auf 24. In den USA erhöhte sich die Jugendarbeitslosigkeit im selben Zeitraum von zehn auf 18 Prozent. In den Entwicklungsländern, wo 90 Prozent der 15- bis 24-Jährigen leben, haben zwar viele offiziell Arbeit, aber sie müssen sich mit den übelsten Jobs abfinden, um zu überleben. Mehr als jeder Vierte muss mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen.

Die ILO warnt in ihrem Bericht vor den langfristigen Folgen dieser Entwicklung: „Weil immer neue Schulabgänger zu den bereits Arbeitslosen stoßen, könnte die Wirtschaftskrise eine verlorene Generation hinterlassen: Junge Menschen, die alle Hoffnung auf eine Arbeit mit anständiger Bezahlung verloren haben.“

Auch in Deutschland hat sich die Situation für junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt in den letzten Jahren stark verschlechtert. Leiharbeit, befristete Verträge, gering oder unbezahlte Praktika und Arbeitslosigkeit sind zur Normalität geworden.

Im August legte das Statistische Bundesamt Zahlen zur Situation junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt davor. Danach ist der Anteil unbefristet Beschäftigter seit dem Jahr 2000 stark gesunken. Dagegen wächst der Anteil junger Menschen, die nur befristet, geringfügig, in Zeitarbeit oder höchsten 20 Stunden in der Woche beschäftigt sind.

Die Zahl der 15- bis 24-Jährigen mit derart unsicheren, meist auch schlecht bezahlten Arbeitsplätzen stieg von 2000 bis 2009 um 42 Prozent auf 676.000. Die Zahl der jungen Menschen in normalen Arbeitsverhältnissen sank um 25 Prozent auf knapp 1,2 Millionen. Damit hatte nur noch jeder vierte Jugendliche eine unbefristete Vollzeitstelle.

Auch die Zahl der arbeitslosen jungen Leute ist stark gestiegen, seit dem Jahr 2000 um 40 Prozent. Mit 11 Prozent ist die Arbeitslosenrate von Jugendlichen in Deutschland zwar niedriger als in vielen anderen Ländern. Sie liegt aber auch hier weit über der durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von 7,7 Prozent.

Dabei sind über die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen noch gar nicht aktiv am Arbeitsmarkt. Sie studieren oder gehen noch zur Schule. Nur 4,4 der knapp 9 Millionen Jugendlichen arbeiteten 2009 für ihren Lebensunterhalt. 1,5 Millionen von ihnen befanden sich noch in der Ausbildung und etwa 800.000 jobbten neben Schule und Uni.

Der Abschluss von Studium und Ausbildung sichert keinen Arbeitsplatz. Das untermauert eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, die Mitte September vorgestellt wurde. Ein Team um Professor Thomas Langhoff von der Hochschule Niederrhein gibt darin unter dem Titel: „Der Erwerbseinstieg junger Erwachsener: unsicher, ungleich, ungesund“ einen Überblick über die Arbeitsmarkt-Probleme der unter 25-Jährigen.

Arbeitslosigkeit: Der Anteil der Arbeitslosen unter den 15- bis 25-Jährigen ist seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise dreimal so stark angestiegen wie in allen anderen Altersgruppen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt deutlich über der Arbeitslosenquote insgesamt. Dabei erfasst die Statistik nicht einmal alle jungen Leute ohne Job – wer einen Ausbildungsplatz sucht oder eine berufsfördernde Maßnahme durchläuft, gilt formal nicht als arbeitslos.

Praktika: Im Jahr 2007 haben insgesamt 600.000 Berufsanfänger mindestens ein Praktikum absolviert. Beim größten Teil der Praktikumsplätze gibt es keine oder nur eine geringe Vergütung. Zudem bieten nicht viele Firmen verantwortungsvolle oder qualifizierende Tätigkeiten an.

Ausbildungsplätze: Nicht einmal jeder vierte Betrieb bildete 2008 aus. Und es sind nicht nur kleine Unternehmen, die zu wenige Lehrstellen anbieten: „Je größer der Betrieb, desto geringer die Quote an Auszubildenden“, heißt es in der Studie. Die Lage am Ausbildungsmarkt entspannt sich zwar zurzeit etwas, da die Zahl der Schulabgänger zurückgeht. Doch nach der Ausbildung wartet das nächste Hindernis: 2007 wurden 40 Prozent der Ausgebildeten nicht übernommen – eine Quote, die sich nach dem Ausbruch der Finanzkrise nochmals erhöht haben dürfte. Auf die Nicht-Übernahme nach der Ausbildung folgt sehr häufig Arbeitslosigkeit oder eine befristete, prekäre Beschäftigung.

Befristete Beschäftigung: Der Anteil der unter 25-Jährigen in atypischer Beschäftigung hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Die Autoren der Studie stellen eine massive Zunahme der befristeten Stellen infolge der Krise fest. Vor allem in großen Unternehmen ist es zum Standard geworden, neue Verträge zeitlich zu befristen. Vielfach sei eine Befristung der „Einstieg in eine unstete Beschäftigungskarriere“. Nur 23 Prozent der qualifizierten Jugendlichen schaffen es nach einer befristeten in eine unbefristete Beschäftigung.

Leiharbeit: Mehr als die Hälfte der Leiharbeiter ist jünger als 36 Jahre. Fast 40 Prozent der unter 30-Jährigen mit einer Vollzeit-Tätigkeit hatten 2007 keinen festen Arbeitsplatz, sondern bekamen ihr Geld von einer Zeitarbeitsfirma. Damit sind erhebliche Probleme verbunden. Leiharbeiter fühlen sich „aufgrund ihres Beschäftigungsverhältnisses strukturell in den Entleihunternehmen ausgegrenzt“, schreiben die Autoren der Studie.

Leiharbeiter sind unzufriedener mit ihren Arbeitsumständen und stehen unter besonderem Druck, belegen mehrere Studien. Psychische Erkrankungen sind der häufigste Grund für eine Krankschreibung von Leiharbeitern. Dabei muss man davon ausgehen, dass sie in der Hoffnung auf eine mögliche Übernahme in ein festes Beschäftigungsverhältnis häufig trotz gesundheitlicher Probleme zur Arbeit gehen.

Die Autoren der Studie um Professor Langhoff warnen vor den Folgen: Diese Probleme belasten junge Menschen, die noch weitere 30 bis 35 Jahre arbeiten müssen.

Teilweise im Gegensatz zur schwierigen Situation, mit der Jugendliche heute konfrontiert sind, scheinen die Ergebnisse der jüngsten Shell-Studie zu stehen, laut der trotz Wirtschaftskrise 59 Prozent der befragten Jugendlichen ihrer Zukunft optimistisch entgegen sehen.

Je nach sozialem Hintergrund fällt der Ausblick in die Zukunft allerdings sehr unterschiedlich aus. So sehen nur 40 Prozent der Jugendlichen aus sozial benachteiligten Schichten ihre Zukunft positiv. „Die Kluft zwischen den sozialen Schichten ist nicht neu, aber sie vertieft sich“, bemerkte der Studienleiter Mathias Albert zu diesem Ergebnis. Zehn bis 15 Prozent der jungen Menschen seien „sozial abgehängt“.

Und die Frankfurter Rundschau kommentiert: „Die vielen Positiv-Botschaften, die die Shell-Studie bereithält, verblassen hinter dem Einblick in die Lebens- und Gefühlswelt jener zehn bis 15 Prozent der selben Generation, die schon als Schüler auf der Verliererseite stehen. Knapp 70 Prozent der sozial Benachteiligten sehen düster in die Zukunft. Nur 40 Prozent glauben, dass sich ihre beruflichen Wünsche erfüllen. Diese jungen Leute sind keine notorischen Schwarzseher, sondern Pessimisten aus Erfahrung.“

Auch im akademischen und Wissenschaftsbereich hat die Zahl der befristeten und unsicheren Arbeitsplätze stark zugenommen. Unbefristete Stellen wurden in den letzten zehn, 15 Jahren stark abgebaut. Dies trifft auch auf Professorenstellen zu. 1998 hatten nur 5 Prozent der vollzeitlich beschäftigten Professoren eine befristete Stelle, 2008 waren es bereits 16,2 Prozent. Bei den wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeitern, bei denen es im Wissenschaftsbetrieb den größten Stellenzuwachs zu verzeichnen gibt, haben inzwischen drei Viertel aller Beschäftigten befristete Verträge.

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