Fluten in Pakistan bringen verzweifelte Wirtschaftskrise

Von Ali Ismail
1. September 2010

Die katastrophalen Überflutungen in ganz Pakistan haben jede Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung der von Armut heimgesuchten Region zerstört. Die geschätzten Opferzahlen liegen bei 1.500, doch erwartet man, dass diese Zahl in den kommenden Wochen beträchtlich steigen wird.

Millionen entwurzelter Pakistaner sind durch Hunger und Krankheiten aufgrund verschmutzten Wassers bedroht. Den Vereinten Nationen zufolge gibt es bereits 120.000 bestätigte Fälle von Dengue Fieber und Malaria. Die Weltgesundheitsorganisation gab bekannt, dass seit dem Beginn der Überschwemmungen die Fälle von Diarrhö im gesamten Land um 30 Prozent zugenommen haben.

Die pakistanische Wirtschaft litt bereits vor den Überschwemmungen unter der weltweiten Wirtschaftskrise und zunehmender Gewalt wegen der Partnerschaft Islamabads mit dem US-Imperialismus. Über 30 Prozent des Ackerlands liegen nun unter Wasser, während zwanzig Millionen Pakistaner, das sind dreizehn Prozent der Bevölkerung, durch die Fluten vertrieben wurden. Die herrschenden Klassen Pakistans und ihre Verbündeten fürchten nun, dass aus Lebensmittelknappheit und Inflation soziale Unruhen erwachsen können.

Am Montag gab Pakistans Hochkommissar in England bekannt, dass die Gesamtkosten des Wiederaufbaus 43 Milliarden US-Dollar betragen werden. Der IWF warnte vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch wobei Pakistans Finanzministerium bestätigte, dass das Land das diesjährige Wachstumsziel von 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukt nicht erfüllen werde. Analysten sagen vorher, dass die Schäden und Kosten für den Wiederaufbau das Wirtschaftswachstum um mehr als zwei Prozent geringer ausfallen lassen könnten. Manche taxieren die Wachstumsrate auf Null Prozent.

Die pakistanische Wirtschaft wuchs im letzten Jahr nur um 4,1 Prozent, weit weniger als nötig, um genügend Arbeitsplätze für eine wachsende Zahl Jugendlicher und Menschen im arbeitsfähigen Alter bereitzustellen. Mustafa Pasha zufolge, einem Analysten der BMA Capital Management in Karatschi, fällt das Defizit zwei Prozentpunkte höher aus als das offizielle Ziel von vier Prozent des BIP. Ein anderer Analyst meinte, dass das Defizit wahrscheinlich acht Prozent des BIP erreichen dürfte.

"Der Schaden an der Infrastruktur wird der Produktion in den Fabriken schaden, während die Überschwemmungen bereits die Ernten weggespült haben", führte Pasha aus. "Die Inflation wird sich in den kommenden Monaten verschlimmern. Unter diesen Umständen wird es schwierig werden, die Haushaltsdisziplin aufrechtzuerhalten."

Nicht nur haben die Hochwasser zahllose Häuser im gesamten Land zerstört, sondern auch beträchtlichen Schaden an Strassen, Brücken und, was am Schlimmsten ist, an den Bewässerungsanlagen und dem Ackerland verursacht. Der Schaden an der Landwirtschaft ist besonders besorgniserregend, da sie das Rückrat der pakistanischen Wirtschaft darstellt. Über Zweidrittel der Pakistaner sind in der Landwirtschaft und den daran angeschlossenen Wirtschaftszweigen beschäftigt. Den Vereinten Nationen zufolge sind 70 Prozent der von der Flut Betroffenen unmittelbar von ihrer Landwirtschaft abhängig. An die sieben Millionen Hektar Land sind durch die Fluten zerstört worden. Die Weltbank schätzte die Ernteverluste auf eine Milliarde US-Dollar, gab jedoch zu bedenken das die vollen Auswirkungen auf Bodenerosion und die Qualität der Felder noch einen Monat lang unbekannt bleiben werden, bis das Wasser sich vollständig zurückzieht. Der pakistanische Außenminister Shah Mahmood Qureshi schätzte, dass die Ernteausfälle sich auf "Milliarden von Dollar" belaufen werden.

"Es scheint, wir sind dazu verdammt durch einen dunklen Tunnel zu wandern. Wir befinden uns auf einem nicht enden wollenden Pfad von Elend“, sagte Morio Pahore, ein Bauer aus Thul im südlichen Pakistan, zu AFP. "Wir hatten Ziegen und Büffel und eine Holzhütte. Wir hatten Getreide für unsere Mahlzeiten. Der Fluss nahm uns alles, die Familie ist nun hungrig und wir stehen mit leeren Händen da. Ich glaube nicht, dass wir in den nächsten Jahren wieder von vorne anfangen können. Alles steht unter Wasser und auch wenn der Fluss wieder zurückgeht, wird das Wasser noch lange bleiben."

Die Provinzen Punjab und Sindh in denen hauptsächlich Landwirtschaft betrieben wird, gingen in den Fluten unter. Mohammed Ibrahim Moghul, Vorsitzender der Bauernorganisation Agri Forum Pakistan, erklärte, "Wir haben 20 Prozent unserer Baumwolle verloren. Die Vernichtung von Getreide, Reis, Zuckerrohr, Gemüse und Fischfarmen ist ebenfalls erheblich." Er schätzte die Verluste auf drei Milliarden Dollar. Es wird geschätzt, dass durch den Schaden an Baumwolle, Zuckerrohr, Reis und Mais die Exporte Pakistans erheblich leiden werden.

Der Exportsektor ist die hauptsächliche Quelle für Pakistans Deviseneinnahmen. Pakistans Exportziele für dieses Jahr betrugen 21 Milliarden Dollar, wobei Landwirtschaft und Textilindustrie für nahezu Dreiviertel aufkommen sollten. Die Überschwemmungen haben katastrophale Auswirkungen auf die Textilindustrie, die selbst für 60 Prozent der Exporte aufkommt. Von den geplanten vierzehn Millionen Ballen Baumwolle sind Vertretern der Textilindustrie zufolge mindestens zwei Millionen verloren.

"Die Überschwemmungen haben drei Millionen Tonnen Baumwolle vernichtet - über zwanzig Prozent unserer vierzehn Millionen Ballen für dieses Jahr", sagte Ashfaq Hasan Khan, ehemaliger Wirtschaftsberater der Regierung. "Die Produktion wird um 25 Prozent sinken und schließlich den Export treffen". Arif Hussain, ein Agronom aus der Provinz Punjab schätzte, dass Baumwolle im Wert von einer Milliarde Dollar zerstört wurde und gab an, dass dies der verheerendste Faktor für die pakistanische Wirtschaft sein werde. Während Pakistan der viertgrößte Produzent von Baumwolle weltweit ist, ist es nun gezwungen, mehr als drei Millionen Ballen Baumwolle einzuführen, um seine Textilindustrie zu versorgen.

Die Überschwemmungen haben ebenfalls Auswirkungen auf Pakistans Zuckerrohrkultur. Das Land litt bereits vor dem Hochwasser an einer Krise für weißen Zucker. Pakistan importierte schon im August 500.000 Tonnen Zucker und wird noch weitaus mehr einführen müssen, da die Überschwemmungen an die 80.000 Hektar Zuckerrohrpflanzungen mit einem Wert von 600 Millionen Dollar beschädigt oder zerstört haben. Pakistans jährlicher Verbrauch an weißem Zucker liegt bei 4,2 Millionen Tonnen.

Vor dem Einsetzen des Hochwassers erwartete man eine Ernte von 3,8 Millionen Tonnen an weißem Zucker. Pakistans Ernährungsministerium erwartet für diese Saison einen um eine halbe Millionen Tonnen geringeren Ausstoß an raffiniertem Zucker, nachdem die Hochwasser weite Teile der Pflanzungen zerstört haben. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, dass „Marktexperten erwarten, dass die Preise für Zucker in den kommenden Monaten stark auf bis zu 125 bis 130 Rupien (1,16 € bis 1,21€) das Kilo ansteigen werden, das Doppelte des gegenwärtigen Preises."

Reispflanzungen im Wert von fast 250 Millionen Dollar und in noch größerem Umfang an Mais wurden vernichtet. Die Hochwasser führten zu einem Verlust an Gemüse, Früchten und Futterpflanzen im Wert von 500 Millionen Dollar. Getreide wurde in einem Umfang von 200 Millionen Dollar beschädigt, vor allem in der Provinz Sindh. Xinhua zufolge wurden, "[die] Saatkörner durch die Fluten ebenso weggespült, so dass für die Aussaat in der nächsten Saison nichts mehr da ist, was für die Bauern die meisten Schwierigkeiten mit sich bringen wird." Die Überschwemmungen haben nun zu einer Verknappung von Gemüse und Früchten in der Provinz geführt, was Pakistan seit dem 16. August zwingt, täglich Dutzende von LKWs mit Kartoffeln aus Indien einzuführen.

Durch die Überschwemmungen wurde auch eine beträchtliche Anzahl an Nutzvieh getötet oder es ist bedroht. Sher Mohammad zufolge, Generaldirektor des Ministeriums für Nutzvieh, wurden mindestens 400.000 Tiere in elf Distrikten betroffen, andere Distrikte müssen ihre Verluste erst noch aufnehmen. Das Ministerium für Nutzvieh gab bekannt das Hornvieh im Wert von 100 Millionen Dollar in den Wassern umkam. Der pakistanischen Zeitung Dawn zufolge baten pakistanische Behörden bereits um 2,3 Millionen Dollar an Hilfen für die Behandlung erkrankter Tiere. Eine Erklärung, die vom der Food and Agriculture Organization (FAO) der UNO herausgegeben wurde, sagt aus: "An die 200.000 Kühe, Schafe, Büffel, Ziegen und Esel sind bereits verloren, doch die Verluste könnten einschließlich Geflügel in die Millionen gehen."

Tausende Bauern waren gezwungen ihre Tiere zurückzulassen, um sich selber in Sicherheit bringen zu können. Millionen weiterer Nutztiere sind von Hunger und Krankheiten bedroht. Viele werden eingehen, wenn nicht umgehend Futter in die betroffenen Gebiete gebracht wird. Ein Vertreter der FAO erklärte: "Wir versuchen immer noch herauszufinden, wie viel Futter im Land verfügbar ist, wobei viel schon verloren ist. Dann müssen wir das Futter transportieren, was auch eine Herausforderung ist, da die Infrastruktur teilweise zerstört ist." Unzählige Bauern und Landarbeiter werden in den Ruin getrieben, wenn sie ihre Tiere durch Hunger oder Krankheit verlieren. Die Familien auf dem Land hängen von ihrem Vieh nicht nur durch die Einkünfte auf den Märkten ab, sondern auch direkt durch das Fleisch und die Milch, die sie geben.

Es gibt wachsende Ängste, dass die Fluten zu Lebensmittelknappheit und Inflation führen werden. Sakib Sherani, Chefberater des Finanzministers, zufolge müssen eine Reihe von Wachstumsprognosen neu kalkuliert werden, sobald das Wasser in den kommenden Wochen zurückgeht. Sherani gab Reuters gegenüber an, dass die Inflation außer Kontrolle geraten und 25 Prozent erreichen könnte. Die Preise von Grundnahrungsmitteln haben seit dem ersten Steigen der Wasserpegel drastisch zugenommen. Der Times of India zufolge sind "[die] Lebensmittelpreise stark im Steigen. Pakistan durchlitt für Jahre eine Krise in der Stromversorgung, doch mit der erzwungenen Abschaltung von Kraftwerken wegen der Fluten lassen rigorose Stromabschaltungen ganze Kommunen ohne Strom."

In einem Land in dem die Mehrheit der Bürger von weniger als zwei Dollar am Tag lebt und Armut wegen der weltweiten Wirtschaftskrise schon vor der Flut auf dem Vormarsch war, könnte die wachsende Inflation zu einer sozialen Katastrophe und zu Unruhen im gesamten Land führen. "Was ich für meine Kinder gespart habe, ist nun verloren", so der Bauer Mohammed Mossa gegenüber Reuters. "Woher bekomme ich Geld für die nächste Aussaat?"

Die internationale Reaktion auf diese ungeheure Katastrophe kann man am freundlichsten als unzureichend bezeichnen. Bisher haben 30 Länder versprochen, 700 Millionen Dollar für Hilfsmassnahmen bereitzustellen. Die Asiatische Entwicklungsbank hat zwei Milliarden Dollar an Notkrediten in Aussicht gestellt. Pakistanische Behörden trafen sich diese Woche mit Vertretern des IWF, um die Bedingungen von Pakistans zehn Milliarden Dollar umfassendem IWF-Kredit neu zu verhandeln. Pakistan versucht, die Anforderungen des Programms zu erleichtern oder wenigstens die Rückzahlungsperiode zu verlängern.

In einem Artikel von Reuters hieß es: "Höhere Kosten und Lebensmittelknappheit könnten die Menschen, die in dem Hochwasser alles verloren haben, weiter aufbringen. Sie sind bereits jetzt über die Regierung verärgert, weil sie so langsam auf die Flut reagiert hat." Die Reaktion der von der Pakistanischen Volkspartei geführten Regierung kann nur als eine Schande bezeichnet werden. Flüchtlingslager sind überschwemmt mit Obdachlosen, während Hunger und Krankheiten sich im Land ausbreiten. Es gibt einen ernsten Mangel an Zelten und sauberem Wasser. Weniger als acht Prozent der Millionen heimatlosen Menschen haben Zugang zu sauberem Wasser.

Präsident Asif Ali Zardaris Entscheidung, seine geplante Rundreise durch Europa angesichts der Katastrophe fortzusetzen, fachte den Ärger unter den Arbeitern in den Städten und auf dem Land weiter an. Es gab sogar Berichte über potemkinsche Flüchtlingslager, die von den Behörden inszeniert wurden, um Politikern eine vorteilhafte Berichterstattung zu sichern. Sobald die Politiker und Journalisten diese Lager verließen wurden die Zentren geschlossen und die Flutopfer weggeschickt. Ein Artikel in der Dawn berichtete über die Vorgänge in einem dieser imaginären Hilfszentren in Dera Ismail Khan, das von Premierminister Yusuf Gilani besucht wurde.

"Das Lager wurde nur Stunden vor der Ankunft des Premiers aufgebaut. Hunderte Menschen mussten sehr lange in unerträglicher Hitze ausharren, um eine Ration Mehl aus einem LKW auf der anderen Seite der Straße zu empfangen. Der Premierminister besuchte das Lager ein paar Minuten lang, stellte einem älteren Mann einige Fragen über die geschätzten Kosten für ein Haus mit zwei Räumen und reiste dann ab, ohne Geld oder Hilfspakete hinterlassen zu haben.

Das Lager wurde wie erwartet aufgelöst, nachdem der Premierminister abgereist war. Die Leute im Lager bestätigten, dass es am Morgen errichtet wurde und dass man ihnen gesagt habe, sie würden vom Premierminister Hilfe bekommen, wenn sie dort hingingen. Sie sagten, sie hätten Stunden gewartet, um einige Lebensmittel zu bekommen.

Mohammad Shafi, ein alter Mann, sagt, dass er wie viele andere unter schlechten Bedingungen im Freien neben seinem zerstörtem Haus lebt. ’Manchmal haben wir kein Essen und wir hungern.’ Andere Leute sagen, dass das dringende Bedürfnis nach 4.000 bis 5.000 Zelten besteht, doch nur 100 Leute haben eins ergattert. Einige unerkannte Männer wurden beobachtet, wie sie mit Leuten flüsterten, die mit Reportern sprachen - ein offensichtlicher Versuch sie abzuhalten, ’Geheimnisse’ auszuplaudern".

Es gibt ebenso Berichte über falsche NGOs, die Spenden einsammeln. Der Dawn zufolge sind "die Namen von einigen der NGOs, die in verschiedenen Städten Lager aufgemacht haben, zuvor nicht bekannt gewesen. Einige verwenden Namen von Führern der regierenden Pakistanischen Volkspartei, um Maßnahmen und Überprüfungen durch die Behörden und der Polizei zu umgehen". Hochrangige Behörden versichern, dass sie nichts gegen die falschen NGOs unternehmen könnten, und dass es in der Verantwortung der lokalen Behörden liegt, mit dem Problem fertig zu werden.

Aufgrund der frustrierend langsamen Aktionen der Regierung kam es bereits zu verschiedenen Protesten. Washington ist ohne Zweifel besorgt, dass die Situation außer Kontrolle geraten könnte. Das Brookings Institute, eine Denkfabrik der herrschenden Klasse, bemerkte: "Das allgemeine Resultat ist, dass Pakistan massive Unterstützung benötigt, da die anstehenden Aufgaben in Hinsicht auf Ressourcen und Fachwissen seine eigenen Möglichkeiten übersteigen. Andere Nationen sollten das nicht zynisch angehen, sondern es unter dem Aspekt von Hilfe und Strategie sehen. Die Bedürfnisse der Menschen sind offensichtlich; Pakistans Stabilität ist von kritischer Bedeutung für die US-amerikanische Strategie in Afghanistan, und eine Verbesserung der Stabilität in Südasien, und speziell in den indisch-pakistanischen Beziehungen, wäre eine bedeutende Verbesserung für das allgemeine Umfeld."

Die beschämende Reaktion auf das Unglück und die andauernde Wirtschaftskrise könnten in den folgenden Monaten zu einer sozialen Explosion führen. Die Zardari Regierung, die praktisch nichts getan hat, um den Lebensstandard der Arbeiterklasse und der ländlichen Armen zu heben, von ihrer Zusammenarbeit mit dem Imperialismus ganz zu schweigen, war bereits bei den meisten Pakistanern verhasst, bevor die Hochwasser ein Fünftel des Landes überschwemmten.

"Die Regierung kümmert sich nicht um uns. Niemand hat sich nach uns erkundigt. Wir sind nur auf uns gestellt", erzählte Ibrahim Khan, ein Bauer aus dem Swat Tal, der Nachrichtenagentur Reuters. Es gibt keinen Zweifel, dass Millionen von Pakistanern genauso empfinden.

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