New York Times Kolumnist über das “Rätsel” Obama

Von Barry Grey
9. September 2010

Der Kolumnist der New York Times, Frank Rich, veröffentlichte am Sonntag eine bittere Kritik an der Rede Präsident Obamas, in der er vergangene Woche aus dem Oval Office, das angebliche Ende des Kampfeinsatzes der USA im Irak bekanntgab. Der Artikel war der jüngste von mehreren, in denen Rich der zunehmenden Bestürzung und Enttäuschung linksliberaler Anhänger der Demokratischen Partei mit Obama Ausdruck verleiht.

Obama machte in seiner Rede den Irakkrieg uneingeschränkt zu seinem eigenen. Der reaktionäre Inhalt der Rede fand seinen konzentrierten Ausdruck in der Glorifizierung des amerikanischen Militärs als „dem Stahl in unserem Staatsschiff“ durch den Präsidenten.

Rich hat in seinen Beobachtungen über das politische Leben Amerikas oft einen recht scharfen Blick. Vielleicht verleiht ihm seine frühere Rolle als Theaterkritiker der Times eine gewisse Sensibilität, die anderen Kolumnisten dieser Zeitung abgeht. In der Kolumne vom Sonntag knöpft er sich Obama wegen dessen Bagatellisierung des Kriegs und der mit ihm einhergehenden Verbrechen und der Geringschätzung ihrer Folgen für die amerikanische Gesellschaft vor.

“Was in Obamas Rede schmerzlich vermisst wurde, war ein Gefühl dafür, was unserem Land durch den siebeneinhalbjährigen Krieg angetan wurde, dessen ‚Ende’ er feierte“, schreibt Rich. Er zieht Obamas „nette Moralpredigten über die Auswirkungen des Kriegs“ ins Lächerliche, „… als ob das Vergangene jetzt aus und vorbei ist und das ganze Gift, das den Poren dieses Fiaskos entströmt war, auf wundersame Weise verdunstet ist, sobald wir unsere Truppen dort auf 50.000 Mann theoretischer Nicht-Kampftruppen reduziert haben.“

Er nennt die mehr als 4.400 Amerikaner und “ca. 100.000 Iraker (eine zurückhaltende Schätzung)“, die getötet wurden, und die 32.000 amerikanischen Verwundeten, die über zwei Millionen Iraker, die aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, die Folter und die Verschwendung von 750 Milliarden Dollar an Steuergeldern für dieses kriminelle Unternehmen.

Er beschuldigt Obama der Komplizenschaft mit dem Pentagon bei “der Schönfärberei unserer jüngsten Geschichte“. Über die politischen Folgen des Krieges sagt er: „Weitere Opfer des Krieges sind die Glaubwürdigkeit beider Parteien, die beide nicht viele Fragen stellten, als der Krieg eiligst begonnen wurde, und die beide noch immer von diesem Fehler heimgesucht werden, und die Medien, die kaum jemals die Propaganda des Weißen Hauses über Saddams drohende Atompilze in Frage stellten. Viele Meinungsmacher, nicht wenige von ihnen Liberale, heizten das Kriegsfieber mit an.“

Es gereicht Rich zur Ehre, dass er nicht zu den liberalen Größen gehörte, die den Krieg propagierten. Aber diplomatisch verschweigt er, dass die New York Times und viele ihrer führenden Reporter und Kommentatoren das sehr wohl taten.

Richs Kritik bewegte viele Leser. Zahlreiche Leserbriefe erreichten die Times, einige davon waren sehr emotional und drückten Enttäuschung, Wut und in gewissem Maße auch Verzweiflung über die Ergebnisse der Wahl Obamas aus.

Joe aus Ann Arbor, Michigan, beginnt seinen Kommentar folgendermaßen: “Ich bin 35 Jahre alt und habe seit 2001-2002 einige interessante Veränderungen meiner politischen Anschauungen durchgemacht. Ich begann 2001 als Republikaner und beendete 2002 als lautstarker Anti-Bush Demokrat. Und jetzt bin ich nicht einmal mehr sicher, dass ich überhaupt noch Amerikaner sein will. Ich spreche für viele meiner Freunde.“

Er spricht vom Übergang von den “empörenden Verbrechen der Bush-Jahre“ zu der „schändlichen Kapitulation der Demokraten vor den Konzernen“, wo „ein ‚liberaler’ Präsident geheime Hinterzimmerverhandlungen führt, um den letzten Schatten von Fairness in der amerikanischen Gesellschaft, nämlich das soziale Sicherungssystem, zu kippen.“ Er schließt mit der Bemerkung, dass Amerika nicht mehr seinem Anspruch gerecht werde, „in einer humanen Welt zu leben, wo Demokratie noch etwas gilt.“

Ein anderer Leser schreibt: “Obamas Rechtfertigung des Irakkriegs – gegen den er angeblich selbst gestimmt hätte, unterhöhlt seine Glaubwürdigkeit bei denen noch mehr, die sich selbst stolz Liberale nennen.” Ein anderer schreibt: „Ich bin schrecklich enttäuscht. Amerika hätte nach acht miserablen Jahren einen großen Präsidenten gebraucht. Ich dachte, wir hätten mit Obama das große Los gezogen. Junge, habe ich mich getäuscht.“

Judy aus Chicago schreibt: “Wie so viele andere habe ich mich reingehängt, damit unser Präsident gewählt wurde. Ich habe sogar sechs Wochen unbezahlten Urlaub von meinen Jobs genommen, um ausschließlich für den Wahlkampf zu arbeiten. Ich war so voller Hoffnung…. Wie so viele andere glaubte ich, dass Obama unsere Wunden heilen und das Amerika zurückbringen würde, das wir lieben, und auf das wir stolz sind. Er hat es nicht getan, und ehrlich gesagt, ich weiß nicht warum.“

Richs Kolumne und vielleicht mehr noch die Briefe widerspiegeln das Ausmaß, in dem die Illusionen erschüttert sind, die mit Obamas Wahl verbunden waren.

Rich ist ein zu aufmerksamer Theaterkritiker, um nicht zu verstehen, dass große Verbrechen nicht einfach durch Schönfärberei weggewaschen werden können. Aber er kann Ereignisse viel besser beschreiben, als sie erklären. Wie die meisten seiner Kommentare, endet auch seine Kolumne vom Sonntag, wo sie beginnen sollte. Wo er versucht, Obamas Verschleierung und Komplizenschaft mit den Kriegsverbrechen zu erklären, rutscht er ins Banale ab.

Die entlarvendste Zeile seiner Kolumne lautet: “Es ist ein Rätsel, wie ein Kandidat, der so nah am Puls des Volkes war, besonders in der Kriegsfrage, so stocktaub werden konnte, sobald er im Amt war.“

Nein, das ist kein Geheimnis. Es erscheint nur dann rätselhaft, wenn man Klassencharakter, Geschichte und Bilanz der Demokratischen Partei und die vielfachen Anzeichen ignoriert, dass der gesamte Obama-Wahlkampf auf Betrug und Täuschung beruhte.

Bestimmte Schichten in der herrschenden Klasse, die Obamas Kandidatur propagierten und finanzierten, verfolgten vor allem den Zweck, dessen Person zu nutzen, um den Vereinigten Staaten nach dem außenpolitischen Desaster der Bush-Jahre international ein neues Gesicht zu verpassen. Innenpolitisch wurde die Hoffnung genährt, dass Obamas ethnischer Hintergrund ihn empfänglicher für die Bedürfnisse und Interessen der einfachen Bevölkerung machen werde.

Vieles, was Obama getan hat, hätte vorausgesehen werden können, und Vieles wurde in der Tat vorausgesehen. Rich kann nur insoweit von Obama als einem „Rätsel“ sprechen, als er die sozialistische Analyse ignoriert, die die grundlegende Ausrichtung der Obama-Regierung korrekt vorhergesagt hat.

Rich schreibt so, als gäbe es links von ihm nichts mehr. Er beteiligt sich an der Jahrzehnte alten Zusammenarbeit des amerikanischen Liberalismus mit den Bemühungen der herrschenden amerikanischen Elite, das sozialistische Denken von der öffentlichen Diskussion und Debatte auszuschließen. Dieser Prozess hat die intellektuelle und politische Armseligkeit des amerikanischen Liberalismus unermesslich vertieft.

Rich hätte eine umfassende Analyse von Obamas Wahlkampf und eine ausgesprochen akkurate Prognose des Kurses seiner zukünftigen Regierung in zahllosen Artikeln und Erklärungen auf der World Socialist Web Site finden können. Die WSWS und die Socialist Equality Party sind nicht in den Chor der „Linken“ eingefallen, die Obama vor der Wahl propagiert haben. Unsere Opposition gegen den Demokratischen und den Republikanischen Kandidaten wurde nach Obamas Sieg schnell bestätigt.

Wir wollen nur eine Erklärung mit dem Titel “Eine Woche nach der Wahl Obamas“ zitieren, die teilweise als Reaktion auf eine Kolumne Richs geschrieben wurde, die die Euphorie der Liberalen über Obamas Sieg widerspiegelte. Wir schrieben damals: „Darüber gingen alle liberalen Kommentatoren und "linken" politischen Tendenzen hinweg. Sie ignorierten oder verharmlosten dieses klare Anzeichen für Obamas Absicht, einen konservativen Kurs zu fahren und alles zu vermeiden, was den amerikanischen Kapitalismus demokratischer und egalitärer machen könnte. Aus dem gleichen Grund interpretierten sie alle den Wahlsieg praktisch völlig unter dem Gesichtspunkt der Hautfarbe. Diese systematische Konzentration auf die Rassenfrage, seit 40 Jahren die Haupttendenz in liberalen Kreisen Amerikas, ist seit der Wahl noch aufdringlicher geworden.“….

„Typisch dafür ist die Kolumne von Frank Rich in der New York Times vom Sonntag, die so beginnt: "Am Morgen, nachdem ein Schwarzer ins Weiße Haus gewählt worden ist, haben Amerikas Tränen der Reinigung ungehemmter Freude Platz gemacht.“

Weiter warnten wir: “Das lässt erwarten, dass Rich und seinesgleichen bereit sein werden, eine Politik, die sie unter Bush nicht zu akzeptieren bereit waren, bei Obama zu tolerieren. Genau aus diesem Grund haben seine Freunde aus dem Establishment Obama unterstützt. Obamas Regierung wird für die Arbeiterklasse umso gefährlicher sein, je mehr es ihm gelingt, Arbeiter politisch zu entwaffnen, indem er den Eindruck erweckt, ein schwarzer Präsident stehe den Massen näher.”

Der politische Bankrott des Liberalismus und aller Varianten so genannter “Linker”, die sich an der Demokratischen Partei orientieren, unterstreicht die Notwendigkeit einer neuen politischen Perspektive. Die wirkliche Frage, vor der Arbeiter und Jugendliche stehen, ist der Kampf für die unabhängige politische Organisierung der Arbeiterklasse auf der Grundlage eines revolutionären sozialistischen Programms.

Inmitten wachsenden sozialen Elends, endloser Kriege und der Verkommenheit jeden Aspektes des politischen Lebens weist die Perspektive der Socialist Equality Party und der World Socialist Web Site den Weg vorwärts.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen