Der Kapitalismus und die Bergarbeiter in Chile

Von Cesar Uco und Bill Van Auken
5. November 2010

Wall Street Journal und Washington Post, zwei führende Zeitungen der amerikanischen herrschenden Elite, verstiegen sich kürzlich in Leitartikeln zu der Behauptung, die Bergung der 33 Bergarbeiter in Chile sei ein Triumph des marktliberalen Kapitalismus.

Das stärkste Stück brachte das Wall Street Journal am 14. Oktober, als es einen Kommentar seines stellvertretenden Herausgebers Daniel Henninger unter dem Titel „der Kapitalismus rettete die Bergarbeiter“ veröffentlichte.

Am nächsten Tag folgte die Washington Post diesem Beispiel mit einem Leitartikel, der mit „Chiles Bergarbeiter-Rettung übertrifft sämtliche Erfolge“ überschrieben war.

Beide Artikel sollten offensichtlich die weltweite Freude über die Rettung der 33 Männer, die beinahe 70 Tage 700 Meter unter der chilenischen Atacama Wüste verschüttet gewesen waren, im Interesse der herrschenden Klasse ideologisch ausbeuten.

Die ansonsten eher unterschwellige mediale Darstellung der chilenischen Ereignisse als eine Art Reality-Show über die Notlage der Bergarbeiter mit dem chilenischen Präsidenten Sebastian Pinera als Showmaster, wurde in den beiden Leitartikeln deutlich artikuliert. Es kann nicht ignoriert werden, dass die Situation der Bergarbeiter von mitreißender Dramatik, und die technische Leistung, die zu ihrer Rettung auf die Beine gestellt wurde, außerordentlich war. Gleichzeitig wurde jedoch über die wesentlichen Bedingungen, die zur Gefangenschaft unter der Erde führten, fast vollständig hinweggegangen.

Der Post zufolge drückt sich in der gelungenen Rettungsaktion “der Lohn Chiles für eine 20jährige Geschichte als freiestes Land Lateinamerikas“ aus. Im Leitartikel dieser Zeitung wurde beteuert, dass „nicht oft genug betont werden kann, dass Chile…sich in weit größerem Maß in die liberalisierten Märkte und den liberalisierten Handel integriert hat als“ seine Nachbarstaaten.

In dem Kommentar folgt dann ein Lob für die Regierung „des erfolgreichen Unternehmers“, Präsident Sebastián Pinera, weil „sie sich umgehend zum politisch gewagten Ziel der Bergung der Verschütteten verpflichtet“ habe. (Vermutlich erwies sich Pineras „Risikobereitschaft“ bei der Anhäufung seines Milliardenvermögens als wichtigster Aktivposten für die Rettungsaktion). „Dank Chiles Weltoffenheit und seiner Unternehmerfreundlichkeit war es zum Einsatz der benötigten Bohrtechniken in der Lage“, heißt es im Leitartikel der Post weiter.

Im Leitartikel des Wall Street Journal wurde von Anfang an kein Blatt vor den Mund genommen: “Eins muss gesagt werden. Die Rettung der chilenischen Bergarbeiter ist ein sagenhafter Sieg für den marktliberalen Kapitalismus.“

Zwar gestand der Autor ein, “so etwas zu behaupten, mag verwegen erscheinen”, rechtfertigte seine Aussage jedoch folgendermaßen: „Wir leben in verwegenen Zeiten und viel steht auf dem Spiel.“

Dann die Erläuterung seiner Aussage: Bei einer offiziellen Arbeitslosenrate von beinahe zehn Prozent entwickele sich eine immer feindlichere Haltung gegen den Kapitalismus. „Wir befinden uns in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten“, meint Henninger vom Journal, „und mit Blick auf die Zukunft muss klar sein, welche Wirtschaftsweise funktioniert und welche nicht.“

Der schmale Grad, auf dem Henningers Behauptung ruht, ist die „Center Rock Bohranlage”, die von einer privaten Firma in Pennsylvania entwickelt wurde. Mit ihr wurde der Bohrer durch das Felsgestein getrieben und die Verbindung zu den Bergleuten wieder hergestellt. Dies alles unter der Prämisse, dass allein Profitstreben eine derartige Technologie ermögliche.

Wenn es der Kapitalismus ist, dem die Rettung zu verdanken ist, so drängt sich die Frage auf, welches Wirtschaftssystem dafür verantwortlich ist, dass man die verschütteten chilenischen Bergarbeiter anfangs für tot erklärte und sich selbst überließ.

Weiter stellt sich die Frage, welches System es denn war, das letztes Jahr 31 chilenische Bergarbeiter in den Tod trieb und weltweit mehr als 12.000 Opfer forderte.

Die Frage stellen, heißt, sie zu beantworten: Es war der Kapitalismus, das System des erbarmungslosen Strebens nach Maximalprofiten, in dem die Kosten für Sicherheitsmaßnahmen eingespart werden; ein lebensbedrohliches System für Bergarbeiter und Arbeiter im Allgemeinen.

Journal und Post identifizieren den “marktliberalen Kapitalismus” und “das Unternehmertum” als zentrale Faktoren bei der Bergung der Bergarbeiter. Beide verschwiegen aber geflissentlich, dass die staatliche Kupferminengesellschaft Chiles, Coldelco, die Leitung und weitgehende Finanzierung der Operation übernommen hatte. Diese Gesellschaft wurde 1971 gegründet, als Präsident Salvador Allende von der Sozialistischen Partei private Firmen verstaatlichte. Die entscheidenden Ratschläge für den Schutz von Leben und Gesundheit der Bergarbeiter während ihrer langen Leidenszeit kamen von der NASA, der Raumfahrtbehörde der amerikanischen Regierung.

Noch wichtiger für das Überleben der Bergarbeiter war ihr eigenes, durch starke Solidarität und Gemeinschaftssinn geprägtes Verhalten, das der individualistischen Mentalität des Fressens und Gefressenwerdens des marktliberalen Kapitalismus diametral gegenübersteht.

Nicht nur durch die Umstände erzwungen, teilten die Verschütteten in den 17 Tagen, bevor die erste Bohrung sie erreichte, ihre Hungerrationen in gleich großen Teilen untereinander auf. Bei ihrer Bergung gaben sie sich gegenseitig das Versprechen, weiter auf diese Weise zu verfahren und alle Einnahmen aus Büchern etc., gleichmäßig untereinander aufzuteilen.

Was die Bergarbeiter selbst betrifft, so ist es für sie gewiss keine Frage, welche Rolle der Kapitalismus beim chilenischen Grubenunglück spielte.

“Man sagt, wir wären Helden, man sagt aber auch, wir wären keine Helden, sondern Opfer“, äußerte einer der Bergarbeiter, Franklin Lobos gegenüber der chilenischen Tageszeitung El Mercurio. „Da wir Familien haben, kämpften wir um unser Leben, mehr nicht. Wir sind Opfer der Unternehmer, die nicht in Sicherheitseinrichtungen investieren….Opfer der Unternehmer, die Millionen einstreichen und keinen Gedanken an das Leid der Armen verschwenden.“

Man kann dieser Einschätzung im Fall der Mine San José nichts entgegensetzen. In der für die privatisierten mittleren Bergbauunternehmen Chiles typischen Anlage gab es jahrelang Unfälle mit Toten und Verstümmelten, bei denen die Regierung immer wieder wegschaute und die Besitzer durch extreme Ausbeutung saftige Profite einstrichen.

“San José ist ein Albtraum”, so ein weiterer Bergarbeiter zu den Medien. „Die Mine ist gefährlich, ich weiß es, jeder weiß es. Hier gilt nur eine Devise: Produktivität.“

Unmittelbar nach dem Grubenunglück im letzten August versuchten die Bergarbeiter über den Belüftungsschacht zu entkommen, entdeckten jedoch zu ihrem Schrecken, dass die vorgeschriebenen Leitern nicht vorhanden waren.

Das „Unternehmertum“ und der „marktliberale Kapitalismus“ Chiles gingen auch mit einer starken Aufweichung der Sicherheit am Arbeitsplatz einher. Für die Überwachung der 4.000 weit übers Land verstreuten Bergwerke gibt es lediglich sechzehn Verwaltungsinspektoren. Chile gehört zu den wenigen Ländern weltweit, die die Unterzeichnung des Vertrages der International Labor Organisation über Sicherheitsmaßnahmen und Gesundheitsvorsorge im Bergbau verweigerten.

Es war schockierend, als Lobos, ein ehemaliges Mitglied der chilenischen Fußballnationalmannschaft, in einem Interview mit El Mercurio sagte: „Die allermeisten von uns dachten, die Firma werde uns da unten im Stich lassen. Es wäre billiger gewesen, uns unserem Schicksal zu überlassen, als uns zu retten.“

Ähnlich erinnerte sich der Schichtleiter der Bergarbeiter, Luis Urzúa, an die ersten Anzeichen sich nähernder Bohrungen, die schließlich auf Rettung hoffen ließen. „Als wir ein Geräusch hörten…dachten wir, dass sie in der Mine arbeiten.“ Mit anderen Worten, die Bergarbeiter gingen davon aus, dass bei einem Kupferpreis, der einen 50-Jahres-Rekord erreicht hat, die Eigentümer das wertvolle Metall abbauen ließen, anstatt ihre Rettung anzugehen.

So sieht die schreckliche Realität der Arbeiterklasse unter dem von Journal und Post so gepriesenen „marktliberalen Kapitalismus“ und „Unternehmertum“ aus.

Weder Post noch Journal kümmert, wie Chile zum “freiesten Land” in Lateinamerika und einem solchen Paradies des “freien Marktes” wurde.

Präsident Pinera und seine Partei sind die politischen Erben der Diktatur General Augusto Pinochets, der sich mit Unterstützung der CIA am 11. September 1973 an die Macht putschte und das Land bis 1990 mit eiserner Hand dirigierte. Die Verbindungen Sebastian Pineras zum Pinochet-Regime reichen bis zu den Anfängen der Diktatur zurück. Der gegenwärtige Präsident Chiles machte sein Vermögen mit Kreditkartengeschäften in den 1970er Jahren.

Pinochet sagte oft: “In diesem Land bewegt sich kein Blatt, wenn nicht ich es bewege.“ Pinera machte sein Vermögen mit dem Segen Pinochets unter Verhältnissen, wo Zehntausende chilenische Arbeiter, Studenten und Intellektuelle ermordet, gefoltert, ohne Gerichtsverfahren inhaftiert und ins Exil getrieben wurden. In der gleichen Zeit war der Bruder des derzeitigen Präsidenten Bergbauminister und leitete die Privatisierungs- und Deregulierungspolitik ein, durch die Zustände geschaffen wurden, die allein im vergangenen Jahrzehnt das Leben von etwa 373 chilenischen Bergleuten kosteten.

Während die Star-Kolumnisten des Kapitalismus in New York und Washington sich die Freiheit nehmen, diese historische Periode links liegen zu lassen, haben die Bergleute und ihre Familien allzu gute Bekanntschaft mit ihr gemacht.

Luis Urzúa, der Schichtleiter wurde unter anderem von der NASA als „natürlicher Führer“ gerühmt. Seine Mutter sagte den Medien, für sie sei das keine Überraschung gewesen und beschrieb ihn als „sehr diszipliniert“ und als „Boss seiner sechs Brüder.“

Während des Grubenunglücks fiel ihm diese Rolle zu. Als junger Mann verschwand sein Vater, Gewerkschaftsführer und Mitglied der Kommunistischen Partei, schon gleich zu Beginn des Putsches 1973. Dann wurde sein Stiefvater, Gewerkschaftsführer und Zentralkomiteemitglied der Jungen Sozialisten von einer als „Todeskarawane“ bezeichneten Todesschwadron des Militärs entführt, ermordet und in einem Massengrab verscharrt.

Während der vergangenen “zwanzig Jahre”, als Chile “das freieste Land Lateinamerikas“ war, verbrachten hunderte Frauen – Mütter und Ehefrauen - zahllose Tage damit, den Sand der Atacama-Wüste mit Schaufeln umzugraben; in der Hoffnung die körperlichen Überreste von Angehörigen zu finden, die in den Jahren nach dem Putsch Pinochets verschwunden waren.

Durch die Rettungsaktion wurden die Namen der Stadt Copiapó und der Zeltstadt Esperanza in der Nähe der Grube auf der ganzen Welt bekannt. Es gibt daneben auch andere Orte in Atacama, deren Namen die chilenische Arbeiterklasse und die Familien der verschütteten Bergarbeiter niemals vergessen werden: La Serena, wo Opfer in namenlosen Gräbern liegen, Pisagua, das als Konzentrationslager diente, und wo 1990 die Überreste von Opfern entdeckt wurden, die nach dem Putsch dort begraben wurden, und Calama, wo ebenfalls 1990 Überreste von dreizehn im Oktober 1973 ermordeten Menschen gefunden wurden.

Für viele hat das Verschwinden der Bergarbeiter und ihre anschließende Rettung schmerzliche Erinnerungen an die Entdeckung der Überreste anderer Bergarbeiter in der gleichen Erde geweckt, ermordet von den militärischen Vertretern des kapitalistischen Marktes.

Auf diesem Hintergrund wird deutlich, welche beunruhigende Haltung hinter dem scheinbar etwas verrückten Versuch der Washington Post und des Wall Street Journal steckt, das Grubenunglück in Chile als Werbegag für den marktliberalen Kapitalismus zu missbrauchen. Die tiefe Krise des Kapitalismus und der wachsende Widerstand der Arbeiterklasse führen auf internationaler Ebene zu Bedingungen, unter denen die Finanzaristokratie abermals die Anwendung derselben blutigen Praktiken erwägt, auf die sie zurückgriff, als sie das so genannte chilenische Wirtschaftswunder schuf.

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