Haitis Choleraepidemie: Der Imperialismus auf der Anklagebank

Von Bill Van Auken
11. November 2010

Wie die vielen Todesopfer durch das Erdbeben im Januar ist auch der Ausbruch der Cholera auf Haiti keine Naturkatastrophe, sondern das Ergebnis extremer Armut als Folge eines Jahrhunderts imperialistischer Unterdrückung.

Haitianische Behörden und internationale Hilfskräfte berichteten am 31. Oktober, dass die Cholera inzwischen 337 Tote gefordert habe. Sie bestätigten weitere mehr als 4.000 Erkrankungen, vor allem in der Mitte und im Norden des Karibikstaates.

Die durch verunreinigtes Wasser hervorgerufene Darmerkrankung führt zu anhaltendem Durchfall und Erbrechen. Ohne rasche Behandlung kann der Tod bereits nach Stunden eintreten. Da 75 Prozent der Infizierten keine Symptome zeigen, schätzt man ihre wirkliche Zahl auf etwa 15.000.

Das haitianische Gesundheitsministerium und Mitarbeiter der UNO weisen warnend darauf hin, dass die Epidemie vermutlich erst noch größere Ausmaße annimmt, ehe sie eingedämmt werden kann, und „Zehntausende“ Tote zu befürchten sind. Sollte die Krankheit die Slums der Hauptstadt Port-au-Prince erreichen, könnte sie sich wohl vollkommen unkontrolliert ausbreiten. Besonders gefährdet sind die mehr als 1.300 primitiven Zeltstädte, in denen zehn Monate nach dem verheerenden Erdbeben, das ca. eine Viertelmillion Menschenleben forderte, immer noch 1,3 Millionen obdachlos gewordene Menschen hausen.

Mindestens sechs Erkrankungen sind aus Port-au-Prince bereits gemeldet worden; viele argwöhnen jedoch, dass die haitianischen Behörden einen Ausbruch der Cholera in der Hauptstadt nur widerstrebend bestätigen wollen. Beamte des Gesundheitsministeriums äußerten, dass es sich um Personen handle, die sich in der in der Landesmitte gelegenen ländlichen Region Artibonite angesteckt hätten; hingegen haben die Ärzte an einer Klinik berichtet, sie hätten ein Mädchen aus dem überfüllten Slum Cité Soleil behandelt, das sich nicht außerhalb der Stadt aufgehalten habe.

Weder auf Haiti noch sonstwo in der westlichen Hemisphäre hat man im letzten Jahrhundert eine derartige Cholera-Epidemie erlebt.

Der Krankheit lässt sich gut vorbeugen, und sie ist einfach zu behandeln, wenn minimale hygienische Voraussetzungen und Zugang zu sauberem Wasser gegeben sind. Der überwiegenden Mehrheit der haitianischen Bevölkerung, von der mehr als 50 Prozent in erschreckender Armut leben, ist dies jedoch verwehrt. In den ländlichen Gegenden, in denen die Mehrheit der Haitianer lebt, haben weniger als 8 Prozent der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser, heißt es in einem Bericht des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung.

In den Lagern in Port-au-Prince, wo über eine Million Menschen in notdürftig errichteten Zelten dahinvegetieren, gibt es praktisch kein fließendes Wasser.

Die Cholera-Epidemie ist keine Folgewirkung des Erdbebens der Stärke 7 im Januar. Die entsetzlichen sozialen Verhältnisse, die dem Ausbruch der Krankheit Vorschub leisten, bestehen schon seit Langem. Sie sorgten auch dafür, dass das Beben die Haitianer so schwer traf und hohe Verluste an Menschenleben forderte.

Ursache dieser Verhältnisse sind die ökonomischen und wirtschaftlichen Beziehungen, die die amerikanischen Banken und Konzerne durch einhundert Jahre Ausbeutung und Unterdrückung des Karibikstaates geschaffen haben. Ihre Vormachtstellung wird bis heute durch die brutale Unterdrückung der Bevölkerung durchgesetzt mittels militärischer Besetzungen des Landes seitens der USA sowie mehrerer von den USA unterstützten diktatorischen Regimes. Besonders berüchtigt ist die Diktatur der Duvalier-Dynastie, die das Land durch den Terror von Todesschwadronen, den Tontons Macoutes, fast dreißig Jahre lang regierte.

Die Reaktion der Regierung Obama auf das Elend in Haiti nach dem Erdbeben im Januar entspricht ganz diesem schändlichen Erbe. Ihre erste Maßnahme bestand darin, eine bewaffnete Militäreinheit von 12.000 Mann zu entsenden, die die strategischen Gebiete der Hauptstadt unter ihre Kontrolle bringen und sicherstellen sollte, dass die Vormachtstellung der USA und die Herrschaft der wohlhabenden haitianischen Oligarchie nicht durch einen Volksaufstand gefährdet würden. Sobald klar war, dass die Sicherheit gewährleistet war, zog das US-Militär ab und hinterließ ein verwüstetes Haiti.

Nichts ist seitdem geschehen, um Haitis zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen, die bereits vor dem Beben in einem erbärmlichen Zustand war. In Port-au-Prince ist die Beseitigung von Schutt und Trümmern, erste Voraussetzung für einen Wiederaufbau, gerade mal zu zwei Prozent erfolgt.

Von den großzügigen Spenden von Millionen von Menschen in den USA und weltweit, die dem Hilfeaufruf für Haiti folgten, ist praktisch nichts bei den Menschen in Haiti angekommen.

Weniger als zwei Prozent der 5,3 Milliarden US-Dollar, die Regierungen der ganzen Welt als Hilfeleistung für 2010-2011 zusagten, sind bisher an Haiti geflossen. „Vorbild“ in dieser Hinsicht sind die USA, die von den zugesagten 1,15 Mrd. Dollar noch nicht einen Cent herausgerückt haben. Das kriminelle Versäumnis, diese Zusagen einzulösen, hat die haitianische Bevölkerung der Cholera weitgehend wehrlos ausgeliefert.

Ein Teil der Hilfe aus den USA hat die Krise Haitis sogar noch verschärft. Washington hat den Export von billigem Reis nach Haiti subventioniert. Damit werden die Preise einheimischer Bauern unterboten, und die Landwirtschaft Haitis, von der das Überleben von 66 Prozent der Bevölkerung abhängt, ist vom Ruin bedroht.

Dies ist Bestandteil einer seit langem verfolgten Politik, bei der Washington “Hilfe” benutzt, um Haiti noch stärker dem US-Kapitalismus unterzuordnen und die strategischen Interessen der USA in der Region noch mehr zur Geltung zu bringen.

Dieses Vorgehen hat sich unmittelbar auf den Ausbruch der Cholera ausgewirkt. Um die Regierung von Präsident Jean-Bertrand Aristide zu untergraben, der 2004 durch einen von den USA unterstützten Putsch gestürzt wurde, sorgte Washington dafür, dass Kredite der Inter-American Development Bank nicht freigegeben wurden, die dazu bestimmt waren, Haitis Wasserversorgung zu verbessern. Unter anderem sollte damit die Wasserversorgung der Region Artibonite sichergestellt werden, die jetzt das Epizentrum der Epidemie ist.

Nicht nur auf Haiti ist die Bevölkerung mit diesem Elend konfrontiert. Milliarden auf der ganzen Welt leben in ähnlich abgrundtiefer Armut und sind Krankheiten ausgeliefert, die mit heutigen Mitteln völlig vermeidbar sind.

Aus einem Bericht der UNO von Ende November geht hervor, dass in Nigeria 1.500 Menschen an Cholera starben, und die Krankheit sich in drei weiteren afrikanischen Staaten auszubreiten droht. Auch aus Pakistan und Nepal werden Cholerafälle gemeldet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jedes Jahr 3-5 Millionen Menschen an Cholera erkranken, und dass zwischen 100.000 und 120.000 jährlich daran sterben. Die Zahlen steigen laut WHO an und sind Ausdruck der zunehmend desolaten Zustände, die der krisengeplagte Kapitalismus hervorbringt.

Für Erkrankungen durch verunreinigtes Wasser insgesamt ist die Bilanz noch dramatischer. Die WHO geht davon aus, dass in diesem Jahr 1,4 Millionen Kinder daran sterben werden, von denen 90 Prozent jünger als fünf Jahre sind. Damit sterben jeden Tag fast 4.000 Kinder, weil es an elementaren hygienischen Verhältnissen und Zugang zu sauberem Wasser fehlt.

Solche Verhältnisse, in Haiti und weltweit, sind eine vernichtende Anklage des Profitsystems, das alle menschlichen Bedürfnisse der Bereicherung einer kleinen Finanzelite unterordnet und dadurch Millionen um Tod verurteilt.

Ohne eine Umgestaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung von Grund auf werden weiterhin Millionen an vermeidbaren und nicht lebensbedrohlichen Krankheiten sterben. Die Ausmerzung von Armut ist unmöglich im Rahmen des Profitsystems.

In Haiti und in jedem Land geht der Kampf darum, das kapitalistische System zu beenden und das weltweite Wirtschaftsleben neu zu organisieren, indem es von der Unterordnung unter den Profit befreit und der Befriedigung der Bedürfnisse der Weltbevölkerung dienstbar gemacht wird.

siehe auch:

Haitis Tragödie: Ein Verbrechen des US-Imperialismus