Pentagon veröffentlicht trübe Einschätzung des Afghanistan-Kriegs

Von Bill Van Auken
3. Dezember 2010

Einem Pentagon-Bericht zufolge hat die Gewalt in Afghanistan ein Rekordniveau erreicht, und der Widerstand gegen die von den USA angeführte Besetzung ist weiter verbreitet als je zuvor.

Der vom Kongress angeforderte Halbjahresbericht enthält eine trübe Einschätzung dieses Kriegs, der jetzt schon zehn Jahren dauert. Sie straft die die schönfärberischen Erklärungen Lügen, die von der Obama-Regierung und ranghohen Militärs gegenüber der Öffentlichkeit abgegeben werden.

Der Bericht, der letzte Woche veröffentlicht wurde, trägt die Überschrift “Fortschritte für die Sicherheit und Stabilität Afghanistans”, aber seinem Inhalt ist zu entnehmen, dass die von Präsident Obama vorgenommene Verdopplung der US-Truppen in Afghanistan das Militär nur noch tiefer in den Sumpf geführt hat.

Trotz der fast 100.000 amerikanischen Soldaten und Marines und weiteren 50.000 Soldaten der NATO und anderer Staaten, die an der Besetzung teilnehmen, kommt der Bericht zum Schluss, dass in 124 Distrikten, die von der NATO als “Schlüsselregionen” angesehen werden, die Sicherheitslage “relativ unverändert” sei.

Der Bericht stellt fest: “Der Fortschritt geht landesweit ungleichmäßig vonstatten, mit bescheidenen Erfolgen bei der Sicherheit, der Staatsführung und der Entwicklung in den wichtigen Einsatzgebieten.” Er beschreibt den Fortschritt als “langsam und schrittweise”.

Stark verändert habe sich hingegen die Zahl der getöteten Afghanen: Sie habe stark zugenommen. Das gleiche gilt auch für das Ausmaß der Gewalttaten, die im Zusammenhang mit der Aufstockung der Zahl ausländischer Soldaten in dem Land stehen.

Der Bericht, der die Entwicklung vom letzten April bis zum September abdeckt, verzeichnet einen Anstieg der bewaffneten Auseinandersetzungen seit 2007 um dreihundert Prozent und um siebzig Prozent seit dem letzten Jahr.

Trotz der Aufstockung der US-Truppen räumt der Bericht ein: “Der Widerstand hat sich auf der Grundlage einer ungebrochenen Logistik, Führung und Kontrolle als robust erwiesen.” Die Taliban und andere besatzungsfeindliche Kräfte hätten es geschafft, sich ihre “operative Beweglichkeit in einigen Gebieten zu erhalten”.

Dem Pentagonbericht zufolge gab es noch nie zuvor so viele Afghanen, die ihre Sicherheitslage als “schlecht” bezeichnen. Der Bericht stellt das Offensichtliche fest: “Die Verschlechterung der Sicherheitswahrnehmung ist wahrscheinlich der ständigen Zunahme der Gewalt insgesamt in den letzten neun Monaten geschuldet.”

In dem Bericht wird auf die Gefahr eines umfassenderen Krieges hingewiesen. Er beklagt die Intensität des Widerstands aus “sicheren Rückzugsgebieten” heraus, die sich jenseits der Grenzen Afghanistans, in Pakistan oder im Iran, befinden.

“Alle Bemühungen, um das Widerstandspotential – wie z.B. sichere Rückzugsgebiete und logistischen Support aus Pakistan und dem Iran – einzudämmen, haben keine messbaren Erfolge gezeitigt”, stellt der Bericht fest.

Dann geht er auf die Erfolge der bewaffneten Gruppierungen ein, die gegen die korrupte US-Marionettenregierung unter Hamid Karzai kämpfen.

“Die Korruption hat weiterhin eine zersetzende Wirkung auf die Anstrengungen der ISAF” stellt er fest. “Die afghanische Wahrnehmung von Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch heizt den Widerstand in vielen Regionen noch stärker an als die Unfähigkeit der afghanischen Regierung, den täglichen Bedarf zu organisieren.”

Die vom US-Militär im September durchgeführte Umfrage ergab, dass “80,6 Prozent der befragten Afghanen glauben, dass sich die Korruption auf ihren Alltag auswirkt.”

Der Bericht fügt hinzu: “Das deckt sich mit der Einschätzung, dass die Korruption dazu führt, dass die afghanische Regierung von der Bevölkerung nicht akzeptiert wird. Sie ist nach wie vor ein Hauptgrund, warum die Afghanen den Widerstand unterstützen.”

Während der Bericht das Wachstum der afghanischen National Armee (ANA) als einen „besonders vielversprechenden Fortschritt” hervorhebt, räumt er ein, dass “zahlreiche Herausforderungen immer noch bestehen”. Dazu gehöre das hohe Maß an Zermürbung, das die Zahl der frisch angelernten afghanischen Soldaten ständig schwinden lasse.

Er gibt auch zu, dass die Rekrutierung von Paschtunen für das afghanische Militär außerordentlich gering geblieben sei. Die Paschtunen sind Afghanistans größte ethnische Gruppe, die zweiundvierzig Prozent der Bevölkerung ausmachen. Aber dem Bericht zufolge stellen die südlichen Paschtunen, die in den Provinzen Helmand und Kandahar konzentriert sind, nur drei Prozent der Rekruten. Das heißt, dass die afghanischen Streitkräfte, die dort stationiert sind, selber eine fremde Besatzungsmacht darstellen und größtenteils die Fronten wiederaufleben lassen, die in dem Bürgerkrieg der 1990er Jahre bestanden.

Die Krise, in der sich die US-Besatzung befindet, wurde in dieser Woche noch unterstrichen, als herauskam, dass ein vermeintlicher hochrangiger Taliban-Vertreter, mit dem die Vereinigten Staaten und die NATO Verhandlungen führten, ein Hochstapler war.

Die Person, die als "Mullah Akhtar Mohammad Mansour" identifiziert wurde, sollte angeblich die Nummer zwei der von Mullah Mohammed Omar geführten Quetta Shura sein. Er war mit NATO-Flugzeugen von Quetta (Pakistan) hergeflogen worden und hatte beträchtliche Summen erhalten, um an Gesprächen mit der NATO und der Karzai-Regierung teilzunehmen. Presseberichten zufolge traf sich der “Taliban-Unterhändler” dreimal mit afghanischen und NATO-Beamten, bevor seine Tarnung aufflog.

NATO-Führer äußerten den Verdacht, der Hochstapler könnte vom pakistanischen Geheimdienst ISI platziert worden sein, um damit den Versuch Washingtons zu sabotieren, Pakistan bei den Verhandlungen mit den Taliban zu umgehen.

Solche Verdächtigungen könnten erklären, wie es dem Hochstapler überhaupt gelungen ist, sich an derart exponierter Stelle erfolgreich einzuführen. Er gab vor, Minister für zivile Luftfahrt aus der früheren Taliban-Regierung gewesen zu sein. Er sei mehreren Mitgliedern der afghanischen Regierung und ihres siebzigköpfigen Friedensrats bekannt, der eingerichtet wurde, um eine Aussöhnung mit den Taliban zu erreichen. Aber diese Afghanen wurden offensichtlich gar nicht zu Rate gezogen.

“Es ist lächerlich, dass man offensichtlich bereit ist, sich mit jedem zu treffen, der sich selbst als hohe Autorität der Taliban präsentiert. Aus diesem Grunde haben wir den Rat: um Leute gründlich zu überprüfen“, äußerte ein Mitglied des afghanischen Friedensrats gegenüber der Financial Times.

Um den schmachvollen Fehler zu kaschieren, gab Karzai eine Erklärung heraus, worin er dementierte, dass Gespräche überhaupt stattgefunden hatten, und alle gegensätzlichen Berichte als “Propaganda der ausländischen Presse” bezeichnete.

Dagegen behauptete General David Petraeus, US-Chefkommandeur in Afghanistan, es sei “keine Überraschung”, dass seine Untergebenen mit einer Person verhandelten – und Geld an sie bezahlten –, die ein Hochstapler sei. Der General behauptete, man sei “die ganze Zeit” skeptisch gewesen, “und es kann gut sein, dass diese Skepsis wohl begründet war”.

In Wirklichkeit hatten die US-Beamten das Gespräch als wichtigen Bestandteil ihrer Strategie angekündigt, den Widerstand aufzuweichen und den Umfang der US-Besatzung zu reduzieren. Die Taliban-Führung hatte wiederholt darauf bestanden, nur unter der Bedingung zu verhandeln, dass die ausländischen Truppen das Land verließen.

Am Mittwoch gab die afghanische Wahlkommission die Resultate der Parlamentswahlen vom 18. September bekannt. Dies trug noch zur Verschärfung der Krise des Landes bei.

Die Ergebnisse unterstreichen den betrügerischen Charakter des ganzen Wahlprozesses, angefangen bei der Präsidentschaftswahl im letzten Jahr bis hin zur Parlamentswahl im September. Willkürlich wurden 24 Kandidaten aus dem Parlament ausgeschlossen, und 1,3 Millionen der 5,6 Millionen abgegebenen Stimmen wurden als ungültig verworfen.

Hunderte Menschen protestierten am Mittwoch in den Straßen von Kabul und verurteilten die Ergebnisse als Betrug.

Ein wesentliches Ergebnis der Wahl besteht darin, dass die paschtunische Bevölkerung Afghanistans, die bisher die Mehrheit im Parlament gestellt hatte, jetzt viel weniger Abgeordnete hat. Für dieses schlechte Ergebnis könnten Gewalttaten in den paschtunischen Gebieten und die Feindseligkeit gegenüber der Zentralregierung eine Rolle gespielt haben.

Vorläufigen BBC-Berichten zufolge gingen wohl in Ghazni alle elf Parlamentssitze an Mitglieder der Hazara-Minderheit. Die Hazara sind die drittgrößte ethnische Gruppe in der südlichen Provinz, in der die Paschtunen die Mehrheit stellen. Die Wahlkommission erklärte am Mittwoch, die Ergebnisse in der Provinz stünden aber immer noch nicht fest.

Der Bericht des Pentagon erscheint nur wenige Tage nach dem NATO-Gipfel vom letzten Wochenende in Lissabon. Der Gipfel befolgte die Vorgabe Washingtons und machte Schluss mit dem Versprechen Obamas, im Juli 2011 mit dem Truppenabzug zu beginnen. Obama hatte dies versprochen, als er im letzten Dezember die „Afghanistan-Offensive” in Gang setzte. Stattdessen hat der Gipfel jetzt beschlossen, angeblich Ende 2014 die “Führung” der Kriegsoperationen an die afghanischen Marionetten-Streitkräfte abzugeben.

Von einem Journalisten nach der “Exit-Strategie” für Afghanistan befragt, antwortete ein führender Beamter, der die Medien über den Pentagon-Bericht unterrichtete, unwirsch: “Wir haben keine Exit-Strategie” sagte er. “Wir haben eine Übergangsstrategie. Die amerikanische Verpflichtung Afghanistan gegenüber besteht weiter, dauerhaft und langlebig.”

Mit anderen Worten: Das Establishment und sein Militär hat nicht die Absicht, Afghanistan zu verlassen. Sie sind entschlossen, ihre blutigen Anstrengungen zur Vernichtung des afghanischen Widerstands fortzusetzen, und das Ziel dabei ist, Washingtons Kontrolle über das Land zu sichern. Ihre Vorherrschaft über die ölreiche und strategisch wichtige Region in Zentralasien wollen die Vereinigten Staaten halten und weiter ausbauen.

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