Bangladesch: Nach Fabrikbrand und Polizeimorden wächst die Wut der Textilarbeiter

Von W.A. Sunil und John Chan
23. Dezember 2010

In der bengalischen Textilindustrie ist die Lage weiterhin angespannt. Einen Streik ließ die Regierung der Awami-Liga am 12. Dezember blutig niederschlagen, wobei die Polizei vier streikende Arbeiter erschoss. Fast gleichzeitig ging eine Textilfabrik bei der Hauptstadt Dhaka in Flammen auf. Etwa dreißig Arbeiter fanden in dem Inferno den Tod.

Noch ist nicht genau bekannt, wie viele Arbeiter im Feuer umkamen und was genau geschah. Im Industriegebiet Ashulia brach um die Mittagszeit ein Brand im neunten Stock einer Fabrik für Sportbekleidung aus. Das zehnstöckige Gebäude gehört zur Ha-Meem-Gruppe. Die Flammen griffen dann auf den zehnten Stock über, in dem die Kantine untergebracht ist. Hier aßen gerade 150 Arbeiter zu Mittag. Zum Glück waren die meisten der 6 000 Beschäftigten nicht im Haus, was die Zahl der Todesopfer erheblich reduzierte.

Abdul Kader, der dem Feuer entkommen konnte, berichtete der Asia Times Online, dass fünfzig oder sechzig Arbeiter im zehnten Stock aus dem Fenster hätten springen müssen, da "die Notausgänge verschlossen waren". Andere Fabrikarbeiter bestätigten, dass die Ausgänge verschlossen waren. Die bengalische Zeitung The Independent berichtete: "Als sich das Feuer rasch auf den obersten Stock ausbreitete, versuchten die Arbeiter sich in Sicherheit zu bringen, aber sie fanden die Feuerleitern versperrt. Später versuchten die Arbeiter, sich aus dem obersten Geschoss mit Stoffbahnen abzuseilen, aber viele stürzten ab und verletzten sich."

Der pensionierte Oberstleutnant Delwar Hossain, ein stellvertretender Direktor von Ha-Meem, behauptete, die Ausgänge seien nicht abgeschlossen gewesen. Allerdings ist es gängige Praxis der Fabrikanten, ihre Arbeiter einzusperren. Sie wollen die Belegschaft daran hindern, die Maschinen zu verlassen, damit sie sich ganz auf die Produktion konzentrieren. Dabei ist das Risiko einer Feuersbrunst in den Fabriken hoch, weil die Stoffe und die fertigen Kleidungsstücke aus leichtentflammbarem Material bestehen. Nach Informationen von Bangladeschs Ministerium für Brandbekämpfung und Zivilschutz verloren von 2006 bis 2009 414 Textilarbeiter bei Fabrikbränden ihr Leben.

Obwohl die Ursache des Brandes noch nicht geklärt ist, will Hossain laut New York Times die Produktion in den unteren acht Stockwerken wieder aufnehmen, da die Firma unter Druck stehe, "sämtliche ausstehenden Aufträge zu erfüllen". Unter dem Namen That´s It Sports Wear fertigt die Fabrik Hosen für Großabnehmer in den USA und Europa, wie zum Beispiel für Gap, den größten amerikanischen Bekleidungshersteller. Gap veröffentlichte eine zynische Stellungnahme, in der es heißt, man sei "tief betroffen und traurig" über die Todesfälle. Dabei ist diese Tragödie das direkte Ergebnis ihres Drangs nach Profitmaximierung, der sie dazu veranlasst, Kleidung in Ausbeuterbetrieben am andern Ende der Welt fertigen zu lassen.

Mehrere hundert Arbeiter von That´s It Sports Wear demonstrierten am 13. Dezember vor der Fabrik, um darauf aufmerksam zu machen, dass viele ihrer Kollegen seit der Feuersbrunst vermisst werden. Hossain gab bekannt, bisher seien die Leichen von 23 Angestellten geborgen worden. Die Karteien mehrerer nahe gelegener Krankenhäuser enthalten jedoch Daten über weitere 31 Todesfälle, und mindestens hundert verletzte Arbeiter werden dort behandelt. Auch am nächsten Tag, einem gesetzlichen Feiertag, weigerten sich die protestierenden Arbeiter, an die Arbeit zurückzukehren, obwohl von ihnen verlangt wurde, die verlorene Zeit wieder einzuholen.

In ganz Bangladesch wurden am Dienstag, den 14. Dezember, Arbeiter nach einem Ausstand zurück zur Arbeit gezwungen. Die Gewerkschaften hatten die Einhaltung einer Vereinbarung vom Juli mit der Regierung und der Textilindustrie gefordert, die den Mindestlohn auf 35 Euro im Monat anhebt. Das ist immer noch viel weniger, als die Arbeiter während ihres fünftägigen Streiks im Juli eigentlich gefordert hatten.

General Zamil Ahmed Khan, gesamtbengalischer Chef der Export Processing Zone (EPZ, Freihandelszone), und der Generalmanager der EPZ von Chittagong, Adbur Rashid, gaben am Dienstag bekannt, dass 148 Fabriken die Produktion wieder aufgenommen hätten. Dies weist auf das Ausmaß der Unruhen hin, die letzten Freitag ausgebrochen waren, als viele Unternehmen sich weigerten, den neuen Tarifvertrag zu beachten, und stattdessen die alten Gehälter auszahlten.

Am gleichen Dienstag legten 4.000 Arbeiter einer Billiglohnfabrik in der EPZ von Uttara, 400 km von Dhaka entfernt, die Arbeit auf unbestimmte Zeit nieder, um für die Erhöhung ihrer Löhne zu kämpfen. Sie verlangten die Entfernung eines Personalchefs, der Arbeiter diskriminierte, sowie die Wiedereinstellung der von ihm entlassenen Arbeiter. Im Norden des Landes setzten Arbeiter von Apcot Apparels und der Textilfabrik Hotapara in der EPZ von Gazipur ihren Streik für höhere Löhne fort.

Am Sonntag war es in der Hafenstadt Chittagong zu blutigen Auseinandersetzungen gekommen, als Polizisten auf Arbeiter schossen. Wie die Tageszeitung Prothom Alo berichtete, verschoss die Polizei 550 Gummikugeln und 95 Tränengaspatronen. An die zwanzig Fabriken waren betroffen. Die Polizei ging gegen anfangs friedliche Arbeiterdemonstrationen vor. Die Arbeiter protestierten, weil die südkoreanische Gruppe YoungOne ihre elf Fabriken schloss und damit auf Arbeitsniederlegungen reagierte. Die Arbeiter von YoungOne hatten die Wiedereinführung eines Essensgelds von 250 Taka (knapp drei Cents) gefordert, weil das Geld bei Einführung eines neuen Tariflohns nicht mehr ausgezahlt wurde.

Bisher ist kein einziges Problem gelöst, und so könnten jederzeit weit größere Proteste und Streiks ausbrechen. Ein Arbeiter eines Geräteherstellers der Nassa-Gruppe in der EPZ von Dhaka sagte dem Daily Star am Dienstag, die Beschäftigten hätten die Arbeit erst wieder aufgenommen, als das Management fest zugesagt habe, die neuen Tariflöhne auch tatsächlich auszuzahlen. Direktor Mohammed Abdullah von der Nassa-Gruppe in Dhaka behauptete, das Management habe "einige Fehler bei der Berechnung der Löhne" vom letzten Monat gemacht. Er versprach, die Löhne „in den nächsten sieben Tagen auszugleichen". In Wirklichkeit benutzen die Unternehmen verschiedene Tricks, zum Beispiel die Neubewertung von Stellenbeschreibungen, um die Löhne tatsächlich zu senken.

Um die Textilarbeiter einzuschüchtern, verhaftete die Polizei wenigstens 65 Arbeiter und leitete Ermittlungen gegen 25.000 bis 30.000 Personen wegen Vandalismus, Zerstörung von Strassen und dem Angriff auf Polizisten bei den Demonstrationen vom Sonntag ein.

Auch die Vorsitzende des Garment Workers Unity Forums, Moshrefa Mishu, wurde am Dienstag verhaftet. Sie wird beschuldigt, Schäden an einer Fabrik in Dhaka verursacht zu haben, auch soll sie Fahrzeuge in Brandt gesteckt haben. Außerdem habe sie schon vor sechs Monaten bei den großen Textilarbeiterprotesten, am 30. Juni Polizisten behindert. Der Polizeiermittler Monirul Islam gab den Medien gegenüber an, Mishu habe "bei den letzten Unruhen eine entscheidende Rolle" gespielt. Medienberichten zufolge beschuldigt die Polizei sie, Verbindungen mit Ländern zu unterhalten, die "im Textilbereich mit Bangladesch konkurrieren". Damit beabsichtige sie angeblich, "den [Wirtschafts-] Sektor des Landes zu zerstören".

Diese Anschuldigungen wiederholen die Worte von Premierministerin Scheich Hasina Wajed. Am Montag wetterte sie gegen "mögliche Verschwörungen, um Unruhen im bedeutendsten [Wirtschafts-] Sektor der Nation zu provozieren". Das Ziel solcher Anschuldigungen besteht darin, Arbeiter in Bangladesch davon abzuhalten, ihre Kämpfe mit denen ihrer Klassenbrüder und -Schwestern in Kambodscha, Indien, China und anderen Teilen der Welt zu verknüpfen. Die Regierung Bangladeschs verlässt sich auf die Gewerkschaften und auf offene Polizeigewalt, um den Widerstand der Textilarbeiter gegen schlechte Löhne und Arbeitsbedingungen in Schach zu halten.

Global operierende Großkonzerne wie Gap, Wal-Mart oder Tesco, die weltweit Jagd auf die billigsten Arbeitskräfte machen, spielen Textilarbeiter gegeneinander aus. Unter dem Druck der Wirtschaftskrise nimmt die Ausbeutung der Textilarbeiter zu, was immer wieder zu Arbeitskämpfen führt. Anfang Dezember haben sechzehn Fabriken in Kambodscha etwa 800 Arbeiter entlassen, die an einem landesweiten Streik im September teilgenommen hatten. Zwei Drittel der Arbeitskräfte im Textilsektor des Landes, etwa 210.000 Arbeiter, hatten sich daran beteiligt.

Bangladesch hat mittlerweile so niedrige Löhne, dass es nach China und der Türkei nun als Textilexporteur an dritter Stelle steht. Es hat rund 5.000 Textilfabriken mit über drei Millionen Arbeitern. Der Hilfsorganisation ActionAid zufolge entsprechen die neuen Löhne von 35 Euro im Monat nicht einmal zwanzig Cent in der Stunde, das ist der niedrigste Stundensatz weltweit. Wie auch andere Regierungen stützen sich Premierministerin Hasina und die herrschende Klasse Bangladeschs auf Polizeigewalt, um die Forderungen der Arbeiter nach Lohnerhöhungen zu unterdrücken.

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