Leonard Bernsteins Vermächtnis

Eine Buchbesprechung

Von Fred Mazelis
10. Dezember 2010

Leonard Bernstein: The Political Life of an American Musician
Biographie von Barry Seldes
University of California Press 2010 (276 S.)

Leonard Bernstein 1971 Leonard Bernstein 1971

Zwanzig Jahre nach seinem Tod hat das Interesse an Leonard Bernsteins Lebenswerk kein bisschen nachgelassen. Über den weltberühmten Komponisten, Dirigenten, Pianisten und Musikpädagogen sind bereits mehrere höchst ausführliche Biographien erschienen, und man könnte eine weitere für überflüssig halten. Das kürzlich erschienene Buch von Barry Seldes erweitert jedoch das Verständnis von Leben und Werk Bernsteins sehr wesentlich. Seldes ist Professor an der Ryder University in New Jersey und der erste Biograph, der das umfangreiche FBI-Dossier des Komponisten ausgewertet hat.

Vielen ist sicherlich bekannt, dass Bernstein im November 1943 über Nacht berühmt wurde, als er als Dirigent des New York Philharmonic Orchestra für den erkrankten Bruno Walter einspringen musste. Das Konzert wurde über den Sender CBS in den gesamten Vereinigten Staaten ausgestrahlt. Der 25Jährige eroberte damals die Musikwelt im Sturm. Man geht gemeinhin davon aus, dass Bernsteins Karriere dann während der folgenden Jahrzehnte von einem Erfolg zum nächsten verlief.

Bernstein 1945 Bernstein 1945

In den 1940er und 1950er Jahren komponierte Bernstein mehrere sehr bekannte Werke, wie zum Beispiel das Ballett Fancy Free und die Musik für die Musicals On the Town, Wonderful Town, Candide und Westside Story. Zwischen 1958 und 1969 widmete er sich vor allem seiner Aufgabe als Dirigent des New York Philharmonic Orchestra. Etwa zur gleichen Zeit (1958 bis 1972) leitete er die legendären Young People's Concerts (Konzerte für Jugendliche), die im öffentlichen Fernsehen übertragen wurden und ein riesiges Publikum ansprachen. Millionen Zuschauer wurden damals durch Bernsteins bahnbrechende Arbeit an die klassische Musik herangeführt.

Doch Seldes weist nach, dass Bernsteins Erfolg keineswegs geradlinig verlief. Lange bevor er zu dem großen Künstler wurde, der in aller Erinnerung bleiben sollte, geriet er als kaum Dreißigjähriger auf die Schwarze Liste des US-Außenministeriums und der CBS Radio- und Fernsehstation. Seine Karriere war auf Jahre hinaus unterbrochen, und sein Schicksal hing völlig in der Schwebe, wie bei zahlreichen Künstlern seiner Zeit, z.B. Paul Robeson und John Garfield. Bernsteins Überwachung durch das FBI hatte schon vor seinem 21. Lebensjahr begonnen, und sie sollte noch jahrzehntelang fortgesetzt werden.

Ein großer Teil von Bernsteins Publikum und seiner heutigen Anhängerschaft weiß nicht, dass “Lenny ein Sozialist war“, um es mit den Worten seines langjährigen Pressesprechers zu sagen. Wie Seldes erklärt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bernstein unpolitisch oder nur gelegentlich politisch war. … Es ist nicht zu übersehen, dass ihm seine politischen Engagements und Tätigkeiten äußerst wichtig waren, dass er ihretwegen verfolgt wurde und dass sie eine wichtige Rolle in seiner künstlerischen Laufbahn spielten.“

Aaron Copland Aaron Copland

Der Autor ignoriert keineswegs, dass Bernstein homosexuell war, eine Tatsache, die bekannt war, die der Dirigent und Komponist aber vor seinem fünfzigsten Lebensjahr nicht öffentlich zugegeben hat. Seldes warnt jedoch seine Leser, dass jeder „der wissen will, wer mit wem geschlafen hat, … von diesem Buch enttäuscht sein wird“. Zu Recht betont er, dass das Persönliche und Psychologische nicht zu trennen sei, und dass beides nicht über die gesellschaftlichen und historischen Faktoren gestellt werden könne, die das Leben des Komponisten formten. Besonders im Falle Bernsteins, der seit seiner Jugend politisch engagiert war, sind Werk und Karriere nicht außerhalb der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu verstehen.

Der junge Bernstein, der in Lawrence in Massachusetts geboren wurde, begann 1935 das Studium an der Harvard Universität. Das musikalische Wunderkind lernte bald den Komponisten Aaron Copland und den aus Russland stammenden Dirigenten des Bostoner Sinfonieorchesters, Serge Kussewitzki, kennen.

Serge Kussewitzki Serge Kussewitzki

Gerade in dieser Zeit, den 1930er Jahren, entwickelte sich auch Bernsteins politisches Engagement. Weit davon entfernt, im Interesse seiner musikalischen Karriere die Politik zu ignorieren, tauchte er gleichzeitig in beide Welten ein.

Wie viele andere junge Menschen, Künstler und Intellektuelle, erblickte Bernstein in der Sowjetunion ein Bollwerk im Kampf gegen Hitler, Er war nicht in der Lage, zwischen der Russischen Revolution von 1917 und dem konterrevolutionären Regime unter Führung Stalins zu unterscheiden, das von sich behauptete, den Sozialismus zu repräsentieren. Die Kommunistische Partei Amerikas ermutigte damals viele talentierte und aufrichtige junge Menschen, die Politik des New Deals von Franklin Roosevelt zu unterstützen. Das war in den Jahren der Volksfrontpolitik, als der Stalinismus die Gefahr des Faschismus benutzte, um die Arbeiterklasse dem bürgerlichen Liberalismus unterzuordnen.

Während des Zweiten Weltkriegs, als die USA und die UDSSR verbündet waren, trat Bernstein gemeinsam mit Paul Robeson auf und unterstützte den Nationalen Rat für Amerikanisch-Sowjetische Freundschaft. Nach dem Krieg, als die Hetze des Kalten Krieges begann, verteidigte er die Hollywood Ten[i], die Drehbuchautoren, Schauspieler und Regisseure, die vorgeladen und später wegen Missachtung des Gerichts mit Gefängnis bestraft wurden. Auch unterstützte er den Präsidentschaftswahlkampf von Henry Wallace, dem früheren Vizepräsidenten von Roosevelt, der für eine dritte Partei kandidierte und die Hoffnung auf eine Fortführung der Volksfront verkörperte.

Für seine politischen Aktivitäten bezahlte Bernstein einen hohen Preis. In den 1950er Jahren wurde er in den berüchtigten antikommunistischen Zeitschriften counterattack und Red Channels als Subversiver gebrandmarkt. Der Sender CBS, dessen Radioübertragung ihn berühmt gemacht hatte, setzte ihn auf die Schwarze Liste. Während der folgenden drei Jahre lebte er mit der Angst, vor die parlamentarischen Ausschüsse gegen unamerikanische Umtriebe zitiert zu werden. Dies geschah zwar nicht, aber er musste 1953 eine eidesstattliche Erklärung verfassen, die für ihn sehr erniedrigend war. Darin musste er diverse Irrtümer seiner politischen Vergangenheit bekennen und im Kalten Krieg seine Loyalität zu den USA beschwören. Sonst wäre sein Reisepass nicht erneuert worden.

Ethel und Julius Rosenberg Ethel und Julius Rosenberg

Das geschah im Sommer 1953, nur drei Wochen nach der Hinrichtung von Julius und Ethel Rosenberg. Sie wurden wegen angeblicher Spionage für die UdSSR auf den elektrischen Stuhl gebracht. Senator Joseph McCarthy befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, und die Hexenjagd hatte ihren Siedepunkt erreicht. Obwohl Bernstein damals vermutlich nichts davon wusste, war sein Name auf Grund des Polizeistaatsgesetzes, des sogenannten McCarran Acts, auf eine Liste von Personen gesetzt worden, die im Falle eines „nationalen Notstands“ vorbeugend in Haft genommen werden sollten.

Bernstein erhielt seinen Reisepass zurück und wurde bei CBS von der Schwarzen Liste gestrichen. 1956 erhielt er unter seinem alten Mentor, Dmitri Mitropoulos, ein Engagement beim New York Philharmonic Orchestra. Kurz danach wurde er zu dessen Musikdirektor ernannt. Innerhalb nur weniger Jahre hatte er den Gipfel der Musikwelt in New York erreicht. 1959 begrüßte Bernstein den Präsidenten Dwight Eisenhower bei der Grundsteinlegung des Kunstzentrums Lincoln Center in New York.

Bernsteins Dirigentenkarriere verlief parallel zu seinen großen Erfolgen als Komponist. Ende 1959 wurde seine Operette Candide nach dem Roman Voltaires am Broadway uraufgeführt. Obwohl das Werk im Laufe der Jahre mehrfach überarbeitet und auch kritisiert wurde, stimmen doch die meisten Kritiker darin überein, dass die Musik großartig und besonders bemerkenswerte Schöpfung Bernsteins ist.

West Side Story West Side Story

Kaum ein Jahr später wurde in New York die Westside Story uraufgeführt. Sie wurde ein absoluter Hit. Wie Seldes vermutet, waren die New Yorker Philharmoniker geradezu verpflichtet, Bernstein als Musikdirektor zu engagieren. Er war ein Musiker, der sich größter Beliebtheit erfreute, obwohl er immer noch fest in der Welt der musikalischen Klassik verwurzelt war.

Gleichzeitig konnte Bernstein nie vergessen, was ihn dieser Erfolg gekostet hatte. Er gehörte zu den wenigen, deren Bekanntschaft mit den Schwarzen Listen ein „glückliches“ Ende nahm. Er war sich durchaus bewusst, dass die Säuberungen für viele das Ende ihrer Karriere bedeutet, für einige sogar das Ende ihres Lebens.

Es ist klar, dass Bernstein den Stachel der Selbsterniedrigung durch die eidesstattliche Erklärung von 1953 nicht wieder loswurde. Er hatte zwar keine „Namen genannt“, und die Erklärung wurde nicht veröffentlicht, doch er hatte seine politische Vergangenheit verleugnet. Das Dokument wurde in antikommunistischen Kreisen weit herumgereicht und konnte jederzeit gegen ihn verwendet werden. Das war für Bernstein eine besonders schmerzliche Erfahrung, weil er im Gegensatz zu anderen, wie Elia Kazan, für die Hexenjäger nichts als Hass und Verachtung empfand.

FBI-Intrigen und andere Angriffe auf Bernstein wurden bis in die 1970er Jahre fortgesetzt, vor allem, nachdem er die politischen Aktivitäten wieder aufnahm und sich am Kampf für Bürgerrechte und an der Bewegung gegen den Vietnamkrieg beteiligte. Als Bernstein und seine Ehefrau Felicia Monteleagre Anfang 1970 einen bekannten Sympathisanten der Black Panther bei sich beherbergten, verleumdete die New York Times ihn als „Edelproleten“ (elegant slumming).

Einige Monate später veröffentlichte Tom Wolfe, ein mittelmäßiger Praktiker des sogenannten „Neuen Journalismus“, der später zum Bewunderer von George W. Bush wurde, einen infamen Angriff auf Bernsteins angeblichen „radical chic“[im Amerikanischen ein Vertreter der Oberklasse, der aus modischen Gründen Linke unterstützt; Anm. d. Übers.]. Bernsteins politische Verleumder fühlten sich ermutigt, und das FBI ergriff die Gelegenheit, um gefälschte Briefe an Bernstein selbst und andere zu schicken, die mit der Unterschrift „ein besorgter und loyaler Jude“, unterzeichnet waren, um so auf den angeblichen Antisemitismus der Panther hinzuweisen.

Seldes Darstellung der Verfolgung Bernsteins ist aufschlussreich, denn er zeigt das Ausmaß und die Hartnäckigkeit der staatlichen Angriffe auf demokratische Rechte. All dies findet seinen Widerhall in den heutigen Praktiken, bei denen Leute eingeschüchtert werden, weil sie die Kriegsverbrechen im Irak, in Afghanistan und weltweit prinzipiell ablehnen. Das FBI musste Bernstein ganz besonders fürchten, weil er ein so beliebter und allseits geachteter Künstler war.

Was in diesem Buch jedoch fehlt, ist eine Untersuchung der Tatsache, dass Bernstein auf die politischen Wendungen der Nachkriegsperiode nicht vorbereitet war. Wie viele andere seiner Generation ging er von der illusorischen Vorstellung aus, der Zweite Weltkrieg sei, wie behauptet wurde, ein Krieg für die Demokratie. Diese Illusion wurde damals von der Kommunistischen Partei und dem größten Teil der amerikanischen Linken geflissentlich unterstützt.

Doch auf den Krieg folgte der Kalte Krieg und der Aufstieg des McCarthyanismus, und alle Prinzipien des amerikanischen Liberalismus, die der Krieg angeblich verteidigt hatte, wurden verraten. Bernstein war fassungslos und demoralisiert – und er war bei weitem nicht der einzige. Er begriff weder die historische Entwicklung des US-Imperialismus und seiner ungeheuren Widersprüche, noch die Rolle der Demokratischen Partei als dessen politische Agentur. Daher konnte er nicht verstehen, dass sich unter der Oberfläche der Hexenjagd und des Wohlstands der 1950er Jahre neue Kämpfe und Krisen zusammenbrauten.

Bernstein war zweifellos sehr zornig über die Strangulation der Arbeiterbewegung und die Degeneration des Liberalismus, aber offensichtlich hoffte er, es werde zu einer Wiederbelebung der politischen Bündnisse kommen, die er aus seiner Jugend kannte. Seldes, der ebenfalls ein recht unkritisches Verständnis der Rooseveltperiode hat, geht dieser Tatsache nicht auf den Grund.

Aber Seldes geht noch auf eine weitere wichtige und komplexe Seite in Bernsteins Leben und seiner Karriere ein: die Beziehung zwischen Bernsteins politischen Enttäuschungen und der Unfähigkeit des Komponisten, das „große Werk“ zu schaffen, von dem er oft sprach. Der Autor weist darauf hin, dass Bernstein immer wieder versuchte, sich als Komponist über seine Errungenschaften für das Musiktheater hinaus weiterzuentwickeln. Er versuchte, ein Meisterwerk auf dem Gebiet der Oper zu komponieren.

Warum konnte Bernstein dieses Meisterwerk, von dem er so oft sprach, nicht schaffen? Nach Seldes Einschätzung suchte Bernstein nach einem Weg des musikalischen Ausdrucks für „Themen, die ihm nahegingen – nicht zuletzt für die Krise des Liberalismus, der sich in der Ära von Lyndan B Johnson dem Neo-Imperialismus annäherte, für dessen Zersplitterung in den 1970er Jahren, und für seine schwindende Bedeutung sowie den Verlust seiner Würde und das Schwinden seiner Millionenanhängerschaft nach 1980“. Es ist bemerkenswert, dass Seldes ein Gespür für diese Fragen hat.

Diese ideologischen und historischen Zwänge bewirkten, so Seldes, dass Bernstein daran scheiterte, ein Libretto oder eine programmatische Erzählung für die Art von Werk zu finden, die er im Sinn hatte. Und es gab auch kein Publikum, das ihn in der erforderlichen Weise hätte inspirieren können.

Die Frage erfordert eine Untersuchung des musikalischen Werdegangs Bernsteins und seiner ästhetischen Ansichten. Dass Seldes dies leistet, ist ein weiteres Verdienst seines Buchs.

Bernstein war eine höchst ungewöhnliche Persönlichkeit. Ihn lediglich als Komponisten, Dirigenten und Musikpädagogen zu charakterisieren, würde ihm nicht gerecht. Er reflektierte über die Rolle der Kultur in der Gesellschaft und hatte ein starkes Gefühl für die Beziehung zwischen der Musik und dem gesellschaftlichen Leben. Für ihn war die Rolle der Musik und der Kultur ein Indikator und eine Kraft des menschlichen Fortschritts. Gleichzeitig verteidigte er leidenschaftlich die demokratischen Rechte und sympathisierte mit den Idealen des Sozialismus.

Von seinen ersten Jahren als Student und seinen Dirigenten-Lehrjahren an mischte er sich in Debatten über die Zukunft der Musik ein. Er verteidigte die Tonalität, nachdem diese nach dem Zweiten Weltkrieg in gewissen Musikkreisen in Amerika aus der Mode gekommen war. In seinen berühmten Norton-Vorlesungen an der Harvard Universität 1973 erläuterte er im Einzelnen seine Ansichten darüber und wies das Dogma der Atonalität zurück, das damals in den Musikfakultäten und bei vielen Kritikern vorherrschend war.

Ein besonders bekannter Verteidiger der Atonalität war der deutsche Philosoph, Soziologe und Musikwissenschaftler Theodor W. Adorno, ein führendes Mitglied der antimarxistischen Frankfurter Schule. Adorno war Schüler des bedeutenden Komponisten Alban Berg, der seinerseits der berühmteste Schüler von Arnold Schönberg war.

Theodor W. Adorno Theodor W. Adorno

Auf Adornos Werk näher einzugehen, ginge weit über den Rahmen dieser Besprechung hinaus, aber im Zusammenhang mit Bernsteins Ansichten und seiner Musik sollen ein paar Bemerkungen gemacht werden. Bernstein nannte Adornos Philosophie der Neuen Musik ein „faszinierendes, abscheuliches, schwülstiges Buch“ (a fascinating, nasty, turgid book) und er hatte allen Grund, ihm so feindselig zu begegnen.

Seldes fasst Adornos Ansichten folgendermaßen zusammen: “Tonalität funktioniert wie politische Orthodoxie. Sie zwingt den Komponisten zu Geschlossenheit und Ausgleich – das heißt, in eine falsche Ideologie, die den Status quo legitimiert, und sie wird einem Massenpublikum aus unterdrückten Individuen eingetrichtert. Atonalität ist somit die Waffe des Widerstands.“

Adorno zufolge war die tonale Musik, die Jahrhunderte lang komponiert wurde, ein Produkt der Epoche des bürgerlichen Liberalismus und jetzt „totalitär“ geworden. Diese ahistorische und mechanistische Auffassung nahm spätere Positionen vorweg, die von postmodernen Kritikern ausgearbeitet wurden. Sie setzt ein Gleichheitszeichen zwischen der herrschenden Klasse und ihren Anhängern auf der einen und der Entwicklung der Musik auf der anderen Seite.

Im Wesentlichen ist es eine Umkehrung der stalinistischen Doktrin des „sozialistischen Realismus“. Während die Stalinisten darauf bestanden, dass Musik unmittelbar zugänglich und „erhebend“ zu sein habe, verlangte Adorno mit Seldes Worten, dass Musik „für niemanden erkennbar sein sollte als für Komponisten und Kenner“.

Bernstein widersprach diesem Dogma heftig und bestand darauf, dass Musik, wie Seldes schreibt, ein „allgemein interessiertes Publikum“ ansprechen solle. Dies heiße natürlich nicht, dass das Publikum niemals herausgefordert werden dürfe, aber ein Komponist, der nicht fähig oder nicht daran interessiert sei, ein solches Publikum zu erreichen, sei ein Widerspruch in sich selbst.

Das vermittelt uns ein klareres Bild von Bernstein ästhetischer Herangehensweise. Es war jedoch eine Sache, gegen die unkritischen Befürworter der Atonalität zu argumentieren, und eine andere, den Weg vorwärts auf dem Gebiet der Komposition selbst zu zeigen. Darin lag die gewaltige Herausforderung.

Seldes hat recht, wenn er auf die sozialen und politischen Ursachen hinweist, die Bernsteins Ratlosigkeit und letztlich seiner Entmutigung zugrunde liegen. Aber seine Behandlung dieses Phänomens greift recht kurz. Wenn der Autor annimmt, dass eine ihm politisch gemäßere Atmosphäre Bernsteins Kompositionsprobleme hätte lösen können, dann ist das ziemlich vereinfacht.

Das Verhältnis von Bernsteins politischer Überzeugung und seiner musikalischen Kreativität ist eine komplexe Frage, die nicht auf eine Gleichsetzung seiner fortschrittlichen sozialen Ansichten mit seinem musikalischen Schaffen zu reduzieren ist. Seine Musik war das Produkt vieler Einflüsse, einschließlich seiner Abstammung als Kind jüdischer Einwanderer, dem kulturellen und politischen Klima, in dem er aufwuchs und der mühevollen, bewussten künstlerischen und intellektuellen Arbeit, die er auf sich nahm. Bekanntlich quälte sich Bernstein mit seinen Kompositionen. Oft war er zerrissen zwischen Selbstvertrauen und Selbstzweifeln. Mit anderen Worten, es gab viele „fortschrittliche“ Musiker und Komponisten in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, aber es gab nicht viele Bernsteins.

Was bei Seldes trotz des großen Umfangs und der Gewissenhaftigkeit seiner Biographie fehlt, ist die Auswirkung der antikommunistischen Hetze auf das Gebiet der Kultur insgesamt. Es ist wichtig, zu betonen, dass Bernstein ihr zum Opfer fiel, aber das betraf nicht nur ihn allein, und auch nicht nur all jene, die unmittelbar darunter zu leiden hatten. Die buchstäbliche Kriminalisierung linker Ideen in den USA verursachte einen enormen Schaden im kulturellen Klima und der Entwicklung des Landes – im Film, in der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst und auf jedem Gebiet – und ist bis heute nicht überwunden.

In Anbetracht von Bernsteins Persönlichkeit, seiner politischen Prinzipien und seiner ästhetischen Anschauungen musste die Reaktion der Nachkriegszeit ein gewaltiges Hemmnis für seine lebendige Kreativität und künstlerische Begeisterung sein. Trotz dieser Probleme hinterließ er auf vielen Gebieten atemberaubende Errungenschaften. Sein Vermächtnis ist von Kampf und Engagement geprägt, und dies wird für andere beispielhaft bleiben, die ihm sicher nachfolgen werden. Seldes Buch ist ein wertvoller Beitrag zum Verständnis dieses Erbes.


[i] Hollywood Ten: Drehbuchautoren, Schauspieler und Regisseure aus Hollywood, die sich geweigert hatten, vor dem Ausschuss des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten von Amerika zur Untersuchung „unamerikanischer Umtriebe“ über Mitgliedschaften in der Kommunistischen Partei auszusagen und Anfang 1948 zu Haftstrafen verurteilt wurden.


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