Kürzungen verschärfen Wetterchaos in Europa

Von Markus Salzmann
28. Dezember 2010

Der bislang ungewöhnlich kalte Winter hat in Verbindung mit den Haushaltskürzungen der Regierungen in weiten Teilen Europas zu chaotischen Verhältnissen und zahlreichen Toten geführt.

Europaweit kam es in den vergangenen Tagen und Wochen zu massiven Behinderungen bei fast allen Verkehrsmitteln. Auf Flughäfen in Deutschland, England, Frankreich, Belgien und den Niederlanden mussten Tausende Passagiere unter chaotischen Bedingungen ausharren, weil Flüge ausfielen oder um Stunden zu spät waren. Tausende Passagiere verbrachten die Nächte in den Terminals, nachdem Flugzeuge und Landebahnen nicht mehr enteist werden konnten, weil die entsprechende Flüssigkeit ausgegangen war.

Europas größter Passagierflughafen London-Heathrow blieb in den Tagen vor Weihnachten nach starken Schneefällen zeitweise vollständig geschlossen. Wie sich herausstellte, verfügte der Flughäfen nur über zehn Fahrzeuge zur Räumung der Pisten anstatt der behaupteten 60. Die Notfallpläne für schlechtes Wetter waren nur auf Schneefall von einem Inch ausgelegt.

Hunderttausende Passagiere saßen hier fest. Dutzende Fluggäste schliefen teils unter Isolierfolien auf dem harten Fußboden im Transitbereich. Die Schließung des Drehkreuzes in London hatte Auswirkungen auf viele Fluggäste aus aller Welt, die von Heathrow nicht mehr weiterkamen oder gar nicht erst starten konnten.

Auch auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle sorgten Schnee und Eis für zahlreiche Ausfälle und Verspätungen.

Da es auf vielen Autobahnen zu langen Staus kam, wichen Reisende auf die Bahn aus, wo es ebenfalls zu Ausfällen und Verspätungen kam. In zahlreichen Großstädten kam es zu erheblichen Behinderungen im Nahverkehr.

In Schottland trat Verkehrsminister Stewart Stevenson nach katastrophalem Krisenmanagement zurück. In Edinburgh wurden Züge gestoppt und Flughäfen geschlossen. Mitte des Monats wurde das Militär mobilisiert, um die Straßen von einer dicken Eis- und Schneedecke zu befreien und eingeschlossene Bewohner aus ihren Häusern zu holen. In einigen Teilen der Stadt lagen 75 Zentimeter Schnee.

In einigen Regionen Griechenlands blieben wegen des Wintereinbruchs die Schulen geschlossen. Zahlreiche Landstraßen waren nur mit Schneeketten befahrbar. Wegen des heftigen Windes fielen Fährverbindungen in der nördlichen Ägäis aus.

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) geht davon aus, dass der harte Winter die deutsche Industrie bislang rund 3 Milliarden Euro kostete. Gerade im Transport- und Bauwesen müssen die ohnehin schwächlichen Wachstumszahlen vermutlich nach unten korrigiert werden.

Der heftige Winter macht deutlich, wie die öffentliche Infrastruktur unter dem Profitstreben privater Unternehmen und den Kürzungen der öffentlichen Haushalte leidet. Bei der Deutschen Bahn, wo seit Jahren Sparpläne durchgesetzt wurden, um das ehemalige Staatsunternehmen an die Börse zu bringen, zeigt sich das besonders klar.

Die Sparmaßnahmen unter dem ehemaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn fordern nun ihren Tribut, und auch der jetzige Bahnchef Rüdiger Grube hatte schon mehrfach angekündigt, vor 2015 nicht in notwendige neue Züge zu investieren.

Schon im vergangenen Jahr hatte es heftige Kritik an den Verträgen mit Subunternehmen gehagelt, die im Auftrag der Deutschen Bahn Weichen von Schnee und Eis befreiten. Die Arbeiter verdienten zum Teil Dumpinglöhne. Das chronisch unterbesetzte Personal ist teilweise nicht mehr in der Lage den Betrieb bei starken Schneefällen am Laufen zu halten.

Am gravierendsten sind die Auswirkungen des Winters in Osteuropa. Obwohl es kaum verlässliche Statistiken gibt, kann man davon ausgehen, dass die Anzahl der Kältetoten im Vergleich zu den letzten Jahren stark ansteigt.

Allein bis Anfang Dezember starben in Polen, Tschechien, der Slowakei und Litauen 80 Menschen. Bei den meisten Opfern handelte es sich laut Behörden um Obdachlose. Die meisten Opfer sind dabei in Polen zu beklagen.

In Polen leben mindestens 300.000 Menschen auf der Straße. Genaue Zahlen kennt niemand, weil in Polen keine Obdachlosenstatistik geführt wird. Die Behörden sprechen von 3.000 Wohnungslosen allein in Warschau, die Straßenzeitung Homo Mizerus hingegen setzt die Zahl mit 9.000 dreimal so hoch an. Zwei Drittel davon seien Zuzügler aus Weißrussland oder der Ukraine, die in Warschau nach einem besseren Leben suchten. 19 Auffangstationen und Notunterkünfte bieten in der polnischen Hauptstadt nur insgesamt 1.900 Plätze für Obdachlose an.

Auch in Russland kam es im Dezember zu zahlreichen Toten. In Moskau, wo die Temperaturen in der ersten Dezemberwoche bis zu minus 50 Grad erreichten, wurden in diesem Zeitraum elf Tote gezählt. Wie hoch die Ziffer im Rest des Landes ist, ist unklar.

Der Anstieg der Kältetoten in Osteuropa ist auch direkt auf die radikalen Sparmaßnahmen der dortigen Regierungen zurück zu führen. In Rumänien, wo die Regierung von Premier Emil Boc heftige Angriffe auf die Löhne durchgesetzt hat, können Tausende Familien die Heizkosten nicht mehr bezahlen. Dramatische Einschnitte in der Gesundheitsversorgung und anderer sozialer Leistungen tun ihr Übriges dazu.

In Vaslui wurde ein 14-jähriger Junge mit Frostbeulen behandelt, der bei eisigen Temperaturen kilometerweit zur Schule gehen musste. Der aus einer bettelarmen Familie stammende Junge trug nicht einmal Strümpfe.

Viele Schulen sind bei zweistelligen Minusgraden ungeheizt, da die Gemeinden ebenfalls nicht in der Lage sind, die Heizkosten zu begleichen. Tausende Privathaushalten wird Heizung und Warmwasser gesperrt, da sie hohe Schulden bei den Energieversorgern haben. In Targoviste erfroren zwei Babys in einer ungeheizten Wohnung.

Auch hier trifft es Obdachlose am härtesten. In der Hauptstadt Bukarest leben nach offiziellen Angaben – und diese geben kaum ein Bild der tatsächlichen Verhältnisse – rund 5.000 Obdachlose. Für das ganze Land werden rund 15.000 angegeben. In Bukarest gibt es lediglich für etwa 300 Menschen Platz in Obdachlosenasylen, und im Rest des Landes sieht es nicht besser aus.

Ähnlich sieht es im Nachbarland Bulgarien aus. Hier hatten viele Orte keinen Strom mehr, weil ein Schneesturm die Leitungen beschädigt hatte. Im Süden und Westen blieben Autos auf verschneiten Landstraßen stecken. Seit Jahren gibt es hier keine verlässlichen Statistiken über Menschen, die der Kälte zum Opfer fallen.

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