„Das Amt“ – und seine Verteidiger

Von Peter Schwarz
12. Januar 2011

Es war abzusehen, dass der Bericht der Unabhängigen Historikerkommission über die Vergangenheit des Auswärtigen Amts nicht unwidersprochen bleiben würde.

Die Kommission, bestehend aus den Historikern Eckart Conze (Deutschland), Norbert Frei (Deutschland), Peter Hayes (USA) und Moshe Zimmermann (Israel), war 2005 vom damaligen Außenminister Joschka Fischer (Grüne) eingesetzt worden, um die Rolle des Auswärtigen Amtes in der Zeit des Nationalsozialismus und den Umgang damit in der Nachkriegszeit zu untersuchen. Ende Oktober dieses Jahres legte sie ein beeindruckendes Buch vor, das nicht nur Fachhistoriker anspricht, sondern auch für ein breiteres Publikum zugänglich ist. (1)

Darin werden einige Dinge beim Namen genannt. So bezeichnet die Kommission die Behauptung, das Auswärtige Amt sei unter der Nazi-Herrschaft eine unpolitische Behörde, eine Stätte der Opposition oder sogar ein Hort des Widerstands gewesen, als „Mythos“. Ein solches Geschichtsbild war vom Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik über Jahrzehnte gepflegt worden.

Auch die These, die traditionelle diplomatische Elite sei durch Nazis und SS-Leute verdrängt worden, widerlegt die Kommission. „Von wenigen Ausnahmen führten die deutschen Diplomaten auch im Übergang von der Weimarer Republik zum Dritten Reich ihre Tätigkeit fort“, heißt es in der Einleitung. „Seit dem 30. Januar 1933 war das Auswärtige Amt das Auswärtige Amt des Dritten Reiches, und als solches funktionierte es bis 1945. … Das Amt repräsentierte, dachte und handelte im Namen des Regimes.“ (2)

Der Kommissionsbericht belegt, dass das Amt die Verbrechen des Nazi-Regimes weitgehend aus eigenem Antrieb unterstützte. Das galt nicht nur für die aggressive Außenpolitik, die schließlich in den Zweiten Weltkrieg mündete, sondern auch für den Völkermord an den Juden. Die Motive dafür waren vielfältig: „Sie reichten von einer patriotisch bestimmten Mentalität des Dienstes – ‚Man lässt sein Land nicht im Stich, weil es eine schlechte Regierung hat‘ – über Hoffnungen auf einen autoritär gestützten machtpolitischen Wiederaufstieg Deutschlands bis hin zur Übereinstimmung mit den Prämissen der nationalsozialistischen Politik: von der Demokratiefeindschaft bis zum Antisemitismus.“ (3)

Die Diplomaten unterstützten Hitler nicht, weil sie alle überzeugte Nationalsozialisten waren (die meisten traten allerdings im Laufe der Zeit der Partei und der SS bei), sondern weil sie – wie große Teile der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten Deutschlands – Hitlers wichtigste politischen Ziele teilten: die Unterdrückung der Arbeiterbewegung, die Neuordnung Europas unter deutscher Vorherrschaft, die Zerstörung und Eroberung der Sowjetunion und die Ausschaltung der Juden aus dem Beamtenapparat und dem öffentlichen Leben. „Es gab eine weitreichende Teilidentität der Ziele; sie hilft, das Weiterfunktionieren gerade der Spitzendiplomatie zu erklären.“ (4)

Dieser Punkt gilt nicht nur für das Auswärtige Amt. Er ist von entscheidender Bedeutung für ein Verständnis des Nazi-Regimes. Hitler hatte die Weimarer Republik nicht vergewaltigt und ihre Eliten gewaltsam seinem Willen unterworfen. Es war umgekehrt. Hitler konnte auf legalem Wege in die höchsten Staatsämter gelangen, weil Industrielle, Großagrarier, Reichswehroffiziere, führende Akademiker und Beamtenapparat seine Ziele im Wesentlichen teilten. Deshalb beriefen sie ihn im Januar 1933 zum Kanzler, stimmten im März für sein Ermächtigungsgesetz und passten sich seinem Regime an.

Die Historikerkommission weist minutiös nach, wie sich dieser Prozess der „Selbstgleichschaltung“ im Falle des Auswärtigen Amts vollzog. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie dabei auch vor einer Auseinandersetzung mit Ernst von Weizsäcker nicht zurückscheut und sich intensiv mit dieser ebenso zentralen wie kontroversen Figur befasst.

Die Familie Weizsäcker ist symptomatisch für jene „Kontinuität der Eliten“, die sich bruchlos vom Kaiserreich über die Weimarer Republik ins Dritte Reich und von dort in die Bundesrepublik erstreckt. Karl Hugo von Weizsäcker diente dem König von Württemberg von 1906 bis 1918 als Ministerpräsident. Er unterstützte die Monarchie und war ein Gegner der Demokratie. Sein Sohn Ernst von Weizsäcker absolvierte eine Offizierskarriere in der kaiserlichen Marine und trat dann 1920, kurz nach der Gründung der Weimarer Republik, ins Auswärtige Amt ein. Von 1938 bis 1943, als die Verbrechen des Dritten Reichs ihren Höhepunkt erreichten, war er als Staatssekretär dessen Nummer Zwei hinter Außenminister Ribbentrop. Der Enkel Richard von Weizsäcker verteidigte seinen Vater als junger Jurist im Nürnberger Wilhelmstraßenprozess (benannt nach dem Sitz des Auswärtigen Amts), machte dann politische Karriere in der CDU und war von 1984 bis 1994 Präsident der Bundesrepublik Deutschland.

Die Historikerkommission stellt Ernst von Weizsäcker und andere hohe Diplomaten nicht als fanatische Nazis dar. Sie dienten Hitler aufgrund ihrer eigenen Überzeugungen, und nicht weil sie überzeugte Nazis waren. So notierte Weizsäcker 1933 nach Hitlers Machtübernahme: „Unsereiner muss die neue Ära stützen. Denn was käme denn nach ihr, wenn sie versagte!“ (5)

Eben das machte ihn und andere Berufsdiplomaten, die über internationale Erfahrung verfügten, besonders wertvoll für Hitler. Sie konnten seine Interessen weit glaubwürdiger vertreten, als ein Emporkömmling aus der NSDAP dies hätte tun können. So stammt der Inhalt des Münchener Abkommens von 1938 von Weizsäckers Schreibtisch. Er arbeitete den Plan aus, der Hitler die Tschechoslowakei ausliefern und den Weg nach Osten bahnen sollte. Dieser Plan wurde dann dem italienischen Diktator Mussolini zugespielt, der ihn in München als eigenen Kompromissvorschlag präsentierte. Neville Chamberlain und Edouard Daladier, die Regierungschefs Großbritanniens und Frankreichs, stimmten zu.

Weizsäcker gab sich damals anscheinend ähnlich wie Chamberlain und Daladier der Illusion hin, Hitler könne durch die Opferung der Tschechoslowakei besänftigt werden. Er verteidigte sich in Nürnberg damit, dass er den Krieg 1938 habe verhindern wollen. Grund dafür war aber nicht die Ablehnung von Hitlers Außenpolitik, sondern Weizsäckers Pessimismus hinsichtlich der deutschen Siegeschancen im Kriegsfall. Seine Haltung hinderte ihn jedenfalls nicht daran, im selben Jahr der Partei und der SS beizutreten und sich zum Staatssekretär befördern zu lassen. Als Hitler dann trotzdem in den Krieg zog, blieb er auf seinem Posten.

1949 wurde Ernst von Weizsäcker in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu fünf Jahren Haft verurteilt, kam allerdings bereits ein Jahr später aufgrund einer Amnestie wieder frei. Der amerikanische Militärgerichtshof befand ihn für schuldig, an den Verbrechen des Nationalsozialismus und insbesondere an der Ermordung der europäischen Juden beteiligt gewesen zu sein. Viele deutsche Historiker und Politiker, einschließlich Sohn Richard, bestreiten die historische und moralische Berechtigung dieses Urteils bis heute.

Ernst von Weizsäcker und sein Verteidigerteam setzten damals alle Hebel in Bewegung, um einen Schuldspruch zu vermeiden. Sie aktivierten ein dichtes Netz ehemaliger Amtsmitarbeiter, die schon aus persönlichem Interesse an einem glimpflichen Urteil interessiert waren. Der Wilhelmstraßenprozess mit Weizsäcker als Hauptangeklagtem wurde so zum Dreh- und Angelpunk für die Entstehung des Mythos von der angeblichen Widerstandshaltung des Auswärtigen Amts. Der Bericht der Historikerkommission weist detailliert nach, wie dieser Mythos geschaffen wurde, der später vielen Diplomaten des Dritten Reichs die Rückkehr ins Amt und eine glänzende Karriere in der Bundesrepublik ermöglichte. Wirkliche Gegner Hitlers – wie der Diplomat Fritz Kolbe, der den Eintritt in die NSDAP verweigert und die USA ab 1943 unter Lebensgefahr mit Informationen versorgt hatte – wurden dagegen als Verräter stigmatisiert und nicht wieder eingestellt.

Dass es überhaupt zur Verurteilung Weizsäckers kam, war vor allem dem stellvertretenden Chefankläger Robert Kempner zu verdanken, einem vor den Nazis in die USA emigrierten deutschen Juden. Ihm gegenüber zeigten Weizsäckers Verteidiger wenig Skrupel. Sie schreckten noch nicht einmal davor zurück, ihn mit unverhohlen antisemitischen Stereotypen in Misskredit zu bringen. (6)

Die Historikerkommission räumt auch mit der Legende auf, das Auswärtige Amt habe sich nicht an den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges beteiligt, der, wie sie feststellt, von Anfang an „ein rassenideologisch bestimmter Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug“ war. „Das Auswärtige Amt stand bei der rapiden Erosion zivilisatorischer Standards und bei der Entwicklung hin zu einem mörderischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg nicht abseits“, fasst sie ihr Ergebnis zusammen. „Über das Massensterben von über drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangenen, über die Methoden der Kriegsführung und über den verbrecherischen Charakter der deutschen Besatzungspolitik insbesondere im Osten war man in der Wilhelmstraße … außerordentlich gut informiert. Eigene Abteilungen im Auswärtigen Amt beschäftigten sich mit der Organisation moderner Sklavenarbeit und mit Kunstraub. Die deutschen Diplomaten … waren Besatzungsgehilfen, Mitwisser und – immer wieder – Mittäter.“ (7)

Dasselbe gilt für die systematische Vernichtung der europäischen Juden. Entwickelte das Amt zu Beginn der Nazi-Herrschaft noch „Sprachregelungen, mit denen man den durch die Judenpolitik des Dritten Reichs verursachten Ansehensverlust Deutschlands zu begrenzen suchte“, so ging es später „immer mehr um Planung, Vorbereitung und Durchführung von Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung Europas“. „Je mehr Territorien in den Machtbereich des Dritten Reichs gerieten, je radikaler die Judenpolitik wurde, desto stärker war auch das Auswärtige Amt mit der Planung und Politik der ‚Endlösung‘ befasst.“ (8)

Hans Mommsen meldet sich zu Wort

„Das Amt und die Vergangenheit“ fand in Politik und Medien eine weitgehend positive Resonanz, als das Buch Ende Oktober der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Dann meldete sich am 16. November der achtzigjährige Historiker Hans Mommsen in der Frankfurter Rundschau mit einer kritischen Besprechung zu Wort. (9)

In diesem ersten Beitrag bezeichnete Mommsen das Buch noch als „Meisterleistung“ und bescheinigte den Autoren, sie seien „ganz hervorragende Zeithistoriker“ mit „hoch qualifizierten Mitarbeitern“. Zwei Wochen später – und nachdem weitere kritische Stimmen laut geworden waren – klang das dann völlig anders. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk beschimpfte Mommsen die Autoren auf unflätige Weise. (10) Er bezeichnete sie als „die Herren Herausgeber, die übrigens selber die Arbeit ja nicht unbedingt gemacht haben“, warf ihnen „massive Fehler“ vor und empfahl ihnen, ein historisches Proseminar, d.h. einen Anfängerkurs, zu besuchen. Er kritisierte, dass der Auftrag an die Kommission von einem Ministerium vergeben worden war, warnte vor einer „staatlich dirigierten Geschichtswissenschaft“ und stellte die Unabhängigkeit der Kommission generell in Frage.

Den Kern seiner inhaltlichen Kritik hatte Mommsen bereits in seinem ersten Beitrag in der Frankfurter Rundschau formuliert. Er beanstandete dort „die allenthalben durchbrechende Tendenz der Autoren, die Pläne zur Deportation der jüdischen Bürger oder zur Schaffung von ‚Judenreservaten‘ mit der später praktizierten Massenvernichtung zu identifizieren“. Das sei im Endresultat zwar zutreffend, sei „aber vor der Wannseekonferenz nicht die konkrete Handlungsorientierung der NS-Elite“ gewesen.

Mommsens Einwand läuft also darauf hinaus, dass die mörderische Dimension der nationalsozialistischen Judenverfolgung nicht voraussehbar gewesen sei, weil sie erst mit der Wannseekonferenz im Januar 1942 konkrete Gestalt angenommen habe. Daher will er auch die Unterstützung, die das Auswärtige Amt bei der Rechtfertigung der Nürnberger Rassengesetze, bei der Ausarbeitung von Deportationsplänen nach Madagaskar oder Polen und bei anderen antisemitischen Maßnahmen leistete, nicht als Mitverantwortung für die spätere Massenvernichtung gewertet sehen.

Er wirft der Historikerkommission vor, sie begreife die praktische Implementierung des Holocaust nicht „als Ergebnis eines sich schrittweise vollziehenden Prozesses“. Deshalb verschließe sich ihr „die Sicht auf ein Sich-Herausmendeln der ‚Endlösung‘ im Halbdunkel öffentlicher Geheimhaltung“. Es werde „immer wieder unterstellt, dass das ‚Endziel‘ und dessen Erreichung von vornherein in den Köpfen vorhanden war“.

Mommsen bedient sich hier eines ebenso einfachen wie billigen Kniffs. Er unterstellt der Historikerkommission einen Standpunkt, den sie selbst gar nicht vertritt, und polemisiert dann dagegen. Die Kommission behauptet nirgends, das „Endziel“ – die Massenerschießungen, die Gaskammern, Auschwitz – sei „von vornherein in den Köpfen vorhanden“ gewesen. Eine solche Darstellung wäre in der Tat unhistorisch. Sie zeigt aber auf, wie sich das Nazi-Regime Schritt für Schritt in Richtung „Endziel“ bewegte und wie sich das Auswärtige Amt an jedem dieser Schritte aktiv und verantwortlich beteiligte.

Mommsen ignoriert die objektive Logik dieser Ereignisse. Er gilt zwar als Exponent einer Geschichtsauffassung, die objektive gesellschaftliche Strukturen und nicht subjektive Intentionen in den Mittelpunkt der Forschung stellt. Aber er befasst sich nicht mit der objektiven Bedeutung von politischen Programmen und deren gesellschaftlichen Wurzeln. Seine der Evolutionsbiologie entlehnte Sprache, in der sich die Endlösung „herausmendelt“, verwandelt die Hauptakteure in Getriebene eines historischen Prozesses, der letztlich unerklärlich bleibt. Sie können nicht für die Folgen ihrer Taten verantwortlich gemacht werden, sofern sie diese nicht vorausgesehen oder geplant haben. Er geht zwar nicht so weit, sie als „Opfer“ zu bezeichnen, aber sie sind schicksalhaft in den historischen Prozess „verstrickt“.

Tatsächlich waren die Folgen von Hitlers Machtübernahme lange im voraus abzusehen. Der Nationalsozialismus war Ausdruck der reaktionärsten Tendenzen des deutschen Imperialismus. Während Hitler Unterstützung unter verzweifelten Teilen des Kleinbürgertums und des Lumpenproletariats fand, die er gegen die organisierte Arbeiterbewegung mobilisierte, vertrat er außenpolitisch dieselben Ziele, die Deutschland schon im Ersten Weltkrieg erfolglos verfolgt hatte. Aufmerksamen Zeitgenossen, die das verstanden, war bereits im Januar 1933 klar, dass Hitlers Machtübernahme zwangsläufig zum Krieg führen würde. Leo Trotzki, einer der weitsichtigsten politischen Beobachter seiner Zeit, hatte bereits im Frühjahr 1932 einen Artikel unter der Überschrift „Ein Sieg Hitlers bedeutet: Krieg gegen die UdSSR“ veröffentlicht. (11)

Auch dass der nationalsozialistische Antisemitismus nicht vor Mord und Totschlag zurückschrecken würde, war spätestens seit der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 kein Geheimnis mehr. Ernst von Weizsäcker selbst sagte 1938 dem Schweizer Gesandten in Paris, die Juden müssten Deutschland verlassen, „sonst gingen sie eben über kurz oder lang ihrer vollständigen Vernichtung entgegen“. Und Hitler drohte am 30. Januar 1939 im Reichstag unverblümt, falls „das internationale Finanzjudentum“ die Völker noch einmal in einen Weltkrieg stürze, werde das Ergebnis „die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ sein. Beides wird von der Historikerkommission zitiert. (12)

Auch Mommsens Gegenüberstellung der „Pläne zur Deportation der jüdischen Bürger“ und „der später praktizierten Massenvernichtung“ ist historisch nicht zu rechtfertigen. Die Deportationspläne, an denen sich das Auswärtige Amt äußerst aktiv beteiligte, waren die unmittelbare Vorstufe zur Massenvernichtung. Sie waren Bestandteil eines gigantischen Umsiedlungs- und Entvölkerungsplans, einer „völkischen Flurbereinigung“, wie Hitler es nannte. Niemand hatte Weizsäcker und die anderen Beamten des Auswärtigen Amtes gezwungen, diese „völkische Flurbereinigung“ mitzutragen, zu billigen und hinzunehmen. Sie hätten aus dem von Mommsen beschworenen „Halbdunkel öffentlicher Geheimhaltung“ heraustreten und sich öffentlich dagegen stellen können, taten es jedoch nicht. Mommsens Versuch, das Auswärtige Amt dennoch von jeder Mittäterschaft und Verantwortung freizusprechen, nimmt angesichts dieser Bilanz einen ausgesprochen zynischen Charakter an.

Mommsen nimmt damit nicht nur die Täter im Auswärtigen Amt in Schutz, er verhindert auch, dass Lehren aus der Geschichte gezogen werden. Politische Ideologien und Programme haben objektive Konsequenzen, unabhängig davon, welche subjektiven Absichten damit verbunden sind. Diese Konsequenzen zu verstehen und vorauszusehen ist eine Aufgabe des Studiums der Geschichte. In einer Zeit, in der ein hochrangiger SPD-Politiker und Bundesbanker wie Thilo Sarrazin rassistische Thesen verbreitet und dafür auch noch Anerkennung findet, ist ein solches Verständnis geschichtlicher Zusammenhänge von eminenter Bedeutung.

Mommsen kommt immer wieder auf dasselbe Thema zurück. Im Deutschlandfunk-Interview äußert er „Entsetzen“ darüber, dass sich die Historikerkommission nicht „differenziert“ mit den „totalitären Bedingungen“ befasse, unter denen das Auswärtige Amt bei der Durchsetzung des Holocaust mitgewirkt habe. In einem weiteren Beitrag für die Süddeutsche Zeitung behauptet er, die Kommission decke die Rolle des Auswärtigen Amts „in Form einer ‚Enthüllungs‘-Strategie auf, ohne den jeweiligen zeitlichen Kontext zu beachten“. Er beklagt sich über die Hysterie, die denjenigen entgegenschlage, „die für eine differenziertere Bewertung der Rolle des Amts eintreten“. (13) Besonders empört ist Mommsen darüber, dass das Kommissionsmitglied Eckart Conze das Amt als „verbrecherische Organisation“ bezeichnet – als wäre eine Behörde, die einem verbrecherischen Regime dient, nicht selbst verbrecherisch.

Anstatt die Frage zu untersuchen, warum unzählige Diplomaten, Richter, Offiziere und sonstige Staatsbeamte weitgehend reibungslos einem verbrecherischen Regime dienten, entwickelt Mommsen immer neue Rechtfertigungen und Rationalisierungen dafür. Dabei scheut er auch vor falschen Unterstellungen nicht zurück. So behauptete er im Deutschlandfunk: „Es entsteht der Gesamteindruck, als ob das Auswärtige Amt die entscheidende oder wichtige treibende Kraft in der Durchsetzung des Holocaust gewesen ist.“ Dies sei „einfach nicht richtig“. Die entscheidenden Triebkräfte hätten bei dem Apparat Himmlers und Heydrichs gelegen.

In Wirklichkeit lässt sich die Behauptung, das Amt sei die treibende Kraft bei der Durchsetzung des Holocaust gewesen, in dem Bericht der Kommission nicht finden und auch unter größter Anstrengung nicht hineininterpretieren. Der Bericht weist aber anhand zahlreicher konkreter Fälle nach, dass es keine Trennwand zwischen dem Auswärtigen Amt auf der einen und dem Apparat Himmlers und Heydrichs auf der anderen Seite gab. Der Übergang zwischen staatlicher Bürokratie und NS-Institutionen war fließend. Der Mythos von der neutralen Haltung des Amtes und anderer staatlicher Institutionen, den Mommsen so erbittert verteidigt, lässt sich schlichtweg nicht halten.

Gregor Schöllgen und Daniel Koerfer schließen sich an

Nach Mommsen meldeten sich weitere Historiker mit kritischen Beiträgen zu Wort.

Gregor Schöllgen, Spezialist für deutsche Außenpolitik, veröffentlichte einen empörten, aber inhaltlich dürftigen Beitrag im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Er wirft darin der Kommission vor, sie habe die umfangreiche, öffentlich zugängliche Edition der „Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik“ (ADAP) der Jahre 1918 bis 1945 und die von ihm selbst mit editierten „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“ (AAPD) nicht ausreichend gewürdigt. So entstehe der falsche Eindruck, „das Amt habe der Öffentlichkeit seine Geschichte jahrzehntelang konsequent vorenthalten oder habe, schlimmer noch, die Öffentlichkeit … bewusst in die Irre geführt“. (14)

Inhaltlich hat Schöllgen trotz seines beleidigten Tonfalls wenig gegen das Buch der Historikerkommission einzuwenden, außer dass auch er die „Legende“ zurückweist, „der Auswärtige Dienst insgesamt sei eine verbrecherische Organisation gewesen“. Er bestätigt sogar ausdrücklich, dass das Amt eine aktive Rolle bei der Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums gespielt habe.

Die Historikerkommission hat in der Süddeutschen Zeitung auf Schöllgens Vorwurf geantwortet, sie habe Quellen missachtet. Sie schreibt, sie habe die Akteneditionen des Auswärtigen Amts benutzt, habe „allerdings die editierten Dokumente auch mit den Originalarchivalien verglichen und dann zum Teil nach diesen Originalen oder nach anderen Belegstellen zitiert. Dafür gab es gute Gründe. Die Edition druckt zwar beispielsweise die Zustimmung des Auswärtigen Amts zur Deportation von 6.000 Juden aus Frankreich nach Auschwitz aus dem März 1942 ab. Dass Staatssekretär Ernst von Weizsäcker dieses von ‚Judenreferent‘ Rademacher entworfene Dokument paraphierte … geht aus der Edition nicht hervor – nicht einmal aus der Fußnote.“ (15)

Mit besonderer Vehemenz hat der Historiker Daniel Koerfer den Bericht der Kommission attackiert. Ein langes Gespräch, das er mit Frank Schirrmacher, dem Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, führte, gipfelt in dem Vorwurf, es handle sich um „ein Buch der Rache“. (16)

Koerfer, der als Honorarprofessor an der FU-Berlin Zeitgeschichte lehrt, ist hochgradig befangen. Sein Großvater Gerhart Feine arbeitete unter Weizsäcker im Auswärtigen Amt, unter anderem im besetzten Serbien. Weil er sich in seiner letzten Dienststelle in Budapest der Deportation der ungarischen Juden widersetzte, galt er nach dem Krieg als unbelastet. Koerfers Patenonkel Hellmut Becker verteidigte in Nürnberg Ernst von Weizsäcker. Er hatte damals, wie es Koerfer selbst formuliert, „das ganze umfassende Netzwerk der beiden Familien in Deutschland mobilisiert, um Weizsäcker zu verteidigen“.

Koerfer empört sich darüber, dass die Autoren dies kritisch sehen. „Hätte er das als Verteidiger nicht tun sollen?“ fragt er. „Auf die Verbindungen seines Mandanten ins Amt verzichten? Die große Verschwörungstheorie, den Willen zur langfristigen Legendenbildung, die die Autoren des Buches daran knüpfen, sehe ich nicht. Es ging um Leben und Tod, nicht um die weitere Nachkriegszeit. Wenn damals bekannt geworden wäre, dass Weizsäcker 1941/42 die Einsatzgruppenberichte kannte, dass er also wusste, dass hinter der Front Massenmord in großem Stil betrieben wurde, wäre er vermutlich hingerichtet worden.“

Koerfers Eingeständnis, dass Weizsäcker zum Tode verurteilt worden wäre, wenn die Nürnberger Richter das volle Ausmaß seiner Verstrickung gekannt hätten, erübrigt eigentlich jeden weiteren Kommentar.

Politische Hintergründe

Der heftige Streit, der 65 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reichs über „Das Amt und seine Vergangenheit“ entbrannt ist, hat nicht nur historische, sondern auch aktuelle Gründe. Seit der Wiedervereinigung vor zwanzig Jahren tritt die deutsche Außenpolitik zunehmend selbstbewusst und aggressiv auf.

Bereits seit den 1990er Jahren haben mehrere deutsche Konzerne und Banken, die sich in den 1980er Jahren noch mit Händen und Füßen gegen die Öffnung ihrer Archive gewehrt hatten, historische Forschungsarbeiten über die Rolle ihres Unternehmens im Dritten Reich in Auftrag gegeben. Ihnen haben sich nun das Auswärtige Amt und vor kurzem auch das Bundesfinanzministerium angeschlossen.

Ein wichtiges Motiv ist dabei, sich durch eine offene Auseinandersetzung mit der Geschichte gegen mögliche Regressansprüche oder Sanktionen zu wappnen. Auch im Auswärtigen Amt wurde die Aufgabe der Historikerkommission in dieser Weise gesehen, wie Frank-Walter Steinmeier (SPD), Außenminister von 2005 bis 2009, anlässlich der Vorstellung des Historikerberichts im Berliner „Haus der Kulturen“ deutlich machte. „Kaum einer weiß besser als die Amtsangehörigen, dass uns die dunklen Schatten der Vergangenheit überall auf der Welt einholen“, sagte er. „Aber auch keiner weiß besser, was wir gewinnen können, wenn wir uns dieser Vergangenheit stellen ohne Tabus, ohne Mythen, selbstbewusst, mutig, ohne Hochmut und bescheiden.“

Steinmeiers Vorgänger Joschka Fischer (Grüne) hatte die Untersuchung kurz vor Ende seiner Amtszeit in Auftrag gegeben, nachdem er wegen eines ehrenden Nachrufs auf das ehemalige NSDAP-Mitglied Franz Nüßlein mit alten Seilschaften im Amt in Konflikt geraten war. Nüßlein, der 1948 in der Tschechoslowakei wegen seiner Rolle im Protektorat Böhmen und Mähren zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, hatte seine berufliche Karriere von 1962 bis 1974 als deutscher Generalkonsul in Barcelona beendet. Derselbe Fischer hatte auch einen grundlegenden Kurswechsel in der deutschen Außenpolitik vollzogen und gegen erheblichen öffentlichen Widerstand die Teilnahme am Krieg gegen Jugoslawien durchgesetzt, wo deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg furchtbare Verbrechen verübt hatten.

Steinmeier und Fischer sind der Ansicht, dass die deutsche Außenpolitik an Durchsetzungskraft gewinnt, wenn sie offen mit ihrer Vergangenheit umgeht. Damit stoßen sie nicht nur auf den Widerstand alter Seilschaften, die um ihre „Ehre“ fürchten. Das Ausmaß der Kritik, die gegen den Bericht der Historikerkommission laut geworden ist, zeigt, dass es auch Kreise gibt, die nicht an die Wirksamkeit eines solchen Vorgehens glauben und es darum für besser halten, wenn man die Vergangenheit so weit wie möglich unter Verschluss hält.

Doch unabhängig von den Intrigen und Auseinandersetzungen, die das „Das Amt und seine Vergangenheit“ begleiten, es ist ein lehrreiches Buch, dessen Lektüre jedem zu empfehlen ist.

Anmerkungen

1) Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann, „Das Amt und die Vergangenheit: Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“, Blessing Verlag

2) „Das Amt…“, S. 13

3) „Das Amt…“, S. 13

4) „Das Amt…“, S. 13

5) „Das Amt…“, S. 69

6) „Das Amt…“, S. 429

7) „Das Amt…“, S. 167

8) „Das Amt…“, S. 168, 170

9) „Das ganze Ausmaß der Verstrickung“, Frankfurter Rundschau 16. November 2010

10) „Das ist schon ein ziemlicher Makel“, Deutschlandfunk 30. November 2010

11) Leo Trotzki, „Schriften über Deutschland“, Frankfurt am Main 1971, S. 308 ff.

12) „Das Amt…“, S. 173

13) „Vergebene Chancen“, Süddeutsche Zeitung 27. Dezember 2010

14) „Akten ohne Ende“, Süddeutsche Zeitung 7. Dezember 2010

15) „Unser Buch hat einen Nerv getroffen“, Süddeutsche Zeitung 10. Dezember 2010

16) „Macht ‚Das Amt‘ es sich zu einfach?“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 29. November 2010

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