Lebensmittel-Skandal:

Monatelang gelangten erhöhte Dioxinmengen in die Nahrung

Von Sybille Fuchs
13. Januar 2011

Seit Tagen wird in den deutschen Medien über den jüngsten Skandal wegen der Dioxinverseuchung von Lebensmitteln debattiert. Futtermittel mit hohen Verunreinigungen durch krebserregendes Dioxin wurden an Schweine und Geflügel verfüttert und in Fleisch und Eiern nachgewiesen.

Die Presse und die Tier- und Verbraucherschützer machen abwechselnd verschiedene Schuldige verantwortlich: die Futtermittelhersteller, ihre Fettlieferanten, die industrielle Landwirtschaft, die Massentierhaltung, die Politik und die Behörden, die zu wenig kontrollieren, oder die Supermärkte. Sie alle tragen sicher mehr oder weniger Verantwortung dafür, dass es immer wieder zu derartigen Lebensmittelskandalen kommt.

Einig sind sich aber Kritiker wie Verteidiger der heutigen Lebensmittelproduktionsweise darin, dass letztlich die Konsumenten selbst schuld seien, weil sie angeblich zu billige Lebensmittel kauften und der "Geiz-ist-geil"-Mentalität verfallen seien. Dies wurde z. B. von sämtlichen Talkgästen in der ARD-Sendung von Anne Will am Sonntag behauptet.

Dieses Argument ist absurd und zynisch. Die Behauptung, jeder sei selbst dafür verantwortlich, was er esse, gilt nur für die reiche Oberschicht, die es sich leisten kann, in teuren Delikatess- und Exquisitläden einzukaufen. In einer Zeit, in der große Teile der Bevölkerung verarmen und selbst Menschen mit mittlerem Einkommen große Probleme haben, ihre Familien und sich selbst gesund und mit hochwertigen Nahrungsmitteln zu versorgen, sind immer mehr Menschen gezwungen, nach günstigen Angeboten Ausschau zu halten.

Am Montagmorgen sagte ein Sprecher von Foodwatch im WDR, wenn Toyota fehlerhafte Bremsen in seine Autos baue, komme auch niemand auf die Idee, der Verbraucher sei selbst schuld. Das Verbraucherschutzministerium nannte er ein Lobby-Ministerium der Lebensmittelindustrie.

In Deutschland haben zahlreiche Landwirte das mit dioxinhaltigen Industriefetten verunreinigte Futtermittel verfüttert. Das Bundeslandwirtschaftsministerium geht davon aus, dass die Futtermittel absichtlich verunreinigt wurden. Diese These ermöglicht natürlich den Freispruch großer Teile der an der Produktion von Nahrungsmitteln beteiligten Betriebe, indem nur einem oder wenigen von ihnen kriminelle Verhaltensweise vorgeworfen und nachgewiesen werden. Ihnen soll die alleinige Verantwortung zugeschoben werden, um zu vermeiden, dass die gesamten Produktionsbedingungen in Frage gestellt werden.

Zu den ersten Reaktionen der Politik gehörte die Entwarnung: Keine Gefahr bestehe für Verbraucher, alles werde untersucht werden. Aber Tag für Tag kamen neue Einzelheiten ans Tageslicht, und immer mehr Betriebe wurden „vorsorglich“ gesperrt. Tausende Hühner und Schweine durften nicht mehr geschlachtet und Eier nicht mehr in den Handel gebracht werden. Betroffen waren vor allem Betriebe in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, aber auch in einigen anderen Bundesländern.

Dioxin-Funde, die das 78-Fache des gesetzlichen Grenzwerts anzeigten, wurden in Futtermittelbestandteilen und im Tierfutter nachgewiesen, das vorwiegend an Hühner und Schweine verfüttert wurde. Fündig wurden Kontrolleure inzwischen nicht nur in Hühnereiern, sondern auch im Fleisch von Legehennen und in Schweinefleisch. Ein Mastbetrieb in Verden in Niedersachsen muss jetzt Hunderte von Schweinen schlachten und darf sie nicht vermarkten, weil erheblich über dem Grenzwert liegende Dioxinwerte im Fleisch nachgewiesen wurden.

Zunächst wurden in der letzten Woche „vorsorglich“ 4.700 landwirtschaftliche Betriebe gesperrt, die nachweislich mit dem dioxinverseuchten Futter beliefert worden waren. Inzwischen dürfen 3.000 Betriebe ihre Produkte wieder vermarkten, weil amtliche Kontrollen ergaben, dass deren Dioxingehalt unter dem festgelegten Mindestwert von 0,75 Nanogramm pro Gramm liege und kein Risiko von ihnen ausgehe.

Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke (CDU) versprach vor der Presse rasche Aufklärung für die noch nicht freigegebenen Betriebe. Bereits am Samstag waren alle rund 500 gesperrten Milchviehbetriebe im Land nach aktuellen Untersuchungsergebnissen wieder freigegeben worden.

Nicht zum ersten Mal wurden hohe Dioxinbelastungen in Nahrungsmitteln und in der Umwelt festgestellt. So wurde z. B. 2008 mit Dioxin kontaminiertes Schweinefleisch aus Irland vermutlich in 20 bis 25 Länder geliefert. Die Kette der Lebensmittelskandale reißt seit den 1970er Jahren nicht ab. Einschlägige Webseiten verzeichnen fast jährlich derartige Vorkommnisse. (http://khd-blog.net/Food/LM_Skandale_1.html)

Dioxine sind besonders langlebige Umweltgifte. Es handelt sich dabei um Kohlenwasserstoffverbindungen, die mit Chlor versetzt sind. Insgesamt sind 210 solche Verbindungen bekannt. Die giftigste von ihnen ist das als Seveso-Gift bekannte TCDD. Im italienischen Seveso ereignete sich im Juli 1976 eine der größten Chemiekatastrophen in Europa. Zahlreiche Menschen und Tiere wurden damals verseucht, und viele starben oder wurden auf Dauer geschädigt.

Dioxine können bei allen chemischen Produktionsverfahren, in denen Chlor verwendet wird, entstehen, oder bei Verbrennungsprozessen mit Chlor und organischem Kohlenstoff. In den 1980er Jahren wurden massenweise Dioxine durch Pflanzenschutzmittel und andere Chemikalien in die Umwelt gebracht. Inzwischen gibt es Grenzwerte und relativ scharfe Gesetze, durch die der Dioxingehalt in Luft und Boden eingedämmt wurde. Allerdings ist das Gift höchst langlebig.

Bereits geringe Mengen können für Menschen und Tiere gefährlich sein. Zwar kommt es durch belastete Lebensmittel in der Regel nicht unmittelbar zu Krankheitssymptomen. Aber Dioxine reichern sich im tierischen oder menschlichen Körper – vor allem im Fettgewebe – an und bleiben jahrzehntelang darin, bevor sie abgebaut werden. Das führt zu chronischen Erkrankungen, Störungen des Immunsystems, schweren Haut- und Atemwegserkrankungen bis hin zu Schilddrüsen- und Darmschäden oder Krebs, was in Tierversuchen nachgewiesen wurde.

Der allergrößte Teil des im menschlichen Körper befindlichen Dioxins (90 bis 95 Prozent) wird über die Nahrung aufgenommen, überwiegend durch den Fleisch- und Milchkonsum, eben weil es sich im Fettgewebe anreichert. Auch Fische sind je nach Fettgehalt erheblich belastet. Wie das Bundesinstitut für Risikobewertung mitteilte, liegt der Dioxingehalt bei Proben aus dem Januar 2010 über der von der EU festgelegten Höchstgrenze. Eine akute Gesundheitsgefahr sei dadurch aber nicht gegeben.

Woher das jetzt festgestellte Gift ursprünglich stammt, ist weiterhin ungeklärt. Offiziell wird bisher vor allem der Fettlieferant Harles und Jentzsch aus dem schleswig-holsteinischen Ort Uetersen verantwortlich gemacht. Die Firma hat selbst zugegeben, bei Eigenkontrollen erhöhte Dioxinwerte in ihren Produkten gefunden zu haben. Erste Funde hat es bereits im März gegeben, aber erst im November wurde den Behörden Mitteilung gemacht. Wie viele verseuchte Lebensmittel dadurch im Laufe des Jahres 2010 bereits verzehrt wurden, ist nicht mehr nachzuweisen.

Die Firma erhält ihre Vorprodukte von einem niederländischen Fetthersteller, der einerseits Rohstoffe zur Futtermittelerstellung und andererseits Fette zur technischen Verwendung (Schmieröle etc.) herstellt, die Dioxine enthalten dürfen. Angeblich soll die mangelhafte Trennung der beiden unterschiedlichen Produktionsabläufe zu den verunreinigten Fetten geführt haben, die an den Hersteller der Futterfette geliefert wurden. Diese Fette wurden dann von Futtermittelherstellern den Mixturen beigemischt, die vorwiegend an Geflügel und Schweine verfüttert werden. Behörden haben inzwischen Harles und Jentzsch auch im Verdacht, Steuern hinterzogen zu haben.

Behördlichen Kontrolleuren, die bei der Firma in Uetersen kontrollierten, wurden die verunreinigten Proben vorenthalten und nur offenbar saubere Fette zur Untersuchung geliefert. Eine Tatsache, die auch eine Menge Fragen über die staatliche Kontrollpraxis aufwirft. In der Regel führen die Lebensmittelhersteller nur Eigenkontrollen durch. Staatliche Kontrollen finden höchst selten und offenbar meist mit Vorankündigung statt. Bundesministerin Aigner hält diese Praxis weiterhin für ausreichend und verweist auf die Verantwortung der Länder.

In Bund, Ländern und Kommunen betreiben christdemokratisch geführte wie sozialdemokratisch-grüne Regierungen seit Jahren den so genannten „Bürokratieabbau“. Diese staatliche Deregulierung führte zu einer Ausdünnung des Personals in den Kontrollbehörden, die jede Untersuchungspraxis zur Farce gemacht haben. Auch die föderale Aufspaltung der behördlichen Kontrollaufgaben in Deutschland ist ein Hindernis für eine wirksame Kontrollgesetzgebung und deren Durchführung in der Praxis.

Sicher ist auch die Agrarpolitik der Europäischen Union an solchen Lebensmittelskandalen nicht unbeteiligt. Sie sieht ihre Hauptaufgabe darin, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen auf dem Weltmarkt zu steigern, und ordnet jegliche Interessen der Bevölkerung und deren Gesundheit diesem Ziel unter. Das ist der EU jährlich fast sechzig Milliarden an Subventionen wert. Im EU-Haushalt von 123 Milliarden Euro ist der Agrarbereich der größte Posten. Allein deutsche Molkereien, Zuckerproduzenten und Tiermastbetriebe erhielten im Jahr 2009 über 7,5 Milliarden Euro.

Die größte Empörung im Bundeslandwirtschaftsministerium löste die Ankündigung von Südkorea und der Slowakei aus, dass sie den Import von Eiern und Geflügel aus Deutschland verbieten und Russland damit betrauen wollen, stärkere Kontrollen dieser Produkte durchzuführen.

Die Organisation Foodwatch wirft der Bundesregierung vor, sie sei an dem Skandal mitschuldig, da sie den Interessen der Futtermittelhersteller mehr Aufmerksamkeit widme als denen der Bürger. Um den Export deutscher Fleischprodukte nicht zu gefährden, habe die Regierung kein Interesse, die Futtermittelindustrie stärker zu belasten, sagte Tilo Bode von Foodwatch zur Nachrichtenagentur dpa. Bode verlangt, dass jeder der 1.700 Hersteller in Deutschland verpflichtet wird, jede Charge einer Futtermittelzutat auf Dioxin zu testen und zu dokumentieren, und bei Überschreitungen zwingend die Behörden zu informieren. Außerdem müssten viel mehr staatliche Kontrollen stattfinden.

Foodwatch geht davon aus, dass heute etwa achtzig Prozent des Dioxins über Futtermittel in die menschliche Nahrung gelangten, während das Gift früher überwiegend durch Müllverbrennungsanlagen aus der Umwelt über die Atemluft in den menschlichen Körper gelangte. Nach einer von Foodwatch initiierten wissenschaftlichen Untersuchung gehe der Ursprung der bei Harles und Jentzsch festgestellten Dioxinbelastung auf Pflanzenschutzmittel zurück.

Der Organisation liege dazu eine Analyse einer Fettprobe von der zu dem Unternehmen gehörenden Spedition Lübbe vor. Aus dieser Probe gehe hervor, dass „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ die spezielle Verteilung von Dioxin- und Furanverbindungen auf Rückstände einer Pentachlorphenolverbindung schließen lasse, wie sie als Fungizid (Pilzgift) zum Schutz von Nutzpflanzen verwendet würden. Dies teilte Foodwatch am Montag in Berlin mit. Andere zuletzt diskutierte Ursachen für die Verseuchung der Futterfette, etwa das Entstehen von Dioxin bei der Erhitzung von Speisefetten, schieden damit aus. Andere Chemiker widersprechen allerdings den Angaben von Foodwatch.

Verschiedene Medien und Umweltorganisationen machen pauschal die „industrielle Landwirtschaft“ für die fortgesetzten Lebensmittelskandale verantwortlich: So schreibt die Süddeutsche Zeitung über die fortschreitenden Industrialisierung der Landwirtschaft: „Seitdem sie die Lebensmittelproduktion befallen hat, wütet sie schrecklich: Fast die Hälfte der deutschen Bauernhöfe wurde seit den 1980er-Jahren dahingerafft. Sie mussten aufgeben, weil sie dem Druck nicht standhalten konnten, immer mehr Nahrungsmittel zu immer niedrigeren Preisen zu erzeugen. Die verbliebenen Bauern auf ihren Höfen haben sich nicht selten dem Druck gebeugt und sich auf eine intensivere, überwiegend am Ertrag orientierte Landwirtschaft eingelassen.“

Aber das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Eine mehr oder weniger industriell betriebene Landwirtschaft ist sicher notwendig, um die Menschheit zu einigermaßen günstigen Bedingungen zu ernähren. Nicht die Produktion in großem Umfang ist für die Vergiftung verantwortlich, sondern die Art und Weise, wie sie betrieben wird. Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb Lebensmittel aus guten Zutaten nicht auch in großem Umfang industriell hergestellt werden könnten. Dass die Hersteller zu immer billigeren Rohstoffen greifen, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sie ihre Profite gegen wachsenden Konkurrenzdruck auf dem Markt aufrechterhalten wollen. Überausbeutung von Arbeitskräften und Kinderarbeit in armen Ländern oder illegale Herstellungsmethoden werden dabei einkalkuliert.

Möglicherweise ist bei dem jüngsten Skandal, wie bei etlichen früheren (Gammelfleisch, BSE usw.), durchaus auch kriminelle Energie mit im Spiel. Aber woher das Gift letztlich auch stammt, eins wird sorgsam verschwiegen. Weder die Medien, noch die Politik, die Industrie oder die betroffenen Lebensmittelhersteller und Lieferanten erwähnen, dass die wiederkehrende Lebensmittelvergiftung der Bevölkerung systembedingt ist. Der Übergang von „normalen“ kapitalistischen Produktions- und Vermarktungsbedingungen zu kriminellen Methoden ist fließend. Solange bei der Lebensmittelproduktion weder die Gesundheit der Bevölkerung und der Beschäftigten, noch die der als Nahrungsmittel vorgesehenen Tiere an oberster Stelle steht, sondern der Profit der Aktionäre, Unternehmen und Banken, ist der nächste Lebensmittelskandal vorprogrammiert.

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