Die Ratlosigkeit der Historiker

Eine Nachlese zum Deutschen Historikertag 2010

Von Wolfgang Weber
21. Januar 2011

Unter dem Thema “Wirtschaftskrisen und die Transformation globaler Ordnung im 20. Jahrhundert” hatten sich am 30. September des vergangenen Jahres auf dem 48. Deutschen Historikertag in Berlin Historiker, Wirtschaftshistoriker und Politologen zu einer Podiumsdiskussion zusammengefunden. Von deutschen, britischen, niederländischen und amerikanischen Universitäten angereist, versuchten sie vor rund 250 Zuhörern die Lehren aus dem vorigen Jahrhundert für die gegenwärtige weltweite Krise des Kapitalismus zu ziehen, die heutige Problemlage zu analysieren und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

In den Wochen seit jener Podiumsdiskussion hat sich diese Krise dramatisch verschärft. Das Projekt, Europa nach dem Zweiten Weltkrieg unter kapitalistischen Vorzeichen zu vereinen und so vor einer erneuten Selbstzerfleischung zu bewahren, torkelt seinem Ende zu. Die soziale Krise in den USA, Europa, Asien, Australien stürzt täglich Hunderttausende in Arbeitslosigkeit und Armut, während sich eine kleine Finanzaristokratie hemmungslos bereichert. Massenproteste und Streiks gegen massive Lohnsenkungen und Sparprogramme werden wie in Spanien, Griechenland, Irland, Großbritannien mit brutaler Polizeigewalt, der Verhängung des Ausnahmezustands und dem Einsatz des Militärs beantwortet. Im Lichte dieser aktuellen Entwicklung lohnt es sich nochmals Revue passieren zu lassen, mit welchen Konzepten und Lösungsvorschlägen die in Berlin versammelten akademischen Eliten dieser Entwicklung begegnen.

Quadriga

Die Quadriga im Blick

Die Veranstaltung fand direkt neben dem Brandenburger Tor statt, im “Forum” des Versicherungskonzerns Allianz. Den Gastgeber und Sponsor vertrat Wolfgang Ischinger, seit 2008 Generalbevollmächtigter für Regierungsbeziehungen des Versicherungskonzerns Allianz SE, München, sowie Mitglied im Aufsichtsrat der Allianz Deutschland AG und im European Advisory Council von Investcorp, London/New York, zuvor Jahrzehnte lang hochrangiger Diplomat und Staatssekretär der Bundesregierung. Seit 3 Jahren fungiert Ischinger auch als Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, die jedes Jahr die wichtigsten Politiker, Konzernvertreter und Militärs der Großmächte zu Fragen der inneren und äußeren Kriegsführung versammelt. In seiner Begrüßungsrede wusste Wolfgang Ischinger die Teilnehmer auf dem Podium und im Publikum denn auch gleich richtig auf das Thema einzustimmen: er habe “von seinem Arbeitszimmer im obersten Stock dieses Gebäudes aus immer die Quadriga im Blick” – einen vierspännigen Streitwagen aus Kupfer mit der griechischen Siegesgöttin Nike auf dem Brandenburger Tor[1] – , ihm seien „die globalen Implikationen der heutigen Krise stets bewusst”, er wisse um „die strategische Bedeutung der politischen Entscheidungen, die heute getroffen werden“ müssten.

Ischinger äußerte sich kritisch gegenüber den Institutionen und Strukturen, die im Verlaufe der gegenwärtigen internationalen Finanzkrise unter dem Druck der Ereignisse ad hoc bei dem Versuch entstanden seien, die Finanzmärkte vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Die Frage stelle sich, wer überhaupt die Verantwortung habe oder übernehmen könne für die Schaffung notwendiger neuer Entscheidungsstrukturen in der Weltwirtschaft. Engste Zusammenarbeit der Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft würden bekanntlich auch als Lehre aus den Krisen des 20. Jahrhunderts immer als notwendige Voraussetzung für eine Lösung der Probleme propagiert. Aber der G-8 und G-20 Gipfel, das seien Institutionen, so Ischinger, die nicht vom Willen zur Zusammenarbeit geprägt seien. Sie seien in keiner Weise transparent. “Selbst Global Player wie unser Konzern erhalten nicht die notwendigen Informationen.”

Gleichwohl äußerte sich der Konzernvertreter zuversichtlich, was die Zukunft angehe, und ermunterte die versammelten Wirtschaftswissenschaftler und Historiker, ihrerseits ebenso zuversichtlich die Diskussion zu führen. “Die Ereignisse der Krise wie der Zusammenbruch von Lehmann-Brothers”, so Ischinger wörtlich, “sind für uns der erwünschte Anlass, einen Weg nach vorne einzuschlagen. Wir werden diesen Weg finden und gehen. Und -- lassen Sie mich das hinzufügen – wir werden das tun mit oder ohne Bundesverfassungsgericht.” Mit dem “wir” nahm Ischinger wohl auf nicht näher benannte Gleichgesinnte in den Konzern-, Banken- und Regierungskreisen Deutschlands Bezug. Diese völlig überraschende Erklärung verfehlte nicht, bei einigen Zuhörern im Saal wie wohl beabsichtigt Eindruck zu machen. Schließlich erklärte hier ein prominenter Repräsentant der herrschenden Elite in Deutschland und der offizielle Vertreter des Allianz-Konzerns, dass er und seinesgleichen sich nicht um die Verfassung scherten, wenn es um die Durchsetzung der eigenen Vorstellungen und Interessen in der gegenwärtigen Krise gehe. Es war wie ein Fehdehandschuh, der in den Raum geworfen wurde, um das in Deutschland herrschende, bisher unangetastete politische Selbstverständnis der regierenden Eliten und akademischen Mittelschichten, nämlich die Treue zum Grundgesetz als politische Klammer der Gesellschaft herauszufordern. Obwohl der Allianz-Konzern einer der wichtigsten Geldgeber der Nazis und Hauptprofiteure ihrer Diktatur und Kriegspolitik war, sah sich keiner der auf dem Podium versammelten Historiker und Politologen veranlasst, auch nur im Geringsten von seinem Redemanuskript abzuweichen und diesen Fehdehandschuh aufzugreifen. Keiner protestierte gegen Herrn Ischinger und seine Erklärung – man war schließlich zu Gast bei der Allianz! Und so nahm die Veranstaltung ihren Lauf.

Der Diskussionsleiter Alexander Nützenadel, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, erläuterte Eingangs die Spannweite des Themas. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern sei das Interesse an der Geschichte plötzlich geweckt worden, weil sie sich unfähig gezeigt hätten, die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise vorherzusagen. Doch bei diesem Blick auf die Geschichte sei es zu kurz gegriffen, nur die Depression ab 1929 ins Auge zu fassen. Vielmehr sei es notwendig, den Bogen weiter zu schlagen: vom Ende des 19. Jahrhunderts, von der Erosion des Goldstandards und seiner Aufgabe im 1. Weltkrieg über die Jahrzehnte der Instabilität zwischen den Weltkriegen, dann von der Schaffung des Währungssystems von Bretton Woods am Ende des 2. Weltkrieges über dessen Erosion im Laufe der Nachkriegszeit bis zum erneuten Ausbruch der Weltwirtschaftskrise am Anfang des 21. Jahrhunderts.

Professor Charles S. Maier von der Harvard University (USA) griff als erster Redner diesen Faden auf und erklärte, das gesamte 20. Jahrhundert illustriere, dass Wirtschaftskrisen nicht nur die Ursache von internationalen Konflikten seien, sondern auch deren Ergebnis. Dies müsse auch für die heutige Krise berücksichtigt werden. Bereits Charles P. Kindelberger[2] habe darauf hingewiesen, dass die Krise der 30er Jahre das Ergebnis des Fehlens einer eindeutigen, in der Welt oder dem größten Teil der Welt Ordnung schaffenden Hegemonialmacht gewesen sei. Charles S. Maier erläuterte dazu:

„Großbritannien als erste kapitalistische Industriemacht hat diese Stellung im 19. Jahrhundert eingenommen, sie jedoch im Verlaufe des 1. Weltkrieges und der damit verbundenen Verschlechterung seiner Zahlungsbilanz ins Negative verloren. Die USA aber sind damals noch nicht in der Lage gewesen, an die Stelle Großbritanniens zu treten. Erst im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges stiegen sie zu der im Kapitalismus dominierenden Weltmacht auf. Die heutige Krise ist das Ergebnis des Abstiegs der USA als Hegemonialmacht während der letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts. Die Inflation der 60er und 70er Jahre, welche zur Auflösung des Währungssystems von Bretton Woods geführt hatte, konnte in den 80er Jahren noch einmal gebremst werden, jedoch um den Preis des Abstiegs des Nationalstaats als Finanzregulator. Der Nationalstaat bzw. die jeweilige Regierung steuerten bis dahin gemeinsam mit der Zentralbank durch zins-, kredit- und währungspolitische Maßnahmen den Zu- und Abfluss von Kapital für das betreffende Land. An seiner Stelle stiegen nun einige wenige Finanzmonopole auf, welche die Finanzmärkte beherrschen, unabhängig und unkontrolliert von Nationalstaaten und ihren Parlamenten.“

Die daraus resultierenden Probleme seien in den 90er Jahren zunächst verdeckt worden, erklärte der amerikanische Historiker weiter: “Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat zu oberflächlichen Frühlingsgefühlen, zu einem ideologischen Rausch geführt, der aber jetzt verflogen ist. Die heutige Krise enthüllt, fürchte ich, nicht nur die Insolvenz, sondern auch den Verlust aller wirtschaftlichen und politischen Ressourcen der USA.” Erneut befände sich die Welt jetzt in einer Übergangsperiode, so Charles S. Maier, neue Mächte wie China, Brasilien, profilierten sich mit Handelsbilanzüberschüssen – d.h. dass sie mehr Waren ausführen können als sie importieren müssen --, aber eine neue Hegemonialmacht, welche eine ähnliche Stellung einnehmen könnte, wie sie Großbritannien im 19. Jahrhundert oder die USA in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts eingenommen hätten, sei nicht in Sicht. Nur eine fundamentale Machtverlagerung könne einen Ausweg aus dieser mit globalen Ungleichgewichten und Unsicherheiten verbundenen Weltlage schaffen.

Wohin diese “Übergangsperiode” aber führen werde, in welche Richtung oder zu Gunsten welcher Region oder welchen Staates die von ihm ersehnte Machtverlagerung sich vollziehen sollte – darüber schwieg sich Professor Maier aus. Überhaupt war sein Vortrag davon gekennzeichnet, dass er zwar bestimmte objektive Tendenzen und Gesetzmäßigkeiten in der Krise des Weltkapitalismus der vergangenen 100 Jahre pointiert charakterisierte; dass der Redner aber dann, wenn es darum ging, die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen und Gefahren für heute aufzuzeigen, es erschrocken vorzog, diese lieber nicht anzusprechen. Stattdessen zog er sich lieber auf fromme Wünsche oder auf das Bekenntnis eigener Zweifel und Unsicherheit zurück.

So warf er zwar als einziger auf dem Podium die dem Thema der Veranstaltung zugrundeliegende Frage auf: “Werden die heutigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Massenarbeitslosigkeit, Verzweiflung zu neuen politischen Landschaften und ‚Regulierungsmaßnahmen’ führen, wo wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sie den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland oder die Militärdiktatur in Japan zum Ergebnis hatten? Können wir nicht aus der Geschichte lernen? Sind wir wirklich an die immer wiederkehrende Geschichte gekettet?” Doch Charles Maiers Antwort war: “Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Lösung gibt. Da sind so viele Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt! Die Krise muss nicht zum Krieg führen. Aber es muss - um ihn zu vermeiden – unbedingt ein neues Gleichgewicht in der Staatenwelt hergestellt werden!”

Doch wie soll dies geschehen? Waren nicht der 2. Weltkrieg auch ebensolche Versuche, mit militärischen Mitteln ein neues „Gleichgewicht der Staaten“ unter einer Hegemonialmacht herzustellen? Waren die Militärdiktatur in Japan und die faschistische Hitler-Diktatur in Deutschland nicht zu dem Zwecke errichtet worden, die dafür notwendigen gesellschaftlichen Voraussetzungen im Inneren zu schaffen?

Professor Maier ließ jedenfalls die von ihm selbst angeschnittenen Fragen alle offen. Doch nicht dies wurde in der Diskussion auf dem Podium kritisiert, sondern seine völlig korrekte Einschätzung des vergangenen Jahrhunderts als einer Zeit, in der die Großmächte in der Führungsrolle einander ablösten und, wie er es formulierte, „auf- und niederstiegen wie im Alten Testament die Engel auf der Jakobsleiter.“ Jedenfalls verwahrte sich der britische Historiker J. Adam Tooze[3] energisch gegen die „Unterstellung“ des amerikanischen Historikers, Großbritannien habe kurz vor dem 1. Weltkrieg auf Grund seiner negativen Zahlungsbilanz seine Fähigkeit zum Kapitalexport und damit seine Hegemonialstellung in der Welt verloren. Es war nicht ganz klar, ob der Brite sich durch diese These des Amerikaners, die heute zu den anerkannten Lehrmeinungen der Wirtschaftsgeschichte gehört, irgendwie beleidigt fühlte; jedenfalls behauptete er, an Hand von detaillierten Analysen der Zahlungsbilanzen nachweisen zu können, dass “Großbritannien sehr wohl zu langfristigen Kapitalexporten in der Lage” gewesen sei: „Britain was in a splendid position to provide capital and hence stability and safety in the world – Großbritannien war in einer glänzenden Position, der Welt Kapital und damit Stabilität zu verschaffen.” Schuld an der Instabilität der Zwischenkriegszeit von 1919 bis 1939 hätten europäischen Staaten wie Frankreich und Deutschland, die sich ohne Not in den USA bei Privathäusern Geld geborgt hätten. Der Amerikaner Maier antwortete darauf ruhig in dem Sinne, das er sich über Zahlungsbilanzdaten nicht streiten wolle; Tatsache sei, dass Großbritannien zwar auch nach dem Ersten Weltkrieg noch, wenn auch mit schwindender Kraft, als Kapitalexporteur aufgetreten, jedoch ein halbes Jahrhundert lang – vergeblich! – damit beschäftigt gewesen sei, seine wirtschaftliche und politische Position in der Welt gegen die USA zu verteidigen.

In seinem eigenen Vortrag, der das Währungssystem von Bretton Woods[4] zum Thema hatte, mit dem die Weltmächte 1944 einen Ersatz für den Goldstandard zu schaffen versucht hatten, ging Adam Tooze dann noch weiter auf die Spannungen und Konflikte zwischen den Großmächten ein und erläuterte dabei seine – britische – Sicht der Dinge. Das System sei am Ende des Zweiten Weltkrieges als Ergebnis und Lehre aus der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre nach den rationalen Vorstellungen von John Maynard Keynes[5] konzipiert worden. Doch dieses harmonische System, so wie es ausgedacht worden war, habe es nie so richtig gegeben: „Die europäischen Mächte hatten sich sofort dagegen gewehrt. Als es zu Beginn des Kalten Krieges im Sommer 1947 zur ersten Aufrüstungswelle kam und in Großbritannien von der Labour Regierung der Wohlfahrtsstaat eingerichtet wurde, war der mit beidem – Aufrüstung und Wohlfahrtsstaat – verbundene Finanzierungsbedarf bzw. die dadurch ausgelöste Verschuldung verschiedener Staaten unvereinbar mit dem Prinzip der Konvertibilität aller Währungen untereinander, wie sie in Bretton Woods vereinbart worden war.

Harry Dexter White, Vertreter des amerikanischen Schatzamtes, mit John Maynard Keynes (rechts) auf der Konferenz von Bretton Woods 1944 Harry Dexter White, Vertreter des amerikanischen
Schatzamtes, mit John Maynard Keynes (rechts)
auf der Konferenz von Bretton Woods 1944

Bereits im Herbst 1947 erfolgte eine größere Abwertung der europäischen Währungen, dennoch hielt man am Ziel, dieses Währungssystem zu errichten, fest. Aber erst 1958 wurde die Konvertibilität der beteiligten Währungen gegenüber dem Dollar und damit letztlich auch ihre Umtauschbarkeit in Gold erreicht, das als Währungsreserve zu einem festen Dollarpreis in den Zentralbanken gelagert wurde. 1967, nur 9 Jahre später geriet dieses System schon wieder in die Krise, bis es im August 1971 endgültig aufgegeben wurde.“ Im weiteren Verlauf seines Redebeitrags stellte Tooze dann die beiden Hauptrivalen von Großbritannien, die USA und Deutschland, als die Hauptschuldigen am Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods dar: „Die USA druckten so viele Dollars wie sie wollten, und Deutschland, das eine aktive Handels- und Zahlungsbilanz aufwies – auf Deutschland musste man schon immer lange warten, wenn es darum ging, etwas für die Gemeinschaft beizutragen. Ausgerechnet nur die schwächsten Mitgliedsländer hatten sich,“ fuhr Tooze vorwurfsvoll fort , „an die vereinbarten Regeln der Haushaltsdisziplin gehalten – und wurden dafür bestraft wie Großbritannien, das seine Währung abwerten musste, um nicht völlig zusammenzubrechen.“

Obwohl Tooze kein sehr positives Bild vom Bretton-Woods-Währungssystem zeichnete, glaubte er doch in seinen Grundideen eine Lösungsmöglichkeit für die heutige Krise zu sehen. Jedenfalls beweise dieses System regulierter Währungsmärkte, dass Kapitalfreiheit nicht – wie von den Neoliberalen immer behauptet – die conditio sine qua non[6] von Wirtschaftswachstum sei. Auf alle Fälle sei es, so Tooze, sehr wünschenswert, wieder Bedingungen zu schaffen für einen rationalistischen Optimismus, wie er in den 40er Jahren geherrscht habe, als das Bretton-Woods-Währungssystem ausgedacht und ausgehandelt worden sei: „Aber ob das heute möglich ist?“, zweifelte er selbst am Ende. Immerhin hatte sein Kontrahent Charles S. Maier in diesem Punkt wenigstens zu Ende gedacht. Er hatte wenigstens die Grundlage für das Vorhandensein des rationalistischen Optimismus unter den bürgerlichen Ökonomen und Politikern am Ende des Zweiten Weltkriegs und die Ursache für sein Fehlen heute aufgezeigt: die klare Vormachtstellung der USA damals, ausgedrückt in der Tatsache, dass sie 1945 über mehr als die Hälfte aller Goldreserven der Welt verfügten, und die finanzielle Insolvenz und den politischen Niedergang der USA heute.

Wird fortgesetzt


[1] Die Quadriga, angefertigt von Johann Gottfried Schadow, wurde 1793 auf dem neuerbauten, König Friedrich II. von Preußen und seinem Sieg im Siebenjährigen Krieg gegen Österreich gewidmeten Brandenburger Tor aufgestellt. Nach der Niederlage Preußens in der Schlacht von Jena und Auerstedt und dem Einmarsch der französischen Truppen 1806 in Berlin ließ Napoleon sie verpacken und nach Paris transportieren. Nach dem Fall Napoleons wiederum wurde sie 1814 nach Berlin zurückgebracht und mit einer neuen Trophäe, einem eichenlaubumkränzten und von einem Adler gekrönten Eisernen Kreuz aufgestellt. Die ursprünglich auch als Friedensgöttin Eirene verstandene Wagenlenkerin wurde zur Siegesgöttin Nike uminterpretiert. Seitdem waren das Brandenburger Tor mit der Quadriga der bevorzugte Schauplatz für Militärparaden – auch Hitler ließ seine Machtübernahme dort von der SA feiern – und die Quadriga ein Symbol des preußisch-deutschen Militarismus.

[2] Charles P. Kindleberger (1910 – 2003), amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, Regierungsberater und Historiker, Verfasser des Standardwerks „Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre“.

[3] Adam Tooze, geb. 1967, von 1996 bis 2009 am Jesus College der Universität Cambridge in Großbritannien Dozent für Neuere Europäische Wirtschaftsgeschichte, seit 2009 Professor für Deutsche Geschichte an der Yale University (USA), bekannt geworden in Deutschland durch sein Buch „Ökonomie der Zerstörung“ (Siedlerverlag, München, 2007; Original auf englisch: The Wages of Destruction. The Making and Breaking oft he Nazi Economy; Allen Lane, London, 2006) über die Wirtschaft und Wirtschaftspolitik im Nationalsozialismus.

[4] Nach den Vereinbarungen von Bretton Woods sollte an die Stelle von Gold als Weltwährung der US-Dollar treten. Das Vertrauen in den Dollar sollte dadurch geschaffen werden, indem seine Umtauschbarkeit in Gold durch die amerikanische Federal Reserve Bank zu einer festen Rate ( $ 35 für eine Feinunze Gold) garantiert und gleichzeitig die Konvertibilität, d.h. Umtauschbarkeit der Währungen aller anderen beteiligten Länder gegenüber dem Dollar hergestellt werden sollte. Grundlage und Voraussetzung dieses Systems war die Tatsache, dass die USA im Laufe des Zweiten Weltkrieges ihre wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung ausbauen und auf diese Weise den größten Teil der Goldreserven der Welt erwerben und bei sich in Fort Knox einlagern hatten können.

[5] John Maynard Keynes (1983 - 1946), einflussreicher britischer bürgerlicher Ökonom, der unter anderem als Rezept zur Vermeidung großer Wirtschaftsdepressionen und damit der Gefahr einer sozialen Revolution eine staatlich gesteuerte Politik der „anti-zyklischen“, d.h. dem Konjunkturzyklus entgegenwirkenden öffentlichen Verschuldung vorgeschlagen hat, mit der Arbeitsplätze geschaffen und der Massenkonsum und damit die Nachfrage nach Gütern belebt werden sollten.

[6] Conditio sine qua non (lateinisch) = unabdingbare Voraussetzung

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