Sudan: Eine Geschichte von Blut und Öl in Afrika

Von Ann Talbot
19. Januar 2011

Das Unabhängigkeitsreferendum in den südlichen Provinzen des Sudan wurde von den Medien schon gefeiert, noch ehe die Abstimmung am letzten Wochenende zum Abschluss kam. Der gleiche Ton wurde in einem von Präsident Barack Obama verfassten Leitartikel in der New York Times angeschlagen.

Diese “historische Abstimmung ist Ergebnis eines langen Kampfs für Selbstbestimmung“, erklärte er. „Eine erfolgreiche Abstimmung ist Grund zum Feiern und wird auf Afrikas langem Weg zu Demokratie und Gerechtigkeit ein inspirierender Schritt vorwärts sein.“

Derartige Stellungnahmen sind verlogen. Zweifellos ist im Süden eine große Begeisterung für die Sezession vorhanden. Sie wird von der Hoffnung gespeist, einen Schlussstrich unter den jahrzehntelangen Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden zu ziehen. Zwei Millionen Menschen starben in dem Konflikt, der zu Beginn der Unabhängigkeit des Sudan begann und sich bis 2005 fortsetzte, wobei die letzten 21 Jahre die schlimmsten waren. Die Zahl der Vertriebenen erreicht inzwischen fast 4 Millionen. Ganze Generationen wuchsen in Flüchtlingslagern auf.

Das Referendum hat jedoch mit Selbstbestimmung, Frieden und Demokratie überhaupt nichts zu tun. Es wurde von den Vereinigten Staaten wegen strategischer Vorteile gegenüber China durchgesetzt. China beherrscht die sudanesische Ölindustrie, von der etwa 80 Prozent im Süden angesiedelt sind. Ziel der USA ist es, ein Marionettenregime zu installieren, das eine Plattform für die Herrschaft der USA über die gesamte Region darstellt.

Die Abtrennung des Südens und die Bildung eines neuen kapitalistischen Staates werden religiöse und ethnische Konflikte weitergären lassen, deren denkbarstes Ergebnis die Wiederaufnahme kriegerischer Auseinandersetzungen ist. Es wurde schon berichtet, dass mehr als 30 Menschen bei Zusammenstößen an der geplanten Grenze zwischen dem Norden und dem neuen Staat im Süden getötet wurden.

In den USA ist man sich dieser Aussicht völlig bewusst. Washington hat die südsudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA) bewaffnet und ausgebildet und auf einen zukünftigen möglichen Angriff auf Khartum im Norden vorbereitet, den die USA dann unterstützen würden. Diese Drohkulisse verleiht Obamas verbrämten Warnungen an die Regierung von Omar al-Bashir den notwendigen Nachdruck: „…wenn Sie ihren Verpflichtungen nachkommen und sich für Frieden entscheiden, gibt es einen Weg zu normalen Beziehungen zu den USA. Dazu zählen die Aufhebung der Sanktionen und die Streichung des Sudan von der Liste der Staaten, die dem Terrorismus Hilfe leisten. Alle, die ihre internationalen Verpflichtungen missachten, werden dagegen mehr Druck und Isolation zu spüren bekommen.“

Sämtliche der heute über 50 in Afrika existierenden Staaten einschließlich der Staatsgrenzen sind Produkt der historischen Intrigen der ehemaligen Kolonialmächte. Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Belgien, Portugal, usw., setzten die heutigen Grenzen zur Markierung ihrer Einflusssphären gegenüber ihren Rivalen fest, und sie zogen sie nicht selten genau so, dass damit ethnische Konflikte geschürt und ausgenutzt werden konnten. Dies ist Teil ihrer Strategie des Teilens und Herrschens. Die Nachwehen des Vermächtnisses des „Drangs nach Afrika“ im 19. Jahrhundert sind bis heute noch zu spüren.

Die Schaffung eines eigenständigen Staates im Südsudan entspringt aus einer nicht weniger schändlichen Entwicklung als die ehemalige Gründung der Republik Biafra während des nigerianischen Bürgerkriegs.

Wie im Fall des Sudan, waren Nigerias Grenzen durch konkurrierende Interessen der imperialistischen Mächte festgesetzt worden. Nach der Unabhängigkeit 1960 wurde das Land durch Konflikte erschüttert, die zwischen den halbautonomen muslimischen Feudalstaaten in den nördlichen Wüstenregionen und den christlichen und animistischen (naturreligiösen) Königreichen im ölreichen Süden und Osten des Landes ausbrachen. 1967 erklärten die militärischen Führer der östlichen Region Biafra für unabhängig, – und lösten damit einen Krieg aus, der eine Million Zivilisten das Leben kostete, bevor Biafra wieder in Nigeria eingegliedert wurde.

Weil die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien die Profite des Shell-Konzerns garantieren wollte, die eng mit den Beziehungen Londons zu Nigeria verbunden waren, erkannte sie Biafra nicht an und zeigte sich ungerührt von der Not des Ibo-Volkes. Zusätzlich bekam Nigeria Rückendeckung von Washington. Frankreich, Portugal, Israel, Rhodesien, Südafrika und der Vatikan unterstützten die Loslösung Biafras.

Ins Gedächtnis zu rufen ist auch die schreckliche Geschichte imperialistischer Intrigen im Sudan selbst. Seit den 1880er Jahren versuchte Großbritannien, die Kontrolle über den Sudan zu gewinnen, um so Frankreich an der Annexion einer Region zu hindern, von der aus die Oberläufe des Nils kontrollierbar waren. Nach ungeheuerlichen Massakern an afrikanischen Soldaten wurde der Sudan 1998 britische Kolonie.

Die gegenwärtige Spaltung zwischen dem Norden und dem Süden ist Erbe der britischen Herrschaft. Großbritannien hetzte einen Stamm gegen den anderen auf, eine ethnische oder religiöse Gruppe gegen die andere. Obama tritt in die Fußstapfen der Briten, wenn er solche Spaltungen anheizt.

WikiLeaks hat Telegramme von Diplomaten veröffentlicht, die belegen, wie die USA insgeheim Waffen in den Süden schleusten, während sie in der Öffentlichkeit für den Frieden eintraten. Nach dem Friedensabkommen von 2005, mit dem der Bürgerkrieg beendet wurde, ist es den USA erlaubt, der SPLA nicht zum Töten vorgesehene Ausrüstung und Training zukommen zu lassen. WikiLeaks bestätigte, dass ein Frachtdampfer mit Panzern, Granatwerfern und Flugabwehrgewehren, der 2008 im Golf von Aden von somalischen Piraten gekapert worden war, den Südsudan ansteuerte, und nicht Kenia, wie es damals von den USA behauptet wurde. Neben anderen Maßnahmen diente die Verschiffung der Waffen der Bewaffnung der SPLA und der Vorbereitung auf das gegenwärtige Referendum und die Abspaltung.

Die Feinseligkeit gegenüber dem Aufstieg Chinas macht den Kern der amerikanischen Afrikapolitik aus. WikiLeaks veröffentlichte Stellungnahmen des stellvertretenden amerikanischen Außenministers für afrikanische Angelegenheiten, Johnnie Carson, zur chinesischen Präsenz in Afrika. Er machte klar, unter welchen Bedingungen die USA die „Reißleinen“ ziehen, d.h. reagieren würden: „Haben sie [die Chinesen] schon Verträge über Militärbasen unterzeichnet? Bilden sie Armeen aus? Sind geheimdienstliche Operationen in Gang gesetzt worden? Sobald sich auf diesen Gebieten etwas tut, müssen die USA sich drum kümmern.“

Carson fuhr fort: „China ist nicht aus altruistischen Motiven in Afrika. China ist vor allem wegen China in Afrika.“

Das Gleiche gilt natürlich auch für Amerika, jedoch sind es die USA, nicht China, die auf militärische Rüstung hinarbeiten und Regimes auf dem ganzen Kontinent mit Waffen versorgen.

Kürzlich äußerte der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates seine Besorgnis über das wachsende militärische Potential Chinas. Vor einer Reise nach Beijing drohte Gates, die USA würden als Reaktion auf Chinas wachsende Militärausgaben ihre eigene militärische Leistungsfähigkeit erhöhen. „Wir müssen mit eigenen Programmen angemessen reagieren“, drohte er.

Die USA führen in Afrika ein Wettrüsten, weil sie es wegen seines Reichtums an Öl und Rohstoffen als ein mögliches strategisches Schlachtfeld im drohenden Kampf um die Neuaufteilung der Welt im Auge haben.

Die breite Bevölkerung des Sudans und des ganzen afrikanischen Kontinents werden zu Geiseln der räuberischen Pläne der Großmächte und ihrer Handlanger, der lokalen Eliten. Deshalb ist eine politische Massenbewegung der afrikanischen Arbeiterklasse und Bauern dringend notwendig, deren Ziel es ist, im Bündnis mit der Arbeiterklasse der USA, Asiens, Europas und Lateinamerikas auf die sozialistische Befreiung des Kontinents hinzuarbeiten.

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