Euphorie, Begeisterung und Schock

Der Million-Marsch und die brutale Reaktion des Mubarak-Regimes

Augenzeugenbericht aus Kairo

Von einem Augenzeugen
3. Februar 2011

Dieser Bericht wurde geschrieben, bevor die Mubarak-Schläger anfingen, das Feuer auf unschuldige Protestierende zu eröffnen. Bislang wird von sechs Toten berichtet, wahrscheinlich sind es viel mehr. Frauen und Kinder sind auf dem Platz. Das ist ein Verbrechen des Imperialismus. Es ist die amerikanische Verteidigung der Demokratie.

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Es ist Dienstag, 1. Februar 2011, der Tag an dem die Massenproteste gegen das korrupte Regime von Hosni Mubarak zum Höhepunkt kommen. Nach einer Woche von anschwellenden Demonstrationen,  Protesten, einzelner Streiks und Fabrikbesetzungen riefen viele Demonstranten für diesen Tag zu einem „One Million Man March“ in der ägyptischen Hauptstadt auf. Ziel war es mit mehr als einer Million Menschen zum Präsidentenpalast zu ziehen und diesen einzunehmen. 

Das verhasste Regime hat das Internet komplett lahm gelegt und hofft, damit die Mobilisierung zu stoppen. Doch die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Stadt. Nahezu jeder weiß vom geplanten Marsch, denn es wird überall darüber gesprochen. Nach einer Woche aufopferungsvoller Auseinandersetzungen mit den verhassten Sicherheitskräften des Regimes bei Tag und bei Nacht – denn im Dunkeln kam die Polizei in Zivil zurück, um Angst und Schrecken unter der Bevölkerung zu verbreiteten – sprechen nun viele vom „jaum al-kabir“, vom „Tag der Entscheidung“, der das Ende der dreißigjährigen Mubarak-Diktatur zur Folge haben werde.

Am frühen Nachmittag mache ich mich auf den Weg zum Treffpunkt in der Innenstadt: dem Meidan al-Tahrir (Platz der Befreiung). Sofort wird klar, dass noch weitaus mehr Menschen auf der Straße sind, als in den Tagen zuvor. Die 6th of October Bridge und die Qasr al-Nil Bridge über den Nil, auf denen in den vergangenen Tagen noch heftige Straßenschlachten stattfanden, parken nun Familien ihre Autos und schier endlose Massen strömen Richtung Downtown Cairo. 

Mein Weg führt vorbei am ausgebrannten Hauptquartier der regierenden Nationaldemokratischen Partei (NDP). Das verkohlte Gemäuer sieht aus wie ein Denkmal der Wut und des Volkszorns gegen ein Regime, das seit Jahrzehnten die Interessen der Bevölkerung mit Füßen getreten hat. Ich laufe an Militärbaracken vorbei, deren Einheiten eigentlich die Ausgangssperre durchsetzten sollten, aber niemanden daran hindern, den Platz zu betreten. 

Die Kontrollen führen die Demonstranten selbst durch. Ich werde aufgefordert meinen Ausweis zu zeigen, werde durchsucht und dann mit den Worten herzlich begrüßt: „Welcome to the Revolution of the Egyptian people“.

Was nun hier auf dem Meidan um mich herum stattfindet, ist wirklich schwer in Worte zu fassen. Bereits Hunderttausende sind auf dem Platz versammelt und ständig strömen von allen Seiten mehr Menschen heran. Alle Bevölkerungsschichten sind zu sehen. Gesichter die von jahrelanger Arbeit gezeichnet sind, aber nun freudig lachen, Studenten voller Begeisterung, Hausfrauen, die bisher als politisch desinteressiert bezeichnet wurden und nun selbstgemalte Plakate zeigen, Akademiker, darunter viele Juristen, Künstler und viele Familien. Väter mit ihren Söhnen und Töchtern auf den Schultern, Alte und Junge, ganz Kairo scheint auf den Beinen. 

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Die Stimmung gleicht der eines Volksfests. Es wird getanzt und gesungen. Eine allgemeine Freude und Ausgelassenheit verbindet alle miteinander. Jeder spricht mit jedem. Parteien oder andere organisierte Gruppen sind nicht vertreten. Alle Plakate und Schilder, die zu sehen sind – und es sind unzählige –, sind von den Protestierenden selbst angefertigt, oft handschriftlich auf Pappe oder Papier. In vielfältiger Form wiederholt sich die Botschaft: „Mubarak hau ab!“, „Game over!“ oder „Das Volk will den Sturz des Regimes.“ 

Auf dem Platz bilden sich ständig unterschiedlich große Gruppen und skandieren ihre Forderungen. Besonders beeindruckend wird es immer dann, wenn der Militärhubschrauber, der ständig über dem Platz kreist, im Tiefflug über die Menschenmassen hinweg fliegt. Dann vereinigen sich die Sprechchöre und hunderttausende schreien: „Hau ab und nimm ihn mit.“ 

Überall sind Menschen: auf den Straßenlaternen, auf den Balkonen und Dächern der umliegenden Häuser und auch auf den benachbarten Plätzen in der Innenstadt. Trotz der ausgelassenen Partystimmung scheint vielen der Ernst der Lage bewusst. Es geht nicht nur darum einen Diktator zu stürzen, sondern die gesamten politischen und sozialen Verhältnisse in der Region in Frage zu stellen. Viele Plakate rechnen mit der Politik der USA ab, die seit 30 Jahren den Mubarak-Clan unterstützen und ihn auch nach Tagen des Protest und hunderten von Toten nicht fallen lassen wollen. Auf einem Plakat ist zu lesen: „Amerika und Europa – ihr habt keine Glaubwürdigkeit in den Straßen Ägyptens.“ Andere skandieren: „Zuerst Tunesien, jetzt Ägypten.“

Und natürlich reden alle über Politik. Ein älterer Demonstrant wendet sich an mich und sagt: „Dreißig Jahre haben wir geschwiegen und uns gefürchtet offen über Dinge zu sprechen, die uns bewegen. Aber irgendwann ist es genug.“ Nachdem er herausgefunden hat, woher ich komme, fordert er mich auf, dies alles zu berichten und die Bilder via Facebook zu verbreiten. Dann fragt er: „Aber warum unterstützen eure westlichen Regierungen diesen Verbrecher eigentlich immer noch?“ Ich versuche ihm auf Arabisch zu erklären, dass ich mit der Regierung in Berlin und den anderen europäischen Ländern nicht übereinstimme und dass diese nicht „meine Regierungen“ sind, sondern die der herrschenden Elite. In meinem doch recht mangelhaften Arabisch versuche ich zu erklären, dass die europäischen Regierungen wie auch die USA Mubarak deshalb unterstützen, weil er ihre imperialistischen Interessen in der Region vertritt. Er stimmt mir zu, doch ich bin nicht ganz sicher, ob er mich wirklich verstanden hat. 

Mir wird klar, wie stark das Interesse an Politik und auch an den Verhältnissen in anderen Ländern plötzlich ist.

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Am Abend tritt der verhasste Mann dann selbst vor die Kamera. Aber er kündigt nicht seinen Rücktritt an, wie es Millionen seit Tagen fordern. Im Gegenteil: Mubarak hält eine zynische Rede, in der er die ägyptische Bevölkerung vor die Alternative stellt: Entweder ich oder das Chaos. Dann spricht er ausführlich über seine militärische Vergangenheit, um sich der Unterstützung der Armee zu versichern. Nach einigen patriotischen Slogans droht er schließlich, dass er „auf ägyptischem Boden sterben“ werde. Auf die Demonstranten wirkt die Präsidentenrede wie eine Provokation. Doch sie lassen sich nicht einschüchtern und machen deutlich, dass auch sie entschlossen sind nicht nachzulassen und bis zum Ende zu kämpfen. Rufe schallen in die Nacht: „Get away, get away, Revolution until Death“. 

Die Demonstranten vereinbaren in jedem Fall weiter zu demonstrieren, Tausende übernachten trotz einer verhältnismäßig kalten Nacht auf dem Platz. Keiner gibt sich mit der Ankündigung zufrieden, dass Mubarak nicht mehr als Präsident kandidieren und einen „friedlichen Übergang“ einleiten wolle. Dies war die Forderung der USA gewesen und Mubarak hatte sich einmal mehr Lakai des US-Imperialismus erwiesen.

Nur wenige Minuten nach der Rede verbreitet sich die Nachricht, dass Pro-Mubarak-Schläger in Alexandria friedliche Demonstranten angreifen. Ein trauriger Vorgeschmack für das, was bald auch in der Hauptstadt kommt. Manche hatten es nach der Rede Mubaraks bereits befürchtet. Die Taktik des Diktators würde es sein, Chaos zu stiften, die Stimmung aufzuheizen und so einen Vorwand zu haben, das Militär gegen Protestierende einzusetzen und mit eiserner Faust die Lage zu stabilisieren. 

Für die herrschende Elite in Ägypten ist die Lage in der vergangenen Woche immer kritischer geworden. Tägliche Massendemonstrationen, Nachbarschaftskommitees von Jugendlichen kontrollieren die Straßen und Streiks und Fabrikbesetzungen beginnen sich zu entwickeln. Die ägyptische Börse ist seit Tagen geschlossen, das ägyptische Pfund befindet sich im freien Fall und die internationalen Ratingagenturen stufen ihren ehemaligen Lieblingsschüler Ägypten immer weiter herab.

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Als ich am nächsten Mittag noch einige Einkäufe erledigte (Brot, Milch und andere Grundnahrungsmittel werden knapp) sehe ich mit eigenen Augen, was das Regime plant und vorbereitet. Auf einmal fahren Pickup-Trucks mit Pro-Mubarak Schildern und Sprechchören an mir vorbei. Ihre Richtung ist der Meidan al-Tahrir, wo sich bereits wieder Tausende Regimegegner versammelen und friedlich protestieren. Es sieht nach einer geplanten konzertierten Aktion aus. Ein Freund ruft mich an, und berichte ebenfalls, dass er zwielichtige Pro-Mubarak Gruppen, gesehen hat, die mit Eseln und Pferden Richtung Innenstadt ziehen.

Kurz darauf bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen. Wildgewordene Horden von Mubarak-Schlägern, bewaffnet mit Messern, Eisenstangen und Steinen greifen mit äußerster Brutalität die friedlichen Demonstranten auf dem Tahrir an. Die völlig unbewaffnet Protestierer bilden Menschenketten, um die vielen Frauen und Kinder in der Mitte des Platzes zu schützen. Doch der Auftrag der Schläger, die größtenteils aus dem Sicherheitsapparat des Regimes kommen, scheint klar: Gewalt. Seit Stunden kommt es nun zu heftigen Zusammenstößen, bei denen bislang mindestens drei Personen ums Leben kamen und mehr als 1500 verletzt wurden. 

Nun ist es bereits Nacht und noch immer toben die Kämpfe. Das Militär unternimmt weiterhin nichts, um die Schläger, von ihrem verbrecherischen Auftrag abzuhalten. Das Militär steht auf der Seite der ägyptischen Elite, die gerade versucht, mit den kriminellsten Methoden ihre Interessen und die des Imperialismus zu verteidigen. 

Das brutale Vorgehen hat einen Schock ausgelöst, aber auch die Entschlossenheit in der Bevölkerung gesteigert nicht nachzugeben. Viele politische Fragen sind nun aufgeworfen, wie und mit welchen Mitteln der Kampf weiter geführt werden muss. Ich höre gerade eine junge Demonstrantin, die vom Nachrichtensender al-Jazeera interviewt wird. Sie sagt: „Dies ist der beste Moment in meinem Leben. Ich sehe, dass die ägyptische Jugend wirklich kämpft. Ich rufe all dazu auf zum Tahrir zu kommen, morgen, übermorgen, bis der Kampf gewonnen ist.“ 

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