Die Gesichter der Opfer von Kunduz

Zur Ausstellung „Kunduz – 4. September 2009. Eine Spurensuche“

Von Wolfgang Weber
5. Februar 2011

Neben etlichen Schwerverletzten waren genau 91 Tote das Ergebnis, nachdem der deutsche Bundeswehroberst Klein in der Nacht zum 4. September 2009 in der Provinz Kunduz (Afghanistan) befohlen hatte, eine Ansammlung von Dorfbewohnern, darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche zu bombardieren.

Zwei Journalisten, der Stern-Redakteur Christoph Reuter und der Fotograph Marcel Mettelsiefen hatten dies in wochenlangen Recherchen herausgefunden und festgehalten. Die Ergebnisse ihrer Arbeit werden nun aus Anlass der NATO-Sicherheitskonferenz im Münchener Literaturhaus vom 2. bis zum 20. Februar in der Ausstellung „Kunduz – 4. September 2009. Eine Spurensuche“ und in dem gleichnamigen, beim Verlag Rogner & Bernhard erschienenen Buch vorgestellt. Es ist eine erschütternde Dokumentation des größten Kriegsverbrechens, das seit dem Untergang des Dritten Reiches (1945) von deutschen Offizieren begangen worden ist.

Zur Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung am 1. Februar mit den beiden Autoren war als dritter Redner auch der Publizist Prof. Roger Willemsen eingeladen worden, der aus vielen Fernseh-Talkshows für seine scharfe Kritik am Afghanistan-Krieg bekannt ist.

Bild 1: Der Ort des Bundeswehr-Massakers in Kunduz (© Marcel Mettelsiefen/oh) Der Ort des Bundeswehr-Massakers in Kunduz (© Marcel Mettelsiefen/oh)

Christoph Reuter charakterisierte zu Beginn der Veranstaltung kurz die Umstände des Massakers, wie Oberst Klein – völlig regelwidrig – das Bombardement allein auf der Grundlage der Behauptungen eines einzigen Informanten befohlen hatte. Es würde sich bei der um zwei Lastwagen versammelten Menschenmenge ausschließlich um Taliban-Kämpfer handeln, habe er geglaubt, argumentierte Klein – und auf dieser Grundlage wurden alle Verfahren gegen ihn eingestellt. Klein und die Bundeswehr kümmerten sich auch nicht weiter darum, wie viele und wer genau durch sie eigentlich zu Tode gekommen waren. Die NATO-Untersuchungskommission, ja sogar das Rote Kreuz hielten sich nicht länger als ein paar Stunden vor Ort auf und bemühten sich nicht, die genaue Opferzahl festzustellen und die Opfer zu identifizieren. Der offizielle NATO-Bericht sprach voller Zynismus von „zwischen 17 und 142 Todesopfern“.

Die Eröffnungsveranstaltung mit dem Fotografen Marcel Mettelsiefen (links) und dem Journalisten Christoph Reuter (rechts) auf dem Podium
Die Ausstellung in München

In Deutschland aber interessierten sich nach dem erzwungenen Rücktritt des verantwortlichen Verteidigungsministers Franz Josef Jung (CDU) weder Politiker noch Medien für die Opfer, sondern nur noch für dessen Nachfolger im Amt, den Baron Karl Theodor Maria Georg Achaz Eberhardt Josef Freiherr von und zu Guttenberg. Das Verteidigungsministerium unter diesem jungen, schneidigen Adelsspross hatte deshalb keinerlei Interesse, weil es den Hinterbliebenen nichts zahlen, sondern die Akten schließen wollte. Erst als es mit der genauen, von Reuter und Mettelsiefen aufgestellten Liste der 91 Toten konfrontiert worden ist, bequemte es sich schließlich, für jedes Opfer etwas zu zahlen, wenn auch nicht mehr als lächerliche 5.000 Euro.

Es war wohl dem Einfühlungsvermögen und Taktgefühl, aber auch der Ausdauer und Geduld der beiden Journalisten zu verdanken, dass sie das Vertrauen der leidgeprüften Dorfbewohner erringen und über mehrere Wochen in stundenlangen Sitzungen mit Gruppen von 10 bis 15 Angehörigen sprechen konnten. Bilder von den Toten gab es nur wenige, doch die wenigen erhielten sie von den Angehörigen, welche merkten, das es den beiden nicht um rasche Effekthascherei und Sensationsbilder ging, sondern um die Menschen, ihre Toten, ihr Leid. Christoph Reuter identifizierte in mühevoller Kleinarbeit die Toten und ihre Angehörigen, ihre Verwandtschaftsbeziehungen, ihre tragischen Verluste von oft mehreren Söhnen, Brüdern oder anderen Verwandten. 

Marcel Mettelsiefen fotografierte dann nach jedem Gespräch die Angehörigen. Es sind keine reißerischen Bilder wie man sie in der Boulevardpresse finden würde. Es sind stille, zurückhaltende, dadurch aber umso mehr bewegende und zum Nachdenken anregende Porträtaufnahmen von Greisen, die um ihre Söhne und Enkel trauern, von Jungen, die nach dem Massaker ihre Väter unter den Toten identifizieren mussten und oft nur noch einzelne Körperteile oder Kleidungsstücke gefunden hatten.

Bild 4: Mir Akbar (© Marcel Mettelsiefen/oh) Mir Akbar (© Marcel Mettelsiefen/oh)

Mir Akbar zum Beispiel verlor in dieser Nacht seinen 21-jährigen Sohn. Er selbst hatte die Explosion des Anschlags gehört und war sofort losgelaufen, fand jedoch am Ort des Bombardements nur ein Bein seines Sohnes und sein Haar. Der Rest der Leiche konnte nicht gefunden werden. 

Bild 5: Nazik Mir (© Marcel Mettelsiefen/oh) Nazik Mir (© Marcel Mettelsiefen/oh)

Nazik Mir trauert um seinen Vater Mohammed Akram, der in jener Nacht um Eins losgerannt war, nachdem er gehört hatte, dass von den Lastwagen die Mangelware Benzin abgezapft werden könne. Nazik Mir hatte sich erst am nächsten Morgen zum Unglücksort begeben, wo er jedoch nur noch Überreste seines getöteten Vaters fand.

Bild 6: Abdul Daian (© Marcel Mettelsiefen/oh) Abdul Daian (© Marcel Mettelsiefen/oh)

Im Krankenhaus von Kabul hatten Christoph Reuter und Marcel Mettelsiefen unmittelbar nach dem Bundeswehranschlag einen jungen Mann getroffen, den Verwandte als einen der ganz wenigen Überlebenden gefunden und sofort in das Krankenhaus gefahren hatten. Wenige Stunden nachdem er sich ihnen als Sohn von Abdul Daian zu erkennen gegeben hatte und fotografieren hatte lassen, war er an seinen Verbrennungen gestorben. Die beiden Journalisten fanden bei ihren Gesprächen im Dorf Abdul Daian, dieser dankte ihnen unter Tränen für das Foto seines Sohnes. Er hatte außer diesem auch noch einen zweiten Sohn verloren. Ein weiterer kleiner Junge von 13 Jahren hatte alle seine männlichen Familienangehörigen verloren und musste deshalb die Schule verlassen, um selbst die Rolle des Familienoberhauptes zu übernehmen.  

Nach den beiden Journalisten ergriff Roger Willemsen das Wort und schilderte ebenso eloquent wie anschaulich in einer Art persönlicher Reisebilder Afghanistan als ein Land, das von Widersprüchen und Leid zerrissen ist, versunken in Armut auf dem Land und Korruption in der Stadt, terrorisiert von  Stammesfehden, Warlords, Drogenbaronen und Marionetten fremder Mächte. Noch in den 60er und 70er Jahren hatte die afghanische Gesellschaft, so Willemsen, einen relativ friedlichen und sozial ausgeglichen Eindruck gemacht. Als einzigartiger Schmelztiegel zweier Jahrtausende alter Kulturen, der griechisch-hellenistischen und der indisch-buddhistischen, sei sie damals von einem hohen kulturellen Niveau geprägt gewesen. Nach 30 Jahren Krieg jedoch, insbesondere nach den letzten Jahren grausamer Bombardements  sei diese Kultur in materieller Hinsicht inzwischen vollständig zerstört. Die geistigen Werte, die Ideen, die sozialen Konzepte, die Art und Weise zu denken, Gastfreundschaft und Musikalität, all das, was die geistige Kultur ausmache, hätten durch Bomben nicht zerstört werden können und könne dort immer noch erlebt werden.

Willemsen berichtete auch von seiner und seiner Freundin Nadia Nashir-Karim Erfahrungen als Schirmherr bzw. Vorsitzende des afghanischen Frauenvereins. Die täglichen Anstrengungen dieses Vereins wie z.B. für die Versorgung von 30.000 Menschen mit Trinkwasser, für den Bau und Unterhalt von Schulen für mehr als 2.000 Frauen und Mädchen, für medizinische Versorgung von über 20.000 Menschen – all das wird wie die Arbeit anderer humanitärer Hilfsorganisationen durch die Bombardements, Kämpfe und pure Anwesenheit der militärischen Nato-Streitkräfte keineswegs erleichtert, sondern nur behindert oder gar zerstört. „Dieser Krieg kann mit den Mitteln, wie er geführt wird, nicht geführt werden; dieser Krieg hat keine Argumente, mit denen für ihn argumentiert, keinen Grund, mit dem er legitimiert werden könnte!“ schloss Willemsen seinen Beitrag.

Die anschließende Diskussion verlief recht kontrovers. Mehrfach drückten Besucher ihre Bewegung aus, ihre Hochachtung für die mutige und gleichzeitig professionelle Arbeit der beiden Journalisten und für die wirkungsvolle humanitäre Hilfe, die Willemsen organisiert. 

Auf Widerspruch stießen jedoch die eher begrenzten politischen Perspektiven für Afghanistan und eine Beendigung des Kriegs. So tritt Willemsen bereits seit mehreren Jahren energisch für einen sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan ein, akzeptiert jedoch inzwischen das von der Bundesregierung als spätesten Abzugstermin genannte Jahr 2014. Für eine sinnvolle Nutzung der Zeit bis dahin schlägt er die Ausbildung der Polizei und Justiz und anderer nationaler Institutionen vor. In seinem überzeugenden Redebeitrag zuvor hatte er jedoch noch sehr anschaulich und nachdrücklich darauf hingewiesen, dass diese nationalen Institutionen wie z. B. das Parlament ein Augiasstall der Korruption seien, beherrscht von all den Kräften, die das Land seit Jahren terrorisieren und drangsalieren: Drogenbaronen, Warlords (lokale Kriegsherren), und an der Spitze Regierungschef Karsai, die pure Personifizierung der Korruption.

Christof Reuter sprach die Befürchtung aus, dass die Wahl zwischen einem Verbleib der NATO-Truppen und ihrem sofortigen Abzug eine Wahl zwischen Pest und Cholera sei. Nach einem Abzug der Bundeswehr befürchte er, dass es eine „Nacht der langen Messer“, ein offenes Ausbrechen bislang unterdrückter Clan- und Stammesfehden geben und das Land erst recht in Chaos versinken könnte. Alle drei gaben zwar zu, dass das Unglück über Afghanistan mit den ausländischen Truppen gekommen und die Taliban von den USA hochgezüchtet worden seien, die sie jetzt bekämpfen zu müssen vorgeben. Doch was einen Ausweg aus dieser vom Westen organisierten Katastrophe angeht, äußerten sie sich pessimistisch und ratlos.

Desungeachtet bedeutet jedoch die Arbeit der Journalisten selbst und ihre Dokumentation einen wertvollen Beitrag im Kampf zur Beendigung des Krieges; denn nur wenn der Bevölkerung der kriegsführenden Länder wie Deutschland, Frankreich oder der USA die Augen über die Kriegsverbrechen in Afghanistan geöffnet und ihre Opposition gegen ihre jeweiligen Regierungen gestärkt wird, gibt es Aussicht auf Frieden.

Die Ausstellung von Christof Reuter und Marcel Mettelsiefen über das Massaker der Bundeswehr im Kunduz und ihre Opfer sollte sich daher niemand entgehen lassen, der die Möglichkeit hat sie zu besuchen.  Ebenso ist das Buch allen zu empfehlen, die sich über den Krieg Gedanken machen, für sein Ende argumentieren und den sofortigen Abzug der Bundeswehr eintreten wollen.

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