Das Phänomen Stieg Larsson

Von David Walsh
12. Februar 2011

Eine Verfilmung der Millennium-Trilogie Larssons läuft gegenwärtig Sonntagabends in ZDF.

Es gibt Krimis, Detektivgeschichten, Mysteries jeglicher Richtung und in der unterschiedlichsten nationalen Färbung. Die Besten sind unterhaltsam, aber meist hat man sie bald vergessen, weil sie weder anspruchsvoll noch tiefgründig sind. So kann man diese Bücher lesen, vergessen und nochmals lesen – im Bus, auf einer Reise, im Wartezimmer.

 Stieg Larsson Stieg Larsson

Die Millennium-Trilogie [„Verblendung“, „Verdammnis“, „Vergebung“] des Schweden Stieg Larsson fand bei Lesern auf der ganzen Welt großen Anklang. Larsson ist 2004 im Alter von 50 Jahren verstorben.

Für das ältere Publikum ruft die Erwähnung schwedischer Kriminalliteratur unweigerlich Erinnerungen an Romane des Ehepaares Maj Sjöwall und Per Wahlöö aus der Zeit von 1965 bis 1975 (Wahlöös Todesjahr) wach. Erwähnt seien hier ihre Romane Der Mann auf dem Balkon, Das Ekel aus Säffle, Die Terroristen, Verschlossen und Verriegelt und Endstation für neun.

Dann sind da die Bücher von Henning Mankell, der mit seiner ab 1991 erschienenen Romanreihe bekannt wurde, in deren Mittelpunkt der knurrige Inspektor Wallander steht. Kenneth Branagh spielte die Hauptrolle in der sechsteiligen Verfilmung dieser Reihe für das britische Fernsehen aus den Jahren 2008 und 2009.

In Stieg Larssons Romanen ist die Handlung zu verwinkelt, um sie hier im Einzelnen wiederzugeben. Zwei Figuren dominieren die Romane. Lisbeth Salander, eine junge, mit Superqualitäten gesegnete Ermittlerin und Hackerin, wurde in ihrer Jugend missbraucht und ist deshalb jeder Autorität gegenüber misstrauisch, ja sie trägt sogar anti-soziale Züge. Der andere ist der Journalist Mikael Blomkvist, ein Mann im mittleren Alter, dessen Spezialität die Aufdeckung von Korruption und Finanzschwindel ist.

Im ersten Roman "Verblendung" [The Girl with the Dragon Tattoo] verbünden sich Salander und Blomkvist, um ein vierzig Jahre altes Geheimnis zu lüften und einen Serienvergewaltiger und Mörder zu fassen. Salander wird von ihrem gerichtlichen Vormund vergewaltigt und rächt sich gleichermaßen grausam an ihm. Blomkvist bekommt das belastende Material gegen den kriminellen Unternehmer Hans-Erik Wennerström in die Hände, der ihm zuvor erfolgreich eine Verleumdungsklage angehängt hatte.

In den beiden folgenden Romanen „Verdammnis“ [The Girl Who Played with Fire] und „Vergebung“ [The Girl Who Kicked the Hornet’s Nest], deren Handlung zusammen gehört, geht es um eine Untersuchung über Frauenhandel, die Blomkvist für sein Magazin führt, um einen dreifachen Mord, der Salander angelastet werden soll, und um Salanders Versuch, die Rechnung mit ihrem furchteinflößenden Vater zu begleichen. Dieser ist ein vormaliger sowjetischer Spion und Überläufer und später landesweit bekannter Krimineller. Eine wichtige Nebenhandlung wird um die Missetaten einer verdeckt arbeitenden Einheit der schwedischen Geheimpolizei herum aufgebaut, die es aus schwer durchschaubaren Gründen seit Jahren auf Salander abgesehen hat.

Larsson war, gemessen an den Verkaufszahlen, 2008 der zweiterfolgreichste Schriftsteller der Welt. Bis heute wurde seine Millenium-Trilogie 40 Millionen mal verkauft. „Verdammnis“ war das erste ins Amerikanische übersetzte Buch, das es in den letzten 25 Jahren an die Spitze der Bestsellerliste der New York Times geschafft hatte. Alle drei Romane wurden in schwedischer Sprache verfilmt, und Hollywood plant eine eigene Verfilmung mit Daniel Craig, dem aktuellen James Bond-Darsteller, in der Hauptrolle. Wie erklärt sich diese große Popularität der Bücher Larssons?

Larssons Bücher heben sich von gewöhnlichen Krimis in mancherlei Hinsicht ab. Obwohl gelegentlich etwas weit hergeholt, sind seine Geschichten sorgsam durchgeplant und erarbeitet. Man spürt, dass wirklich Arbeit in den Büchern steckt und sie ein Anliegen haben. Der Aufbau und Ablauf der Bücher hat Zielstrebigkeit, geradezu etwas Fanatisches. Der Leser wird infolge dessen ins Buch gezogen und folgt ihm aufmerksam. Larssons Sprache ist (zumindest in der englischen Übersetzung) nicht außergewöhnlich, jedoch klar, effizient, und sie verliert sich nicht in Umständlichkeit.

Die oben genannten schwedischen Krimiautoren haben einen grundlegenden Vorteil gegenüber den meisten ihrer britischen und amerikanischen Autorenkollegen. Es ist der Einfluss linksgerichteter Ideen (auf deren Widersprüche noch einzugehen ist). Generell haben schwedische Autoren Sympathie für die Getretenen und nehmen eine feindliche, zumindest kritische Haltung den Mächtigen gegenüber ein. Das erklärt in nicht geringem Maß ihre Popularität.

Larssons Bücher stellen nicht, wie viele andere, den Alltagsstress von CIA- oder FBI-Agenten oder ihrer schwedischen Pendants in den Mittelpunkt – obwohl auch deren Leben interessant sein könnte, würde es denn ehrlich dargestellt. In den heutigen Krimis werden solche Personen und ihre Tätigkeit jedoch im Allgemeinen stark beschönigt, wenn nicht glorifiziert.

Die Bösen in Larssons Bücher sind Leute, die breite Teile der Bevölkerung spontan für abgefeimt halten: Unternehmenschefs, Sympathisanten der Faschisten, Militärspione, Geheimpolizisten, korrupte Anwälte und Psychiater, Gangster usw. Die Helden sind kämpfende, rastlose Journalisten und Ermittler, die entschlossen für die Enthüllung der Verbrechen an der Spitze der Gesellschaft kämpfen. Blomkvist ist eine sympathische Figur und Salander hat ihre faszinierenden Seiten, wenn sie nicht gerade als Rächerin auftritt, und ist zuweilen recht sympathisch.

Larssons literarische Fähigkeiten und sein geschickter Erzählstil verbinden sich mit einer dem Establishment gegenüber kritischen Haltung, was den Erfolg seiner Bücher zum Teil erklärt. Eine ungewöhnliche und verblüffende Handlung, die schwungvoll daherkommt, wird gerne gelesen.

Dennoch haben seine Bücher auch viele unschöne Züge, die den Besonderheiten unserer Zeit entsprechen. Vor allem zeigen sie auf, wie tief die so genannt „linken“ Standpunkte in den gegenwärtigen Literaturkreisen gesunken sind.

Larsson hatte seine eigene Lebensgeschichte, seine eigene Psychologie und konzeptionellen Vorstellungen, und Schweden hat besondere politische und künstlerische Traditionen. Dennoch finden unweigerlich auch in seiner Arbeit bestimmte globale Trends ihren Ausdruck, und nicht alle sind positiv.

Die Romane sind voller schockierender Gewalt. Der Autor beschreibt Vergewaltigungsszenen, Folter und verschiedene Formen der Körperverletzung anschaulich und unnötig detailliert, ohne kritische oder künstlerische Distanz. Man könnte sogar sagen, diese Szenen grenzen gelegentlich an die abstoßende „Folterpornografie“ von Horrorfilmen. (Die schwedische Verfilmung von „Verblendung“ folgt der Buchvorlage in dieser Hinsicht.)

Szene aus der schwedischen Verfilmung von <i>„Verblendung“ (Män som hatar kvinnor), Regie Niels Arden Oplev Szene aus der schwedischen Verfilmung von „Verblendung“ (Män som hatar kvinnor), Regie Niels Arden Oplev

Das Buch stellt eine Art linke oder anarchistische Selbstjustiz heraus, die keinem weiterhilft. Besonders Salander ist erbarmungslos bei der Umsetzung ihrer persönlichen und schmerzvollen Rache. Generell fühlt der Leser sich dazu gedrängt, ihr zur Seite zu stehen. Das Buch schwelgt in Salanders lustvollem Drang nach Rache, einschließlich ihrer Kindheitsfantasie, in der sie den grausamen Vater anzündet. Selbst ihr Computer-Hacking hat Untertöne physischer Gewalt:

In Vergeltung erhält ein brutaler Killer von ihr einen Schlag von hinten. Er schreit auf, worauf sie mit einem Kommentar à la Clint Eastwood reagiert: „Magst Du Schmerz, Du Ekel?“ Später, wenn sie über „Männer mit verkorkster Sexualität“ redet, sagt sie: „Wenn es nach mir ginge, dann würden Männer wie er ausgerottet, jeder einzelne von ihnen.“ Man spürt keinen Versuch des Autors, sich selbst von solchen Kommentaren der Figur Salander zu distanzieren.

In „Vergebung“ schreibt Larsson, es sei vor allem Salanders Wunsch nach Rache, der sie an Blomkvists Seite geführt habe. Sie könne nicht vergeben. Es ist aber nicht besonders demokratisch, diesen Gedanken immer wieder zu betonen, und mit sozialistischen Prinzipien hat es erst recht nichts zu tun. Inwiefern soll nackte Rache dem Kampf gegen Unterdrückung nützen?

Selbst wenn es um einen Schurken geht, ist das Nichtvorhandensein von Mitgefühl beunruhigend. Dabei wird jeder, der die Besessenheit des Autors und seine Weltsicht nicht teilt, von vorneherein abgelehnt. Wenn der Roman, bzw. seine Hauptfigur Lisbeth Salander, nicht einmal darüber nachdenken mag, wie Menschen überhaupt kriminell werden, erinnert das eher an die Law and Order-Parolen der Rechten. In „Vergeltung“ weist sie Blomkvists Versuche zurück, die verrückten Verbrechen des Mörders in den Kontext eines außerordentlich kranken familiären Hintergrunds zu stellen. Wütend entgegnet sie, der Mörder habe „genau dieselbe Möglichkeit gehabt, sich zu wehren, wie jeder andere. Er tötete und vergewaltigte, weil er Lust dazu hatte“.

Nach Art eines Talkshowmoderators, der über “persönliche Verantwortung” schwadroniert, klagt Salander später, es sei „erbärmlich“, dass solche Widerlinge „immer jemanden haben müssen, dem sie die Schuld zuweisen können“.

Parallel dazu versteigt sich Larssons unablässiger und naiver “Feminismus“ in absurde Höhen. Ein großer Teil des Lebens, so schreibt der Autor, dreht sich um die Gewalt der Männer gegen Frauen. Der schwedische Titel des ersten Romans lautet „Männer, die Frauen hassen“, und Salander exerziert dieses Thema durch. Nachdem sie Blomkvists Theorie über den Mörder erfahren hat, betont sie immer wieder: „Ich denke, du irrst dich. Es ist kein geistesgestörter Serienkiller, der irgendwas falsch verstanden hat. Es ist ein ganz gewöhnlicher, frauenhassender Dreckskerl.“

Sexhandel ist für Larsson und seine Journalisten-Protagonisten offenbar das perfekte Thema, denn: „Nicht oft kann ein Ermittler die Rollen so klar am Geschlecht ausrichten. Mädchen – Opfer; Jungs – Täter.“ (Verdammnis). Larsson versucht – leider mit schlechtem Ergebnis – das gesamte soziale Leben in eine Schablone zu pressen. Nach rund 1800 Seiten kommt die Trilogie in Vergebung mit Blomkvists bemerkenswerten Worten zum Schluss: „… in dieser Sache geht es nicht vor allem um Spione und Geheimagenten; es geht um Gewalt gegen Frauen und um Männer, die diese ermöglichen.“

In seiner falschen Sichtweise auf das Menschliche imitiert Larsson die Ultrarechten, die bewusst mit Begriffen wie „Helden“ und „Schurken“ operieren. Jede auftretende Figur ist entweder „gut“ oder „böse“ und wird ihrem Attribut im Allgemeinen gerecht. Ein verlässliches Zeichen der Zuordnung ist dabei das Geschlecht; wenn mich meine Erinnerung nicht trügt gibt es in den Romanen nicht einen einzigen weiblichen Bösewicht. Wie Salander im Reich der zwischengeschlechtlichen Beziehungen handelt, so argumentiert Blomkvist bei seinen Reportagen: „Für Blomkvist lautete die goldene Regel des Journalismus, dass immer jemand schuld war. Die bösen Jungs“ (Vergeltung). Zu diesem Thema finden sich zahlreiche Variationen.

Vereinfachung und Mythenproduktion wird nicht dadurch besser, dass sie von „Linken“ stammt. Soziales Leben und menschliches Verhalten sind komplexe, äußerst widersprüchliche Phänomene, die gründliche Erforschung verlangen. Larsson kam offenbar nie in den Sinn, was Leo Trotzki so ausdrückte: Der Leser könne aus ernsthafter Literatur “eine komplexere Vorstellung vom Menschen, seiner Leidenschaften und Gefühle“ entnehmen, „ein tieferes und umfassenderes Verständnis seiner seelischen Kräfte und der Rolle des Unterbewussten …“

Die künstlerischen Konsequenzen wiegen schwer. Manch einer verschlingt Larssons Bücher, manch einer verdrängt anschließend das Gelesene vollständig. Es gibt keine Momente großen Dramas, die einem in Erinnerung bleiben (die verstörend gewalttätigen oder fast-pornografischen Sequenzen halten sich dort aus anderen Gründen). Es gibt keine fesselnden Konfrontationen und Konflikte, in denen unsere Zeit und unsere Probleme auf den Punkt gebracht werden. In dieser Hinsicht gleicht Larssons Werk leider zum großen Teil den heute gängigen Filmen und Büchern.

Larsson bewunderte Science Fiction, und das ist in den Büchern zu spüren. In ihnen geht es zum Großteil um verschiedene technologische oder „forensische“ Prozesse, besonders um Salanders Computerkenntnisse. Das ist zuweilen fesselnd, und Larssons Begeisterung für die Details wirkt durchaus ansteckend. Aber es nutzt sich ab, und zum Ende des dritten Romans ist es kaum noch reizvoll.

Im Ganzen gesehen ist die Trilogie keine irgendwie bedeutsame oder bleibende Widerspiegelung des Lebens. Die vernichtendste Kritik, die jemand vorbringen könnte, lautet: die Leser haben nach der Lektüre der drei Romane keine klarere Vorstellung vom Leben in Schweden als zuvor. Oh ja, man erfährt durchaus einiges über die Welt des schwedischen Journalismus und darüber, wie Polizeikräfte und Gerichte dort arbeiten, über die Geschichte der faschistischen Bewegung im Land und über die Aktionen der Geheimdienste. Aber erfährt man auch etwas über den Schweiß und die Mühen des Alltags, seinen Geruch und Geschmack? Nichts.

Hier handelt es sich bei Larsson um eine Art Mittelschichts-“Linkssein”, das Fehlen jeder Hinwendung zum Leben der einfachen, arbeitenden Bevölkerung oder zu gesellschaftlichen Verhältnissen und Problemen im Allgemeinen. Die arbeitende Klasse ist gänzlich ausgeblendet. Larsson war Mitglied einer Organisation, die sich fälschlicherweise als „trotzkistisch“ bezeichnete. Trotzki hätte für ihre Politik aber wohl nur Verachtung gehabt. Es war nicht Larssons Schuld, dass eine wahrhaft revolutionäre Partei in Schweden fehlte, aber seine Partizipation an kleinbürgerlicher Protestpolitik (Ökologie, Feminismus, usw.), die als Marxismus daherkommt, raubte ihm selbst und seiner Arbeit als Schriftsteller die Orientierung.

Der Künstler kann schaffen, was immer er möchte, aber die „gesellschaftlichen Bedingungen in der historischen menschlichen Gesellschaft sind in erster Linie klassenbedingt“ (Trotzki). Kunst, die „oft die tiefsten und verborgendsten gesellschaftlichen Bestrebungen ausdrückt“, ignoriert diese Bedingung bei Gefahr ihres Untergangs. Das ist keine soziologische Aufgabe, die dem Künstler willkürlich aufoktroyiert würde, sondern sie fließt aus dem tiefsten Zweck der Kunst selbst. Das größte Drama liegt am nächsten bei der Wahrheit und die zentrale Wahrheit über unsere Welt ist die Rolle der gesellschaftlichen Spaltungen und ihrer Folgen. Die größten Schreiber der modernen Zeit haben dies verstanden, aber sie haben sich entschlossen, es zu interpretieren.

Die Kriminalromane von Maj Sjöwall and Per Wahlöö

Selbst ein Vergleich mit den früheren schwedischen Krimiautoren Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die auch links, aber aus einer anderen Generation waren, ist lehrreich. Wahlöö beschrieb das Ziel der beiden so: „Wir wollten den Kriminalroman als Skalpell nutzen, um den Bauch des ideologisch ausgezehrten und moralisch angreifbaren so genannten bürgerlichen Sozialstaats zu sezieren.“ Ob sie damit erfolgreich waren, darüber lässt sich streiten, man kann ihre Bücher auch überschätzen. Aber sicher gelang es ihnen in ihren besten Momenten, ein Gefühl für die besonderen Eigenschaften des damaligen Lebens in Schweden zu vermitteln.

Ihr zweiter Roman Der Mann auf dem Balkon (1967) beruht auf einem Fall, in dem ein Mann zwei kleine Mädchen in Stockholm angriff und tötete. Er beginnt mit dem verunsichernden Bild, das im Titel des Buches erfasst ist. Am frühen Morgen eines heißen Sommertages steht ein Mann schweigend auf dem Balkon eines Wohnhauses in einer großen Stadt, raucht Zigaretten und beobachtet intensiv die Straße.

Der Mann begeht im weiteren Verlauf schlimme Verbrechen, aber Sjöwall und Wahlöö porträtieren ihn, oder andere Mörder in ihren Büchern, nie als Monster. Jeder wird in einer konkreten sozialen Situation gezeigt. Die schwedische Gesellschaft garantierte damals jedem Bürger ein gewisses Maß an wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit, während es immer noch Armut, Ungerechtigkeit und eine tiefe Entfremdung und Unzufriedenheit gab. Die Verbrecher dieser Romane waren meist das Treibholz und der Ausschuss der modernen kapitalistischen Gesellschaft, vergessen, isoliert, verbittert.

In Und die Großen lässt man laufen (1970) beschreiben die Autoren einige Schlägereien, Angriffe und eher zufällige, gewalttätige Übergriffe, mit denen die Polizei plötzlich konfrontiert ist, als „ohne Vorsatz ausgeführte Verbrechen, beinahe Unfälle. Unglückliche Menschen, nervöse Wracks geraten gegen ihren Willen in verzweifelte Situationen. In fast allen Fällen waren Alkohol oder Drogen im Spiel. Teilweise mag die Hitze Schuld gewesen sein, mehr aber eigentlich das System selbst, die gnadenlose Logik der großen Stadt, die jene mit schwachem Willen und die schlecht Angepassten fertig machte und zu sinnlosen Taten trieb“. Diese Stimmung ist gut geschildert und fehlt bei Larsson fast völlig.

In dem gleichen Buch geschieht auch der Mord an dem Firmenchef Palmgren eher im Affekt. Täter ist ein Mann, der schon mehrfach Opfer von Palmgrens Geschäftsgebaren war. Der Mörder erzählt der Polizei, wie er da saß und innerlich kochte. „Nach der Kündigung, dem erzwungenen Umzug, der Entlassung und schließlich der Scheidung habe er in seiner Einsamkeit in Malmö dagesessen und über seine Situation nachgedacht. Es sei ihm immer deutlicher klargeworden, wer die Ursache all der Rückschläge gewesen sei, die er habe hinnehmen müssen: Viktor Palmgren, der Ausbeuter, der sich auf Kosten anderer Menschen bereichert, der Magnat, dem das Wohl oder Wehe seiner Mieter und Angestellten völlig gleichgültig gewesen sei. Er habe begonnen, diesen Mann zu hassen. Er habe früher nie geglaubt, eines solchen Hasses fähig zu sein.“

Es ist klar, dass die Autoren versuchen, für die zu sprechen, die selbst keine Stimme haben. In Das Elel aus Säffle (1971, verfilmt von Regisseur Bo Widerberg 1976) beschreiben sie, wie das Zentrum von Stockholm in den letzten zehn Jahren völlig verändert worden war. Die Einwohner von Stockholm mussten mit Bedauern und Bitternis zusehen, wie praktische und unersetzliche Wohnhäuser platt gemacht und durch sterile Bürogebäude ersetzt wurden. Machtlos ließen sie sich in entfernte Vororte deportieren, während ihre angenehmen, lebendigen Viertel, wo sie gelebt und gearbeitet hatten, in Trümmer fielen.

Das Ekel aus dem Titel ist ein gemeiner Polizist, der getötet wird, weil er es einmal zugelassen hat, dass eine kranke Frau unversorgt in seiner Gefängniszelle stirbt. Ein früherer Polizeikollege des Mordopfers sagt zu Martin Beck vom Morddezernat, der zentralen Figur in der Sjöwall-Wahlöö-Serie, der Tote habe ihm „eine Menge beigebracht“. Beck antwortet: „Wie man einen Meineid leistet, zum Beispiel? Wie man gegenseitig seine Berichte kopiert, damit alles übereinstimmt, obwohl jedes Wort eine Lüge ist? Wie man Leute in ihrer Zelle misshandelt? Oder wo der beste Platz ist, um in Ruhe und Frieden zu parken, wenn man einem armen Schwein auf dem Weg vom Revier zur Kriminalpolizei eine extra Abreibung verpassen will?“

In Die Terroristen (1975), dem letzten Roman in der Serie, verteidigt ein exzentrischer Anwalt eine unglückliche junge Frau, die fälschlicherweise beschuldigt wird, eine Bank überfallen zu haben. „Rebecca Lind hat von der Gesellschaft nicht viel Hilfe oder Freude erfahren. Weder die Schule, noch ihre eigenen Eltern, noch die ältere Generation ganz allgemein haben ihr geholfen und sie ermutigt. Dass sie sich nicht bemüht hat, sich in das herrschende System einzupassen, kann man ihr nicht vorwerfen. Wenn sie im Unterschied zu vielen anderen jungen Leuten versucht, Arbeit zu finden, hört sie, dass es keine gibt.“

Schließlich erschießt das Mädchen nach einer ganzen Reihe persönlicher Katastrophen einen Regierungsvertreter. Später erklärt sie Beck: „Es ist schrecklich, in einer Welt zu leben, in der sich die Menschen nur gegenseitig belügen. Wie kann man einem Schurken und Verräter erlauben, Entscheidungen für das ganze Land zu treffen. Denn genau das war er. Ein verdammter Verräter. Nicht dass ich glaube, dass sein Nachfolger besser sein wird, so dumm bin ich auch nicht. Aber ich möchte ihnen zeigen, ihnen allen, die regieren und entscheiden, dass sie die Menschen nicht ewig betrügen können.“

Diese Züge eines gesellschaftlichen Verständnisses und der Sympathie für die Schwierigkeiten der Menschen müssen im modernen Roman und Film wiederbelebt und deutlich vertieft werden.

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