Armutslöhne in der Leiharbeit

Von Dietmar Henning
12. Februar 2011

Mehr als jeder achte Leiharbeiter verdient weniger als den Hartz-IV-Satz. Armutslöhne sind in der Branche die Regel. Das geht aus einer Studie hervor, die der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) am Montag vorgelegt hat.

Im Juni 2010 waren laut offiziellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit rund 800.000 Menschen im Verleihgewerbe beschäftigt, inzwischen soll die Zahl auf die Millionengrenze zusteuern.

Laut DGB verdienten Leiharbeiter 2009 in Westdeutschland durchschnittlich nur 1.456 Euro brutto im Monat, in Ostdeutschland sogar nur 1.224 Euro. Die in der DGB-Studie „Niedriglohn und Lohndumping im Verleihgewerbe“ ermittelten Durchschnittslöhne bedeuten für einen ledigen und kinderlosen Arbeiter im Westen 1.055 Euro und im Osten sogar nur 921 Euro Nettoverdienst im Monat.

Das sind aber nur die Durchschnittslöhne. Jeder zehnte Leiharbeiter in Vollzeit im Westen und jeder fünfte im Osten verdient sogar weniger als 1.000 Euro brutto im Monat. „Ein weiteres Fünftel der Leiharbeitskräfte verdient nur zwischen 1.001 bis 1.200 Euro; im Osten sind es auch hier mehr als ein Viertel“, heißt es in der Studie.

Der Abstand zum Einkommen aller Vollzeitbeschäftigten ist gravierend. In Westdeutschland lag das mittlere Bruttoeinkommen 2009 bei 2.805 Euro im Monat, fast doppelt so hoch wie die 1.456 Euro für Leiharbeitskräfte.

Berücksichtigt man nur die Einkommen im produzierenden Gewerbe, in das die Arbeiter meist entliehen werden, ist der Unterschied noch größer. Leiharbeiter verdienen bundesweit im Schnitt nicht einmal halb so viel (45,7 %) wie die Vollzeitbeschäftigten der produzierenden Unternehmen. „Insbesondere hier wird Leiharbeit zum Unterlaufen der tariflichen Entlohnung der Stammarbeitskräfte missbraucht“, stellt die Studie fest.

Die Zahl derjenigen, die trotz sozialversichertem Job zusätzliche Hartz-IV-Leistungen beziehen, ist rasant gestiegen. Mitte 2010 waren gut 92.000, das sind 13 % aller sozialversicherten Leiharbeiter, betroffen.

Die Leiharbeiter werden in einer Wirtschaftskrise als erste entlassen. 2008 verloren 234.000 Leiharbeiter, mehr als jeder vierte, ihren Job. Zusätzlich sanken die Löhne von 2008 auf 2009. Nun boomt die Branche wieder. Doch den Beschäftigten kommt dies nicht zugute. Sie werden vorwiegend zu Armutslöhnen eingestellt. Von Mitte 2009 bis Mitte 2010 stieg die Zahl der auf Hartz IV angewiesenen Leiharbeitskräfte um 60 %.

Die Zahlen der DGB-Studie, die die persönlichen Schicksale der Arbeiter und ihrer Familien nur erahnen lassen, sind eine Anklage an alle Bundestagsparteien und an die Gewerkschaften, einschließlich des DGB selbst.

Die starke Ausweitung des Niedriglohnsektors und der Leiharbeit war das erklärte Ziel der „Agenda 2010“ der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder. An der Ausarbeitung der „Agenda 2010“ und insbesondere der so genannten Hartz-Gesetze war der DGB maßgeblich beteiligt.

Peter Gasse, damaliger Bezirksleiter der IG Metall in NRW und nun Arbeitsdirektor der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann, sowie Isolde Kunkel-Weber vom Verdi-Vorstand waren Mitglieder der Kommission, die unter Leitung des VW-Personalvorstands Peter Hartz die Reformen Hartz I bis Hartz IV ausarbeitete. Sie leiteten den größten Sozialkahlschlag in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands ein. Als sich dann 2004 breiter Protest gegen Hartz IV entwickelte, weigerte sich der DGB, ihn zu unterstützen.

Der DGB beschränkt sich aber nicht darauf, die gesetzlichen Grundlagen für den weit verbreiteten Einsatz von Zeitarbeit zu schaffen. Er organisiert sie auch und verdient daran.

So ist der DGB in Nordrhein-Westfalen Mitgesellschafter der Firma Start Zeitarbeit GmbH. Zu den weiteren Gesellschaftern zählen das Land NRW, mehrere Städte (u. a. Düsseldorf und Duisburg), der Arbeitgeberverband Stahl sowie Unternehmens- und Wohlfahrtsverbände.

„Unser Ziel ist es, die langfristige Wettbewerbsfähigkeit in der Region sicherzustellen“, heißt es auf der Website des Unternehmens. Start Zeitarbeit hatte 2009 einen Umsatz von 49 Millionen Euro (2008: 94,5 Mio. Euro) und unterhält in NRW 27 Niederlassungen. Ihre durchschnittlich rund 1.800 Zeit- oder Leiharbeiter (2009) werden nach einem mit der Gewerkschaft Verdi vereinbarten Tarifvertrag bezahlt.

Der niedrigste Stundenlohn für Helfer liegt bei 8,05 Euro. Das sind bei einer 35 Stunden-Woche rund 1.225 Euro brutto im Monat. Facharbeiter erhalten während der ersten sechs Monate 85 % der im Betrieb des Entleihers geltenden Löhne. Während der DGB und seine Gewerkschaften offiziell „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ fordern, gilt dieses Prinzip bei Start erst ab dem 19. Beschäftigungsmonat im Entleihbetrieb!

Die sieben größten DGB-Gewerkschaften haben auch mit dem Interessenverband Zeitarbeitsunternehmen (iGZ) und dem Bundesverband Zeitarbeit (BZA) Tarifverträge abgeschlossen. Der darin verankerte Mindestlohn beträgt derzeit 6,65 Euro im Osten und 7,60 Euro im Westen. Der DGB zementiert damit nicht nur ungleiche Löhne in Ost und West. Er unterstützt auch die Armutslöhne, die er in seiner jüngsten Studie anprangert, nämlich 1.009 Euro brutto im Osten und 1.153 Euro im Westen.

Diese Fakten zeigen, was von den Kampagnen des DGB gegen Leiharbeit und Niedriglöhne zu halten ist. Sie dienen dazu, Dampf abzulassen und der Bundesregierung den Rücken frei zu halten. Wie schon im vergangenen angeblich „heißen Herbst“ hat der DGB für den 24. Februar zu „einem bundesweiten Aktionstag in Betrieben und Verwaltungen“ aufgerufen. Er ausschließlich die Aufgabe, einen wirklichen Kampf zu verhindern.

Auch die Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition um die Hartz-IV-Reform muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Es handelt sich um einen Schaukampf in Hinblick auf die bevorstehenden sieben Landtagswahlen, während Regierung und Opposition entschlossen sind, den in den vergangenen Jahren gemeinsam geschaffenen Niedriglohnsektor beizubehalten.

siehe auch:

Die Vorschläge der Hartz-Kommission – SPD und Gewerkschaften fördern Niedriglohnarbeit

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