Unruhen in Nordafrika und Nahost treiben Ölpreis hoch und Aktien in den Keller

Von Barry Grey
24. Februar 2011

Aktienwerte fielen weltweit den zweiten Tag in Folge, und der Rohölpreis zog kontinuierlich an. Die sozialen Unruhen in Libyen beeinträchtigen den Ölexport. Derweil breiten sich die Proteste in Bahrain und dem Jemen nach Saudi-Arabien aus.

Alle großen westlichen Ölkonzerne in Libyen fahren ihre Förderung zurück oder unterbrechen sie vorübergehend, wie sie am Montag berichteten. Die übliche Tagesproduktion des Landes von 1,6 Millionen Barrel sei dadurch um acht Prozent zurückgegangen. Außerdem blieben die libyschen Häfen geschlossen.

Belastbare Informationen über die Lage in Libyen sind knapp, weil das Regime Muammar Gaddafis ausländischen Reportern die Berichterstattung untersagt, und das Internat und die Mobilfunkdienste unterbrochen sind. Aber es gibt Anzeichen, dass sowohl die freiwillige Senkung der Förderung als auch Arbeiterstreiks eine Rolle spielen. Al-Dschasira berichtete am Montag, Libyens Ölfeld Nafura sei durch einen Streik stillgelegt.

Die Referenzpreise für Rohöl schossen am Montag und Dienstag fast auf ein Dreijahreshoch. Ein Barrel der europäischen Referenzmarke Brent stieg am Montag um 3,22 Dollar pro Barrel oder 3,2 Prozent, auf 105,74 Dollar. Die amerikanischen Ölpreise sprangen am Dienstag zu Handelsbeginn um sieben Prozent in die Höhe und näherten sich der 100 Dollar Marke bis auf zwei Dollar. Am Montag hatte der Anstieg sechs Prozent betragen.

Eine neue Ölpreisblase bringt die Gefahr einer erneuten Rezession und unkontrollierter Inflation mit sich. Schon heute steigen die Nahrungsmittel- und Warenpreise, und in den meisten entwickelten Industrieländern Nordamerikas, Europas und Asiens herrscht Massenarbeitslosigkeit. Handels- und Währungskriege sind bereits Realität. Eine neue Rezession oder unkontrollierte Inflation würde mit großer Wahrscheinlichkeit zum Kollaps von Großbanken und zu Staatsbankrotten führen und weitere soziale Unruhen zur Folge haben.

USA Today warnte am Dienstag unter Berufung auf amerikanische Industrieanalysten, in der Sommer-Hochsaison könnten die Benzinpreise an den Tankstellen auf fünf Dollar pro Gallone (3,8 Liter) steigen [eine Gallone kostet im Moment 3,20 Dollar]. Die Zeitung wies darauf hin, dass auch Spekulation zum Ölpreisanstieg beiträgt: „Auch Spekulanten treiben den Ölpreis in die Höhe. Nachdem sie von hochschießenden Futures für Baumwolle, Kaffee und Mais profitiert haben, beuten die Händler jetzt die Energiemärkte aus.“ Sie zitierte mit Darin Newsome einen Analysten der Energiefirma DTN: „Der Fluss des Geldes spielt für die Richtung, die Geschwindigkeit und das Schwanken dieser Märkte eine enorme Rolle.“

Bill Belchere, Chefökonom für die globale Wirtschaft bei Mirae Asset Securities, warnte am Dienstag in einem Interview mit Bloomberg Television: “Man muss sich große Sorgen machen, besonders weil sich das auf den Ölpreis auswirken kann. Wenn der Ölpreis noch einmal um zwanzig oder dreißig Dollar steigt, dann könnten wir wieder in einer globalen Rezession landen.“

Die US-Börsen, die am Montag wegen eines Feiertags geschlossen waren, fielen am Dienstag scharf ab und schlossen sich den gedrückten Märkten in Europa und Asien an. Der Dow Jones verlor 178 Punkte oder 1,4 Prozent. Der Standard & Poor’s Index 500 gab 27 Punkte ab, das sind zwei Prozent. Die Technologiebörse NASDAQ fiel sogar noch schärfer und verlor 77 Punkte oder 2,7 Prozent.

Die europäischen Börsen verloren am Montag mehr als ein Prozent. Am stärksten betroffen war der italienische Index mit einem Verlust von 3,6 Prozent. Darin spiegelte sich die besonders enge Verbindung der italienischen mit der libyschen Wirtschaft. Der französische CAC 40 fiel am Dienstag um weitere 1,2 Prozent, und der italienische FTSE MIB Index um weitere 1,1 Prozent. Der Stoxx Europe fiel um 0,6 Prozent.

Die Werte in Asien fielen am Dienstag weiter. Der japanische Nikkei 225 verlor 1,8 Prozent, Hongkongs Hang Sen verlor 2,1 Prozent und Chinas Shanghai Composite 2,6 Prozent.

Libyen steht weltweit als Ölförderland an siebzehnter Stelle und deckt zwei Prozent der globalen Förderung ab. Es ist der drittgrößte Ölförderer in Afrika, verfügt aber über die größten Reserven auf dem Kontinent. Den Löwenanteil seiner Exporte von 1,2 Millionen Barrel am Tag verschifft es nach Europa. Italien ist sein größter Kunde.

Obwohl eine fühlbare Störung der libyschen Exporte selbst schon wirtschaftlich bedeutsam ist, hat der fieberhafte Anstieg des Ölpreises mehr mit der Furcht zu tun, Libyen könnte nur das Vorspiel für soziale Unruhen in Saudi-Arabien sein, dem viel wichtigeren Ölförderland. Letzteres fördert pro Tag 8,4 Millionen Barrel, d.h. fast zehn Prozent des weltweiten Ölverbrauchs von 87,5 Millionen Barrel. Es exportiert jeden Tag 6,5 Millionen Barrel.

Das saudische Regime demonstrierte seine Bedeutung für die Weltölmärkte, als es am Dienstag eine Konferenz ausrichtete, auf der Instrumente diskutiert wurden, um die Schwankungsanfälligkeit des Ölpreises zu reduzieren. Auf der Konferenz, an der energiepolitische Vertreter aus neunzig Ländern, darunter den USA, teilnahmen, versicherte der saudische Ölminister Ali al-Naimi, dass die Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) jede Knappheit infolge von Lieferunterbrechungen ausgleichen werde.

Die Furcht, die revolutionäre Ansteckung könnte sich auch auf das ölfördernde Bollwerk des US-Imperialismus im Persischen Golf ausbreiten, wächst vor allem wegen der andauernden Proteste in Bahrain, einem wesentlich kleineren Ölförderland, und dem Jemen. Der Inselstaat im Golf liegt an der östlichen Grenze Saudi-Arabiens. Der Jemen liegt an der Südgrenze des saudischen Königreichs. Die sunnitischen Scheichs und ihre amerikanischen Hintermänner fürchten besonders, dass sich die allgemeine soziale Unruhe im Jemen mit dem separatistischen Aufstand jemenitischer Schiiten im Norden des Landes verbindet.

Das Wall Street Journal zitierte am Dienstag Neil Atkinson, den Forschungsdirektor von Datamonitor, mit den Worten: “Selbst wenn das Gaddafi-Regime stürzen sollte, würde das die Ölförderung mittelfristig nicht wesentlich beeinträchtigen, weil sie die Lebensader des Landes ist. Kurzfristig sind die Ölmärkte natürlich nervös, aber die wirkliche Gefahr hinter der libyschen Geschichte ist Saudi-Arabien.“

Peter Beutel, Ölanalyst der Firma für Energierisikomanagement, Cameron Hanover, war noch unverblümter. CNNMoney.com zitierte ihn am Dienstag mit den Worten: „Jetzt sieht es langsam so aus, dass die ganze Region in Flammen steht, und es scheint, als ob es sich in andere Teile der Region ausbreiten könnte… Es wird schlimmer und schlimmer. Es könnte sogar Saudi-Arabien ergreifen, das ist die große Sorge.“

Er fügte hinzu, die Märkte seien durchgeschüttelt worden, als klar wurde, dass die “regionale Revolution… radikalere und extremere Elemente ans Ruder bringen wird”.

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