Aktienmärkte verlieren nach Katastrophe in Japan

Von Nick Beams
17. März 2011

Die japanischen Aktienmärkte haben im Gefolge des Erdbebens, des Tsunamis und der Nuklearkatastrophe ihre schwersten Verluste seit dem weltweiten Aktiencrash vom Oktober 1987 hinnehmen müssen. Am Dienstag fiel der Tokioter Nikkei-Index um 10,4 Prozent – nachdem er zwischendurch 14 Prozent verloren hatte – und erhöhte die gesamten Verluste innerhalb von drei Tagen auf 18 Prozent. Bei Handelseröffnung am Mittwoch kam es zu einer leichten Erholung, bei der der Index sich um etwas mehr als sechs Prozent erholte.

Der Absturz am Dienstag erfolgte, obwohl die japanische Zentralbank am Montag 183 Milliarden US-Dollar in die Finanzmärkte gepumpt hatte – mehr als je zuvor an einem einzigen Tag.

Wegen ihrer gewaltigen Investitionen in Industrieaktien waren die Banken von dem Ausverkauf mit am härtesten betroffen. Mitsubishi MUFJ, dem Marktwert nach größter Gläubiger des Landes, und die Mizuho Financial Group, mussten im Verlauf des Tages Verluste von bis zu 20 Prozent hinnehmen. Der Kurs der Sumitomo Mitsui Financial Group, der zweitgrößten Bank, fiel um 17 Prozent – der größte Verlust, seit sie 2002 mit dem Handel begann.

In der ganzen Welt kam es infolge der Angst vor den wirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen der japanischen Krise zu Ausverkäufen. Während die asiatisch-pazifische Region am härtesten betroffen war, - der australische Markt gab um mehr als zwei Prozent nach – kam es auch in Europa zu erheblichen Verlusten. Der deutsche Aktienindex fiel um mehr als drei Prozent, und in den USA gab der Dow Jones um 1,37 Prozent nach.

Die Verluste haben zwei Hauptursachen: Die sich verschärfende Krise im Kraftwerk von Fukushima, wo sich die Lage trotz aller offiziellen Beteuerungen kontinuierlich verschlimmert und wo eine Ausweitung der radioaktiven Strahlung über die derzeitige 20-km-Evakuierungszone hinaus droht; und wachsende Sorgen wegen der Kosten des Wideraufbaus und seiner Bedeutung für die japanischen Staatsfinanzen.

Wenn die nukleare Krise nicht unter Kontrolle gebracht wird und erhöhter atomarer Niederschlag Tokio und die umgebende Industrieregion erreicht, werden die Folgen katastrophal sein. Die Fondsmanager der Deutschen Bank sagten ihren Kunden gestern, dass man “ im Falle des „worst-case-Szenarios davon ausgehen müsse, dass ein Gebiet betroffen sein könnte, das mehr als 40 Prozent von Japans Bruttoinlandsprodukt ausmacht.“

Stromabschaltungen im ganzen Land haben bereits zu einer erheblichen Drosselung der Produktion geführt. Größere Hersteller, unter ihnen Sony, Toyota, Honda und Mazda, haben Produktionseinschränkungen angekündigt. Mazda gab bekannt, es werde seine Produktion bis zum 20. März aussetzen, obwohl die meisten seiner Werke im Westen des Landes liegen.

Die Tokyo Power and Electric Company (Tepco), Betreiberin der betroffenen Atomkraftwerke und Japans größter Stromproduzent, hat angekündigt, dass es zumindest bis Ende April zu Engpässen in der Stromversorgung kommen werde. Angesichts der langen Geschichte von Vertuschungen und offensichtlichen Lügen dieser Firma hat es bereits Warnungen gegeben, dass es sich hierbei um eine erhebliche Untertreibung handelt und es bis zum Jahresende zu Stromabschaltungen kommen könne.

Neben den unmittelbaren Auswirkungen auf die Produktion gibt es Sorgen, dass die Kosten des Wiederaufbaus zum „Umkippen“ des japanischen Finanzsystems führen könnten.

Bereits vor der Katastrophe beliefen sich die Staatsschulden auf 12,2 Billionen US-Dollar. Das ist der Gegenwert von 220 Prozent des japanischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) und etwa das Zwanzigfache der jährlichen staatlichen Steuereinnahmen in Höhe von 587 Milliarden US-Dollar.

Im Januar 2010 stufte die Rating-Agentur Standard and Poor‘s die japanischen Schulden herunter und erklärte, der japanischen Regierung fehle es an einer zusammenhängenden Strategie angesichts ihrer wachsenden Haushaltsprobleme. Moody’s hat gedroht sich anzuschließen.

Bisher ist es der japanischen Regierung gelungen, ihre steigenden Schulden durch Inlandskredite zu finanzieren. Das bedeutet, dass japanische Banken, Versicherungsgesellschaften und Rentenfonds ihre Einlagen zusammenkratzen und das Geld in Staatsanleihen investieren, was etwa 1,5 Prozent an Zinsen einbringt. Aber die Ausweitung der Schulden kann nicht unbegrenzt anhalten, vor allem nicht, wenn die Bevölkerung nicht nur immer älter wird, sondern auch abnimmt und ältere Japaner sich ihre Renten auszahlen lassen und nicht weiter in die Fonds investieren.

In diesem Zusammenhang kann das Aufbringen der zum Wiederaufbau erforderlichen Mittel, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf zwischen zwei und zehn Prozent des BIP geschätzt werden, eine Finanzkrise auslösen und die Regierung zwingen, entweder den Zinssatz zu erhöhen oder die Zentralbank anzuweisen, Geld zu drucken, um Staatsanleihen zu kaufen.

Sorgen macht man sich in Finanzkreisen auch darüber, dass die Regierung die von ihr gehaltenen US-Staatsanleihen verkaufen muss, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Ein solcher Zug würde zu einem Preisverfall von US-Staatsanleihen führen und die Zinssätze auf den Märkten in die Höhe treiben. Japan ist zweitgrößter internationaler Investor in US-Staatsanleihen und hielt Ende 2010 882 Milliarden US-Dollar, verglichen mit Chinas 1,16 Billionen US-Dollar.

US-Finanzminister Timothy Geithner beeilte sich, die Wahrscheinlichkeit eines Verkaufs von US-Staatsanleihen herunterzuspielen: „Japan ist ein sehr reiches Land und hat hohe Rücklagen“, sagte er. Es habe die „Fähigkeit, nicht nur mit der humanitären Herausforderung fertig zu werden, sondern auch mit dem vor ihm liegenden Wiederaufbau.“

Ungeachtet Geithners Beteuerungen, gibt es bereits einen Abfluss japanischer Finanzen aus den amerikanischen Märkten, da die Versicherungen des Landes ihre Einlagen zurückholen, um damit den von ihnen zu leistenden Schadensersatzforderungen nachzukommen. Dies hat zu der offensichtlich perversen Situation geführt, dass der Wert des Yen, der bereits als überbewertet gilt, trotz des Ausmaßes der Erdbebenkrise auf den Finanzmärkten gegenüber dem Dollar gestiegen und nicht gefallen ist.

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