Das Problem des „Persönlichen“ und des „Politischen“ im Film

Von Stefan Steinberg
8. März 2011

Dies ist der erste Artikel einer Serie über das Berliner Filmfestival, die Berlinale, die vom 10. bis zum 20. Februar stattfand.

Nader and Sinin, A Separation Nader and Sinin, A Separation

Abgesehen von einigen lobenswerten Ausnahmen gelang es den für die diesjährige Berlinale ausgewählten Filmen bedauerlicherweise nicht, ein tieferes Gefühl für die Charaktere auf der Leinwand zu erzeugen oder Interesse an ihrem Schicksal zu wecken – eben jene Breite der Gedanken und tiefen Emotionen hervorzulocken, die von beeindruckenden Filmen freigesetzt werden.

Ein Teil der Verantwortung wird sicher bei den Programmgestaltern der verschiedenen Festivalabteilungen liegen (Wettbewerb, Panorama, Forum, Generation, Perspektive Deutsches Kino, Berlinale Kurzfilme und Retrospektive), die auch dieses Jahr wieder unübersehbar Filme bevorzugten, die sich mit „persönlichen“ statt mit „politischen“ Fragen beschäftigten.

Der Leiter der Sektion Forum des diesjährigen Festivals stellte zum Beispiel freimütig fest, dass “erstaunlich viele Filme sich dieses Jahr um Familie, Beziehungen und Identität drehen” – „Identität“ deckt sich in diesem Fall mit Identitätspolitik, d.h. es sind Filme, die sich weitgehend oder ausschließlich um sexuelle Fragen oder Geschlechtsbeziehungen drehen.

Wie sehr politische Entwicklungen das Festival auf dem falschen Fuß erwischt haben – wo es doch als eines der politischsten seiner Art gilt – ließ sich daran ablesen, dass es die revolutionären Aufstände im Maghreb gänzlich überging. Abgesehen von einem eilig zusammengestellten und lückenhaften Programm, das sich einen Abend lang mit Entwicklungen im arabischen Filmschaffen beschäftigte, hatte die Festivalleitung nichts zu den revolutionären Umwälzungen in Nordafrika und Nahost zu sagen.

Stattdessen richtete sich ihr politisches Feuer gegen die iranische Regierung und ihre Verfolgung des Filmemachers Dschafar Panahi. Im Dezember 2010 wurde Panahi zu sechs Jahren Gefängnis und einem 20-jährigen Drehverbot verurteilt. Das Urteil des iranischen Gerichts war brutal, nicht zu rechtfertigen und muss bekämpft werden. Während die Festivalleitung jedoch die explosiven Entwicklungen im Nahen Osten ignorierte, spielte sie gleichzeitig den iranischen Oppositionellen von der Grünen Bewegung in die Hände, die die Unterstützung der westlichen Mächte genießen.

Es wäre aber dennoch verkehrt, den Mangel an faszinierenden Filmen ausschließlich den Organisatoren des Festivals zuzuschreiben. Die Wahrheit ist, dass viele Filmemacher aus objektiven historischen und ideologischen Gründen den gesellschaftlichen und politischen Kontext fast nur als Zufälligkeit oder szenischen Hintergrund behandeln. Und das, obwohl die Schockwellen der Finanzkrise von 2008 noch immer weltweit spürbar sind.

Einige Filmemacher spüren die Notwendigkeit, auf diese Entwicklungen einzugehen. Der argentinische Regisseur Rodrigo Moreno erklärt, dass sein Film Rätselhafte Welt „die Paralyse einer Gesellschaft zeigen soll, die vor dem finanziellen Ruin steht“. Tatsächlich aber zeigt der Film in banaler Weise das Auseinanderbrechen einer Beziehung ohne einen deutlich erkennbaren Versuch, tiefere gesellschaftliche Verhältnisse offen zu legen oder die Folgen finanziellen Ruins zu ergründen. Es gab auf der Berlinale zu viele solcher Filme, z.B. Kommt Regen, kommt Sonnenschein (Südkorea).

Dem iranischen Film Nader and Simin, A Separation unter der(Regie von Asghar Farhadi) gelang es, persönliche und gesellschaftliche Fragen in überzeugender Weise zu verschmelzen. Er gewann zu Recht auch den Hauptpreis des Festivals.

Das Paar Nader und Simin aus der Mittelschicht erlebt eine Krise in seiner Beziehung. Simin will den Iran verlassen, um der elfjährigen Tochter des Paares eine bessere Zukunft zu bieten. Nadar zögert, seinen Vater zu verlassen, der an Alzheimer leidet. Als Nadar sich gegen die Emigration entscheidet, beantragt seine Frau die Scheidung und verlässt schließlich die gemeinsame Wohnung und überlässt Mann und Tochter die Sorge für den betagten Vater.

Nader kommt mit dieser Aufgabe nicht zurecht und stellt die junge Razieh ein. Sie kommt aus ärmlichen Verhältnissen und soll sich um den alten Mann kümmern. Es kommt zu diversen Konfrontationen und unglücklichen Ereignissen. Nader wird beschuldigt, für die Abtreibung von Raziehs Baby verantwortlich zu sein. Keiner der Charaktere ist wirklich böswillig. Sie alle scheinen die beste Lösung für ihre jeweilige schwierige Lage zu suchen, aber sie leben und handeln in einem beklemmenden gesellschaftlichen Klima, in dem Gerichte Urteile vor allem nach religiösen Kriterien fällen. Die Folge ist, dass das Handeln der Charaktere – die alle von hervorragenden Schauspielern gut gespielt werden – unvorhergesehene und beunruhigende Folgen zeitigt.

Nader and Simin zeigt auch eine tiefe Kluft zwischen der komfortablen kleinbürgerlichen Existenz des liberalen, westlich orientierten Nader und seiner Familie und der jungen Razieh, deren einziger Ausweg aus extremer Armut und Unterdrückung durch ihren herrischen Mann der Rückzug in religiösen Fundamentalismus ist.

Regisseur Farhadi musste unter den Bedingungen der Zensur durch die klerikale Führung im Iran arbeiten. Es sah zeitweise so aus, als könne Farhadi seinen Film nicht zu Ende drehen, als er sich mit seinem verfolgten Kollegen Panahi solidarisch erklärte. Aber das fertige Produkt beweist, dass es auch unter schwierigen Bedingungen möglich ist, nachdenkliches Kino zu machen, das Licht auf jene Konflikte wirft, die sich in der iranischen Gesellschaft zusammenbrauen.

Made in Poland Made in Poland

Eine andere Gruppe von Filmen auf dem Festival sprach politische Fragen ganz direkt an, zeigte dabei aber eine völlige Desorientierung der Filmemacher. Symptomatisch in dieser Hinsicht war der polnische Film Made in Poland des jungen Regisseurs Przemyslaw Wojcieszek, der sich auf sein erfolgreiches Bühnenstück stützt.

Der Film beginnt damit, dass der Ministrant Bogus einen Priester in seiner Kirche zur Rede stellt. Bogus hat die moralische Heuchelei der modernen polnischen Gesellschaft durchschaut und ist ein sehr zorniger junger Mann geworden. Er lässt sich einen bekannten Fluch auf seine Stirn tätowieren und nimmt den Kampf gegen das „System“ auf. Das „System“ ist für Bogus die Konsumgesellschaft und die Kirche.

Sein Hauptfeind ist “der Block”. „Der Block“ ist eine Betonsiedlung mit zahllosen Wohneinheiten, in denen Arbeiterfamilien wohnen. Diese werden anscheinend von einem übergewichtigen, halbnackten Bewohner repräsentiert, der Bogus von seinem Balkon aus anschreit, den Punkrock leiser zu stellen.

Szenen, in denen Bogus Autos beschädigt und Verkäufer in eleganten Szeneläden einschüchtert, wechseln sich ab mit empörenden Kommentaren des ultrarechten, offen anti-semitischen katholischen Senders Radio Maria. Bogus hat niemanden, zu dem er aufschauen kann. Seine fürsorgliche Mutter liebt die Schlagermusik aus der stalinistischen Nachkriegsperiode. Sein verehrter Lehrer, ein Bewunderer polnischer Poesie, wird wegen Alkoholismus entlassen.

Im Verlauf des Films gelingt es Bogus lediglich eine einzige Person für seine Sache zu gewinnen – einen an den Rollstuhl gefesselten jungen Mann. Der Film endet damit, dass Bogus zu „dem Block“ zurückgeht und dort erneut gegen die Passivität und Gleichgültigkeit seiner Bewohner wütet.

Die Ablehnung einiger Züge des modernen Kapitalismus durch den Filmemacher ist ziemlich offensichtlich, aber seine Annäherung an das Thema ist kindisch. Wojcieszek wählt ein leichtes Ziel für seinen Angriff – die reaktionäre katholische Kirche im heutigen Polen – hat aber nichts Wesentliches über das politische System des Landes oder über die stalinistische Politik zu sagen, die die Generation seiner Eltern geprägt hat. Das Comichafte der Geschichte findet seinen Ausdruck in der Eindimensionalität der Hauptcharaktere, deren hysterisches Gehabe wenig Sympathie hervorruft.

Am auffälligsten an Made In Poland ist die Darstellung der normalen Polen als träge, politisch gleichgültig und völlig den Medien und dem Konsum ergeben. Ähnliche Themen kommen in dem koreanischen Film Self Referential Traverse: Zeitgeist and Engagement zum Vorschein, noch dazu schlecht umgesetzt.

Das sind keine neuen Ideen. Sie wurden in Deutschland jahrzehntelang von kleinbürgerlichen Kräften kultiviert, z.B. von mit der Frankfurter Schule verbundenen Intellektuellen. Der andauernde Einfluss solcher Ideen in deutschen Filmkreisen wird in einem folgenden Artikel zu erörtern sein.

Dem unfruchtbaren Protest Wojcieszeks stellt man am besten die Beteiligung der Millionen Arbeitern und Jugendlichen an den Aufständen von Ägypten bis Algerien, von Bahrain bis Libyen entgegen, die zeitgleich mit der Berlinale stattfanden. Weitere Artikel werden sich mit einigen der interessanteren Filme des Wettbewerbs beschäftigen.

Wird fortgesetzt.

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