61. Berliner Filmfestspiele

Zwei faszinierende Festival-Filme: Coriolanus und Margin Call

Teil 3

Von Stefan Steinberg
19. März 2011

Dies ist der 3.Teil einer Artikelreihe über die Berlinale, die vom 10. bis 20. Februar 2011 in Berlin stattfand. Teil 1 wurde am 3. März, und Teil 2 am 7. März veröffentlicht.

Coriolanus 1 Coriolanus

Zwei der interessantesten Filme in der Auswahl der Berliner Filmfestspiele waren eine Interpretation des Shakespeare’schen Coriolanus und Margin Call von J.C. Chandor. Im Coriolanus führte der bekannte britische Schauspieler Ralph Fiennes Regie und übernahm auch die Hauptrolle. Im Jahr 2000 spielte Fiennes den Coriolanus in London auf der Bühne. Seit damals ist in ihm offenbar der Plan zu einer Kinofassung dieses nicht so bekannten und auf der Bühne selten gezeigten Schauspiels gereift.

In seinen Produktionsnotizen weist Fiennes darauf hin, dass es die Bedeutsamkeit von Coriolanus –– für heutige Entwicklungen war, die ihn zur Produktion des Films veranlasste. Deshalb verlegte Fiennes die Handlung in die Gegenwart. Der Stoff stammt wahrscheinlich aus dem fünften Jahrhundert vor Christus und trägt sich bei Shakespeare im alten Rom zu.

Der Film beginnt mit einer Szene, in der Lebensmittel geplündert werden. Wir werden Zeuge einer Menschenmenge unterschiedlichster Provenienz, die, angeführt von einer Gruppe von Männern und Frauen, zu den Getreidespeichern Roms marschiert. Deren Umgebung wird von gepanzerten Mannschaftstransportern abgeriegelt. Den repressiven Militäreinsatz führt General Caius Martius in voller militärischer Montur an; er stellt sich den Demonstranten persönlich entgegen und erklärt, er werde keinerlei Opposition dulden.

Coriolanus 2 Coriolanus

Martius ist in einer Soldatenfamilie aufgewachsen, sein Daheim ist das Schlachtfeld. Mit Demokratie und dem ganzen damit verbundenen Drum und Dran hat er nichts am Hut. Seine Mutter Volumnia (von Vanessa Redgrave dargestellt) sagt: „Blut ist besser als Milch, Wunde besser als Brust, und Krieg besser als friedlicher Genuss.“

Nachdem er einen blutigen Sieg über einen rivalisierenden Staat errungen hat, bekommt Martius den Ehrennamen Coriolanus und wird von seiner Mutter und weiteren Patriziern protegiert, um Konsul und damit Herrscher über Rom zu werden. Da die Funktion des Konsuls ein gewähltes Amt ist, wird nun von Coriolanus erwartet, dass er sich unter die Menge mischt, Hände schüttelt und Unterstützung für seine Nominierung erwirbt. Dies geht für den überheblichen und selbstherrlichen General zu weit.

Wegen seiner Unfähigkeit, sich auf demokratische Gepflogenheiten einzulassen, wird Coriolanus von seinen Hintermännern wieder zurückgezogen und das Amt eines Konsuls bleibt ihm versagt. Ein empörter, zutiefst in seiner Ehre verletzter Coriolanus beschließt, sich lieber mit Roms Erzfeind zu verbünden und einen Krieg gegen seine eigene Heimatstadt zu führen, als sich den Anschauungen der Massen unterzuordnen.

Coriolanus ist eines von den Stücken Shakespeares, die am unverkennbarsten politisch sind. Die nachdenklichen Monologe und Selbstzweifel, die man in anderen Tragödien wie Hamlet, Macbeth und King Lear findet, kommen kaum vor. Nach Fiennes findet diese fehlende Selbstreflexion in der heutigen Politik ihre Entsprechung. In seinen Aufzeichnungen führt Fiennes das Beispiel der beiden zeitgenössischen Politiker George Bush und Tony Blair an, bei denen sich, wie bei Coriolanus, „Arroganz und Engstirnigkeit“ paaren.

Auf umfassendere politische Dimensionen des Stückes wurde schon im neunzehnten Jahrhundert von dem britischen Essayisten William Hazlitt hingewiesen. Er schrieb über Coriolanus: „Die ganze Moral der Geschichte beim Drama des Coriolanus besteht darin, dass diejenigen, die wenig haben, noch weniger haben werden, und diejenigen, die viel haben, sich all das nehmen, was die anderen zulassen.“

Der deutsche Dramatiker Bertolt Brecht schrieb in den frühen 1950er Jahren eine 1962 in Frankfurt uraufgeführte Bearbeitung des Stückes, die sehr bekannt wurde. Sein anregendes Essay über das Thema, die „Studie über den ersten Akt von Shakespeares Coriolanus“, das als Dialog abgefasst ist, ist in dem Band Brecht on Theatre (Brecht über das Theater, herausgegeben von John Willett, 1992) enthalten. Brecht beschreibt die Anfangsszene: „Eine Gruppe Plebejer hat sich bewaffnet, um den Patrizier Caius Martius, einen Feind des Volkes zu töten, da sich dieser der Senkung des Getreidepreises widersetzt.“

Fiennes Aufzeichnungen, in denen auf die Missachtung demokratischer Sitten durch Bush und Blair hingewiesen wird, treffen ins Schwarze. Auch Hazlitts Kommentar (der auch von Fiennes angeführt wird) verdeutlicht, dass sich im vergangenen Jahrhundert auf dem Feld der grundlegenden Beziehungen zwischen den Klassen wenig geändert hat. Solch ein kritischer Blick auf das moderne politische Leben ist in der Tat notwendige Voraussetzung, um Coriolanus tatsächlich als Projektion auf gegenwärtige Verhältnisse zu übertragen. In dieser Hinsicht weist Fiennes Darstellung allerdings Stärken und Schwächen auf.

Fiennes hat aus dem Text große Teile herausgestrichen und in einer gekürzten Version von etwas mehr als zwei Stunden zusammengefasst, blieb dabei jedoch Shakespeares Sprache und Darstellungsweise ziemlich treu. Neben eigener solider Leistung setzt Fiennes auf die Mitarbeit zahlreicher ausgezeichneter Schauspieler (Brian Cox als Agrippa, James Nesbitt als Sicinius, Gerald Butler als Aufidius und Redgrave als Volumnia)

Die eindringlichsten Szenen des Stückes finden zwischen Coriolanus und Volumnia statt. Volumnia bildet Coriolanus’ starkes Rückgrat. Kehrt er mit neuen Verwundungen vom Schlachtfeld heim, so versetzt sie dies in wahres Entzücken. Die stolze Mutter entwickelt die politischen Strategien für ihren Sohn und setzt alle Kniffe ein, ihn dazu zu bringen, der Bevölkerung seine neuen Blessuren vorzuführen (ein übliches Vorgehen).

Als Ort für die Filmaufnahmen wurden (vor allem aus finanziellen Gründen) Serbien und dessen Hauptstadt Belgrad ausgesucht. Das hatte gewisse Vorteile. Das nationale Parlamentsgebäude stand den Filmemachern für wichtige Szenen zur Verfügung. Ausgedehnte heruntergekommene Gebiete Belgrads – offensichtlich Resultat der Nato-Bombardierungen von 1999 – bildeten eine ideale Kulisse für die Kampfszenen des Films.

Fiennes erwähnt, dass die serbische Regierung neben dem Parlamentsgebäude auch ihre militärischen Eliteeinheiten für die in Überlänge angelegten Schlachtszenen zur Verfügung stellte. Die letzteren vermitteln einen etwas holprigen Eindruck und führen auch eine gewisse Verzerrung bei Fiennes’ Versuch vor Augen, Coriolanus ins Hier und Heute zu transferieren. Das mag eine fast unumgängliche, sämtlichen „Aktualisierungen“ der elisabethanischen und beinahe jeder vergangenen Ära immanente Schwierigkeit sein. Einige Elemente lassen sich leichter übertragen…bei anderen klappt das einfach nicht. Filmproduzenten geraten in Schwierigkeiten, wenn sie das Problem mit Gewalt lösen wollen.

Shakespeare verlegte das Drama nach Rom und schrieb den Text vor fast genau vierhundert Jahren (zwischen 1605 und 1608). Seit damals traten in der modernen Gesellschaft neue Eliten und politische Kräfte auf den Plan, deren Macht, Einfluss und Arroganz es in vielerlei Hinsicht mit dem Militaristen aufnehmen können. Fiennes tut sein Bestes, um die inneren Konflikte des imperialen Generals herauszuarbeiten. Es ist jedoch ein fast aussichtsloser Versuch, Empathie für eine Persönlichkeit aufzubauen, die Fiennes selbst mit Bush und Blair vergleicht.

Wenn denn eine Lehre aus den derzeitigen Aufständen im Maghreb zu ziehen ist, so die, dass selbst die kolossalste, vom unerbittlichsten Befehlshaber geführte Armee nicht in der Lage ist, der Gewalt einer breiten Bewegung der arbeitenden Massen standzuhalten. Fiennes’ Coriolanus ist ein faszinierender Blick auf ein wichtiges Werk.

Margin Call

Die Finanzaristokratie kann schwerlich als neue Elite verstanden werden, während der letzten 30 Jahre hat sie sich jedoch ein beispielloses Maß an Einflussmöglichkeiten geschaffen. Der amerikanische Film Margin Call versucht, die Physiognomie und die Psychologie dieser Elite darzustellen.

Margin Call Margin Call

In den Notizen zu dem Film verneinen sowohl der Autor des Drehbuchs J.C. Chandor, als auch der Schauspieler und Produzent Zachary Quinto an mehreren Stellen, dass ihr Film als Kritik am modernen Kapitalismus zu verstehen sei. Chandor schreibt, seine Absicht sei es nicht gewesen, einen „Anti-Wirtschafts-Streifen“ zu drehen. Und Quinto erklärt: „Es gibt bald tausende Versionen mit dem Anspruch ‚Filme mit einer Botschaft’ sein zu wollen… man wird Versuche sehen, die die Wall Street aufs Korn nehmen, sie am Schandpfahl durchs Dorf zu führen und den Menschen die Übel des Kapitalismus vor Augen zu führen. Dieser Film macht das wirklich nicht. Er erzählt eine sehr menschliche Geschichte.“

Dankenswerterweise ist das Endprodukt besser als diese Tiefstapler erwarten lassen. Chandor bemerkt, dass er bei der Arbeit an dem Drehbuch für Margin Call, stark auf die Erfahrungen seines Vaters zurückgegriffen habe, der fast 40 Jahre für Merrill Lynch (den berühmten Wertpapierhändler der Wall Street) gearbeitet habe.

Margin Call behandelt 24 Stunden in einer riesigen amerikanischen Investmentbank während des Anfangsstadiums der Finanzkrise 2008. Der Film beginnt mit Massenentlassungen bei der Bank, die nach einem Ermittlungsverfahren der Abteilung für „human resources“ gegen die Aktivitäten der Finanzinstitution erfolgen. Zusammen mit 80 Prozent der Belegschaft wird der führende Händler Eric Dale (Stanley Tucci) angewiesen, seine Utensilien so schnell wie möglich zusammenzupacken, um dann von einem Sicherheitsmann aus dem Gebäude geleitet zu werden. Nach dem Verlassen des Gebäudes versucht Dale dort noch mal anzurufen, stellt dabei jedoch nur noch fest, dass sein früherer Arbeitgeber den Telefonanschluss schon eilig abgestellt hat.

In seinen letzten Tagen im Dienst der Bank hatte Dale einen ganzen Berg an Scheininvestitionen aufgedeckt, vergleichbar mit den Credit Default Swaps (CDS), an denen Lehman Brothers zugrunde ging. Mit dem Verlust von fast einer Billion Dollar konfrontiert beruft die Führung der Bank unter Vorsitz von John Tuld (Jeremy Irons) kurzfristig eine Konferenz ein, um einen Rettungsplans zu entwickeln. Die Strategie besteht darin, praktisch wertlose Anleihen in kürzester Zeit zum höchstmöglichen Preis zu verkaufen. Dies würde zwar die Bank retten, wahrscheinlich aber eine Kettenreaktion an Zusammenbrüchen auslösen, sollte der wahre Wert (d.h. Null) der Anleihen bekannt werden. Das ganze Operation wird von dem langjährigen Banker Sam Rogers (Kevin Spacey) geleitet.

Die Banker werden in dem Film nicht wie Ungeheuer gezeichnet. Viele der Handelnden realisieren, dass ihre Handlungen moralisch zweifelhaft sind, mittels Rationalisierungen versuchen sie sich jedoch von den gänzlich Kriminellen abzugrenzen – entweder kritisieren sie die Gier der Investoren, oder sie behaupten, wie Direktor Tuld, Finanzkrisen habe es immer gegeben und werde es auch immer geben.

Mit ausreichenden Geldzuwendungen werden die Zweifel eines jeden in der Firma beruhigt, soweit er immer noch Bedenken über sein eigenes Handeln hegt. Die weniger erfahrenen Händler stecken jährlich eine halbe Million Dollar ein, Abteilungsleiter 2,5 Millionen und zahllose Milliarden fließen Tuld zu. Im Laufe der Krisensitzung, befiehlt dieser seinen Untergebenen: „Reden Sie Klartext mit mir...Es war nicht Intelligenz, die mich hierher gebracht hat“.

Der Mannschaft, die die wertlosen Anleihen verkaufen soll, werden für ihre Bemühungen, die einen halben Tag dauern, saftige Boni versprochen, während der entlassene Dale, der die Krise aufgedeckt hat, und mit Sicherheit ein Gewissen hat, 500.000 Dollar dafür angeboten bekommt, dass er sich während des Verkaufs sechs Stunden lang auf einen Stuhl setzt und den Mund hält. Jedes Problem ist zu lösen, wenn man genug Zaster zur Verfügung hat.

Trotz der einschränkenden Vorbehalte des Filmemachers, zwingt Margin Call den Zuschauer unvermeidlich, nicht nur die durch und durch zweifelhaften Aktivitäten einer einzelnen Bank, sondern eines ganzen Systems zu hinterfragen, das derartige Gräuel zulässt. Mit seinem Portrait der modernen Finanzwelt, ob das nun so kalkuliert ist oder nicht, zeigt Chandors Film die extremen Auswüchse des Prozesses, den Marx schon vor mehr als einem anderthalben Jahrhundert beschrieb, bei dem die Bourgeoisie „alle buntscheckigen Bindungen“ zerriss, „die die Menschen an ihre ‚natürlichen Herren’ banden und keine andere Verbindung zwischen den Menschen ließ, als den bloßen Eigennutz, ‚den gefühllosen Geldwert’“.

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