„Hitler und die Deutschen“ - ein Zerrbild der Geschichte

Zur Berliner Ausstellung über „Volksgemeinschaft und Verbrechen“

Von Verena Nees
11. März 2011

Am 27. Februar ist die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin „Hitler und die Deutschen – Volksgemeinschaft und Verbrechen“ mit einem Besucherrekord zu Ende gegangen.

Hitler und die Deutschen

Das große Interesse und die von den Organisatoren registrierte lange Verweildauer der Besucher in der Ausstellung sagen allerdings nichts über ihre Qualität aus. Sie machen lediglich deutlich, dass sich auch 66 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur noch Millionen Menschen im In- und Ausland die Frage stellen, wie Hitler und die Nazi-Verbrechen möglich waren – heute umso mehr, nachdem die internationale kapitalistische Krise erneut zu sozialen Erschütterungen führt und die Gefahr von Krieg und Diktatur heraufbeschwört.

Die Berliner Sonderschau „Hitler und die Deutschen“ blieb allerdings die Antwort schuldig. Sie war eher Ausdruck der allgemeinen Verwirrung über diese Frage und vermittelte eine sehr subjektive Sicht der Dinge.

Im Faltblatt zur Ausstellung erklären die Kuratoren, Hitler lasse sich „keineswegs mit seinen persönlichen Eigenschaften erklären. Vielmehr mit den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen und mentalen Befindlichkeiten der Deutschen“. Doch dann wird in der Ausstellung zu den politischen Verhältnissen kaum etwas gesagt und die gesellschaftlichen Bedingungen werden auf eine sehr selektive Darstellung von Verhaltensweisen „der Deutschen“ reduziert.

Es sei ihnen um das Wechselverhältnis von „Führermythos und Führerbewegung“ gegangen, schreiben die Kuratoren weiter. Sie wollten die Wechselwirkung zwischen „Hitlers charismatischer ‚Führerherrschaft’ und den Erwartungen beziehungsweise dem Verhalten des ‚Volkes’“ darstellen.

Die „Gleichschaltung von Politik und Gesellschaft“ sei auch „die Selbstgleichschaltung einer Gesellschaft“ gewesen, die sich in der Krise „nach Sicherheit und starker Führung sowie nach sozialer Gemeinschaft und sozialem Aufstieg sehnte“, oder wie Hans-Ulrich Thamer, einer der Kuratoren in seinem Katalog-Beitrag sagt: „Sie (die Deutschen) folgten ihm loyal, unterstützten bzw. stärkten seine Herrschaft und die seiner Führungsgruppe aus politisch-ideologischer Überzeugung, aus sozialen Ängsten und Hoffnungen, möglicherweise auch nur dadurch, dass sie ihre individuellen Bedürfnisse nach Sicherheit und nach dem kleinen privaten Glück auf die Versprechungen und die Politik der Nationalsozialismus projizierten und Hitler damit ,entgegen arbeiteten’.“

Diese Argumentation ist weder neu noch originell. Sie reiht sich ein in die jüngst vertretenen Theorien von Daniel Goldhagen bis Götz Aly. Der Harvard-Professor Goldhagen hatte vor 15 Jahren in seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ allen Deutschen einen latenten Antisemitismus nachgesagt, der angeblich bereits lange vor der Hitler-Diktatur existierte. Götz Aly behauptete in seinem Buch „Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“ (2005), die überwiegende Mehrheit „der Deutschen“ seien nicht vorwiegend aus ideologischer Überzeugung, sondern aus materieller Gier (vielleicht ihr „kleines Glück“?) dem Regime gefolgt, das ihnen gestützt auf Enteignungen, Vertreibung und Ermordung der Juden materielle Vorteile und Zugeständnisse verschafft habe. Insbesondere die Arbeiter hätten in sozialer Hinsicht von den Nazi-Verbrechen profitiert.

Die 600 Objekte der Berliner Ausstellung – Dokumente, Plakate, Briefe und Fotos – sollten nun ebenfalls die massenhafte und begeisterte Zustimmung „der“ Deutschen zu Hitler belegen, allerdings nicht vorrangig wegen erhoffter materieller Vorteile, wie Götz Aly behauptet, sondern weil sie sich als Teil einer von den Nazis propagierten „Volksgemeinschaft“ Ruhe vor dem Klassenkampf und soziale Sicherheit erhofften.

Zugleich sollte gezeigt werden, dass die Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ beinhaltete, die Juden und andere Minderheiten auszugrenzen und den Verbrechen gegen sie tatenlos zuzusehen – wie dies bereits der Titel „Volksgemeinschaft und Verbrechen“ nahelegt.

„Volksgemeinschaft“

Die Auswahl der Objekte wurde unter diesem Gesichtspunkt vorgenommen. Einerseits zeigte die Ausstellung, wie der Führermythos und das „Charisma“ Hitlers propagandistisch geschaffen wurden. Viele interessante Details – beispielsweise Filmmaterial von Hitlers Wahlkampagne 1932 – machten deutlich, wie sehr die Nazis neueste Kommunikationstechniken eingesetzt hatten, um die Massen zu erreichen. Hitler war der einzige Politiker, der mit einem Flugzeug zu seinen Versammlungen flog und mehrere Kundgebungen an einem Tag durchführte. Hitlers Leibfotograf, Heinrich Hoffmann, produzierte in einer eigenen Firma mit 300 Angestellten Plakate und Postkarten von Hitler, die ihn medial zu einer charismatischen Figur aufbauen und suggerieren sollten, dass Hitler ein Mann aus dem Volke sei und nicht zu den kapitalistischen Eliten gehöre.

Sehenswert auch die Filmsequenzen aus einer Wochenschau zur Ankunft des italienischen faschistischen Führers Benito Mussolini 1937 am Berliner Bahnhof Heerstraße, und im Vergleich dazu ein Ausschnitt aus Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“, der diese von Hitlers Propagandaabteilung minutiös geplante Ankunftsszene genial nachgestellt hat.

Andererseits gab es viele Gegenstände zu den Kampagnen der Nazis – von sportlichen Wettbewerben, dem Winterhilfswerk, den Kraft-durch-Freude-Reisen bis hin zum Kinderspielzeug –, mit denen die Bindung der Bevölkerung an das NS-Regime demonstriert werden sollte. Eine Ansammlung von Uniformen von der Offiziers- und SS-Uniform bis zur Dienstkleidung des Finanzbeamten und der Krankenschwester verwies auf die Uniformierung oder „Gleichschaltung“ der Gesellschaft bzw. deren angebliche „Selbstgleichschaltung“.

Einen zentralen Platz in der Ausstellung nahm ein Wandbehang mit Kreuz, Vaterunser und Hakenkreuzen ein, den Frauen des kleinen hessischen Orts Rotenburg an der Fulda über mehrere Jahre gestickt hatten und der ab dem 1. Mai 1935 neben der Kanzel der Jacobikirche hing. Im Katalog wird dieses Objekt unter dem Titel „Dem Führer entgegenarbeiten“ beschrieben: Doch statt die viel interessantere Tatsache zu diskutieren, dass diese Aktion von der örtlichen evangelischen Kirchenleitung animiert wurde und zeigt, wie die kirchlichen Institutionen dem Regime „zugearbeitet“ haben, betont die Ausstellung das gemeinschaftliche Engagement von evangelischen, katholischen und NSDAP-Frauen. „Die Kirche gab den Anlaß, die Frauenschaft den Sinn“, zitiert der Katalogtext den Orts- und Kreiskulturwart der NSDAP in Rotenburg.

Eine Wand mit Briefen zum 43. Geburtstag von Adolf Hitler 1932 – selbst gefertigte Karten, Gedichte, Gebete und Fotos von Kindern, in einem Fall ein kleiner Junge in SA-Uniform – sollten die persönliche Bindung an Hitler schon vor 1933 demonstrieren.

Wie subjektiv und eklektisch die Gegenstände ausgesucht wurden, um das enge Zusammenspiel von „Führer und Volk“ zu demonstrieren, zeigte eine Tafel zum Wahlergebnis im Juli 1932, als die Nazis eine größere Stimmenzahl auf sich vereinen konnten, als SPD und KPD zusammen. Eine Tafel zur Wahl im November 1932, als die NSDAP wieder zwei Millionen Stimmen verlor und SPD und KPD trotz wachsendem SA-Terror eine Mehrheit auf sich vereinten, gab es nicht!

Den Terror der Nazis gegen die organisierten Arbeiter unmittelbar nach der Machtergreifung stellte die Ausstellung kaum dar. Noch nicht einmal die Bücherverbrennung, die wenige Meter vom Ausstellungsort entfernt stattfand, wurde erwähnt. Neben einem Foto von Gefangenen in einem Berliner SA-Keller 1933 war nur noch ein aufgeschlagenes Fotoalbum eines NS-Anhängers aus Heilbronn zu sehen, das die Verhaftung und Verprügelung des sozialdemokratischen Stadtrats Ernst Riegraf 1933 unter den Augen einer neugierigen Menge dokumentierte. Letzteres vermittelte den Eindruck, dass selbst im „roten“ Heilbronn, wo noch 1933 eine Mehrheit für SPD und KPD stimmte, die Bevölkerung kurz danach die Nazis unterstützte. Den Fakt, dass Ernst Riegraf, sein Sohn Hellmut, der KPD-Stadtrat Wilhelm Schwan und viele andere Mitglieder von KPD, SAP, KPO und Gewerkschaften in Heilbronn und Umgebung gemeinsam eine sehr lange und aktive Widerstandsarbeit entwickelten, die erst 1938 zerschlagen werden konnte, verschwiegen die Ausstellungsmacher.

Ein Ausstellungs-Rundgang, wie auch ein späterer Blick in den Katalog drängt den Schluss auf, dass die Auswahl der Exponate vor allem darauf abzielte, den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus zu vertuschen.

Die massive Unterstützung der Industrie und der bürgerlichen Eliten für Hitler vor 1933 sowie ihre enge Beziehung zu den Nazis während des Kriegs wurde gezielt ausgeblendet. Fritz Thyssens Broschüre „I paid Hitler“ (London 1941) war ebenso wenig in der Ausstellung zu finden wie Dokumente zur Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz, bei der die Abgeordneten aller bürgerlichen Parteien mit Ja stimmten.

Auch der kurze Abschnitt der Ausstellung zur Nachkriegszeit versuchte, die Tatsachen zu verdrehen. Statt zu zeigen, wie sich die Spitzen der Großindustrie, die Krupps, die Thyssens, die Deutsche Bank und andere, die die größte Katastrophe für Millionen Menschen zu verantworten hatten, erneut etablieren konnten, und wie zahlreiche Nazi-Juristen, Gestapo-Schergen und NS-Ideologen wieder in Amt und Würden gelangten, wird betont, dass die „deutsche Gesellschaft“ ihre eigene Mitschuld nicht anerkannt habe. Das Hitlerbild habe sich von der Auffassung „Der Führer hat immer Recht“ zu „Hitler ist an allem Schuld“ gewandelt.

Gab es in den 70er und 80er Jahren noch zahlreiche ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen, die den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus und den Klassencharakter der Weimarer Gesellschaft erforschten, so haben ab den 90er Jahren einige Historiker den Untergang der Sowjetunion und der DDR und den damit verbundenen scheinbaren Triumph des Kapitalismus zum Anlass genommen, sich von jeder ehrlichen und objektiven Analyse zu verabschieden. An ihre Stelle treten völlig subjektive, postmoderne Auffassungen, Fragen der psychologischen Verfassung der NS-Anhänger, Genderfragen („Die … NSDAP war ein männlich geprägte Partei“) usw.

Der Nationalsozialismus war Ausdruck der aggressivsten Tendenzen des deutschen Kapitalismus. Das ist der Schlüssel zu seinem Verständnis. Die soziale Zusammensetzung und Psychologie seiner Anhänger kann Hitlers Aufstieg aus einem Wiener Obdachlosenasyl und vom einfachen Gefreiten im Ersten Weltkrieg zum brutalen Diktator nicht erklären. Er verdankte seine Macht der herrschenden Elite, die ihn an die Spitze des Staates hievte, als sie keine anderen Möglichkeiten mehr sah, die Arbeiterklasse zu unterdrücken. Das was Hitler für diese Aufgabe prädestinierte, war nicht etwa ein fertiges Programm, abgesehen von seinem Hass auf den Marxismus oder Bolschewismus, den er mit Antisemitismus verband. Vielmehr war es seine Fähigkeit, die Verzweiflung der kleinbürgerlichen Massen, die in der Weltwirtschaftskrise ruiniert wurden, auszunutzen und diese gegen die Arbeiterorganisationen zu mobilisieren. Die Arbeiterklasse dagegen war durch die Politik der SPD und KPD gelähmt und gespalten.

„Die Pauperisierung der Mittelschichten – mit Mühe durch Halstuch und Strümpfe aus Kunstseide verhüllt – fraß allen offiziellen Glauben und vor allem die Lehren vom demokratischen Parlamentarismus“, schrieb Leo Trotzki am 10. Juni 1933 in Porträt des Nationalsozialismus. „In der durch Krieg, Niederlage, Reparationen, Inflation, Ruhrbesetzung, Krise, Not und Erbitterung überhitzten Atmosphäre erhob sich das Kleinbürgertum gegen alle alten Parteien, die es betrogen hatten.“ Und weiter zu Hitlers Rolle: „Die politische Kunst bestand darin, das Kleinbürgertum durch Feindseligkeit gegen das Proletariat zusammenzuschweißen. Was wäre zu tun, damit alles besser werde? Vor allem die niederdrücken, die unten sind.“ (1)

Die Kuratoren bemühen sich, den realen Klassencharakter der Gesellschaft auszublenden, indem sie Arbeiter, Kleinbürger, Fabrikanten und Bankiers als „die Deutschen“ bezeichnen. Sie behaupten, die Nazi-Propaganda von der „deutschen Volksgemeinschaft“ habe einem allgemeinen Hoffen und Sehnen „der Deutschen“ Ausdruck gegeben.

Nach eigenen Angaben stützen sie sich dabei auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die in dem Buch „Volksgemeinschaft – Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus“, herausgegeben von Michael Wildt und Frank Bajohr, wiedergegeben sind. Michael Wildt, Geschichtsprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin, fungierte auch als wissenschaftlicher Berater der Ausstellung. In dem Buch sowie in seinem Beitrag zum Katalog geht er auf die Geschichte des Begriffs „Volksgemeinschaft“ ein und unterzieht ihn einer langen, in alle Richtungen schweifenden Analyse. In sehr deutscher Art betont er die Bedeutung dieses Begriffs für die gesellschaftliche Entwicklung, so dass man den Eindruck gewinnen könnte, im Januar 1933 habe sich ein Begriff verselbstständigt und die Macht erobert.

Dennoch ist dieses Traktat über die Volksgemeinschaft aufschlussreich, denn es macht deutlich, wie stark die Ausstellung von den sozialdemokratischen Konzeptionen der Klassenharmonie geprägt ist. Der berühmte Satz von Kaiser Wilhelm II in seiner Reichtagsrede zu Beginn des Ersten Weltkriegs, er kenne keine Parteien mehr, er kenne nur noch Deutsche, stützte sich auf den Verrat der SPD und ihre Zustimmung zu den Kriegskrediten. In derselben Rede würdigte Wilhelm die Politik des „Burgfriedens“ der Gewerkschaften, die für die Zeit des Krieges ein Stillhalteabkommen getroffen hatte.

Zwei Jahre später erklärte der ehemals linke Sozialdemokrat Konrad Haenisch, das „Zusammenstehen mit der Volksgemeinschaft in Not und Tod“ sei das Gebot der Stunde. Und während der Revolution 1918 diente die sozialdemokratische Propaganda von der deutschen Volksgemeinschaft als Deckmantel für die Zusammenarbeit der SPD-Führung mit der Obersten Heeresleitung zur Niederschlagung der revolutionären Arbeiter. Diese systematische Unterdrückung des Klassenkampfs stärkte die reaktionären Kräfte und ebnete schließlich der NSDAP den Weg an die Macht.

Arbeiterwiderstand

Wie sehr die Propaganda von „den Deutschen“, die sich bereitwillig Hitler unterordneten, der Wirklichkeit widerspricht, macht ein anderes Buch deutlich, das den Widerstand der Arbeiterklasse gegen die Naziherrschaft dokumentiert.

In seinem 2007 erschienenen umfangreichen Werk Die andere Reichshauptstadt – Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945 hat Hans-Rainer Sandvoß, stellvertretender Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und SPD-Mitglied, akribisch den Arbeiterwiderstand in Berlin erforscht. Er hat dabei alle Arbeiterorganisationen von SPD, KPD, Gewerkschaften, kleineren linken Organisationen, darunter auch trotzkistischen Gruppen, bis hin zu christlichen Arbeiterorganisationen berücksichtigt und erstmalig auch Verhörprotokolle und Akten recherchiert, die bis 1989 unzugänglich in den Archiven Ostberlins lagen. (2)

Er beschränkte sich dabei nicht auf die Widerstandskämpfer, die juristisch belangt und inhaftiert wurden, sondern untersuchte auch deren Beziehung zu den vielen Arbeitern in den Betrieben, die vor 1933 Mitglieder der Arbeiterorganisationen waren. Beschreibungen von Begräbnissen von ermordeten KPD- oder SPD-Mitgliedern zeigen, wie stark nach wie vor die Solidarität der Arbeiter mit ihren alten Organisationen war.

Aus dem detaillierten Material ergibt sich schlüssig, dass die Arbeiterklasse gegenüber der NS- Propaganda auch noch nach der Machtergreifung weitgehend immun blieb. Noch viele Jahre taten sich die Nazis in Berlin und anderen Zentren der Arbeiterbewegung wie Köln, Düsseldorf, Hamburg und Halle schwer. In einem Gestapo-Bericht vom März 1936 heißt es: „Man kann sich tagelang in Berlin aufhalten, ohne den deutschen Gruß zu hören, es sei denn, von Beamten im Amte oder in Uniform oder von Leuten aus der Provinz.“ Ein Jahr später (April 1937) charakterisierte der Reichsführer SS die Reichshauptstadt als einen von fünf „ständigen Unruheherden“ im Lande.

In einer Diskussionsveranstaltung am 8. April 2008 wandte sich Sandvoß gestützt auf sein Buch gegen Daniel Goldhagen und Götz Aly und machte den Punkt, dass sich ihre Thesen mit der NS-Propaganda „Ein Volk - Ein Reich - Ein Führer“ unfreiwillig decken. Die Tatsache, dass nur eine Minderheit als aktive Widerstandskämpfer in den juristischen Akten aufgeführt wurde, bedeute nicht, dass die übrige Bevölkerung nur aus NS-Anhängern bestanden hätte.

„Angesichts Tausender verfolgter Arbeiterfunktionäre, einiger Zehntausend, die sich verweigerten, sowie eines durchgehenden, aber unterschiedlich intensiven Widerstandes aus der Arbeiterschaft, der keineswegs 1935 seinen Höhepunkt überschritten hatte, (…) kann die Charakteristik der NS-Gesellschaft als Konsens- bzw. ‚Gefälligkeitsdiktatur’ zumindest für Berlin als widerlegt gelten.

Sowohl Hunderte befragter Zeitzeugen, als auch zeitgenössische historische Quellen (…) bezweifeln die Aussage einer totalen Faschisierung der Arbeiterschaft. Andererseits ließen Bespitzelung und Denunziation im (betrieblichen) Alltag und die Androhung drakonischer Strafen selbst bei kleinen Delikten viele NS-Gegner davor zurückschrecken, sich dem aktiven Widerstand anzuschließen. Doch nicht zuletzt Aussagen früherer jüdischer und osteuropäischer Zwangsarbeiter geben zahlreiche Hinweise darauf, dass diesen Verfolgten vor allem aus den Reihen der vormals organisierten, politisch und gewerkschaftlich geschulten Facharbeiterschaft (…) humanitäres und solidarisches Verhalten entgegenschlug.“

Hans-Reiner Sandvoß’ Buch ist eine wahre Fundgrube von Fakten über einzelne Widerstandsgruppen und lässt keinen Zweifel, dass ein großer Teil der Arbeiterklasse auch lange nach 1933 der Hitler-Diktatur feindlich gegenüber stand. Es ist eine sehr wirkungsvolle Antwort auf die völlig einseitige Darstellung der Ausstellung „Hitler und die Deutschen“.

Anmerkungen

1) Leo Trotzki, Porträt des Nationalsozialismus, Arbeiterpresse-Verlag: Essen 1999, S. 300˗309.

2) Hans-Rainer Sandvoß, Die andere Reichshauptstadt – Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945, Lukas-Verlag: Berlin 2007.

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