Wer ist für die Nuklearkatastrophe in Japan verantwortlich?

Von Patrick Martin
17. März 2011

Nach dem Erdbeben und dem Tsunami an der Nordostküste Japans befinden sich vier Atomkraftwerksblöcke in kritischer Situation und stehen vor einer möglichen Kernschmelze. Die offizielle Zahl der Toten der Naturkatastrophe wurde am Mittwochmorgen japanischer Zeit mit 3,373 angegeben, wird aber wohl auf über 10.000 ansteigen.

In drei Reaktoren des Kraftwerks Fukushima ist es zu Explosionen gekommen. Im vierten brachen zwei größere Brände im Abklingbecken aus, in dem verbrauchte Brennstäbe aufbewahrt werden. Eine große Menge Strahlung ist freigesetzt worden, die bis in den Großraum Tokio mit seinen 25 Millionen Einwohnern spürbar war.

Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan erklärte, dass sein Land vor der größten Katastrophe seit Hiroschima und Nagasaki stehe. Die amerikanischen und internationalen Medien bezeichnen die Lage in Japan als „Katastrophe“, und Experten weisen darauf hin, dass die Atomunfälle in Japan die langfristigen Folgen des Atomunfalls von Tschernobyl noch übertreffen könnten.

In einem besonders beunruhigenden Artikel erinnerte Die New York Times an eine Studie des Brookhaven National Laboratory auf Long Island von 1997, die die potentiellen Folgen eines unkontrollierbaren Unfalls mit verbrauchten Brennstäben in einem Abklingbecken untersuchte. Die Times: „Es wird geschätzt, dass es in einem Umkreis von 500 Meilen kurzfristig einhundert Tote und längerfristig 138.000 Tote geben werde. Die Studie ergab außerdem, dass über 2,170 Meilen weit der Boden verseucht werden könnte und ein Schaden von 546 Milliarden Dollar entstünde. Dieser Teil der Brookhaven-Studie befasste sich mit Siedewasserreaktoren, wie sie jetzt im Zentrum der Krise in Japan stehen.“

Das Erdbeben der Stärke 9,0 nahe Sendai, das schlimmste Erdbeben, das Japan jemals getroffen hat, war ein Naturereignis, und die Springflut, die die Küste überrollt hat, war seine unmittelbare und unvermeidliche Folge. Aber die darauf folgende Atomkrise ist das Ergebnis gesellschaftlicher Kräfte, seine Ursache ist nicht der Zusammenstoß tektonischer Platten. Wieder einmal führt das kapitalistische System die Welt an den Rand der Katastrophe, und wieder einmal demonstriert die Wirtschaftselite ihre völlige Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit.

Die World Socialist Web Site hat schon darauf hingewiesen, dass die herrschende Elite Japans auf Atomenergie setzte, um das Land von importiertem Rohöl unabhängiger zu machen, obwohl die damit verbundenen Gefahren offensichtlich waren. Mehr als fünfzig Atomreaktoren wurden in der aktivsten Erdbebenregion der Erde gebaut.

Das ist kein rein japanisches Phänomen. In den letzten vierzig Jahren gab es immer wieder Warnungen vor den Gefahren der Nukleartechnologie und eine ganze Reihe schwerer Unfälle - Windscale, Fermi I, Three Mile Island, Tschernobyl -, die die Folgen für das Leben von Millionen Menschen gezeigt haben. Aber nichts konnte die herrschenden kapitalistischen Eliten in einem Land nach dem anderen davon abhalten, Milliarden in die Atomenergie zu investieren.

In den Vereinigten Staaten gibt es mehr als ein Dutzend Reaktoren, die ein ähnliches Katastrophenpotential besitzen. Zwei Atomkraftwerkskomplexe in Kalifornien, Diablo Canyon und San Onofre, sind nahe dem Andreasgraben positioniert. Ein Kraftwerk in Ohio wurde 1986 von einem Erdbeben außer Betrieb gesetzt, das der New Madrid Bruchstelle folgte. Ein weiteres Kernkraftwerk in Ohio wurde von einem Tornado beschädigt.

Es gibt zahlreiche Reaktoren an den Küsten von Texas, Louisiana, Alabama, Florida, Georgia und North Carolina. Das sind alles Gebiete, die schon einmal von besonders starken Hurrikanen betroffen waren.

Das Atomkraftwerk Waterford in Louisiana musste bei Hurrikan Katrina ein “ungewöhnliches Ereignis“ melden und herunterfahren, obwohl es fast hundert Meilen von der Stelle entfernt liegt, wo Katrina an der Golfküste von Mississippi auf Land traf. Ganz in der Nähe, in St. Francisville in Louisiana, wurde das Kraftwerk River Bend von Hurrikan Gustav getroffen.

Florida Power & Light betreibt das Atomkraftwerk Turkey Point an der Biscayne Bay, genau südlich von Miami. Dieser Küstenstreifen erlebt einer Studie zufolge „alle zwei Jahre heftige Tropenstürme und alle sieben Jahre Stürme in Hurrikan-Stärke.“ 1992 bewegte sich das Auge von Hurrikan Andrew direkt über das Kraftwerk hinweg und richtete beträchtliche Schäden an. Die Stromversorgung von außen war fünf Tage lang unterbrochen. Hätte der Sturm die Notstromversorgung beschädigt, dann wäre das Kraftwerk Turkey Plant in die gleiche Situation wie heute Fukushima geraten.

Das alles dämpft den Enthusiasmus der Obama-Regierung für die Atomkraft nicht. Obwohl noch niemand wissen kann, welches Ausmaß die Katastrophe in Japan noch annehmen wird, hat Energieminister Steven Chu am Dienstag vor einem Kongressunterausschuss bekräftigt, die Regierung werde 39 Milliarden Dollar an Bürgschaften für den Bau neuer Atomkraftwerke zur Verfügung stellen. Seit dem Störfall von Three Mile Island vor dreißig Jahren sind keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut worden.

Verantwortungslosigkeit bei der Auswahl der Standorte für Atomkraftwerke ist ein globales Phänomen. Die Türkei hat ihren Reaktor Akkuyu Bay nahe der aktiven Ecemis Bruchlinie gebaut. China baut 27 neue Atomkraftwerke und wird bald der viertgrößte Kernkraftwerksbetreiber der Welt sein. China ist aber auch eines der seismologisch aktivsten Länder der Erde.

Die dicht bewohnten Länder Westeuropas sind stark von der Atomkraft abhängig. Frankreich hat 57 Kraftwerke, Großbritannien neunzehn, Deutschland siebzehn, Schweden zehn, das kleine Belgien sieben, die Schweiz fünf. Kanada hat achtzehn Atomkraftwerke, sechzehn davon im südlichen Ontario, wo ein GAU zur atomaren Verseuchung der Großen Seen führen würde, dem größten Frischwasserreservoir der Welt.

Mögliche Naturkatastrophen und die Nähe zu großen Bevölkerungszentren werden beiseite gewischt. Solche Gefahren bedeuten nichts für die mächtigen Wirtschafts- und Finanzinteressen, die mit der Stromgewinnung Profit machen, und für die imperialistischen Regierungen, die in einer zunehmend von Konkurrenz geprägten globalen Umgebung die Energieversorgung zu sichern versuchen.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 warnen die USA und andere imperialistische Mächte unaufhörlich vor der Gefahr nuklearer Terroranschläge. Bushs Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice beschwor das Gespenst von Atompilzen über amerikanischen Städten, wenn die USA nicht sofort den Irak überfielen und Saddam Hussein die “Massenvernichtungswaffen“ aus der Hand schlügen.

Die Ereignisse in Japan zeigen, dass die wirkliche Gefahr atomarer Vernichtung aus der Funktionsweise des kapitalistischen Wirtschaftssystems kommt, und nicht aus dem Terrorismus. Tokyo Electric Power (TEPCO), Toshiba und General Electric drohen heute, Japan in Schutt und Asche zu legen.

TEPCO ist in Japan für die Verschleierung von Sicherheitsproblemen in seinen Nuklearanlagen berüchtigt. Toshiba hat den Komplex Fukushima nach einer Lizenz von General Electric gebaut, die nach Angaben der New York Times „als billiger und leichter zu bauen beworben wurde – zum Teil weil sie eine vergleichsweise kleinere und billigere Schutzhülle vorsah.“

Im vergangenen Jahrzehnt hat das kapitalistische System eine Katastrophe nach der anderen verursacht: Kolonialkriege in Afghanistan und im Irak; die Zerstörung von New Orleans, als die Dämme dem Hurrikan Katrina nicht standhielten; der größte Finanzzusammenbruch der Geschichte mit anschließender Weltrezession; die Verschmutzung und Vergiftung des Golfs von Mexiko durch BP. In keinem Fall wurde ein Vorstandschef oder kapitalistischer Politiker für diese Kalamitäten zur Verantwortung gezogen.

Diese Ereignisse enthüllen die organische Anarchie des kapitalistischen Systems und die kriminelle Verantwortungslosigkeit der Kapitalistenklasse: Sie demonstrieren ihr Versagen, vorauszuplanen, ihr Versagen, die notwendige gesellschaftliche Infrastruktur zu bauen und zu erhalten und ihr Versagen, notwendige Sicherheitsbestimmungen durchzusetzen. Die internationale Arbeiterklasse schafft größeren Reichtum als je zuvor in der Geschichte, aber diese Mittel stehen für gesellschaftliche Bedürfnisse nicht zur Verfügung, weil das gesamte Wirtschaftsleben der Bereicherungsorgie der herrschenden Elite untergeordnet wird.

Die arbeitende Bevölkerung muss die notwendigen Lehren aus den Katastrophen ziehen, die das kapitalistische System hervorgebracht hat. Die ungeheuren ökonomischen Möglichkeiten der modernen Gesellschaft müssen der Finanzaristokratie aus den Händen genommen und der gesamten Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden. Rationale Planung muss an die Stelle der Anarchie des Marktes treten. Die harmonische Entwicklung der Weltwirtschaft muss den Kampf rivalisierender Nationalstaaten ersetzen. Das erfordert einen Kampf für den internationalen Sozialismus.

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