Die Katastrophe in Japan verschärft die globalen Widersprüche

Von Nick Beams
19. März 2011

Früher, in „normalen“ Zeiten, hätte das katastrophale Erdbeben in Japan nicht zu einer globalen Wirtschafts- und Finanzkrise geführt. Aber diese Zeiten sind lange vorbei. In der augenblicklichen Situation könnte es sehr wohl zum Katalysator eines neuen Stadiums im globalen Zusammenbruch der Finanzmärkte werden, der mit der Pleite der Bank Lehman Brothers im September 2008 begann.

Ein Zentralbanker aus der Gruppe der sieben größten kapitalistischen Wirtschaftsmächte (G-7), der nicht genannt werden wollte, teilte Reuters mit: „Ich denke, die Weltwirtschaft befindet sich im Niedergang und das [Erdbeben] geschah zu einer Zeit, in der die Finanzmärkte immer noch labil sind.“

Auch vor den Ereignissen vom letzten Freitag machte das globale Finanzsystem einen zunehmend instabilen Eindruck.

In den USA beruhte das Wachstum an den Aktienmärkten in den letzten zwei Jahren nicht etwa auf einem Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft, sondern darauf, dass die US-Notenbank massiv Gelder in das Finanzsystem pumpte. In einem Kommentar, der jüngst in der Financial Times erschien, bemerkte der Betriebswirtschaftler David Rosenberg, dass genau wie der Kursanstieg an den Aktienmärkten von 2003 bis 2007 „auf der unsicheren Grundlage einer unhaltbaren Ausdehnung von Krediten und der Wertsteigerung von Immobilien beruhte, ist die augenblickliche Erholung auf dem noch unsichereren Fundament surrealer Interventionen der öffentlichen Hand gebaut“.

Das Ausbleiben jeglicher realer Erholung der US-Wirtschaft zeigt sich besonders deutlich an den am Mittwoch bekannt gegebenen Zahlen über den Wohnungsbau. Sie zeigen, dass im letzten Monat der Bau von Ein- und Mehrfamilienhäusern um 22,5 Prozent unter die Zahlen von Januar gesunken ist. Gleichzeitig sank die Zahl der Baugenehmigungen saisonbereinigt auf ihren niedrigsten Stand seit 1960, dem Jahr, in dem die Regierung mit der statistischen Erhebung begann. Gleichzeitig stiegen die Großhandelspreise in den USA im letzten Monat wegen der Verteuerung von Energie und Lebensmitteln um 1,6 Prozent.

Was Europa betrifft, so ist klar, dass die Banken- und Währungskrise, die vor einem Jahr ausbrach, keineswegs gelöst ist. Denn Spanien und Portugal geraten immer stärker unter den Druck der Finanzmärkte.

Und in Asien befand sich die japanische Wirtschaft erneut vor einem Abschwung. Gleichzeitig waren Befürchtungen laut geworden, dass das Wachstum der chinesischen Wirtschaft auf einem nicht aufrecht zu erhaltenden Immobilien- und Bauboom basiert, der durch massive Kreditausweitung angeheizt wurde.

Darüber hinaus löste der Anstieg der Erdölpreise infolge der Unruhen im Nahen Osten Angst vor einer Rezession oder zumindest einer beträchtlichen Abschwächung des Wirtschaftswachstums aus.

Jetzt hat die Erdbebenkatastrophe die weltweite Instabilität noch verschärft. Eine der unmittelbaren Auswirkungen war das Ansteigen des Yen, der am 17. März auf 76,25 gegenüber dem US-Dollar stieg, seinem Rekordhöchststand seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese auf den ersten Blick unverständliche Entwicklung resultiert aus der führenden Rolle, die japanische Institutionen bei der Kreditversorgung auf den Finanzmärkten der Welt spielen.

Trotz der enormen heimischen Staatsverschuldung, die sich auf mehr als 220 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) belaufen, ist Japan die führende Gläubigernation der Welt und besitzt drei Billionen Dollar an Auslandsguthaben. Davon sind 900 Milliarden Dollar in US-Schatzbriefen angelegt und spielen eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung des amerikanischen Finanzsystems.

In Erwartung heimischer Versicherungsansprüche haben japanische Institute jetzt jedoch einige Anlagen nach Hause zurückgeholt und dadurch den Wert des Yen steigen lassen. Aber ein steigender Yen droht die Exporte und das Wirtschaftswachstum zu verringern und die Börsengeschäfte zu belasten. Dies könnte die Liquidität der Banken und Versicherungen unterhöhlen und sie zwingen, weitere überseeische Anlagen zu verkaufen und ins Land zurückzuholen. Dadurch würde ein negativer Rückkoppelungsprozess ausgelöst. Und dieser fände unter Bedingungen statt, wo sich die gesamten Kosten für die Industrie infolge des Erdbebens auf etwa 200 Milliarden Dollar – das entspricht 4 Prozent des BIP – belaufen werden.

Da der Anstieg des Yen die Weltwirtschaft weiter zu destabilisieren droht, haben die Zentralbanken der G-7 zugestimmt, Yen zu verkaufen, um seinen Wert niedrig zu halten. Aber gleichzeitig pumpt die US-Notenbank weiterhin Geld in das globale Finanzsystem. Durch dieses Programm der Geldvermehrung will die US-Zentralbank unter anderem den Dollarkurs niedrig halten.

Es ist unmöglich vorherzusagen, was genau die Folge dieser widersprüchlichen Strömungen und Gegenströmungen sein wird. Klar ist jedoch, dass sie das Potential haben, massive Finanzturbulenzen auszulösen. Und das in einer Situation, in der keines der Probleme gelöst ist, die 2008 zum Crash geführt haben.

Noch vor dem Erdbeben schickte der Milliardär und Hedge-Fonds-Manager Carl Icahn einen Brief an seine Kunden, in dem er ihnen die Rückgabe ihres Geldes ankündigte. „Auch wenn wir keine Verwerfung auf den Märkten vorhersagen können, so kann eine solche Möglichkeit doch nicht ausgeschlossen werden“, schrieb er. Icahn berief sich auf die „rasanten Marktverläufe der letzten zwei Jahre“, sowie „anhaltende Besorgnis über die wirtschaftlichen Aussichten“. Das sei der Grund für die Entscheidung, das Risiko „einer weiteren Marktkrise“ nicht einzugehen.

In einer wichtigen Rede, die er noch vor den Ereignissen in Japan vorbereitet hatte, bemerkte der Gouverneur der Bank von England, Mervyn King, dass die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft, die 2008 zur Finanzkrise geführt hatten, nicht überwunden seien. „Keiner der Gründe, die die gegenwärtige Krise verursacht haben, ist beseitigt worden. Das Problem der Banken, die ,zu groß sind, um sie untergehen zu lassen‘ existiert immer noch. Und genauso unlösbar ist die Herausforderung, wie man den Freihandel mit einem stabilen internationalen Währungs- und Finanzsystem vereinbaren soll. Heute ist das offensichtlichste Problem im Weltmaßstab, dass die Ungleichgewichte erneut anwachsen.“

King bezog sich nicht direkt auf Europa, aber dort zeigen sich die immer tiefer werdenden Widersprüche des globalen Finanzsystems in ihrer schärfsten Ausprägung. Die anhaltende Krise der sogenannten „Staatsverschuldung“ ist in Wirklichkeit eine Krise des Bankensystems, wie der bekannte Makroökonom Barry Eichengreen jüngst in einem Interview mit dem Spiegel erläuterte:

„Die bisherigen Rettungsansätze haben zu keinem Zeitpunkt Sinn gemacht“, erklärte er gegenüber der Zeitschrift. „Im Grunde geht es Deutschen und Franzosen bei all diesen Maßnahmen nur darum, ihre eigenen Banken vor Ausfällen zu schützen. Jetzt setzt sich die Einsicht durch, dass es ohne eine Umschuldung Griechenlands – und damit eine Beteiligung der Banken – nicht gehen wird. ... Die Euro-Krise ist vor allem auch eine Bankenkrise. ... Europas Banken sind weit gefährdeter, als die Leute wahrhaben wollen.“

Das Ausmaß dieser Gefahr zeigt sich in den jüngsten Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Diese machen deutlich, dass ausländische Banken offene Positionen in Höhe von mehr als 2,5 Billionen Dollar bei den vier am meisten in finanzieller Bedrängnis befindlichen europäischen Volkswirtschaften – Griechenland, Irland, Portugal und Spanien –haben.

Heute entwickelt sich ein weiterer GAU der Finanzsysteme unter Bedingungen, die eine immer geringere Möglichkeit einer abgestimmten internationalen Reaktion bieten, als sie noch zur Zeit des Zusammenbruchs der Lehman Brothers bestand. Nach dem damaligen Crash wurden die sogenannten G-20 als eine Art Regulations- und Koordinierungsgremium des internationalen Kapitalismus aktiviert.

Zwei Jahre später hat sich diese Perspektive als die Illusion herausgestellt, die sie immer gewesen ist. Wie es in einem Artikel der US-Ökonomen Ian Bremmer und Nouriel Roubini heißt, der in der neuesten Ausgabe der Foreign Affairs erschien, gibt es keine funktionsfähigen G-20, G-3 oder auch nur G-2. „Wir befinden uns jetzt in einer G-0-Welt, einer, in der kein einziges Land oder kein Block von Ländern politisch oder wirtschaftlich die Fähigkeit – oder den Willen – hätte, eine wirklich internationale Lösung voranzutreiben.“ Die beiden Ökonomen warnten davor, dass die Folge eine Intensivierung der internationalen Konflikte über äußerst wichtige Probleme makroökonomischer Politik, des Handels, der Finanzwirtschaft und des Klimawandels sein wird. Durch die Schockwellen in der Wirtschafts- und Finanzwelt, die von Japan ausgehen, werden sich diese Widersprüche verschärfen.

Die tödlichen Konsequenzen eines wirtschaftlichen und politischen Systems, in dem die Entscheidung getroffen wird, Atomanlagen in der Erdbeben-anfälligsten Region der Welt unter der Kontrolle von Privatunternehmen zu errichten, sind jetzt deutlich sichtbar.

Nicht weniger tödlich sind jedoch die Konsequenzen einer Weltwirtschaftsordnung, in der das Leben und die Lebensgrundlagen der Weltbevölkerung den blinden und zerstörerischen Kräften des kapitalistischen Marktes und des privaten Profitsystems unterworfen sind. Dies stellt die internationale Arbeiterklasse vor die Notwendigkeit, sich unter dem Programm des internationalen Sozialismus zu vereinen und die Weltwirtschaft neu zu organisieren, um die gesellschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

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