„Inside WikiLeaks“ – Angriff von Innen

Von Johann Müller
30. März 2011

Mitte Februar erschien im Econ-Verlag das Buch „Inside WikiLeaks“ von Daniel Domscheit-Berg, einem ehemaligen Mitarbeiter der Whistleblower-Plattform WikiLeaks.

WikiLeaks hat geheime Depeschen und Dokumente aufgedeckt und damit zur Entlarvung imperialistischer Verbrechen, vor allem des US-Imperialismus, beigetragen. Die Plattform hat eine Rolle bei Enthüllungen gespielt, die zu den revolutionären Aufständen in Tunesien und Ägypten beigetragen haben. Seither steht WikiLeaks-Gründer Julian Assange im Zentrum einer beispiellosen Hetzjagd. Er soll aufgrund konstruierter, politisch motivierter Anschuldigungen aus Großbritannien an Schweden und möglicherweise an die USA ausgeliefert werden, wo rechte Politiker und Medien öffentlich ein Todesurteil gegen ihn fordern.

In dieser Situation kommt Assanges Gegnern ein Insider-Bericht wie „Inside WikiLeaks“ gerade recht. Sein Erscheinen wurde von einer massiven Medienkampagne vorbereitet und begleitet, an der sich unter anderen der Guardian, Stern TV und die Online-Ausgabe von Bild beteiligten. Keine drei Monate nach der ersten Ankündigung war das Buch Mitte Februar in Deutschland, den Vereinigen Staaten und zwölf weiteren Ländern auf dem Markt. In Deutschland wurde Domscheit-Berg mit zahlreichen Veranstaltungen eine Plattform geboten, um WikiLeaks zu diskreditieren und die Werbetrommel für das Gegenprojekt „OpenLeaks“ zu rühren.

Bisherige Rezensionen charakterisierten „Inside WikiLeaks“ als „streckenweise geschwätzig, redundant und zu detailliert“ (Der Spiegel), ein „Anklagebuch“ (FAZ) oder aber auch als ein „packendes und erhellendes Zeitdokument“ (Zeit). Tatsächlich überwiegt ersteres beim Lesen des Buches. Es ist in autobiographischer Erzählform gehalten, gespickt mit irrelevanten Details, emotionalen Einschätzungen und Beteuerungen der hehren Absichten des Autors. Vor allem die Person Julian Assanges wird geschildert, und dies oft in sehr persönlicher und teilweise beleidigender Weise.

Am deutlichsten wird dies im sechsten Kapitel („Julian zu Besuch“), wo detailliert die Essens-, Schlaf-, Arbeits- und sonstigen Lebensgewohnheiten Assanges ausgebreitet werden. Es stützt sich auf die Erfahrung eines zweimonatigen Aufenthaltes des WikiLeaks-Gründers in der Wohnung Domscheit-Bergs. Dieser reitet besonders auf Assanges Schwächen herum, erläutert dessen Orientierungs- und Organisationsschwierigkeiten und deutet dunkel eine angebliche Paranoia an. Die Arbeit für WikiLeaks tritt dabei vollkommen in den Hintergrund.

Domscheit-Berg kam in Kontakt zu WikiLeaks und Assange, als er sich über den Chatraum der Seite als Freiwilliger anbot. Das erste Zusammentreffen fand anlässlich einer Hacker-Konferenz des Chaos-Computer-Clubs statt, für die Domscheit-Berg eine Rede Assanges plante. Nach seinen eigenen Angaben arbeitete Domscheit-Berg bei WikiLeaks mit, weil er „an eine bessere Weltordnung“ glaubte und das Grundübel der Welt in der Geheimhaltung von Informationen erblickte.

Domscheit-Bergs zentrale Aussage lautet, Assange und er hätten als führende Köpfe von WikiLeaks am Anfang die gleichen Prinzipien vertreten, Assange habe diese jedoch mit der Zeit aufgegeben und immer diktatorischere Züge angenommen. Dies sei der Grund für die Konflikte, die über die Ausrichtung der Plattform entstanden seien. Domscheit-Berg unternimmt jedoch keinen Versuch, diesen Differenzen inhaltlich auf den Grund zu gehen.

Was Julian Assange betrifft, so drückt ein Blog-Eintrag auf seiner ursprünglichen Website IQ.org vom 31. Dezember 2006, also noch vor Domscheit-Bergs Einstieg bei WikiLeaks, Assanges Grundprinzip und die Zielvorgabe für WikiLeaks aus, die dieser auch heute noch vertritt. Dort heißt es:

„In einer Welt, in der es einfach ist, Geheimnisse zu veröffentlichen, werden daher verschwiegene oder ungerechte Systeme im Vergleich zu offenen, gerechten Systemen ungleich härter getroffen. Da ungerechte Systeme von Natur aus Gegenspieler hervorbringen und häufig nur knapp die Oberhand haben, macht es sie in hohem Maße angreifbar, wenn jene, die diese Systeme durch offenere Herrschaftsformen ersetzen wollen, massenweise Geheimnisse veröffentlichen.

Man kann Ungerechtigkeit nur bekämpfen, wenn sie aufgedeckt wird. Man kann nur dann Intelligentes tun, wenn man weiß, was tatsächlich los ist.“

Im Gegensatz dazu ist für Domscheit-Berg Neutralität oberstes Prinzip: „Dass wir alles publizierten, was bei uns einging, entsprach unserem Verständnis von Transparenz. Wie hätte man es auch anders handhaben sollen? Man hätte uns sonst Parteilichkeit vorgeworfen. Ob es die Rechten traf oder die Linken, sympathische Menschen oder doofe, wir veröffentlichten alles.“ Dies sei anfangs das Grundprinzip von WikiLeaks gewesen, ebenso die Regel, alles Material in der Reihenfolge des Eintreffens zu veröffentlichen.

Darum habe er sich auch dagegen gewehrt, dass Assange Material mit höherer Brisanz bevorzugen wollte: „Zu diesem Zeitpunkt publizierten wir ja schon lange nicht mehr – wie es eigentlich das fest vereinbarte Prinzip gewesen war – die Dokumente in der Reihenfolge ihres Eingangs, sondern wir ließen den Großteil einfach liegen und konzentrierten uns auf die Big Shots. Diese Devise hatte Julian ausgegeben. Und er war trotz heftiger Diskussionen darüber nicht umzustimmen. Dabei sammelte sich noch so einiges an, was ich wichtig gefunden hätte.“

In die gleiche Kerbe schlägt er auch anlässlich der Veröffentlichung des „Collateral Murder“-Videos. Dieses zeigt, wie amerikanische Soldaten vom Hubschrauber aus wehrlose Zivilisten beschießen und töten, wobei auch Kinder umgebracht werden. Dieses Video, das zum Symbol für das verbrecherische Verhalten der US-Streitkräfte im Irak geworden ist, fand weltweite Verbreitung und Unterstützung und trug viel zur Entlarvung der Propaganda vom angeblichen „Krieg gegen den Terror“ bei.

Doch Domscheit-Berg ist nicht damit einverstanden: „Der Titel ‚Collateral Murder‘ mag aus literarischer Sicht eine gute Schöpfung gewesen sein. Allerdings mussten wir uns im Nachhinein viel Kritik anhören. Wir hätten unsere neutrale Position verlassen. Weil wir ein eigenes Video aus dem Rohmaterial geschnitten [...] hätten, seien wir selbst zu Manipulatoren der öffentlichen Meinung geworden. [...] Was war die Aufgabe von Journalisten, und welche Rolle spielten wir? [...] Als Rohmaterial hätten die Filmsequenzen weitaus weniger Wirksamkeit entwickelt, so viel steht fest. Aus meiner Sicht war das dennoch der falsche Weg.“

Deutlich tritt hier hervor, dass Domscheit-Berg die Thematik und Brisanz des Materials verkennt, im Gegensatz zu Assange, der alles daran setzte, es so klar wie möglich herauszubringen. Auch wenn Assange von „mass leaking“, also der massenhaften Verbreitung von vorher unzugänglichem Material spricht, so war es doch sinnvoll, politisch brisantes Material vorrangig zu veröffentlichen, solange WikiLeaks aufgrund seiner schwierigen personellen Lage nicht alles gleichzeitig veröffentlichen konnte.

Immer wieder schildert Domscheit-Berg, wie sein eigentliches Ziel – der Kampf für eine bessere Welt durch Transparenz – hinter den organisatorischen Aufgaben habe zurückstehen müssen. Er beschreibt mehrfach den aus seiner Sicht verantwortungslosen Zustand der Technik, ebenso die erschlagenden finanziellen Probleme.

Als er sich auf einem Festival um den Verkauf von T-Shirts kümmert, regt er sich auf: „Ich musste die Leute regelrecht festhalten, wenn sie an unserem Stand vorbeikamen, um ihnen fünf Euro für ein T-Shirt aus dem Portemonnaie zu quatschen. [...] Und Julian begann mit den Kaufinteressenten lieber tiefschürfende Gespräche über den Zustand der Welt. So stand er dann da und quatschte und quatschte oder brach einen Streit vom Zaun. An die T-Shirts dachte niemand mehr.“

Seitenlang beschreibt Domscheit-Berg zweitrangige oder lächerliche subjektive und organisatorische Konflikte. Sie sollen offenbar als Rechtfertigung für sein eigenes Verhalten dienen. Im Sommer 2010 organisierte Domscheit-Berg einen regelrechten Sabotageakt, der schließlich zum Bruch mit WikiLeaks führte.

Am 25. August 2010 fahren die Techniker nach Beratungen mit Domscheit-Berg das Wikisystem, das für die Veröffentlichungen genutzt wird, herunter und ändern kurzfristig Passwörter für Mail-System und Twitterzugang. Damit soll Assange angeblich zu einer klaren Aussprache gezwungen werden.

Kurz darauf veröffentlicht ein Blogger der Newsweek eine Meldung unter Berufung auf eine interne Quelle. Er schildert darin WikiLeaks-interne Beratungen, in denen der Gründer Assange zum freiwilligen Rücktritt aufgefordert worden sei; notfalls sollte er auch zwangsweise abgesetzt werden. Assange verdächtigt Domscheit-Berg als Urheber der Nachricht und suspendiert ihn für einen Monat von der Mitarbeit bei WikiLeaks.

Tatsächlich gab es solche Gespräche unter Teammitgliedern um Domscheit-Berg. Sie waren eine feige Reaktion auf die konstruierten Vergewaltigungsvorwürfe, die gegen Assange in Schweden erhoben wurden. Domscheit-Berg schreibt: „Ein Sprecher einer Organisation, gegen den solche Vorwürfe im Raum stehen, beschädigt das Ansehen der Projekte, die er vertritt. Ob einem das nun gefällt oder gerecht erscheint, steht auf einem anderen Blatt. Nicht nur ich, sondern auch viele andere haben ihn daher gebeten, sich ein wenig zurückzuziehen.“

Damit stellt sich Domscheit-Berg praktisch auf die Seite jener, die Assange durch die Verleumdung sexuellen Fehlverhaltens bekämpfen und zum Schweigen bringen wollen. Dabei war die Untersuchung in Schweden gegen Assange im August 2010 eingestellt worden, weil es „keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass er eine Vergewaltigung begangen hat“, wie die schwedische Chefanklägerin erklärte.

Doch damit nicht genug, ergriff Domscheit-Berg diese Gelegenheit auch gleich zu einer Generalabrechnung mit Assange: „Es war schon seit einer ganzen Weile klar, dass WL sich in die falsche Richtung entwickelte und wir uns verändern mussten. [...] Wir wollten eigentlich im Sinne der Gewaltenteilung eine neutrale Submission-Plattform bieten, also die reine Technik. Und nicht als politischer Agitator und mit einem Twitter-Account als Propaganda-Kanal auftreten.“

Diese Gespräche wurden nach der Suspendierung Domscheit-Bergs weitergeführt, auch wurde überlegt, ihn tatsächlich abzusägen: „Wir debattierten lange, ob wir nicht die Geschichte umdrehen könnten: Wir setzen uns an die Schalthebel des Projekts und suspendieren Julian. [...] Viele Leute haben uns das geraten: ‚Warum übernehmt ihr nicht die technische Kontrolle und stellt sicher, dass er keinen Mist mehr bauen kann?‘ Aber gegen seinen Willen wollten wir das nicht tun.“

Stattdessen gab die Gruppe um Domscheit-Berg ihren Ausstieg bekannt und entfernte kurzerhand Teile der Software, die im Zuge der vom WikiLeaks-Team erarbeiteten Erneuerungen entstanden waren. Bei diesem „Rückbau“, der ein dysfunktionales System hinterließ, nahm die Clique auch gleich Material mit, das auf dem Submission-System gelagert war, was Domscheit-Berg mit Sicherheitsmängeln und fehlendem Schutz der Quellen rechtfertigt. Angeblich sollte das Material zurückgegeben werden, wenn WikiLeaks wieder einen sicheren Zustand erreicht hätte.

Daraufhin gründeten die WikiLeaks-Aussteiger ihre „Alternativplattform“ mit dem Namen „OpenLeaks“. Eine grundlegende Veränderung im Vergleich zu WikiLeaks besteht darin, dass ganz darauf verzichtet wird, eingereichtes Material selbst zu publizieren. Eine Quelle übergibt das Material an OpenLeaks und entscheidet dabei, durch wen es veröffentlicht werden soll. Dann wird es an diese Einrichtung weitergereicht: Dies können herkömmliche Medien wie Zeitungen sein, es können aber auch Gewerkschaften und NGOs angesprochen werden, die, wie Domscheit-Berg schreibt, „dazu besonders gut geeignet“ seien.

Allerdings liegt die Macht von WikiLeaks ja gerade darin, dass das Material, das für die Öffentlichkeit von Interesse ist, ohne Zensur und gegen den Willen von Obrigkeit und Konzernen veröffentlicht wird. Die bürgerliche Presse und die Gewerkschaften spielen in dieser Hinsicht in Wahrheit eine miserable Rolle – und Domscheit-Berg weiß dies ganz genau, schildert er doch selbst an anderer Stelle, wie selektiv und teilweise verfälschend Material von Zeitungen veröffentlicht wurde oder auch Veröffentlichungen unterblieben. Gerade in Hinblick auf die Dokumente über den Afghanistan- und Irakkrieg oder auch die Botschaftsdepeschen forderten unter anderem die New York Times und die Süddeutsche Zeitung ausdrücklich zur Zensur auf.

Es fällt auf, dass die Medien das Buch „Inside WikiLeaks“ nicht nur bei seinem Erscheinen, sondern schon in der Vorbereitungszeit unterstützten. Als Domscheit-Berg suspendiert wurde, tauchten im Handumdrehen Spiegel-Journalisten mit der Bitte um ein Interview bei ihm auf. Die Veröffentlichung des Buches wurde in der bürgerlichen Presse breit bekannt gemacht. Der Econ Verlag ist Teil der schwedischen Verlagsgruppe Bonnier, zu der auch die schwedische Tageszeitung Expressen gehört. Diese berichtete von der Anzeige gegen Julian Assange, bevor dieser selbst davon erfuhr.

Domscheit-Berg greift in seinen Positionen gezielte Anschuldigungen der Presse gegen Assange wieder auf, die schon vor dem offenen Konflikt im WikiLeaks-Team vorgebracht wurden. So wurde zum Beispiel in einem Spiegel-Interview mit Assange vom 26. Juli 2010 kritisiert, das Für oder Wider von Veröffentlichungen werde nicht transparent gemacht. Ähnliche Vorwürfe gegen WikiLeaks wurden schon früher vom Wired-Magazin vom 1. September 2009 erhoben.

Der Zeitpunkt, zu dem Domscheit-Berg Assange den „Vorwurf“ der politischen Agitation macht, ist bezeichnend. Unabhängig von Domscheit-Bergs persönlichen Motiven und Absichten fällt sein öffentlicher Bruch mit WikiLeaks mit den aktiven Bemühungen der US-Regierung zusammen, Assange zum Schweigen zu bringen.

Wie die Hackergruppe „Anonymous“ aufdeckte, haben amerikanische Sicherheitsfirmen in Zusammenarbeit mit dem US-Verteidigungsministerium einen Plan entwickelt, wie gegen WikiLeaks vorzugehen sei. In einer Präsentation, die der Frage nachging, wie man WikiLeaks verleumden, destabilisieren und zerstören könnte, erwähnen sie auch Daniel „Schmitt“, alias Daniel Domscheit-Berg, und bezeichnen ihn als „Unzufriedenen“ [„Disgruntled“] innerhalb von WikiLeaks. (Siehe dazu: „US security firms planned smear campaign against WikiLeaks”, http://wsws.org/articles/2011/feb2011/wiki-f17.shtml)

Die Aussteiger um Domscheit-Berg haben WikiLeaks gleich auf mehreren Wegen Schaden zugefügt: Einerseits sabotierten sie die Plattform in technischer und personeller Hinsicht, andererseits trugen sie mit „Inside WikiLeaks“ dazu bei, die ohnehin schon breite Front der etablierten Medien zu verstärken, deren Ziel es ist, Assange und WikiLeaks mundtot zu machen.

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