Fragezeichen über der Rolle des US-Dollar

26. April 2011

Die Ankündigung der Rating-Agentur Standard & Poor’s, die Aussichten für US-Schulden auf „negativ“ herabzustufen, hat die Finanzmärkte erschüttert. Die Entscheidung bedeutet, dass es jetzt eine dreiunddreißigprozentige Chance gibt, dass die amerikanischen Schulden selbst in den kommenden zwei Jahren herabgestuft werden – ein Vorgang, den es so noch nicht gegeben hat.

Die S&P-Entscheidung stellt allerdings mehr als den Zustand der amerikanischen Wirtschaft und der Regierungsfinanzen in Frage. Da US-Schulden als die sichersten der Welt gelten, bedeutet jede Herabstufung, dass die Rolle des US-Dollars als weltweiter Reservewährung ernsthaft untergraben, wenn nicht ganz und gar beendet wird.

Als Reaktion auf die Entscheidung und den wachsenden Vertrauensverlust in alle Papierwährungen ist der Goldpreis auf über 1.500 US-Dollar per Unze und damit auf einen neuen Rekordwert angestiegen.

Im vergangenen Jahrzehnt ist die Rolle des Dollars als Achse des weltweiten Finanzsystems zunehmend in Frage gestellt worden. Die amerikanischen Schulden sind gestiegen und das Zahlungsbilanzdefizit hat sich vergrößert. Das erfordert einen immer größeren Kapitalzufluss aus dem Rest der Welt, insbesondere aus China. Aber so lange die Weltwirtschaft wuchs, blieben diese Sorgen im Hintergrund. Die Dinge begannen sich zu ändern, als 2008 die Finanzkrise ausbrach und die Fäulnis – ganz zu schweigen von der Kriminalität – des amerikanischen Finanzsystems zutage förderte.

Die Angst um den Dollar erhält durch die Tatsache Nahrung, dass die globale Finanzkrise, die vor zweieinhalb Jahren mit dem Zusammenbruch von Lehmann Brothers begann, weit davon entfernt ist, gelöst zu sein, und ganz einfach nur andere Formen angenommen hat.

Am letzten Wochenende warnte der Milliardär und Investor George Soros, die gegenwärtige Situation sei verwirrend und weniger vorhersehbar als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. „Es gibt eine Anzahl unhaltbarer Probleme, die nichtsdestoweniger fortbestehen. Die Behörden versuchen nicht notwendigerweise, sie zu lösen, sondern spielen auf Zeit. Wir leben in dieser Situation, ohne vor einem unmittelbaren Zusammenbruch oder einer sofortigen Lösung zu stehen.“

Nach der S&P-Entscheidung warnte Maurice Newman, der ehemalige Vorsitzende der australischen Börsenaufsicht, die Weltwirtschaft lebe über ihre Verhältnisse und treibe innerhalb der kommenden acht Jahr auf eine Katastrophe zu.

“Fast drei Jahre nach der globalen Finanzkrise hängt die Weltwirtschaft noch immer am Tropf, trotz der Billionen von Dollar an Stützungsgeldern und monetärer Erleichterung“, sagte er kürzlich auf einem Arbeitsessen. Die Volatilität der Finanzmärkte werde „eine Krise herbeiführen“, die „den Handel und die Kapitalmärkte in großem Maß aus dem Gleichgewicht bringt“. Er sagte voraus, dass die Krise zum Ende des Dollars als Weltreservewährung führen werde.

Es gibt bereits Anzeichen in dieser Richtung.

Auf dem dritten Gipfel der BRICS-Gruppierung – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika - wurde vergangene Woche ein Kommuniqué verabschiedet, in dem es hieß, die internationale Finanzkrise habe „die Unzulänglichkeiten des bestehenden internationalen Währungssystems gezeigt“ und verlange nach einer Reform, die sich auf eine „breite internationale Reservewährung gründet, die Stabilität und Sicherheit bietet.“

Die Erklärung verwies auf eine der Hauptursachen der gegenwärtigen Verschlechterung der Situation: den Widerspruch, der in der Doppelrolle des US-Dollars liegt. Er ist sowohl nationale Währung, als auch Weltwährung. Um das US-Finanzsystem zu stützen und seine Milliardenverluste auszugleichen – und um die Position der amerikanischen Banken in ihrem Kampf um einen Anteil am globalen Markt zu stärken – hat die amerikanische Federal Reserve ihm Hunderte von Milliarden Dollar als billige Kredite in ihrem sogenannten quantitativen Erleichterungsprogramm zur Verfügung gestellt.

Dies hat jedoch für andere Wirtschaften größere Probleme geschaffen. Geld ist in ihre Finanzsysteme geströmt und hat zu Inflation bei Nahrungsmitteln und anderen Waren geführt und darüber hinaus Vermögensblasen erzeugt, vor allem bei Immobilien.

Die BRICS-Erklärung rief dazu auf, den “Risiken massiven grenzüberschreitenden Kapitalflusses, dem die aufstrebenden Wirtschaften ausgesetzt sind, mehr Aufmerksamkeit“ zu widmen und warnte davor, dass eine „exzessive Volatilität“ der Warenpreise die globale wirtschaftliche Erholung bedrohe.

Der Ruf der BRICS-Staaten nach einer neuen internationalen Leitwährung ist nicht nur eine Reaktion auf die Prozesse, die die globale Finanzkrise in Gang gesetzt hat. Er spiegelt langfristige Entwicklungen, insbesondere in der Veränderung der relativen Position der USA und der sogenannten aufstrebenden Mächte innerhalb der Weltwirtschaft wider.

Während der ersten zehn Jahre des 21. Jahrhunderts erreichten die BRICS-Staaten ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von über acht Prozent, verglichen mit gerade einmal 2,6 Prozent für die industrialisierten Länder. Die vor kurzem bekannt gewordene Tatsache, dass China die USA als weltgrößte produzierende Wirtschaft abgelöst hat, verdeutlicht diese Veränderung. Der Anteil der BRICS-Staaten an der Weltwirtschaft stieg von 17,7 Prozent am Anfang des Jahrzehnts auf 24,2 Prozent im Jahr 2009, während der Anteil der BRICS-Staaten am zusätzlichen weltweiten Wirtschaftswachstum von nahezu Null im Jahr 1990 auf fast 60 Prozent im letzten Jahr anstieg.

Der Ruf der BRICS-Staaten nach einer neuen internationalen Leitwährung erinnert an den Vorschlag, den der britische Ökonom John Maynard Keynes in den Diskussionen zur Vorbereitung des Bretton-Wood-Abkommens 1944 gemacht hatte. Keynes empfahl, das Finanzsystem nicht auf eine spezielle nationale Währung, sondern auf eine internationale Währung zu gründen, den „bancor“. Die USA nutzten jedoch ihre wirtschaftliche Dominanz aus, um den Vorschlag zu Fall zu bringen und den US-Dollar zur weltweiten Leitwährung zu machen. Das System wurde mit der Entscheidung verknüpft, den Dollar zu einem Kurs von 35 Dollar je Unze an das Gold zu binden.

Das neue System war keine dauerhafte Lösung. Während der Welthandel sich ausdehnte und die Auslandsinvestitionen der USA wie auch die Militärausgaben in Übersee zunahmen, übertraf die Menge an Dollars, die an den internationalen Märkten zirkulierten, bei weitem die Goldvorräte, die von den USA gehalten wurden. Im August 1971 hob US-Präsident Nixon die Goldbindung des Dollars auf.

Nichtsdestoweniger hat das internationale Finanzsystem in den vergangenen vierzig Jahren mit dem Dollar als weltweiter Leitwährung operiert. Das war aber nur wegen der relativen Überlegenheit der USA über ihre Konkurrenten möglich. Doch diese Überlegenheit ist nun untergraben worden und das internationale Finanzsystem stützt sich auf die Währung des weltgrößten Schuldners.

Der Dollar wird jedoch nicht durch eine neue internationale Währung ersetzt, weder von der BRICS-Gruppe, noch von einer anderen Kombination kapitalistischer Mächte. Im Gegenteil, die gegenwärtigen finanziellen Stürme und Krisen werden wie in den Dreißiger Jahren zu einer zunehmenden Zersplitterung der Weltwirtschaft in rivalisierende nationale Währungs- und Handelsblöcke führen. Wie damals wird das zu sich verschärfenden wirtschaftlichen und politischen Konflikten und schlussendlich zum Krieg führen.

Die einzige Art, eine solche globale Katastrophe zu verhindern, ist der Aufbau einer internationalen politischen Bewegung der Arbeiterklasse, die sich auf ein revolutionäres Programm gründet, um die überkommene kapitalistische Ordnung und ihre rivalisierenden „Großmächte“ zu stürzen und die Produktivkräfte der Welt im Rahmen einer bewusst geplanten internationalen sozialistischen Wirtschaft einzusetzen.

Nick Beams

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