61. Internationale Filmfestspiele Berlin

Der Film Die Ausbildung von Dirk Lütter

Von Bernd Reinhardt
21. April 2011

Der Regisseur Dirk Lütter hat einen eindringlichen Debutfilm über die bedrückende Situation heutiger Auszubildender gedreht. Der Film gewann den Preis „Dialogue en perspective“, der jedes Jahr von einer internationalen Jugend-Jury vergeben wird.

Die Ausbildung

Der 20-jährige Jan ist Auszubildender im letzten Jahr. Wenn alles gut geht, wird er wie sein Vater Verkäufer. Auch er hofft, später von der mittelständischen Firma übernommen zu werden.

Der Betrieb erweist sich als kalte Maschinerie. Das gesamte Betriebsklima wird durch die ausschließlich auf Effizienz ausgerichtete Organisation beherrscht. Der Umgang zwischen den Arbeitskollegen innerhalb dieser „Maschine“ ist distanziert und förmlich, so unpersönlich und unehrlich wie gegenüber den Kunden am Telefon. Hinter dem Rücken belauert und misstraut man sich gegenseitig.

Jan verunsichert diese Atmosphäre. Doch er beginnt zu lernen, sich genauso zu verhalten, denn schließlich will er einmal in diesem Beruf arbeiten. Der Personalchef mit dickem Auto und kumpelhaftem Ton wird zu einem Vorbild, und Jan beginnt für ihn Erkundigungen über eine Abteilungsleiterin einzuholen, durch die der Arbeitsablauf immer wieder ins Stocken gerät.

Er ist verstört, als er erfährt, dass die inzwischen entlassene Abteilungsleiterin alleinerziehende Mutter mit einem großen, behinderten Sohn ist. Seine vorsichtige Liebe zu einer jungen Leiharbeiterin zerschlägt sich, bevor sie überhaupt richtig beginnt. Zum Schluss übernimmt die Firma Jan aber: Standort München, weit entfernt von dem Mädchen, das ihrerseits nur Arbeit in ihrer Heimatstadt findet. Jan ist ein moderner Sklave – gezwungen sein persönliches Leben unmittelbaren Profitinteressen unterzuordnen.

Der Film trifft zweifellos einen Nerv. Die belastende Existenzunsicherheit und den unmenschlichen Anpassungsdruck kennt auch der Regisseur, der hauptsächlich als Kameramann arbeitet: „Du bekommst heute ständig das Gefühl vermittelt, dass es genügend Leute gibt, die deinen Job machen wollen, wenn du es nicht tust.“ Jetzt mit 40 Jahren könne er sich langsam vorstellen, eine Familie zu gründen. „Vorher hatte ich zu große finanzielle Ängste vor diesem Schritt.“

Für den Film recherchierte Lütter bei Unternehmen, wo ihm viele Angestellte von ähnlichen Vorfällen des Ausspionierens von Kollegen berichteten: „Mich erinnert das schon an die Stasi in der DDR. Da gibt es gewisse Parallelen, nur eben in anderen Zusammenhängen, unter anderem Vorzeichen. Mit Freiheit hat das nichts zu tun. Darüber würde ich mir eine breite gesellschaftliche Diskussion wünschen.“ Kritik an der Gesellschaft, so der Regisseur, sei für ihn „alleiniger Grund, Filme zu machen.“

Der Film zeigt klar und überzeugend, wie jeder Aspekt des streng hierarchisch organisierten Betriebslebens brutalen Profitinteressen untergeordnet wird. Individualität ist nicht gefragt, wie Bilder der Mitarbeiterschlange am automatisierten Firmeneinlass betonen. Der phrasenhaft-formelhafte Ton unter den Mitarbeitern gehört genauso zum ästhetischen Konzept, wie der an Brecht erinnernde Einsatz eines Chores zwischen einzelnen Szenen.

Interessant sind die Widersprüche, die der Film feststellt. Jans Mutter ist aktive Gewerkschafterin und Betriebsrätin der Firma. Die kämpferische Frau findet immer einen Paragrafen, über den sie mit den Chefs streiten kann. Sie setzt durch, dass externe Mitarbeiter den gleichen niedrigen Preis für das Mittagessen bezahlen wie Betriebsangehörige. Doch gegen das viel schwerwiegendere Vorhaben der Firma, das gesamte Kantinenpersonal durch ausländische Billigarbeitskräfte zu ersetzen, läuft sie nicht Sturm. Eines Tages sind die neuen Mitarbeiter da.

Jan kommen Zweifel an der Redlichkeit seiner Mutter, er wittert Privilegien. Als die Firma die lästige Betriebsrätin plötzlich aus fadenscheinigen Gründen entlässt, sind die Zweifel verschwunden. Merkwürdig aber, dass vom Kampfgeist der Mutter plötzlich nichts mehr übrig ist. Sie zeigt nur noch Ohnmacht und Hilflosigkeit. Merkwürdig auch, dass Jan, schließlich im Haus einer kämpferischen Gewerkschaftsaktivistin aufgewachsen, sich an das Betriebsklima sosehr anpasst, dass er sogar für den Vorgesetzten spitzelt.

Über diese Widersprüche lohnt es sich zu diskutieren, zumal der Film selbst sie nicht klar auflösen will oder kann. Er legt den Schluss nahe, der heutige Kapitalismus sei so mächtig, dass selbst die Gewerkschaften in Bedrängnis kommen. Der Regisseur plädiert daher für eine bessere Ausbildung von Gewerkschaftern und Betriebsräten, um den studierten und geldmächtigen Unternehmern besser die Stirn bieten zu können.

Die positive Wirkung solcher Maßnahmen darf an dieser Stelle angezweifelt werden. Die für die Verteidigung von Arbeitsplätzen so destruktive, kleinkarierte Standortpolitik, die Jans Mutter offenbar in Fleisch und Blut übergegangen ist, gehört zum Grundfundament gewerkschaftlicher wie auch unternehmerischer Politik. Sie hat die Gewerkschaften und ihre Funktionäre in Handlanger der Unternehmen verwandelt, die jeden ernsthaften Kampf, der über symbolische Aktionen hinausgeht, ablehnen und unterdrücken.

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