Japans Atomunfall auf höchste Gefahrenstufe angehoben

Von Peter Seymonds
16. April 2011

Einen Monat nach dem Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März hat Japans Atombehörde am Mittwoch die Gefahrenstufe der Atomkatastrophe von Fukushima von 5 auf 7 angehoben – der höchsten Stufe auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (International Nuclear and Radiological Event Scale, INES).

Gleichzeitig waren die Regierung und die Atombehörde sehr bemüht, zu erklären, dass die Krise von Fukushima nicht mit der Katastrophe von Tschernobyl in der Ukraine aus dem Jahr 1986 vergleichbar sei – der einzige Vorfall, der jemals in die Stufe 7 eingeordnet worden war – und zu rechtfertigen, warum die Neueinschätzung solange hinausgeschoben wurde. Ihre Erklärungen sind nur ein weiterer Aspekt der offiziellen Kampagne, die Auswirkungen der Atomkatastrophe herunterzuspielen und die negativen politischen Folgen einzugrenzen.

Die Entscheidung, die INES-Einstufung anzuheben, wurde unausweichlich, weil Zahlen zugänglich wurden, die eine massive Freisetzung von Strahlung aus der Anlage in Fukushima zeigten. Die INES-Skala ist ein komplexes System, das dazu gedacht ist, Atomunfälle einzustufen. Aber ein zentrales Merkmal ist die Menge an Strahlung, die in die Umwelt gelangt. Die Stufe 7 entspricht einem „katastrophalen Unfall“, der „mehr als mehrere Zehntausende Terabecquerel“ freisetzt.

Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der Nuklearen und der Industriellen Sicherheitsagentur (Nuclear and Industrial Safety Agency, NISA) und der Nuklearen Sicherheitskommission (Nuclear Safety Commission, NSC) am Dienstag legten beide Gremien Schätzungen über die Strahlung offen, die ein Vielfaches über dem INES-Standard liegen. Darüber hinaus wurde der größte Teil der Strahlung in den ersten Tagen nach dem 11. März freigesetzt. NISA schätzt, dass die gesamte bis Dienstag freigesetzte Strahlungsmenge bei 370 000 Terabecquerel lag, während die NSC die Menge für die Zeit vom 11. März bis 5. April wesentlich höher, nämlich bei 630 000 Terabecquerel ansetzt.

Der Sprecher der NISA, Hidehiko Nishiyama, betonte, die freigesetzte Strahlung betrage etwa zehn Prozent der Gesamtmenge, die während der Atomkatastrophe von Tschernobyl abgegeben wurde. Der oberste Kabinettssekretär Yukio Edano erklärte, dass die neue Einstufung nochmals bestätigt habe, dass „ein besonders katastrophaler Unfall“ stattgefunden habe, er fügte jedoch hinzu: „Im Unterschied zu Tschernobyl waren wir in der Lage, direkte Gesundheitsrisiken zu vermeiden. Die Gefahrenstufe 7 mag dieselbe sein, aber was ihre Form und ihren Inhalt angeht, war das ein anderer Prozess.“

Es ist sicherlich richtig, dass die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima andere Merkmale aufweisen und dass INES, wie alle Bewertungsskalen für vielseitige Phänomene, seine Grenzen hat. In Tschernobyl ließ eine Serie von Explosionen während einer Notabschaltung einen Reaktor platzen, setzte die Bremssubstanz aus Graphit in Brand und schickte eine Wolke aus hochradioaktivem Material hoch in die Atmosphäre. In Fukushima nimmt man an, obwohl man die genauen Schäden an den Reaktorkernen der Einheiten 1, 2 und 3 nicht kennt, dass die primären Reaktorschutzhüllen größtenteils unversehrt sind. Eine beträchtliche Menge Radioaktivität wurde in den ersten Tagen freigesetzt, als die Ingenieure und Arbeiter darum kämpften, eine katastrophale Kernschmelze der Atomreaktoren zu verhindern.

Trotz der Unterschiede zwischen den beiden atomaren Pannen, sind die Kommentare der japanischen Funktionäre auch weiterhin ausweichend. Selbst die Behauptung der NISA, dass die Menge der ausgetretenen Strahlung nur zehn Prozent derjenigen von Tschernobyl betrage, ist fragwürdig. NISA gründete seine Berechnungen nicht auf die offiziellen sowjetischen Schätzungen – wodurch man auf einen Betrag von 20 Prozent gekommen wäre – sondern auf die im Allgemeinen höheren Schätzungen anderer Atomexperten über die in Tschernobyl ausgetretene Strahlung. Selbst auf dieser Grundlage käme man mit den Werten der NSC von 630 000 Becquerel auf 17 Prozent der Menge von Tschernobyl.

Bezeichnenderweise erklärte Junichiro Matsumoto, ein Sprecher der Tokyo Electric Power Company (TEPCO) gegenüber der Presse: „Der Austritt an Radioaktivität [in Fukushima] ist nicht vollständig unterbunden, und unsere Sorge ist, dass sie letzten Endes über der von Tschernobyl liegen könnte.“ Der Sprecher der NISA, Nishiyama, bezweifelte diese Aussage sofort und erklärte, er wisse nicht, wie TEPCO zu dieser Schlussfolgerung komme. TEPCO, der Anlagenbetreiber, ist allerdings nicht gerade für seine Offenheit bekannt; er ist für das Gegenteil berüchtigt – eine lange Geschichte von Verletzungen der Reaktorsicherheit und von Vertuschungen.

Es ist eindeutig, dass die Krise in der Anlage von Fukushima noch lange nicht vorbei ist. Selbst optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass es Monate dauern wird, bevor die drei beschädigten Reaktoren vollständig stabilisiert werden können. Das setzt voraus, dass die augenblicklichen Kühlsysteme nicht unterbrochen werden, die Reaktorkerne im Wesentlichen unbeschädigt sind und keine weiteren Wasserstoffexplosionen stattfinden. Das Gebiet wird immer noch von größeren Nachbeben heimgesucht, u.a. gab es gestern eins, das 7,1 betrug und die Notkühlsysteme für etwa eine Stunde unterbrach.

Sogar noch bevor die Arbeiter damit beginnen können, das Problem der Wiederaufnahme des normalen Kühlsystems der drei Reaktoren in Angriff zu nehmen, muss hochradioaktives Wasser aus dem Fundament der angeschlossenen Turbinengebäude und diverser Verbindungsleitungen beseitigt werden. In den letzten Tagen haben NISA und TEPCO verspätet die enormen Mengen von Wasser, um die es sich handelt, preisgegeben – 60.000 Tonnen – was schwerwiegende Lagerprobleme aufwirft, die nicht gelöst sind.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stellt die Strahlenfreisetzung nicht dieselbe Gefahr dar wie in Tschernobyl, aber es hatte bereits gravierende Auswirkungen auf die Menschen und die Umwelt. Zehntausende von Menschen wurden zwangsweise aus einem 20 Kilometer Sperrgebiet um die Anlage herum evakuiert, und in einem Gebiet bis zu 30 Kilometer von der Anlage entfernt wurde ihnen empfohlen, im Haus zu bleiben. Am Montag dehnte die Regierung die Sperrzone über die 20 Kilometer aus und schloss fünf Städte mit ein, darunter Iitate und Kawamata, die mehr als 30 Kilometer von der Anlage entfernt liegen.

Sowohl die japanische Regierung als auch ihre Atombehörden betonten, dass die neue Einstufung keine zusätzlichen Gefahren bedeuteten. Der Sprecher der NISA erklärte, die Menge an Strahlung, die von der Anlage in Fukushima abgegeben werde, sei seit den ersten Tagen nach dem Erdbeben dramatisch gesunken. Aber er und andere offizielle Vertreter hatten Mühe, die Verzögerung zu begründen, mit der die Einstufung auf 7 der INES-Skala geändert wurde.

Der NSC-Bevollmächtigte Seiji Shiroya leugnete jegliche Verzögerung und verwies darauf, dass die Schätzungen der entwichenen Strahlung auf rechnergestützten Modellen beruhten und komplex sowie fehleranfällig seien. „Erst als wir sicher waren, dass die Fehlertoleranz im Bereich des zwei- oder dreifachen lag, machten wir die Ankündigung“, erklärte er.

Shiroya ließ die Katze jedoch aus dem Sack, als er auf andere Überlegungen verwies. „Einige Ausländer flüchteten aus dem Land, als es nur ein geringes Risiko zu geben schien“, sagte er. „Wenn wir sofort entschieden hätten, die Situation mit Stufe 7 zu kennzeichnen, hätten wir eine Panikreaktion ausgelöst.“

Die Hauptsorge der Regulierungsbehörden, von TEPCO und genauso der Regierung sind nicht die „flüchtenden Ausländer“, sondern vielmehr die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Katastrophe. Ein Anzeichen der wirtschaftlichen Auswirkungen war der gestrige Kursverlust an den internationalen Aktienmärkten, den Analysten zumindest zum Teil auf die Höherstufung der japanischen Atomkatastrophe zurückführten.

Premierminister Naoto Kans Regierung versucht verzweifelt, eine weitere Aushöhlung seines politischen Ansehens zu verhindern. Meinungsumfragen haben ein weit verbreitetes Misstrauen in den Umgang der Regierung mit der Atomkrise aufgedeckt und den Verdacht bestärkt, dass die offiziellen Vertreter unaufrichtig über das Ausmaß und die Folgen der Katastrophe waren.

Prime Minister Naoto Kan’s government is desperate to prevent a further erosion of its already low political stocks. Opinion polls have revealed a widespread distrust in the government’s handling of the nuclear crisis and suspicion that officials have been less than frank about the extent and implications of the disaster.

Kan, der sich sehr bewusst über die Stimmung in der Öffentlichkeit ist, machte gestern einen schwachen Versuch, sich und seine Regierung zu verteidigen. Er reagierte auf die Kritik an der verspäteten Bekanntgabe der geänderten Gefahrenstufe und erklärte: „Man kann das auf verschiedene Art und Weise sehen und ich weiß, dass es die Meinung gibt, die Informationen hätten schneller offen gelegt werden müssen. Ich habe jedoch als Chef der Regierung niemals Informationen geheim gehalten, weil sie unbequem für uns waren.“

Selbst dann versuchte Kan, der Öffentlichkeit zu versichern, dass die Gefahr abnehme. „Verglichen mit vorher verbessert sich die heutige Situation Schritt für Schritt, oder wie ich gerade gesagt habe, die Freisetzung von radioaktiven Partikeln geht zurück.“ Angesichts der Tatsache, dass der Schweregrad der Krise gerade erst um zwei Stufen angehoben wurde, waren Kans Bemerkungen keinesfalls überzeugend.

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