Rot-rote Bildungspolitik: Die verheerende Bilanz des Berliner Senats

Von Clara Weiss
20. April 2011

Seit Beginn ihrer Amtszeit haben SPD und Linke im Berliner Senat Jahren nicht weniger als 23 Bildungsreformen durchgeführt. In ihrer Gesamtheit laufen diese Reformen auf eine gezielte Umstrukturierung des Bildungswesens in Berlin hinaus.

Eine der ersten Reformen war die Schulzeitverkürzung an Gymnasien, die auch in fast allen anderen Bundesländern verwirklicht wurde, und die gleichzeitige Einführung des Zentralabiturs. In diesem Jahr wird der erste Jahrgang das Abitur nach zwölf Jahren Schule absolvieren.

Bereits im Vorfeld waren zahlreiche Beschwerden sowohl über das Ziel als auch die Umsetzung der Reform laut geworden. Besonders Schüler äußerten sich sehr kritisch über die eingeführten Änderungen. Die meisten fühlen sich überfordert und können sich angesichts der wachsenden Anforderungen weder auf das Abitur noch auf ihr Studium richtig vorbereiten. Hinzu kommt die Angst, aufgrund des Zeitdrucks ein schlechteres Abitur abzulegen und dann keinen Studienplatz zu bekommen. Da im Jahr 2011 in Deutschland zahlreiche doppelte Abiturgänge die Schule beenden und gleichzeitig die Wehrpflicht wegfällt, sinken die Chancen auf eine schnelle Uni-Zulassung zusätzlich.

Zudem hat Bildungssenator Zöllner 2010 entschieden, dass Abiturienten an Gymnasien im Unterschied zu den Abiturienten an den neu eingeführten Sekundarschulen sieben zusätzliche Kurse belegen müssen, von denen vier mit in die Abiturnote einfließen. Der Notendurchschnitt und damit die Aussicht auf einen Studienplatz werden durch diese zusätzlichen Anforderungen erheblich verschlechtert. Darüber hinaus sind die Lernbedingungen an Gymnasien alles andere als günstig. Die Klassen sind überfüllt, es gibt nicht genug Räume und nicht genug Lehrer.

Durch die gehobenen Leistungsanforderungen werden Gymnasien immer weniger Schülern zugänglich, während finanziell besser gestellte Eltern angesichts der miserablen Unterrichtsbedingungen nicht selten entscheiden, ihr Kind auf eine Privatschule zu schicken.

Die Selektion der Schüler wurde außerdem 2010 mit einem neuen Auswahlverfahren für Grundschüler der siebten Klasse verschärft: die Gymnasien und neu eingerichteten Sekundarschulen sollen demnach 60 Prozent der aufzunehmenden Schüler anhand von Notendurchschnitt, Kompetenzen und Test-Ergebnissen selbst auswählen dürfen. Weitere 10 Prozent der Plätze sind Geschwisterkindern („Härtefällen“) vorbehalten. Über die restlichen 30 Prozent soll das Los entscheiden.

Auch die Einführung der Sekundarschulen muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Seit dem Schuljahr 2010/11 sind die Haupt-, Real- und Gesamtschulen Berlins zusammengelegt worden.

Eine auf Statistiken basierende Bilanz der Sekundarschulreform zu ziehen, ist noch nicht möglich. Doch ein am 28. Januar 2011 in der Morgenpost erschienener Artikel berichtet von wachsendem Unmut der Lehrer über die mangelhafte Umsetzung der Schulreform, die wie alle anderen auch unterfinanziert ist. An vielen Schulen fehle es an Räumen, was zu Überfüllung und Unterrichtsausfall führe. Auch sei das Ganztagsangebot kaum zu realisieren, da es an Personal, Räumen und finanziellen Mitteln fehle. Letztere seien zudem unzureichend, um Renovierungen und Ausbauten vorzunehmen.

Die Qualität des Unterrichts wird dadurch natürlich stark beeinträchtigt. Das vorgebliche Ziel, den „leistungsschwächeren“ Schülern durch den gemeinsamen Unterricht mit „stärkeren“ Schülern bessere Lernerfolge zu ermöglichen, kann unter diesen Umständen kaum erreicht werden. Im Gegenteil wird dadurch das Unterrichtsniveau allgemein gesenkt, so dass die Ausbildung aller schlechter wird. Der Morgenpost erzählte eine Lehrerin an der Sekundarschule Tempelhof-Schöneberg, in ihrer Klasse läge der Notendurchschnitt aller Schüler in Mathematik bei 4,5.

Wer meint, hinter dieser Neuregelung steckten bei allen offensichtlichen Problemen bei der Umsetzung gute Intentionen, sollte sich vor Augen führen, dass sich der Berliner Senat das Konzept der Sekundarschule von Hamburg abgeguckt hat, einem der wenigen Bundesländer, das im Pisa-Test noch schlechter abgeschnitten hat als Berlin (Rang 15). Die Macher der Reform wussten also sehr gut, worauf sie sich einließen und mit welchen Ergebnissen zu rechnen war.

Die negative Bilanz der Bildungspolitik des Berliner Senats hört hier jedoch nicht auf.

Für das erste Halbjahr des Schuljahrs 2010/2011 zählt die GEW 630 fehlenden Stellen, was ungefähr 3 Prozent des Gesamtbedarfs entspricht. Das ist eine erhebliche Zahl, da im Verlaufe des Schuljahres zahlreiche Lehrer wegen Krankheit o.ä. ausfallen und somit selbst eine Versorgung der Schulen zu 100 Prozent unzureichend wäre.

Darüber hinaus sind die Lehrer in Berlin mit einem Durchschnitt von 50,6 Jahren weit älter als in anderen Teilen Deutschlands. Zu Beginn der Amtszeit des rot-roten Senats lag der Altersdurchschnitt noch bei 48,4 Jahren. Darüber hinaus sind die Lehrer in Berlin oftmals schlechter qualifiziert als in anderen Bundesländern, da die besser ausgebildeten abwandern.

Diese Abwanderung und die Überalterung der Lehrkräfte wurden durch die Politik des Berliner Senats befördert, der in den letzten zehn Jahren im Rahmen eines Frontalangriffs auf die öffentlichen Beschäftigten auch die Arbeitsbedingungen für die Lehrer soweit verschlechtert hat, dass sie inzwischen weit hinter dem Bundesdurchschnitt zurückstehen.

2003 wurde die generelle Arbeitszeit für Beamte von 40 auf 42 Stunden erhöht. Lehrer haben statt 24 nun 26 Unterrichtsstunden zu absolvieren. Nach der Altersermäßigung wurde dann 2004 auch die Altersteilzeit abgeschafft, sodass es in Berlin für die überwiegende Mehrheit der Lehrer, die sich dem Rentenalter nähern, nicht die geringste Entlastung gibt. Hinzu kommt, dass Lehrer nicht mehr verbeamtet werden.

Die aus den drückenden Arbeitsbedingungen resultierende Überbelastung hat innerhalb von vier Jahren, zwischen 2006 und 2010, zu einem Anstieg der dauerkranken Lehrerkräfte von 830 auf 1.450 geführt.

Auch die Schulgebäude verfallen zusehends. Für dringend notwendige Sanierungsmaßnahmen fehlen Berechnungen der Bezirke zufolge mindestens eine halbe Milliarde Euro. Mit dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung konnten 2010 gerade mal 11,4 Prozent der erforderlichen Maßnahmen vorgenommen werden.

Während das Niveau an den öffentlichen Schulen bewusst und kontinuierlich gesenkt wird und zahlreiche Schulen geschlossen werden, schießen Privatschulen wie Pilze aus dem Boden.

Nach den schlechten PISA-Ergebnissen des Jahres 2001 konnten Privatschulen in ganz Deutschland einen erhöhten Andrang verzeichnen und es kam zu zahlreichen Neugründungen. Inzwischen besucht jedes zwölfte Schulkind in Deutschland eine Privatschule.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stieg in den neuen Bundesländern, Berlin eingeschlossen, zwischen 1992 und 2008 die Anzahl der Privatschüler von 22.802 auf über 91.000. Insgesamt besuchen hier rund 7 Prozent aller Schüler eine private Bildungseinrichtung. Aufgrund breitflächiger Schulschließungen gibt es in diesen Bundesländern auch überdurchschnittlich viele private Grundschulen. Hier hat sich die Schülerzahl im selben Zeitraum beinahe verachtfacht – von 3.865 auf 30.204.

Bisher gibt es keinen statistischen Nachweis für eine bessere Ausbildung an Privatschulen. Vielmehr legen Zahlen der Schulstatistik nahe, dass es keine bedeutenden Leistungsunterschiede zwischen den Schülern öffentlicher und privater Schulen gibt. Teilweise schneiden die Schüler öffentlicher Schulen sogar besser ab. Auch die Unterrichtsbedingungen an Privatschulen unterscheiden sich nicht wesentlich von denen an öffentlichen.

Dennoch glauben immer weniger Eltern, ihren Kindern an öffentlichen Schulen eine gute Ausbildung ermöglichen zu können. Eine Umfrage im Jahr 2009 ergab, dass 54 Prozent der befragten Eltern ihre Kinder auf eine Privatschule schicken würden, wenn sie es sich leisten könnten. Dieser hohe Prozentsatz ist nicht zuletzt auf die Bildungsreformen der letzten Jahre zurückzuführen, die das Niveau des Unterrichts an öffentlichen Schulen kontinuierlich gesenkt haben.

Nach einer Umfrage der Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung würden 42 Prozent der Befragten ihr Kind auf eine Privatschule schicken, damit es in einem „besseren sozialen Milieu“ aufwächst und weil die „Ausbildung der Persönlichkeit der Kinder“ an staatlichen Schulen zu kurz komme. 35 Prozent war wichtig, dass die Kreativität der Kinder gefördert wird, 33 Prozent gingen davon aus, dass die Lehrer an Privatschulen engagierter seien und 30 Prozent erhofften sich bessere Berufschancen für ihr Kind.

Gleichzeitig ist klar, dass sich nur ein kleiner Prozentteil der Interessierten eine private Schulausbildung für ihr Kind leisten kann. Der Großteil der Privatschüler stammt aus bildungsnahen Familien der Mittelschicht. Zwischen 1997 und 2007 stieg ihr Anteil um 77 Prozent, während derjenige von Kindern aus bildungsferneren Familien bei 12 Prozent lag.

Auch der Ausländeranteil an Privatschulen ist mit 4 Prozent äußerst gering. Im Durchschnitt besuchen weit mehr Mädchen als Jungen private Schulen. Die Selektion an Privatschulen ist von vornherein viel stärker als an öffentlichen, was sich unter anderem an dem überdurchschnittlich hohen Anteil an Gymnasien zeigt.

Einerseits sind die in Berlin durchgesetzten Bildungsreformen drastische Sparmaßnahmen. Gleichzeitig verstärken sie aber auch die Selektion an den öffentlichen Schulen, unter denen die Gymnasien trotz schlechter Unterrichtsbedingungen im Vergleich zu den Sekundarschulen immer elitärer werden. Während so die Mehrheit der Bevölkerung keinen Zugang mehr zu guter Bildung hat, lässt eine finanziell besser gestellte Minderheit ihre Kinder an Privatschulen ausbilden. Die Politik des Berliner Senats befördert auf diese Weise den Aufbau eines Zwei-Klassen-Bildungssystems.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen